»Aber Prinz Edward ...«, rief Hugh de Monthermer.
»Prinz Edward kann wieder fort sein«, unterbrach ihn der Geächtete. »Ihr müßt sicheres Geleit haben, und die darüber verfließende Zeit wird nicht verloren sein. Setzt Euch nieder, mein Lord, und trinkt einen Becher Wein. - Diese Nachricht hat Euch erschüttert. Ich verstehe das. Laßt mich nur alles anordnen. Am dritten Tag von heute an sollt Ihr am englischen Hof sein. Dort müßt Ihr unbedingt dafür sorgen, daß der Kampf um acht Tage verschoben wird. Dann sollt Ihr, ehe Ihr in die Schranken reitet, die Beweise, die ich Euch liefern werde, dem Prinzen einhändigen, damit sie bekanntgemacht werden, sobald der Kampf vorüber ist. Kommt nur, setzt Euch! Ich will Euch die Gründe dartun, warum Ihr so handeln müßt. Zunächst soll einer von Euern eignen Leuten zum Prinzen reiten und sicheres Geleit für Euch erbitten. - Er kann bis morgen nacht wieder zurück sein.«
Hugh, der erregt auf und ab geschritten war, setzte sich nun wieder neben ihn, der alte Lord lehnte sich gegen einen Baum, seine getreuen Dienstleute und die Gefährten des kühnen Waidmanns schlossen einen Kreis und ließen den Weinbecher herumgehen. Eine kalte, klare Herbstnacht brach an, und ein wärmendes Feuer wurde angezündet, das zugleich auch der Beleuchtung diente, und lange noch saßen die drei Männer, den Gegenstand, der ihre Gedanken vor allem beschäftigte, in ernstem Gespräch erörternd.
Etwa eine Stunde nach Einbruch der Nacht wurde ein Brief geschrieben, und sobald er gesiegelt war, wurde er durch einen Diener des alten Grafen nach Nottingham geschickt. Danach setzten der Graf, sein Neffe und Robin Hood ihr Gespräch fort, während die Sterne glänzend und klar hervortraten und sich alles ringsumher, außer den dämmernden Umrissen der Bäume, dem Auge entzog. Der Wind flüsterte durch die Zweige mit einem langgedehnten, seufzenden Laut, und hin und wieder, während der vielen nachdenklichen Pausen, die in der Beratung eintraten, hörte man das Geraschel zur Erde niederfallender Blätter.
Kurz nach Mitternacht vernahm das feine Ohr des Geächteten plötzlich ein leises Geräusch. »Hört!« sagte er verhalten und schaute sich um. Dann rief er laut: »Wer ist da?«
Keine Antwort erfolgte, aber im Augenblick darauf landete mit einem Sprung von der Anhöhe herab der Knabe Tangel inmitten der Gesellschaft, die um das Lagerfeuer saß.
»Haha, Robin!« rief der lachend. »Ich konnte noch nie herausbringen, ob du ein Esel oder ein Hase bist.«
»Ei wie, Bursche?« rief Robin amüsiert. »Ich bitte dich, finde noch mehr solche geschmackvollen Vergleiche!«
»Nach deinen langen Ohren mußt du das eine oder das andere sein«, sagte Tangel. »Was ich auch tun mag, ich kann dich nie schlafend antreffen. Aber ich glaube, du hast mehr von einem Hasen: das eine lange Ohr ruhend, während das andere aufrecht steht wie eine Schildwache auf einem Hügelkamm. - Aber ich komme weither, Robin, um einer Dame Botschaft an einen müßigen Ritter auszurichten! - Da, Robin, ist ein Billett für dich! Es ward gesandt an Robin Hood oder einen von seinem Volk - der Bote hielt mich für ein Volk und gab es deshalb mir, obgleich man mich, weiß der Himmel, ebensogut für einen Kirchturm hätte halten können, was den Größenunterschied betrifft.«
Er händigte Robin Hood einen kleinen Brief ein. Dieser schürte das Feuer, daß es heller aufloderte, und wollte gerade das Papier öffnen, als er einige Worte bemerkte, die außen darauf geschrieben waren: Dem Lord Hugh de Monthermer, in Eile, wenn er zu finden ist - wenn nicht, für Robin Hood vom Sherwood.
»Es ist an Euch, mein Lord«, sagte er, den Brief Hugh übergebend, der ihn augenblicklich aufriß und den Blick lebhaft über die Zeilen hinlaufen ließ. Als er fertig war, fing er an, die Nachricht laut vorzulesen, ließ jedoch den ersten Satz weg:
»Euer Ankläger ist Richard de Ashby, und ich zittere bei dem Gedanken, er könnte Euch wissentlich falsch anklagen. Aber ich habe es seinem Gesicht angesehen, habe es aus dem Ton seiner Stimme gehört, daß dies Verbrechen seine Tat ist. Ich weiß nicht.
was raten, aber es ist passend, daß Ihr dies wisset. Eure eigne Klugheit muß das übrige tun. Ich fürchte für Euch; ich fürchte auch für meinen Bruder Alured. Es steht jetzt nur noch einer zwischen Richard und dem Reichtum und Rang, wonach es ihn gelüstet. Er ist zu weit gegangen, um noch irgendein Mittel der Welt zu scheuen, und meine Befürchtungen für den, der ihm im Wege steht, sind sehr stark.«
»So ist es bei den Bösewichten«, meinte der alte Graf, bedächtig mit dem Kopf nickend. »Sehr oft wissen sie ihre Taten vor den Weisen und Klugen dieser Welt zu bemänteln, aber der Unschuld und Einfalt gelingt es häufig, sie unter jeder Maske zu entdecken.«
»Ich lobe mir ein Weib, das das Herz eines Mannes zu ergründen sucht«, sagte Robin Hood, für den die Nachricht nichts Neues enthielt. »Das heißt, wenn sie ihn nicht liebt; denn in diesem Fall sind alle Weiber Narren. - Aber kommt, mein Lord, laßt uns ein besseres Obdach für die Nacht aufsuchen. Mein Blut ist nicht sehr frostig, aber doch spüre ich die Kälte hier. - Bewirtet Tangel gut, meine lustigen Männer, und gebt ihm einen Schlegel von der Trappe und einen Becher Wein. Aber hütet die Flasche vor ihm. - Denke an den letzten Weihnachtsabend, Tangel, wo du einen Jagdhund für ein bedrängtes Fräulein hieltest und dich in deinem Rausch sehr klug verwundertest, wie sie zu einem Barte komme!«
XXXV
IN EINEM KLEINEN, dunklen Zimmer, hoch im hinteren Teil eines Hauses in der unteren Stadt Nottingham gelegen, die Wände auf der einen Seite aus rohen eichenen Balken bestehend, auf der anderen durch den jähen Dachabhang gebildet, lag auf einem elenden Rollbett, neben dem auf einem kleinen Tisch eine Lampe stand, ein verwundeter Mann, schlaffe Müdigkeit im Auge und brennende Fieberglut auf der Wange.
Richard de Ashby saß auf einem Stuhl an der anderen Seite des Bettes, auf den Verwundeten mit einem Gesicht hinabsehend, das nicht viel Mitleid zeigte, sondern im Gegenteil einen Ausdruck von Zorn und Verdruß hatte. Während er ihn so anstarrte, ruhte seine Hand auf seinem Dolch, und die Finger packten jeden Augenblick den Griff, als verspüre er starke Lust, seines Spießgesellen Leiden auf möglichst schnelle Weise zu endigen.
»Es war Tollheit und Wahnsinn«, sagte er, »ich wiederhole es, es war Tollheit und Wahnsinn, Euch hierherzubringen, wo die größte Gefahr herrscht, entdeckt zu werden, während ich Euch doch ganz deutlich angab, wie Ihr Eure Flucht einrichten solltet.«
»Wir sahen einen Reitertrupp auf der Brücke und konnten keine Furt finden«, versetzte Dighton. »Aber, zum Teufel, schwatzt doch nicht von dem, was geschehen und vorbei ist, sondern schafft mix einen Arzt herbei!«
»Einen Arzt!« rief Richard de Ashby. »Der Mann ist toll! Es ist hier keiner zu finden, außer dem einen am Hofe. Wolltet Ihr, daß die ganze Geschichte herumkäme und Ihr für den Mord hingerichtet würdet?«
»So gut das, wie hier hegen und sterben«, antwortete Dighton. »Ich sage dir, Dickon, es ist mir, als hätte ich ein glühendes Eisen in mir brennen, von der Brust bis zur Schulter. Ich muß Hilfe haben, Mensch! Wenn du nicht ein Teufel bist, gib mir Wasser zu trinken. - Ich verdurste fast.«
Richard de Ashby schritt überlegend durch das Zimmer und brachte ihm einen Becher Wasser. Während der Verwundete gierig trank, schien er einen Entschluß zu fassen.
»Ich will dir etwas sagen, Dighton. Du sollst Wartung und Pflege haben. Kate, scheint es, hat ohnehin gesehen, wie man dich ins Haus brachte. Sie ist sehr geschickt in der Heilkunst. Als ich bei Hereford verwundet wurde, zur Zeit, da der Prinz entfloh, behandelte sie mich besser als jeder Arzt. Sie soll nach deiner Wunde sehen. Aber merke dir wohclass="underline" Vertraue ihr nicht ein Wort davon, wie du sie bekommen!«
»Gut«, antwortete der Mann mißmutig. »Alles ist besser, als hier im Elend daliegen, ohne eine Seele, mit der man ein Wort sprechen könnte. Ich glaube fast, Ihr würdet mich so gern sterben sehen wie leben.«