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Eine Weile schritt er in dem Gemach auf und ab. Dann murmelte er wieder: »Jetzt müssen sie bei dem Weißdorn angekommen sein. Ich hoffe, sie werden sich recht sorgfältig verstecken, sonst schöpft der alte Mann Verdacht; er ist von argwöhnischer Natur. Es gibt dort dichtes Gehölz genug, sich zu verbergen. - Ich will gehen und das Pferd hinter dem Hause anbinden, damit niemand es sieht.« 

Nachdem er dies erledigt hatte, begab er sich wieder in die Hütte.

»Und wenn es ihnen fehlschlägt?« führte er das Selbstgespräch fort. »Wie, wenn er etwas argwöhnt und Hilfe nachkommen läßt? Sie könnten ergriffen werden, und man fände meine Schenkungsurkunde bei ihnen. Sie könnten gestehen und, um sich zu retten, mich verderben. - Nein, nein, es ist nicht wahrscheinlich. - Horch! Das ist ein Pferd! Ich will nachschauen!« Und um den Teich herumschleichend, spähte er auf die Straße hinaus.

Aber er hatte sich getäuscht, das Geräusch war nur in seiner Einbildungskraft gewesen. So kehrte er in sein Versteck zurück, fröstelnd in der herbstlichen Luft, obgleich der Tag gar nicht kalt war. Aber das Blut in seinen Adern hatte in jedem Tropfen das fiebrige Frösteln der Angst und der bangen Erwartung.

Endlich ließ sich in der Ferne Hufschlag vernehmen. Er fuhr auf und eilte hinaus. Diesmal hatte er sich nicht getäuscht, das Geräusch wurde jeden Augenblick lauter. Er starrte angestrengt nach Lindwell hinüber, aber statt der von ihm Erwarteten sah er einen großen Reitertrupp in aller Eile in Richtung Nottingham vorbeijagen. Das Auge des Spähenden fiel sofort auf die um eine Haupteslänge über seine Begleiter emporragende Gestalt des Prinzen Edward. Das Stampfen der Rosse erstarb schnell in der Ferne, und alles ward still wie zuvor.

Etwa zwanzig Minuten verstrichen, dann wurde wieder der dumpfe Laut des Hufschlages von rasch herankommenden Pferden hörbar. Wieder schaute er hinaus, und jetzt sah er, viel näher als er erwartet hatte, vier Männer zu Pferde sich der Hütte nähern. Sie mieden die harte Heerstraße und ritten über den Rasen der Heide. Einer von ihnen stützte einen zweiten, der sich schwach über seines Pferdes Kopf beugte und zu fallen drohte. In einer Minute waren sie heran, und Ellerby, vom Pferde springend, half Dighton absteigen, während Parson die Zügel von Dightons Pferd hielt.

»Es ist getan«, sagte Ellerby leise. »Aber Dighton ist schlimm zugerichtet. Der alte Mann durchstieß ihn mit dem Schwert, als er ihm den ersten Streich versetzte, und würde ihn auf der Stelle getötet haben, wenn ich nicht den alten, wilden Eber von hinten abgefangen hätte. Wir warfen ihn in die kleine Sandgrube dort am Bullen-Weißdorn. Aber den armen Dighton hat's übel erwischt. Er konnte sich kaum auf dem Pferd halten.«

»Ja, ja, ich kann es«, sagte Dighton mit schwacher Stimme. »Wenn ich ein wenig Wein hätte, könnte ich wohl auch noch weiter.«

»Ich habe hier Wein in einer Flasche«, rief einer von den anderen rasch.

Dighton trank, und dies schien ihn wieder zu beleben. »Ich bin oft schon schlimmer zugerichtet worden als heute«, sagte er aufseufzend. »Jetzt kann ich weiter, und wir täten gut daran, sogleich fortzureiten. Mir war, als hätten sich Leute dem Weißdornbusch genähert!«

»Dann fort!« rief Richard de Ashby gedämpft. »Fort nach Lenton. Von dort weiter nach Bridgeford. Wenn Ihr heute nacht noch bis Thorp kämt, wärt Ihr in Sicherheit. Ich will inzwischen auf das Schloß und meine schöne Cousine trösten, wenn die Kunde vom Tode ihres Vaters sie erreicht.«

»Sie wird es schon wissen«, murmelte Dighton; »denn ich sage Euch, es kamen ganz gewiß Leute herbei.« Nachdem er noch einen Schluck Wein genommen, war er wirklich imstande, beinahe ohne Hilfe zu seinem Pferde hinzugehen und aufzusteigen. Aber er hatte eine blutlose Blässe im Gesicht, die verriet, daß seine Wunde nicht ungefährlich war.

»Verfehlt nicht, mir Nachricht von Euch zu geben«, sagte Richard de Ashby zu Ellerby. Dann bestieg er sein Pferd und galoppierte fort nach Lindwell, begierig, das Schloß noch vor der Trauerkunde zu erreichen.

Selbst bei der raschen Gangart seines Pferdes konnte er seinen Gedanken nicht entfliehen. Die schwarze Sorge saß hinter ihm, und unruhig wälzte er in seinem Geist all die möglichen Folgen der Tat hin und her. Er erwog, wie er sich nun zu benehmen hatte. Was sollte er sagen? Was sollte er tun? Er mußte die Rolle des völlig Ahnungslosen spielen. Und Richard de Ashby beschloß, bei seiner Ankunft auf Schloß Lindwell die Miene munterer Fröhlichkeit anzunehmen. Das fiel ihm nicht allzu schwer, denn Zweifel und Besorgnis wegen des Fehlschlagens der Tat - das alles war vorüber. Sie war vollbracht, nicht nur ohne ein Mißgeschick, sondern begleitet von einem Umstand, der den einen der Mitschuldigen auf die Seite zu schaffen versprach.

Sein Pferd war leichtfüßig, die Entfernung nicht groß. Schon nach einer Viertelstunde sah er die Türme von Lindwell über die waldigen Höhen der Gegend emporragen. Jetzt mäßigte er den Gang seines Pferdes; denn er wußte, daß immer Wächter auf den Türmen standen, die die wütende Eile hätten bemerken können, mit der er heranjagte.

Er hatte bald den freien Platz vor dem Schloß erreicht und ritt den Berg hinauf. Die Zugbrücke war herabgelassen, die Tore des Hundezwingers standen offen, einer der Wächter saß geruhsam auf einer Bank in der Sonne, einige tüchtige Yeomen und Bewaffnete belustigten sich zwischen den zwei Toren. Alle begrüßten den Verwandten ihres Gebieters, wie er an ihnen vorbeikam, ohne durch irgend etwas erkennen zu lassen, daß man innerhalb der Mauern von Lindwell von einem Unglücksfall Kunde hatte.

Am inneren Tor stieg Richard de Ashby ab, übergab sein Pferd einem der Reitknechte und war im Begriff, nach seiner Cousine Lucy zu fragen. Aber er besann sich sofort auf seine Rolle, erkundigte sich, ob der Graf zu Hause sei, und fügte hinzu: »Ich hoffte, ihm zwischen hier und Nottingham zu begegnen.«

»Nein, Sir Richard«, versetzte der Pförtner, langsam die große Saaltür zurückschiebend. »Mein Lord hatte zwar befohlen, daß seine Pferde samt Gefolge um Mittag bereit seien, um nach Nottingham zu gehen, aber es kamen Nachrichten aus der Stadt, die ihn aufhielten. Dann brachte der Sohn des alten Ugtred einen Brief, auf den hin mein Lord allein zu Fuß das Schloß verließ. Er wollte sich nicht einmal von seinem Pagen begleiten lassen, sondern trug sein Schwert selbst.«

»Mich dünkt, das war unbesonnen«, sagte Richard de Ashby. »Es sind keine Zeiten, wo man so sorglos sein darf. Wißt Ihr, wo Lady Lucy ist? Kann ich mit ihr sprechen?« 

»In ihrem Zimmer, glaube ich«, antwortete der Pförtner. »Geht, Ned, sagt ihr, Sir Richard sei in der Halle und möchte sie gern sprechen.«

Während der Page ging, um Lucy zu suchen, schritt Richard de Ashby in der Halle auf und ab, eine leichte Melodie summend und dem Anschein nach an nichts Ernsthaftes denkend. Das einzige, was hätte verraten können, daß in seinem Innern tiefe, unruhige Gedanken sich bewegten, war sein plötzliches Auffahren, als er ein Geräusch und das laute Sprechen von einigen Personen im Hof hörte. Aber diese Laute verloren sich rasch, und in der nächsten Minute trat Lucy selbst in die Halle,

Sie war blaß und ernst, aber ruhig. Obgleich sie den Mann, der vor ihr stand, nie gemocht hatte, redete sie ihn doch freundlich an: »Ich wünsche Euch guten Tag, Richard! Wir haben Euch lange Zeit nicht gesehen.«

»Ich bin in Eile von Nottingham hierhergeritten, weil ich dachte, ich könnte der Überbringer guter Nachricht für Euch sein. Aber ich vermute nach Eurer Miene, daß Ihr sie schon gehört habt?«

»Und was mag dies sein?« fragte Lucy, und eine leise Röte überflog ihre Wange.

»Nun«, antwortete Richard de Ashby, »daß ein gewisser edler Lord, mehr von Euch als von mir ein Freund, der in großer Gefahr in Nottingham-Castle lag, in der letzten Nacht entflohen ist.«

»Das hab' ich gehört«, versetzte Lucy, und ihre Augen suchten den Boden. »Die Leute sagen, man habe ihn zum Tode verurteilt, ohne ihn zu hören.«