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»Wohl traurig, Sir«, versetzte der junge Graf. »Aber die Frage ist jetzt: Wer hat die Tat verübt?«

»Wer mag das sagen?« sagte Sir Guy de Margan.

Alured de Ashby schwieg, den Handschuh in seiner Hand zerknitternd. Er wünschte, daß irgendeiner den Gegenstand des Argwohns berührte, der ihm eingeflößt worden war, ehe er selbst davon sprach. Aber da Alured sah, daß Guy de Margan an sich hielt, sagte er endlich: »Darf ich Euch bitten, Sir Guy, mir zu erzählen, was vorfiel, während Ihr vorgestern hier bei meinem Vater wart? Jeder Schritt, jede Handlung von ihm kann wichtig sein und Licht auf diese dunkle Sache werfen.«

»Ich kann Euch sehr wenig sagen, mein edler Lord«, versetzte de Margan. »Als wir ankamen, sagte man uns, daß Lord Hugh de Monthermer im oberen Saal bei Eurer schönen Schwester Lady Lucy sei. Wir alle begaben uns dahin. Aber da wir dem Lord Hugh eine etwas unerwünschte Vorladung, vor dem König zu erscheinen, überbrachten, verlangte Euer edler Vater, der sein Gefühl zu schonen wünschte, wir sollten oben an der Treppe warten, während er hineinging, ihm die erste Eröffnung zu machen. Bald jedoch hörten wir sehr hitzige Worte und eine heftige, zornige Sprache von Seiten des jungen Lords. Dann wurde viel gesprochen in einem leiseren Tone, und dann kam Monthermer der Tür näher, wo er stehenblieb und laut sagte: ,Ihr werdet nicht ausbleiben, mein Lord?' Euer Vater antwortete finster: ,Ich werde mich zu der von Euch genannten Stunde einfinden. Seid ohne Furcht, ich werde nicht ausbleiben!'«

Alured de Ashby blickte seinen Vetter bedeutsam an, und Richard de Ashby hob die Augen zum Himmel empor und schlug sie dann wieder zur Erde nieder.

»Ich habe diese Worte auch gehört«, bestätigte Sir William Geary. »Es kam mir seltsam vor, daß Monthermer eine Zusammenkunft verabredete, da er doch einem Gefängnis entgegenging. Es scheint jedoch, daß er wohl wußte, woran er war.«

»Gott gebe, daß er sich nicht zu gewiß bei ihm eingefunden!« brach Alured de Ashby los, und seine Augen flammten.

»Am Ende können wir uns aber täuschen«, bemerkte Richard, der sich jetzt, nachdem er den Verdacht ausgesät, arglos stellte und den Anschein erwecken wollte, als bekämpfe er ihn; wie man wohl Äste von einem Baum behaut, um ihn stärker wachsen zu machen. »Hugh de Monthermer war immer edel und wahrhaft und von großmütiger Gesinnung, wie Ihr gestern nacht ganz mit Recht gesagt habt, Alured.«

»Aber Ihr vergeßt«, sagte Guy de Margan, »daß gerade zu dieser Zeit der starke Verdacht niederträchtigen Verrats auf ihm lastete. Man hatte ihn im Walde mit drei unbekannten maskierten Männern heimlich verhandeln sehen.«

»Was?« schrie Alured de Ashby, den Sprechenden beim Arm ergreifend und ihm wild ins Gesicht starrend. »Mit drei maskierten Männern?«

»Es ist wahr, bei meinem Leben!« versetzte Guy de Margan.

»Seid ruhig, mein teurer Vetter!« rief Richard de Ashby.

»Ruhig?« brüllte der junge Graf. »Ruhig, wenn meines Vaters Blut von der Erde um Rache aufschreit und mein Schwert noch nicht gezückt ist?«

»Aber hört mich an«, sagte Richard. »Ich habe im Herüberreiten an einen Umstand gedacht, der vielleicht einiges Licht auf die Sache werfen kann. Gestern abend, als ich hier ankam, ehe noch irgendeiner von uns etwas von Eures Vaters Tod wußte, sagte mir der alte Pförtner, als ich nach dem Grafen fragte, er sei allein ausgegangen, nachdem er einen Brief bekommen, den ein Bauernjunge gebracht. Er nannte des Buben Namen, denn er schien ihn zu kennen. Daher erlaubte ich mir, heute mit dem alten Mann zu sprechen und den Knaben schleunigst holen zu lassen. Es ist doch billig, daß wir erfahren, von wem der Brief kam.«

»Laßt den Pförtner und den Bauernjungen hereinkommen«, rief Alured.

Einen Augenblick darauf kam sein Vetter mit dem alten Mann zurück, gefolgt von einem jungen Burschen von etwa dreizehn Jahren. Der Knabe blieb nahe bei der Tür stehen, aber Richard de Ashby trat mit dem Pförtner vor, der sich tief vor seinem Herrn verbeugte.

»Wer hat den Brief gebracht, der meinem Vater eingehändigt wurde, unmittelbar bevor er gestern das Schloß verließ?« fragte der junge Graf finster.

»Der Sohn Ugtreds, mein Lord«, erwiderte der Pförtner. »Er steht dort.«

»Komm her, Knabe«, rief Alured. »Sprich die Wahrheit: Wer hat dir diesen Brief gegeben?«

»Es waren ihrer vier, mein Lord«, antwortete der Knabe. »Aber ich habe keinen davon je früher gesehen.«

»Waren sie maskiert?« fragte Richard de Ashby dazwischen.

Der Knabe verneinte, aber Richard war doch zufrieden, den Verdacht auf diese Fährte gebracht zu haben, und Alured fuhr fort:

»Was haben sie zu dir gesagt?«

»Sie hießen mich den Brief aufs Schloß tragen«, antwortete der Junge schüchtern, »und den Leuten sagen, sie sollten ihn so schnell wie möglich dem edlen Grafen von Ashby übergeben.«

»Haben sie sonst nichts gesagt?«

Der Knabe sah sich furchtsam um und fing an zu weinen.

»Sprichst du die Wahrheit, Bursche«, rief der junge Graf, »so soll dir kein Leid geschehen. Aber zögerst du einen Augenblick, so laß ich dich über dem Tor aufknüpfen!«

»Sie sagten mir«, antwortete der Knabe, vor Angst noch mehr heulend, »wenn ich den Grafen sähe, so solle ich ihm sagen, der Brief sei vom Lord Hugh de Monthermer, aber keinem anderen Menschen sonst.«

Alle Anwesenden starrten einander ins Gesicht, Richard de Ashby ausgenommen, der wie bekümmert zu Boden schaute, obgleich in Wahrheit sein Herz im Triumph schwoll. Gerade die Worte, die die Männer gesprochen, hatte er Ellerby im letzten Augenblick angegeben. Er wagte nicht aufzuschauen, damit seine Freude nicht bemerkt würde. Er hörte, wie Alured mit den Zähnen knirschte und dann mit gepreßter Stimme sagte: »Es ist genug!«

»Laßt mich noch eine Frage stellen, mein guter Lord«, rief Sir William Geary. »Kennst du den Lord Hugh de Monthermer, Knabe?«

»Ja, Sir, recht gut«, antwortete der Junge. »Ich habe ihn oft bei meinem Lord und dem Fräulein gesehen.«

»Und war er darunter?«

»O nein!« rief der Knabe, und sein Angesicht klärte sich auf einmal auf. »Einer von ihnen war ebenso groß und vielleicht auch so stark; aber er war ganz schwarz ums Kinn. Und der andere, der beinahe so groß war, hatte ein schielendes Auge.«

»Dies führt auf keine weitere Spur«, sagte Alured, den Jungen mit einer Handbewegung entlassend. »Ich muß sogleich nach Nottingham. Ihr, Gentlemen, werdet einen Sohn entschuldigen, der seines Vaters Tod zu rächen hat. Dennoch sollt Ihr nicht ohne Erquickung das Schloß verlassen. Richard wird das Amt des Wirtes versehen während meiner Abwesenheit. So gehabt Euch wohl! -Heda, sind meine Pferde bereit?« 

XXXIII

IN EINEM GERÄUMIGEN Zimmer des Schlosses zu Nottingham saß die Prinzessin Eleonore, und in ihrer Nähe waren ein paar junge Hofdamen mit ihrer Stickerei beschäftigt. Während sie flink die Nadel handhabten, sprachen sie leis bald von den Gerüchten des Tages, bald über die Farben dieser oder jener Blume, die unter ihren Händen auf dem Stickrahmen emporwuchs. Die Prinzessin beteiligte sich nicht an dem Gespräch; sie hatte sich abgewandt und las beim Licht einer neben ihr stehenden Kerze aufmerksam ein Papier, das sie in der Hand hielt. Ein vergnügtes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, als sei ein Schmerz oder Kummer von ihr genommen. Nachdem sie das Papier sorgfältig noch einmal gelesen hatte, ließ sie ihre Hand über die Armlehne des Sessels hinabsinken und schaute mit ihren großen dunklen Augen nachdenklich auf die mit den Stickereien beschäftigten Mädchen.

»Ich war überzeugt«, murmelte sie vor sich hin, »daß dieser junge Mann des Verbrechens nicht schuldig war, dessen man ihn bezichtigte, und ich bin auch überzeugt, daß er ebensowenig dessen schuldig ist, das sie ihm jetzt zur Last legen.«