Da faßte ihn Dighton an der Brust und sagte in drohend-scherzhaftem Ton: »Halt dein Maul, Parson. Ich will darüber schon mit dir ins reine kommen. Wenn du nicht gehangen wirst, ehe das Geld gezahlt ist, wollen wir es teilen wie Offiziere und Soldaten. Ihr und Dicky Keen sollt miteinander ein Viertel haben und wir zwei das übrige.«
Dies Versprechen schien den Helfershelfer zu befriedigen, der sich vermutlich darauf verließ, daß es auch unter Dieben eine Ehre gebe, und daher nicht an der Erfüllung der Zusage zweifelte. Richard de Ashby und die zwei höheren Gurgelabschneider waren aber ihrerseits nicht so vertrauensvoll, sondern setzten die zwei Urkunden auf, über die sie, zu ihrer gegenseitigen Sicherstellung, übereingekommen waren.
Die Urkunde Richard de Ashbys war bald geschrieben, aber eine Schwierigkeit gab es bei der Zusage, die er von seinen zwei Kumpanen verlangte. Dighton gestand frech, daß er außer seinem Namen kein Wort schreiben könne, und auch Ellerby mißtraute sehr seinem Geschick in dieser Kunst, obgleich beide jeden zum Kampf auf Leben und Tod gefordert hätten, der da geleugnet hätte, daß sie Gentlemen von guter Erziehung seien. Richard de Ashby lehnte es seinerseits auf das entschiedenste ab, die Urkunde selbst zu schreiben, obwohl sie ihre Unterschrift zusagten. Endlich brachte Ellerby nach vieler Aufmunterung und Beihilfe ein Schriftstück zustande, mit verschiedenen wunderlichen Prozeduren in Orthographie und Anordnung.
»Und jetzt«, sagte Richard de Ashby, nachdem beide unterschrieben hatten, »brauchen wir nur noch diesen alten Mann aus seinem Schloß zu locken, was wir am besten sofort versuchen; denn wenn Alured zurückkehrte, wäre unsere Tat vereitelt.«
»Aber unter welchem Vorwand wollt Ihr ihn vermögen, sein Schloß zu verlassen?« fragte Dighton.
»Ich werde ein Schreiben aufsetzen, das ihn bestimmt dazu veranlassen wird und das auch in anderer Beziehung meine Absichten fördert. Wen sollen wir jedoch mit dem Brief hinschicken?«
»Warum nicht das Weibsbild, das Ihr bei Euch habt?« schlug Ellerby vor. »Wir könnten sie als einen Pagen herausstaffieren.«
»Auf keinen Fall«, versetzte Richard de Ashby. »In dieser Angelegenheit darf ich ihr nicht trauen. Wenn bei dem alten Mann der Brief gefunden wird, vermag sie vielleicht nicht zu schweigen. Ihr müßt unterwegs irgendeinen Bauernknaben auftreiben, und auch dem darf sich nur einer von Euch zeigen. Aber ich will jetzt den Brief schreiben; es ist keine Zeit zu verlieren.«
Hierauf setzte sich Richard de Ashby und schrieb den verhängnisvollen Brief an seinen Verwandten, der diesen aus seinem Haus locken und in die Hände der Mörder liefern sollte. Da er die Handschrift der Person, in deren Namen er schrieb, nie gesehen hatte, bemühte er sich, die eines Schreibers oder Kopisten nachzuahmen. Der Brief lautete:
Dem höchst edlen und tapferen Lord,
Grafen von Ashby,
meinen Gruß!
Teurer und geliebter Lord!
Nachdem eine falsche, grausame und abscheuliche Anklage gegen mich erhoben worden und ich, ohne angehört zu sein, zum Tode verurteilt bin, sah ich mich genötigt, meinen guten Namen unverteidigt den Feinden preiszugeben und mein Leben durch die Flucht aus dem Schloß von Nottingham zu retten. Nun beschwöre ich Euch als einen Mann, der immer für den Spiegel des Rittertums und den Stolz des Adels und der Waffen galt, mir heute um drei Uhr eine Besprechung zu gewähren, und zwar bei dem sogenannten Bullen-Weißdorn, den Ihr, mein Lord, wohl kennt und der nur eine Meile von Eurem Schloß Lindwell entfernt ist. Dort will ich Euch die Beweise meiner Unschuld in die Hände geben und Euch bitten, mein Anwalt beim König und beim Prinzen zu sein. Es ist notwendig - was ich kaum zu betonen brauche daß Ihr ganz allein kommt. Selbst das Plaudern eines Pagen könnte mir den Tod bringen.
Hugh de Monthermer
Richard de Ashby teilte den Inhalt des Schreibens keinem seiner Komplicen mit, sondern faltete es sogleich nach der Unterschrift zusammen, umband es mit gelber Seide, siegelte es und drückte den Knauf von Ellerbys Dolch darauf.
»Jetzt ist alles bereit«, sagte er, sich erhebend. »Laßt uns gehen. -Sind eure Pferde unten?«
»Sie stehen hinter dem Hause«, sagte Dighton. »Dann rasch in den Sattel!« rief Richard. »Ich will das meinige holen und in einer Minute zu euch stoßen. Ich muß so schnell wie möglich Nachricht haben, wenn die Sache erledigt ist.«
»Ihr werdet nach und nach ein Mann der Tat, Richard!« sagte Ellerby, der Tür zuschreitend. »Aber laßt uns nicht zu lange warten!«
»Nicht länger, als bis Ihr ums Haus herumgeritten seid«, versetzte Richard de Ashby, mit ihnen die Treppe hinuntersteigend. Gleich darauf schloß sich die schwere Haustür hinter den Meuchelmördern.
Kaum waren sie fort, so stürzte Kate Greenly in das Zimmer. Sie raffte einen großen braunen Schleier auf, der in der Fensternische lag, und warf ihn über den Kopf. Ihre Augen waren wild und unruhig, ihr Gesicht blaß und ihre Lippen blutlos; sie zitterte am ganzen Leibe.
»Wo kann ich Hilfe finden?« murmelte sie wie im Fieber vor sich hin. »Was kann ich tun? - Ich will jene Männer im Walde aufsuchen. Aber es wird zu spät werden, wenn ich zu Fuß gehe. Vielleicht sollte ich wieder den Pagenanzug anlegen und ein Pferd mieten?« Sie sann einen Augenblick nach und fuhr fort: »Aber der Wald ist weit entfernt von Lindwell, da er auf der entgegengesetzten Seite liegt. Es wird zu spät sein!«
Den Blick hatte sie nachdenklich auf das Fenster gerichtet. Plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus; denn hinter den kleinen Scheiben war ein Kopf aufgetaucht. Entsetzt griff Kate nach der Rücklehne eines großen Stuhls, um sich aufrecht zu halten, während sie sich fragte, ob es ein lebendes Wesen oder nur ein Gemälde ihrer erhitzten Phantasie sei.
»Es ist der Knabe!« rief sie endlich. »Es ist der Zwerg, den ich bei ihnen im Walde gesehen!« Mit unsicheren Schritten wankte sie zum Fenster und schob den großen Riegel zurück.
Tangel drängte sich sogleich hindurch, sprach herein und rief: »Haha! Ich wartete, bis sie alle draußen waren, und kletterte dann herauf, um Euch zu sagen ...«
Aber ehe er seinen Satz zu Ende bringen konnte, sank Kate Greenly ohnmächtig neben ihm auf den Boden nieder.
XXXI
EIN NIEDERES, unbewohntes Haus stand abseits von der Straße auf einem Stück Heidegrund, das am Forst zwischen Lindwell und Nottingham hinlief. Einige Bäume und Gebüsch verbargen es vor den Augen vorüberziehender Reisender. Ein trüber, mit Unkraut bedeckter Teich befand sich zwischen dem Haus und den Bäumen, der, ungesunde Feuchtigkeit ausdünstend, das armselig aussehende Gebäude mit gelben Flechten überzog und die Luft mit Myriaden von summenden Schnaken erfüllte. Das Haus mußte schon lange leer stehen; denn alles Holzwerk war weggenommen, zum Teil selbst das Dach. Es war ein passender Unterschlupf für Mörder.
Vor der Tür ging ruhelos Richard de Ashby auf und ab. Sein Gesicht drückte heftige Spannung und große Sorge aus. Vor wenigen Augenblicken hatte er sich von seinen nichtswürdigen Genossen getrennt und sie weiter geschickt, um die blutige Tat zu vollführen. Er trat jetzt in die Hütte, blieb einen Augenblick in der Mitte des Raumes stehen, schritt dann wieder zur Tür und murmelte: »Ich will sie zurückrufen - ich kann sie noch einholen.«
Aber dann dachte er an die Urkunde, die er ausgestellt, an die Pläne, die er im Auge hatte, an Reichtum und Würden, an Lucy de Ashby und an den Triumph über den verhaßten Monthermer.
Er blieb stehen, ehe er die Schwelle wieder überschritt. Es ist zu spät, dachte er, der Würfel ist geworfen, und ich muß abwarten, wie er fällt.