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Finster erkannte Richard sogleich, daß das stolze und hartnäckige Herz seines ungestümen Vetters durch den Eindruck des Schmerzes sanft gestimmt war und er soeben ein Versprechen gegeben hatte, das er nimmermehr zurücknehmen würde.

Lucy war bei ihres Vetters Eintreten zusammengeschreckt. Sie wußte selbst nicht warum, aber ein Schauer überlief sie, als sie ihn erblickte. Er trat ihnen jedoch mit einem erheuchelten Ausdruck aufrichtiger und freundlicher Teilnahme näher und bot ihnen die Hand. Lucy vermied es unauffällig, sie zu ergreifen, sagte leise zu ihrem Bruder: »Ich kann mit niemand sprechen, Alured«, und schlüpfte fort durch die Tür, die zu ihren anderen Gemächern führte.

Alured dagegen ergriff sogleich seines Vetters Hand und fragte: »Habt Ihr den Leichnam aufs Schloß gebracht? Wo habt Ihr ihn aufgebahrt?«

Mit wenigen Worten berichtete Richard, daß die Nachforschungen ohne Erfolg geblieben seien. Nachdem sie einige Zeit mit Mutmaßungen hingebracht, was wohl mit dem Toten geschehen sein konnte, wurde der Bauer, der ihn zuerst aufgefunden, hereingerufen und genau befragt, ob er den alten Lord wirklich gekannt und erkannt habe. Seine Antworten ließen keinen Zweifel über die Tatsache des Mordes übrig, und als er entlassen war, wandte sich Alured mit gerunzelter Stirn und verstörtem Blick zu seinem Vetter und fragte: »Wer kann das getan haben?«

Richard de Ashby schaute einen Augenblick schweigend zu Boden, als antworte er ungern, und versetzte dann: »Ich weiß nur einen Menschen, den er beleidigt hat.«

»Wen? Wen?« fragte Alured hastig. »Ich weiß keinen.«

»Keinen als Hugh de Monthermer«, sagte Richard de Ashby.

»Hugh de Monthermer?« rief der junge Graf überrascht. »Ihn beleidigt? Unsinn, er hat ihn mit Gunst überhäuft! Sein Brief, worin er mir schrieb, er beabsichtige, Lucys Hand einem unserer alten Feinde zu geben, war es, der mich so eilig zurückführte. Ihn beleidigt? Er ist gerade derjenige, der am wenigstens unter allen Menschen Grund hatte, sich zu beklagen!«

»Ihr wißt nicht alles, Alured!« sagte hastig sein falscher Vetter. »Fern sei es von mir, Hugh de Monthermer hinter seinem Rücken anzuklagen. Ich wünsche nur zu klären, ohne irgendeine Anschuldigung zu erheben, daß Euer Vater keinen beleidigt hat außer Hugh de Monthermer.«

»Und womit hat er ihn beleidigt?« fragte Alured unsicher.

»Indem er sein Versprechen, ihm Eurer Schwester Hand zu gewähren, zurücknahm. Erst gestern war es, daß er jede übereilte Zusage dieser Art zurückzog und ihm erklärte, er würde Lucy nie bekommen. Sie wird Euch dasselbe sagen.«

»Ha!« rief Alured, seine Brauen nachdenklich zusammenziehend. »Aber - nein, nein, nein! Um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Monthermer ist zu edel, um sein Schwert gegen einen alten Mann zu ziehen! Er konnte ein stolzer Feind sein, aber nie ein niederträchtiger.«

»Ich will das schon glauben«, antwortete Richard langsam, jedes Wort abwägend. »Wenngleich ich auch schon von ihm Dinge gesehen habe, die nicht edel waren. Wich er nicht aus, Euch mit den Waffen entgegenzutreten bei dem Streit über Kate Greenly? Aber ich will keine Anklage gegen ihn erheben - es ist nur ein Verdacht. Wenn ich daran denke, daß gestern Euer Vater alle seine Hoffnungen durchkreuzte und Guy de Margan, Geary und die übrigen, die dabei waren, von einem heftigen Streit zu berichten wissen, der unter hitzigen Worten von beiden Seiten verlief, so darf ich wohl sagen, daß er beleidigt war. Und soviel ich weiß, war er der einzige Mensch, den der gute alte Mann beleidigt hat. Lucy wird Euch vielleicht mehr sagen können.«

»Wartet hier!« rief Alured. »Ich will zu ihr und sie fragen.«

»Nein«, versetzte sein Vetter. »Ich muß in aller Eile fort nach Nottingham, um zu hören, ob dort etwas über den Verbleib des Leichnams bekannt ist. Ich will auch Guy de Margan und die anderen fragen, was denn eigentlich im einzelnen vorgefallen ist, als sie gestern hier waren. Morgen früh werde ich Euch von dem Ergebnis unterrichten.« 

»Bringt sie mit Euch, bringt alle mit Euch!« sagte Alured hastig. 

»Das will ich. Aber inzwischen, mit Eurer Genehmigung, mein Lord, darf ich wohl einige von Euren Leuten mit mir nehmen, denn ich bin allein gekommen und werde, wie Ihr wißt, nicht sonderlich geliebt von diesen Monthermers.«

»Nehmt soviel Leute, wie Ihr wollt«, sagte der junge Graf. »Aber doch kann ich noch nicht glauben, daß hier die Monthermers die Hand im Spiel gehabt haben. Gute Nacht, Richard!«

Im Herzen Alured de Ashbys war noch nie ein Zweifel daran aufgestiegen, daß Hugh de Monthermer nicht in jedem Gedanken und in jeder Tat hochsinnig, edel und wahrhaft sein könnte; dennoch ließen die Worte eines falschen, niederträchtigen Mannes, den er selbst als lasterhaft und verlogen kannte, einen Verdacht in seiner Seele zurück.

Mit solchen Gefühlen schritt er jetzt zu dem Zimmer seiner Schwester. Aber ehe er an die Tür pochte, blieb er nachdenklich stehen und bedachte, daß sie durch die traurigen Ereignisse dieses Abends sehr erschüttert sein mußte. Er erinnerte sich, daß er jetzt ihr einziger Beschützer, ihr einziger naher Verwandter war, und ein Gefühl größerer Zärtlichkeit, als er je zuvor von seinem Herzen hatte Besitz nehmen lassen, entwickelte sich daraus und ließ ihn sein ganzes Benehmen zur größtmöglichen Sanftheit stimmen.

So pochte er denn vorsichtig an die Tür und trat nach kurzem Warten ein. Er fand Lucy in der Fensternische sitzend, fern von der Lampe, die Wange in die Hand gestützt.

So freundlich und mild, wie es ihm seine Natur nur gestattete, setzte sich Alured neben sie und befragte sie über die Vorfälle des gestrigen Tages. Sie antwortete ihm sehr kurz; denn seine Erkundigungen brachten eine düstere und schreckliche Vorstellung mit einer anderen, kaum weniger entsetzlichen in Verbindung. Sie wisse wenig, sagte sie, da sie nicht gegenwärtig gewesen. Sie wisse nicht, warum ihr Vater so gehandelt habe. Aber sie gestand, daß er seine Einwilligung zu ihrer Verbindung mit dem Mann, den sie liebte, zurückgenommen und Worte über ihn gesprochen habe, die zu hören ihrem Herzen bitter weh getan hätten.

Soweit war also die Angabe Richard de Ashbys bestätigt, und Alured verließ sie, finster und voller Zweifel, schwankend zwischen neu aufgestiegenem Verdacht und einem Vertrauen, das ihm die Erfahrung von Jahren aufgedrängt hatte. Er schritt in dieser Nacht manche Stunde in der Halle auf und ab, von Zeit zu Zeit verschiedene Leute des Dienstpersonals rufend und ihnen Fragen vorlegend über die Vorfälle des Tages. Aber er gewann keinen weiteren Aufschluß und in Düsterkeit und Trauer flossen die Minuten dahin. Die fröhliche Lustigkeit, der leichte Scherz, die ruhige Freude - alles war erstickt und erloschen und jeder Winkel des Schlosses von einer bangen, schmerzlichen Atmosphäre erfüllt. Die letzten Worte Alured de Ashbys, als er sich schließlich zur Ruhe zurückzog, waren: »Haltet Pferde bereit zu neun Uhr am Morgen. Ich will selbst nach Nottingham. Dieser Sache muß bis auf den Grund nachgegangen werden.«

Ehe er jedoch am nächsten Morgen aufbrach, war schon Richard de Ashby, begleitet von mehreren Gentlemen des Hofes, in Lindwell eingetroffen, und Alured empfing sie in der Halle.

»Guten Tag Euch, Sirs«, rief er in seiner hastigen, ungestümen Weise. »Ich war im Begriff, Euch aufzusuchen, wenn Ihr nicht zu mir gekommen wärt!«

»Das ist eine traurige Angelegenheit, mein Herr Graf!« sagte Sir Guy de Margan. »Ich ahnte nicht, als ich vorgestern mit Eurem edlen Vater hierherritt, daß ich ihn das letztemal lebend sehen sollte.«