Wieder folgte auf ihre Worte eine Pause, und Eleonore, sie benützend, zog Lucy fort und sagte: »Wir sind von Euch entlassen, Sire, nicht so?«
Der König nickte bejahend, und sobald die Prinzessin mit Lucy de Ashby zur Tür hinaus war, durchlief ein Geflüster den Saal, während der Prinz und der König sich leise miteinander besprachen.
Der junge Graf von Ashby hatte während des ganzen Verhörs seiner Schwester nicht ein Wort gesprochen und kaum eine Miene verzogen, außer daß manchmal seine Hand von dem Knauf seines Schwertes nach dem Griff seines Dolches sich bewegte. Aber jetzt trat er vor und sagte: »Sire, dies ist ein schwieriger Fall, der ohne weitere Zeugnisse nicht von einem gewöhnlichen Gerichtshof abgeurteilt werden kann. Vielleicht hat Lucy recht, und Hugh de Monthermer ist unschuldig. Sie hebt ihn, und ich hebe ihn nicht. Dennoch will ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und gestehen, daß die Anklage gegen ihn nicht so weit bewiesen ist, daß sie die Peers berechtigt, ihn zu verurteilen. Aber ein Auge ist, das da sieht, wenn auch die unsrigen verblendet sind - ein Richter, der entscheidet Diesem Richter will ich die Sache anheimgeben. Ich ersuche Euch deshalb, Sire, im ganzen Lande verkünden zu lassen, daß Hugh de Monthermer angeschuldigt des Mordes ist, verübt an William Graf von Ashby, und verpflichtet zu erscheinen, um sich im Zweikampf auf Leben und Tod von dem Verdacht zu reinigen binnen jetzt und vierzehn Tagen.«
»Ich darf es nicht abschlagen«, versetzte der König. »Das Verlangen ist gerecht und gesetzlich.«
»Ich muß Euch weiter bitten, gnädiger Herr«, fuhr der junge Graf fort, »den Namen des Anklägers nicht nennen zu lassen. Ich sage das nicht aus Eitelkeit. Obschon meine Lanze eine gute sein mag, so kenne ich doch keine bessere als die Hugh de Monthermers. Aber ich zweifle, ob er mir in solch einem Streit auf dem Kampfplatz entgegentreten würde. Um seiner Liebe willen würde er sich nicht für immer von der Aussicht auf Lucys Hand ausschließen wollen, indem er das Leben ihres Bruders aufs Spiel setzte - das heißt, wenn er unschuldig ist.«
»Auch das ist billig«, erwiderte der König. »Lord Pembroke! Sorgt, daß die Bekanntmachung erfolgt. - Und jetzt zu lustigeren Dingen! Wir bringen hier wahrhaftig unsere Zeit zu ernst hin!«
XXXIV
DER SHERWOOD-FORST war, obwohl zu jener Zeit berühmt wegen seiner Ausdehnung und wegen der Dichte des Baumwuchses, in vielen Gegenden doch schon damals nicht mehr das, was er ehemals gewesen. Seine frühere, weit gewaltigere Ausdehnung war jedoch noch daran zu erkennen, daß sich viele Meilen jenseits der königlichen Grenzpfähle Wälder fanden, die einmal zum Sherwood gehört hatten. Einer der größten Striche solchen Waldlandes lag in dem südöstlichen Teil von Yorkshire. Er war durch drei oder vier Meilen unregelmäßig angebauten Grundes, wo hin und wieder Gruppen von Bäumen und kleine Wäldchen standen, vom Sherwood selbst getrennt und, weil entlegener von der Heerstraße, wilder und öder als der eigentliche Sherwood. Da in der Nähe keine großen Städte und keine Schlösser lagen, die einem mächtigen Baron gehörten, war dieses Gebiet ohne beständige Aufsicht und Überwachung.
Unter einem Sandhügel am Saume dieses Waldes, wo hohe Bäume in die Lüfte ragten und das braune Laub des Herbstes umherraschelte, saßen an einem schönen Nachmittag, etwa drei Tage nach der Flucht des jungen Ritters aus dem Schloß von Nottingham, der alte Graf von Monthermer, sein Neffe Hugh, sechs oder acht von seinen eignen Dienstleuten und vier von dem Anhang des kühnen Geächteten, die ihr ländliches Waldmahl verzehrten.
Der alte Graf und seine Dienstleute hatten alle das grüne Kleid der Waidleute angelegt, während Hugh noch mit demselben Anzug bekleidet war, den er am Hof getragen hatte. Er hoffte täglich, die Kunde zu erhalten, daß Prinz Edward ihn vor dem König gerechtfertigt und seiner Sache bei dem alten Grafen von Ashby sich kräftig und mit Erfolg angenommen habe. Er hegte nicht die Absicht, die Lebensweise oder die Tracht eines Geächteten anzunehmen, solange Prinz Edward am Hofe seinem tyrannischen Vater den Widerpart hielt.
Sein Oheim entstammte aber einer etwas geradlinigeren Schule des Rittertums, so daß er alles, was Unterwerfung unter den Thron Heinrichs bedeutete, grundsätzlich ablehnte, sowenig er sich der Ansicht verschließen konnte, daß Prinz Edward bei seinem Wirken zum Wohle des Volkes gewichtiger Bundesgenossen gegen seinen eigenen Vater und dessen einflußreiche Ratgeber, Pembroke und Mortimer, bedurfte. Zudem hatte er von seiner frühesten Jugend an ein Leben der Abenteuer und der Entbehrungen kennengelernt.
Das wilde Treiben im Walde, die Jagd, der beständige Wechsel der Umstände und der Umgebung und selbst die Gefahren des Lebens eines Geächteten waren ihm ebenso angenehm wie wohltuend.
Die Männer sahen fröhlich die Sonne sinken, die im Untergehen ein immer glänzenderes Gold annahm, um schließlich die Spitzen der Berge von Derbyshire und die Wolken darunter mit Purpur und Gold zu überströmen. Lustiger Gesang, Scherz und fröhliches Gelächter gingen im Kreis herum, und wenn die Erinnerung an Freunde, die er verloren, an sein Vermögen, das dahin war, an vereitelte Pläne und zerstörte Hoffnungen durch die Seele des alten Grafen flog, so verschattete sie sie doch nur einen Augenblick, und mit der Philosophie eines alten Ritters dachte er: Ich habe mein mögliches getan, ich habe Ruhm gewonnen, ich habe für die Freiheit meines Landes gefochten, und was nun kommt, muß eine neue Generation in Angriff nehmen.
»Schaut dort!« rief jetzt Hugh. »Da kommen drei Reiter! Neuigkeiten vom Hofe, ich will dafür stehen. Ein Brief von Prinz Edward vielleicht.«
»Wer sind die Reiter, Scathelock?« fragte der Graf. »Meine Augen werden nachgerade trübe, und die Eurigen sind scharf genug.«
»Der Mann, der den Mühlstein gemacht hat«, antwortete Scathelock, »kann nicht besser durch ihn hindurchsehen als ein anderer. Und wahrlich, mein Lord, sie sind noch viel zu weit entfernt, als daß ich sagen könnte, wer sie sind; obwohl ich von ganzem Herzen wünschte, mein guter Lord hätte meinen Augen geglaubt vor sechs Monaten etwa. Dann hätten wir kein Evesham gehabt.«
»Wieso?« fragte der Graf, sich lebhaft gegen ihn kehrend.
»Nun!« antwortete Scathelock. »Ich ließ Euch wissen, es sei ein Verräter unter Euch, und sagte Euch, wer es war. Aber man glaubte mir nicht. Und man ließ Richard de Ashby die Bande zwischen seinem Hause und der Sache des Volkes zerreißen und das Pferd liefern, das den Prinzen Edward von Hereford wegtrug. Es ist noch mehr Gift in den Zähnen dieser Natter - es wäre gut, wenn man sie ihr auszöge!«
Der alte Graf von Monthermer ließ sein Haupt sinken bei den Erinnerungen, die Scathelocks Worte in ihm weckten, und sah traurig auf die grünen Grashalme nieder.
»Es ist Robin selbst!« rief da ein anderer von den Männern, der aufgestanden war und, die Augen mit der Hand gegen die untergehende Sonne beschattend, über den Talgrund geschaut hatte. »Es ist Robin selbst! Ich sehe seine breiten Schultern und seinen schmalen Kopf. Ihr werdet alsbald sein Horn hören.«
»Tatsächlich, Eure Augen sind scharf!« sagte Scathelock, als im Augenblick darauf der weiche Ton eines Horns die Anhöhe heraufschallte. »Es ist Robins Zeichen! Kein Mensch kann dem Metall so sanfte Töne entlocken wie er. - Verzeiht mir, mein Lord!« fuhr er zu dem Grafen sich wendend, fort. »Ich hab' Euch vorhin verletzt!«
»Gar nicht, mein guter Kameradi« antwortete der alte Mann. »Es waren nur die Erinnerungen an die Vergangenheit. Ich handelte damals so, wie zu handeln mir am besten und edelsten schien, Scathelock! - Also kommt da wirklich Robin? Ohne Zweifel bringt er gute Nachrichten.«