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Ein Page stand an der Tür, als erwarte er eine Antwort, bald die Augen auf den Boden heftend, bald einen verstohlenen Blick auf die hübschen Gesichter werfend, die sich über ihre Stickerei beugten. Diesem winkte jetzt Eleonore und sagte: »Tragt den Brief zurück zu meinem Gatten. Sagt ihm, ich würde gern mit ihm sprechen, wenn seine Zeit es gestattet, und ich lasse ihn dringend bitten, wenn Lady Lucy kommt, sie zu mir zu schicken, damit ich sie zum König begleite. Sie wird wohl den Beistand einer Freundin nötig haben.« 

Der Page nahm den Brief, verbeugte sich und ging. Eleonore nahm wieder ihren Stickrahmen auf, hielt aber von Zeit zu Zeit in ihrer Arbeit sinnend inne. Nach etwa einer Viertelstunde ging die Tür auf und Edward trat mit umwölkter, düsterer Stirn ein.

»Sie kann nicht lange mehr ausbleiben«, sagte er nach einigen Worten der Begrüßung. »Das ist ein seltsam undurchsichtiger Handel.«

»Ihr glaubt Hugh de Monthermer doch nicht etwa schuldig?« fragte Eleonore.

»Gewiß nicht!« antwortete der Prinz. »Aber die Umstände haben sich so gestaltet, daß ich fürchte, er wird als schuldig erscheinen, obgleich er es nicht ist. Ihr habt diesen Brief gelesen und gesehen, wie leicht er alles erklärt, was an seinem früheren Benehmen verdächtig schien. Und doch war eine Anzahl Barone - Mortimer und Pembroke unter ihnen - höchst eifrig beflissen, in meinen Vater zu dringen, ihn zum Tode zu verurteilen, ohne die Formen und Umstände des gewöhnlichen Rechtsverfahrens zu wahren.«

»Glaubt Ihr, sie hätten ihn hingerichtet?« fragte Eleonore zweifelnd.

»Sie hätten ihn ermordet«, versetzte der Prinz hart. »Denn eine Hinrichtung ohne Recht und Gesetz ist Mord. - Zudem«, fuhr er leiser fort, damit die Frauen in der Nähe seine Worte nicht hören konnten, »kenne ich die Männer zu gut, die für das Todesurteil stimmten. Eleonore, ich kenne Mortimer als grausam und verräterisch, ich kenne Pembroke als kalt, hart und selbstsüchtig. Und jetzt erfahre ich«, fuhr er mit einem verächtlichen Lächeln fort, »daß sie seine Ländereien unter sich teilen wollten. Da war auch Guy de Margan - ein so leichter und zerbrechlicher Höfling -, man sollte kaum glauben, daß er einen derart wilden Haß hegen könne. Aber es ist mir klar geworden, daß hier keine geringe Rachsucht und Erbitterung waltete.«

»Oh, ich weiß!« versetzte Eleonore. »Eines Nachts, als Lucy und ihr Geliebter - mit meiner Beihilfe, ich will es gestehen - beim Mondschein unter den südlichen Kreuzgängen von Eltham lustwandelten, wollten dieser Guy de Margan und einige andere junge Müßiggänger des Hofes sie mit Gewalt aufhalten, als sie zu mir zurück wollte, worauf Hugh de Monthermer ihn mit einem Faustschlag zu Boden streckte. - Aber horch! Sie kommt, Edward. - Sieh, ob es Lady Lucy ist, Alice.«

Eine der Frauen, die in der Nähe saßen, stand auf, ging zur Tür und kam sogleich in Begleitung von Lucy de Ashby zurück. Sie war sehr blaß und traurig, aber nicht weniger schön als je, und wie sie sich der Prinzessin näherte und auf das Kissen zu ihren Füßen kniete, ihre Hände zu küssen, hielt sie ihre dunklen Augen auf den Boden geheftet, als fürchte sie, wenn sie sie aufschlüge, die Tränen nicht mehr zurückdrängen zu können.

»Der König hat nach Euch geschickt, schönes Fräulein«, sagte Prinz Edward, nachdem Eleonore einige Worte des Trostes zu ihr gesprochen hatte, »um Euch einige Fragen vorzulegen über eine Angelegenheit, die für Euch in jeder Beziehung, fürchte ich, sehr peinlich sein muß. Aber faßt Euch. Der bittere Verlust, den Ihr erfahren, ist solcher Art, wie ihn jedes Kind, wenn das gewöhnliche Maß des Lebens erfüllt ist, einmal durchmachen muß. Was die andere Ursache von Bangigkeit und Kummer betrifft, die sich zu Euren Gefühlen am heutigen Abend gesellt, so seid versichert, daß der edle Lord Hugh, auf den ein ungerechtfertigter Verdacht gefallen ist, jetzt eine Freundesstimme in der Nähe hat, die sich erheben wird, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wir vertrauen auf seine Unschuld und wollen sie behaupten, bis er in Person erscheinen und seine Sache verteidigen kann.«

Der Prinz hielt inne, als erwarte er eine Antwort, aber Lucy erwiderte nur: »Ich danke Euch von ganzer Seele, mein edler Lord.«

»So will ich denn jetzt zum König gehen«, fuhr Edward fort. »Die Prinzessin wird Euch begleiten, wenn er Euch zu empfangen bereit ist. Seid ruhig und fest, teure Lady, und ehe Ihr antwortet, bedenkt immer vorher genau, was Ihr sagt.«

Der Prinz verließ das Zimmer, und Eleonore war bestrebt, ihrer schönen jungen Freundin Zuspruch und Trost zu gewähren.

Wenig Zeit jedoch blieb ihnen zum Gespräch; denn beinahe augenblicklich kam die Aufforderung, Lady Lucy möge vor dem König erscheinen. Eleonore, des schönen Mädchens Arm in den ihrigen legend, führte sie in den Saal, wo Heinrich saß. Der erste Blick auf das Gesicht des Königs zeigte, daß er in gereizter Stimmung war. Schwach und wankelmütig, wie er war, hatte er doch bei aller tyrannischen Willkür häufig dem Einfluß seines weiseren und edleren Sohnes nachgeben müssen. Aber er tat dies nie ohne Ungeduld und Widerstreben. 

Der Prinz stand jetzt zu seiner Rechten, ein Kreis von Edelleuten ihm gegenüber. Edward zunächst sah man Alured de Ashby, die Stirn gerunzelt, die Augen zu Boden geheftet und die linke Hand auf dem Schwertgriff ruhend; er richtete keinen Blick auf seine Schwester, als sie eintrat. Die Prinzessin setzte sich in einen Sessel neben den König, behielt aber Lucys Hand in der ihrigen und zog sie sanft ganz nahe an sich.

»Lady«, sagte Heinrich, seine Miene etwas sänftigend und einen traurigen Ton heuchelnd, »wir haben uns genötigt gesehen, Euch holen zu lassen, obwohl wir dadurch in die Heiligkeit Eures Kummers störend eingreifen. Aber es ist nötig, so bald als möglich den Täter eines entsetzlichen Verbrechens zu ermitteln, das Euch des Vaters und uns eines anhänglichen Untertanen und treuen Freundes beraubt hat. So sprecht denn und sagt uns, was Ihr von dieser Sache wißt.«

»Sire, ich weiß weiter nichts«, antwortete Lucy, »als daß mein armer Vater mich in bestem Wohlsein verließ, kurz vor drei Uhr gestern, und daß lange nachher, während ich mit meinem Vetter Richard sprach, der eben von Nottingham angekommen war, die Nachricht eintraf, mein Vater sei ermordet.«

»Nun wohl«, sagte der König. »Aber wir müssen auch hören, was vorging mit dem dieses Verbrechens angeklagten Gentleman.«

»Ich weiß nicht, wer angeklagt ist, Sire«, sagte Lucy, überrascht aufschauend. »Ich habe nicht gehört, daß der Mörder entdeckt sei.«

»Der Gentleman, auf dem starker Verdacht ruht«, versetzte der König grollend, »ist der aus diesem Kastell entflohene Gefangene Hugh de Monthermer!«

Lucy fuhr zusammen, faltete die Hände und wurde blaß wie der Tod. Aber im nächsten Augenblick strömte das Blut glühend in ihr Gesicht, und mit flammendem Auge und zuckender Lippe, den Kopf zurückwerfend, rief sie: »Es ist falsch, mein Herr König - es ist falsch! Ich weiß, wo dieser schändliche Verdacht entsprungen ist. Und vielleicht hat da jemand sein Spiel zu schlau angelegt. Es ist mir jetzt etwas klargeworden, das vielleicht hilft, den Verbrecher der Gerechtigkeit zu überliefern.«

Der König schien etwas überrascht durch die plötzliche Energie, die das zarte und schöne Wesen vor ihm bewies.

»Seid so gut und sagt uns«, sagte er, nachdem er sie eine Weile abwägend angesehen, »woher Ihr glaubt, daß der Verdacht entsprungen, da Ihr es zu wissen behauptet.« 

»Er ist daraus entsprungen, Sire«, versetzte Lucy in ruhigerem Ton, »daß meinem Vater kurz vor seinem Tode ein Brief übergeben wurde. Er war gerade bei mir. Wir sprachen von dem Mann, der jetzt einer Tat beschuldigt ist, an die er nie im Traum dachte. Mein Vater zeigte mir den Brief und sagte, er komme von ihm. Ich versetzte sogleich, es sei nicht seine Handschrift, die ich oft gesehen. Mein Vater erwiderte, er müsse sich eines Schreibers bedient haben, wie das so gewöhnlich sei. Diese Erklärung befriedigte mich, und ich dachte nicht mehr daran bis zu diesem Augenblick. Nun aber sehe ich, daß dieser Brief eine Fälschung war, um meinen Vater in den Tod zu locken.«