»Nicht eigentlich so", sagte Richard de Ashby gedehnt. »Sie hörten ihn einmal, aber dann...«
»Oh, Lady! Oh, Lady!« schrie ein Diener, in die Halle stürzend, mit einem Gesicht fahl wie Asche und mit wilder, entsetzter Miene. »Da ist ein Bauer von Eastwood, der sagt, er habe meinen Lord ermordet in der Sandgrube beim Bullen-Weißdorn hegen sehen!«
Lucy starrte den Mann ein paar Augenblicke an, ihre großen, dunklen Augen weit aufgerissen, mit einem irren, leeren Ausdruck in ihren Zügen, als sträube sie sich, die entsetzliche Kunde zu fassen, die sie hörte. Aber dann wurde sie plötzlich totenbleich und sank wie ein Leichnam auf den Boden nieder.
»Tor! Ihr habt sie getötet!« schrie Richard de Ashby zornig. »Ihr hättet es ihr gelinder melden sollen! Ruft ihre Frauen herbei!«
Der Mann bemerkte in seiner Aufregung nicht, daß Richard de Ashby weniger ergriffen wurde von der Nachricht, die er brachte, als von deren Wirkung auf Lucy. Alles geriet jetzt in Unruhe und Verwirrung. Nachdem Lucy in ihr Zimmer gebracht worden war, wurde der Bauer, der die Nachricht gebracht hatte, vor Richard de Ashby gerufen. Er meldete, wie er auf seinem Weg über die Anhöhe plötzlich auf eine Spur von frischem Blut gestoßen sei. Anfänglich habe er gedacht, es sei dort ein Hirsch getötet worden. Aber wie er durch die Büsche in die Sandgrube geschaut, habe er einen Leichnam unten liegen sehen, und wie er in die Schlucht hinabgestiegen, habe er den alten Grafen Ashby erkannt.
Er sei schon tot gewesen, gab der Mann an. Ein Dolch habe noch in seinem Rücken gesteckt. Sogleich sei er fortgeeilt, um Leute zu holen, die den Erschlagenen heimtragen hälfen. Nicht fern von der Grube hatte des Ermordeten Schwert gelegen. Er hatte es aufgehoben und mitgebracht. Bei genauer Besichtigung fand sich Blut an der Klinge. Der Graf hatte sich offenbar desselben nicht ohne Wirkung bedient. Aber weitere Spuren eines Kampfes hatte der Bauer nicht gefunden, und er war in aller Eile gekommen, Beistand zu holen.
Ein flaches Brett, wie es damals, auf ein Gestell gelegt, als Speisetisch in der Schloßhalle diente, ward jetzt von Dienern und Angehörigen des Grafen hinausgetragen, um darauf den Leichnam zu holen. Auf Richard de Ashbys Geheiß waren alle bewaffnet, damit nicht, wie er sagte, ein Trupp von Feinden sie überfallen möchte. Richard, der an der Spitze des Zuges ging, stellte sich betrübt und bestürzt. Als sie sich der ihm wohlbekannten Stelle näherten, fühlte er seine Knie weich werden. Aber entschlossen schritt er weiter und bereitete sich innerlich vor, beim Anblick des toten Verwandten die Miene leidenschaftlichen Kummers anzunehmen.
Der alte Weißdornbusch, ein bekannter Sammelpunkt bei verschiedenen Übungen und mancher Kurzweil im Walde, kam ihnen bald zu Gesicht, und nach wenigen weiteren Schritten befanden sie sich auf der Stelle am Rande der Grube, wo das grüne Gras und der gelbe Sand an verschiedenen Punkten von Blut gerötet waren.
Mancher Ausruf des Jammers und Zorns entfuhr den Dienern, und Richard de Ashby klagte pathetisch: »Ohl Das ist entsetzlich!«
»Holla! Wo ist denn der Leichnam?« rief da ein Mann, der an den Rand der Sandgrube getreten war.
»Seht Ihr ihn nicht?« fragte der Bauer, der die Nachricht überbracht hatte, und trat vor. Aber im gleichen Atemzuge rief er: »Beim Himmel, er ist fort!«
Jetzt wurde Richard de Ashby wirklich unruhig und sprang bestürzt an den Rand der Grube.
»Fort?« rief er, hinunterschauend. »Fort? - Die Mörder müssen zurückgekommen sein, um ihn fortzutragen!« Und zu einer Stelle hineilend, wo ein kleiner Pfad in der Art einer rohen Treppe in die Sandgrube hinabführte, stieg er, von den übrigen gefolgt, hastig hinunter.
Der Platz, wo der Leichnam gelegen hatte, war deutlich zu erkennen; denn er war bezeichnet durch Blutflecke und einen Fetzen von des Grafen seidenem Wams, das der Dornbusch beim Fallen erfaßt und zerrissen haben mußte.
»Sie können noch nicht weit weg sein«, sagte der Bauer. »Der arme Gentleman war ein schwerer Mann zum Tragen, und es schien keine Seele um den Weg zu sein, als ich hier war.«
»Pah!« rief Richard de Ashby. »Es konnten Hunderte hinter Büschen und Bäumen versteckt sein, ohne daß Ihr sie saht! - Indessen«, fuhr er lebhaft fort, »laßt uns die Umgebung durchstreifen. Einige müssen nach dem Schloß zurückeilen und Pferde holen. Wenn wir die Mörder rasch verfolgen, holen wir sie wahrscheinlich mit dem Leichnam noch ein.«
»Es ist aber möglich, Sir Richard«, sagte einer der Diener, »daß dieser oder jener von den Freisassen der Nachbarschaft auf den Leichnam gestoßen ist und ihn in sein Haus gebracht hat.«
»Wohl, wir müssen ihn in jedem Fall entdecken«, versetzte Richard de Ashby, der fürchtete, die Hälfte seines Planes möchte vereitelt werden, wenn der Brief, den er unter dem Namen Hugh de Monthermer geschrieben hatte, nicht wirklich bei dem Toten aufgefunden würde. »Verteilt euch nach allen Seiten! Laßt uns jeden Pfad verfolgen und einander von Zeit zu Zeit zurufen, damit wir nicht ganz auseinanderkommen. - Aber da eilen noch mehr Leute vom Schloß heran. Laßt sechs oder acht hierbleiben, bis die Pferde kommen, dann aufsteigen und auf zwei oder drei Meilen jeden für Pferde zugänglichen Pfad verfolgen. Sie können noch nicht weiter gekommen sein.«
Alle Bemühungen waren jedoch vergeblich. Keine Spur war zu entdecken von dem Toten oder von denen, die ihn weggebracht hatten. Obgleich Richard de Ashby anfänglich gar nicht daran gezweifelt hatte, daß sie ihn bei einem Bauern der Umgegend finden würden, und nur befürchtet hatte, der wichtige Brief möchte durch irgendeinen Zufall verlorengehen, packte ihn nunmehr doch außerordentliche Unruhe. Er mußte unbedingt erfahren, was aus dem Leichnam geworden war.
Vielleicht hatten ihn jene kühnen Waidmänner des Sherwood gefunden, sagte er sich, deren Schlauheit, Entschlossenheit und Rüstigkeit er wohl kannte. Wenn dies der Fall war, konnte womöglich der Dolch, den Ellerby in der Wunde hatte steckenlassen und mit dessen Knauf er selbst den Brief gesiegelt hatte, später einmal zur Entdeckung der wirklichen Mörder führen! Es wurde ihm sehr schwül bei diesem Gedanken, und gegen Einbruch der Nacht kehrte er höchst beunruhigt in das Schloß zurück, begleitet von den Männern, die, bis dahin erfolglos, von ihrer Suche zu ihm zurückgekehrt waren.
XXXII
GRAUES ZWIELICHT lag über dem Land, als Richard de Ashby nach Schloß Lindwell zurückkehrte. Zu seiner Überraschung sah er gesattelte und bestaubte Pferde im Hofe, sah Diener hin und her rennen, bewaffnete Männer in Gruppen dastehen - kurz, viele Anzeichen deuteten darauf hin, daß während seiner Abwesenheit eine Gesellschaft auf dem Schloß angekommen war. Sein erster Gedanke war, der Leichnam sei aufgefunden und zurückgebracht worden. Aber dann hätten er selbst oder seine Leute notwendig dem Zug begegnen müssen. Im nächsten Augenblick, als er an einer kleinen Gruppe von Soldaten vorbeiging, erkannte er einige Dienstleute des Hauses Ashby und rief: »Was? Ist Lord Alured zurückgekommen?«
»Vor noch nicht einer halben Stunde, Sir Richard«, versetzte ein Soldat, und Richard de Ashby eilte nach der Halle. Zwar drückte eine gewisse Kälte sein Herz bei dem Gedanken, dem Mann entgegenzutreten, dessen Vaters Blut an seiner Hand klebte und gegen dessen eigenes Leben er ebenfalls Anschläge schmiedete. Aber dennoch war es nötig, den Vetter zu sprechen, bevor er längere Zeit mit Lucy zusammen gewesen war. Er mußte versuchen, ihm über den Mord die Eindrücke beizubringen, die am besten für seine Absichten paßten.
Alured de Ashby war nicht in der großen Halle, aber Richard stieg, ohne einen Augenblick zu zögern, die große Treppe zu dem Vorgemach von Lucy de Ashbys Zimmer hinauf. Als er sich der Tür näherte, hörte er drinnen Stimmen. Aber er zögerte keinen Augenblick einzutreten und fand die Schwester weinend in ihres Bruders Armen. Der erste Ausbruch des Jammers über ihres Vaters Tod schien vorüber; ein zufälliges Wort hatte wohl ihr Gespräch auf andere, damit nicht unmittelbar zusammenhängende Gegenstände gelenkt, und Richard de Ashby vernahm gerade noch, wie Lord Alured sagte: »Nie, Lucy! Sei ohne Sorge, liebes Mädchen! Ich werde deiner Neigung keinen Zwang antun, sondern stets versuchen, dich auf deine Weise glücklich zu machen. Was mein armer Vater dir versprochen hat, verspreche ich dir auch.«