»Ihr habt also den Brief gelesen?« forschte der König weiter.
»Ja«, antwortete Lucy.
»Könnt Ihr angeben, was er enthielt?« fragte Edward mit lebhaft gespannter Miene.
»Den Inhalt, aber nicht die Worte«, antwortete Lucy, und ihre Stimme bebte ein wenig. »Er setzte meinen Vater in Kenntnis, daß Hugh de Monthermer, ungehört zum Tode verdammt, aus dem Schloß zu Nottingham entflohen sei und seinen guten Namen unverteidigt habe lassen müssen. Er enthielt die Bitte, der Graf möge ihn auf dem Platze, der Bullen-Weißdorn genannt, treffen.«
»Gerade der Platz, wo er ermordet wurde«, ließ sich eine Stimme im Kreise vernehmen.
»Schweigt, Sir Guy de Margan!« rief Prinz Edward scharf, sich jählings gegen den Sprecher wendend. »Ihr seid bekannt als ein Feind des Angeschuldigten.«
»Ich, mein Lord?« rief Guy de Margan.
»Ja, Sir!« versetzte der Prinz. »Wir wissen mehr, als Ihr vermutet. Ihr haßt ihn, weil er Eure Unverschämtheit gegen eine Lady gezüchtigt hat, und wir zweifeln kaum daran, daß Ihr wohl wußtet, daß der Mönch, den Ihr anklagtet, er trage verräterische Mitteilungen zwischen ihm und Sir William Lemwood hin und her, von dem alten Grafen von Monthermer nur deshalb geschickt war, um den Sir William zu bitten, er möge nicht das Leben seiner Freunde durch hoffnungslose Auflehnung gegen den Thron aufs Spiel setzen. Ich habe das, Sir, von des Ritters eigener Hand, und habe auch Grund zu glauben, daß Ihr es gewußt, als Ihr die Anklage erhobt. Laßt mich nicht entdecken, daß Ihr neue falsche Anschuldigungen vorbringt; denn es gibt eine Strafe für solchen Frevel!«
»Fahrt fort, Fräulein«, sagte der König, während Guy de Margan vor dem drohenden Blick des Prinzen zurückbebte. »Was enthielt der Brief weiter?«
»Lord Hugh versprach meinem Vater, den vollständigen Beweis seiner Unschuld zu liefern, und ersuchte ihn, allein zu kommen und nicht einmal einen Pagen mitzubringen. Aber ich behaupte jetzt fest, gnädiger Herr, der Brief war eine Fälschung von irgend jemand, der meinen Vater in den Tod locken wollte.«
»Könnte es nicht«, fragte der König, der sich sichtlich nicht von seinem Verdacht auf Hugh de Monthermer abbringen lassen wollte, weiter, »der Brief eines zornigen, in seinen Hoffnungen getäuschten Mannes gewesen sein, der Gelegenheit suchte, seine Rache zu kühlen an einem Mann, der ihm die Hand seiner Tochter verweigert hatte? Es ist bewiesen, schönes Fräulein, daß Euer Geliebter und Euer Vater Streit hatten und daß der Graf versprach, ihn zu treffen - warum oder wann, weiß niemand. Sobald dieser junge, verstockte Lord seine Flucht aus diesem Schloß zu Nottingham bewerkstelligt hatte, empfängt Euer Vater von ihm einen Brief, der ihn auffordert, an einen abgelegenen Ort zu kommen. Dort wird Euer Vater ermordet. Der Knabe, der den Brief überbringt, hat den Befehl, niemand zu sagen, daß er von Hugh de Monthermer sei... Es fehlt nichts, als daß der Brief von seiner Hand wäre, so läge der Fall klar genug.«
»Gnädiger Herr«, versetzte Lucy ernst, »macht Euch frei von den falschen Angaben betrügerischer Menschen. Hugh und mein Vater hatten keinen Streit, obwohl eine sehr natürliche Kränkung Hugh de Monthermer laute und hitzige Worte mochte sprechen lassen, selbst gegen den Vater seiner Verlobten. Aber ich wiederhole: Sie hatten keinen Streit, Sire! Mein Vater ließ ihn in der festen Hoffnung gehen, er werde sich vor Eurer Majestät rechtfertigen und Euch vermögen, die Schranke zu beseitigen, die Ihr unserer Verbindung in den Weg gelegt hattet. Dies sagte er mir selbst, nachdem Hugh weg war. Was aber die verabredete Zusammenkunft betrifft, so kann ich Aufschluß geben über das Warum, Wann und Wo: Mein Vater sollte ihn hier vor Euch in diesem Saal treffen; er sollte ihn gestern hier treffen, um ein Uhr nachmittags; er sollte mit anhören, wie Hugh sich von der damals gegen ihn erhobenen Anschuldigung reinigte, nicht nur in Gegenwart Euer Majestät, sondern auch in Gegenwart des Prinzen Edward. Der Prinz selbst weiß, daß mein Vater einen Boten an ihn sandte, der ihn aufs eiligste nach Nottingham rief, damit nicht die Stimme vieler Feinde gegen einen Freundlosen bei Euer Majestät überwöge.«
»Es ist wahr«, sagte Edward. »Der Bote kam zu mir, und wäre er nicht durch törichtes Ungeschick von mir ferngehalten worden, so wäre ich gestern bald nach Mittag hiergewesen.«
»Er hatte unrecht«, sagte der König gereizt, »zu argwöhnen, daß wir ihm Gerechtigkeit versagen würden.«
Das Blut stieg Edward in die Wangen, und er heftete den Blick zu Boden, da er fühlte, wie lächerlich es war, wenn sein Vater von Gerechtigkeit redete, nachdem erst kürzlich ein so grobes Unrecht wie die Verurteilung Hugh de Monthermers begangen worden war. Aber Heinrich ließ nicht ab, die arme Lucy zu befragen, der die Angst um den Geliebten eine vorübergehende Stärke verliehen hatte, die jetzt aber rasch abnahm.
»Ihr habt gesagt, Fräulein«, fuhr er unbarmherzig in seinem Verhör fort, »die Erklärung, die Euch Euer Vater dafür gegeben, daß der Brief in einer anderen Handschrift geschrieben gewesen, habe Euch für den Augenblick vollkommen befriedigt. Was macht Euch heute glauben, daß der Brief eine Fälschung war? - Hat die Liebe keinen Anteil an der Verteidigung?«
Das Blut stieg Lucy in die Wangen, und Eleonore war im Begriff, sich ins Mittel zu legen, um sie gegen derartige Fragen vor einer solchen Versammlung zu schützen. Aber das Mädchen gewann Mut sowohl durch die Kraft ihrer Liebe als auch durch die Entrüstung über den unritterlichen Spott des Königs. Sie richtete sich auf und antwortete: »Vielleicht hat die Liebe daran teil, gnädiger Herr. Aber hat der Haß keinen Teil an der Anklage? - Gott gebe, daß er keinen Teil habe am Urteil!«
Totenstille trat nach dieser kühnen Antwort ein. Dann fuhr Lucy, wieder erbleichend und die Augen senkend, fort: »Ihr habt mich gefragt, warum ich den Brief für eine Fälschung halte? Weil ich jetzt einen Beweggrund für die Fälschung sehe, den ich vorher nicht sah; weil ich keinen Grund entdecken kann, warum Hugh de Monthermer nicht mit eigner Hand hätte schreiben sollen; weil er noch viel weniger den Vater seiner Geliebten töten konnte, weil er nicht einmal den Brief unterzeichnete; denn der Name war auch nicht von seiner Hand - weil nicht einmal das Siegel sein Petschaft war. Das sind starke Gründe, gnädiger Herr. - Selbst«, fuhr sie fort, und Tränen traten ihr ins Auge, »selbst wenn nicht ein noch stärkerer Grund vorläge: daß er jederzeit rechtschaffen, ehrenhaft und wahr gewesen; daß keine gemeine Handlung gegen ihn zeugt und daß er nie etwas getan hat, das er für Unrecht hielt, selbst wenn die Meinung der Welt die Handlung gepriesen hätte.«
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, und Eleonore erhob sich von ihrem Sitz mit den Worten: »Ich bitte Euch, Sire, laßt sie sich jetzt entfernen. Sie ist schmerzlich ergriffen und erschöpft - ich sehe es.«
»Nur noch eine Frage, dann mag sie gehen«, erwiderte Heinrich, der von Lucys Aussagen beeindruckt schien. »Ihr sagtet, Fräulein, Ihr seht jetzt einen Beweggrund für die Fälschung. - Habt Ihr etwa Verdacht auf einen anderen, der die Tat verübt haben könnte?«
Lucy ließ ihren Blick über den Kreis der Anwesenden hinlaufen und ihn eine Weile auf dem Angesicht Richard de Ashbys haften, der unter dieser stummen Anklage blaß wurde. Dann wandte sie jedoch ihr Auge nach der entgegengesetzten Seite und sagte: »Ich habe einen starken Verdacht, Sire.«
»Auf wen?« fragte der König lebhaft.
»Verzeiht mir, gnädiger Herr«, antwortete Lucy. »Obzwar stark, ist es doch nur ein Verdacht, und ich will keine Anklage auf bloßen Verdacht gründen. Aber laßt mich meinen Bruder Alured warnen, der zu edel ist, um argwöhnisch, und zu mutig, um vorsichtig zu sein, daß diejenigen, die den Vater umgebracht haben, vielleicht nicht zärtlicher gegen den Sohn gesinnt sein mögen.«