»Nein«, versetzte Richard de Ashby zynisch. »Ich wüßte nicht, was ich mit dem Leichnam anfangen sollte.«
»Das dachte ich mir«, sagte Dighton. »denn ich erwartete eben jetzt jede Minute, daß Euer Dolch aus der Scheide fahren würde. Aber ich habe noch Kraft genug in mir, Euch den Schädel an der Wand zu zerschmettern oder Euch zwischen meinen Daumen zu erwürgen wie der Jäger ein Rebhuhn. Aber macht nur, schickt mir bald das Mädchen und heißt sie Heilsalbe mitbringen. Es wohnt da ein Quacksalber oben an der Straße. Er wird ihr einige Mittel geben, um die Schmerzen zu lindern und das Feuer herauszuziehen.«
»Ich will dafür sorgen und sie Euch augenblicklich schicken. Ich kann Euch heute nacht nicht mehr besuchen; denn ich muß aufs Schloß. Aber morgen will ich wiederkommen.«
Mit diesen Worten verließ er das elende Gemach und schloß die Tür hinter sich ab. Der Verwundete hörte den Schlüssel im Schloß umdrehen und murmelte vor sich hin: »Der Schurke! Mich ganze vierundzwanzig Stunden hier ohne Hilfe und Wartung liegen zu lassen! Aber wenn ich wieder gesund werde, will ich ihn für seine Sorgfalt bezahlen. Ich will ihm den Hals brechen oder ihn an den Galgen bringen. Ich bin schon oft verwundet worden und immer wieder genesen. Aber ich habe noch nie ein solches Gefühl gehabt wie jetzt, und vorige Nacht hat mir von dem Mädchen geträumt, daß ich damals in die Themse warf, oben beim Dickicht. - Aber ich werde davonkommen - es Hegt nichts an einer solchen Wunde! -Ha, da kommt jemand!« Er fuhr auf und horchte, als der Schlüssel im Schloß umgedreht wurde und die Tür aufging.
Es war der Schritt eines Weibes, und gleich darauf trat Kate Greenly an sein Bett. Ihr schönes Gesicht war blaß, ihre Lippen hatten das Rot verloren, ihre Wangen hatten nicht mehr die runde Fülle blühender Gesundheit.
Direkt auf das Bett zuschreitend, die Lampe hoch in der Hand haltend, starrte sie fest und ernst in Dightons Gesicht. Aber ihre Gedanken waren sichtlich nicht mit dem beschäftigt, was ihr Auge vor sich sah. Erst als der Verwundete ungeduldig rief: »Nun, was gafft Ihr denn so?« fuhr sie aus ihrer Zerstreutheit empor.
»Er hat mich geschickt«, sagte sie, »um Wunden zu heilen, die Ihr erhalten habt. Aber ich kann Euch wenig helfen. Der Priester unseres Kirchspiels gab mir zwar einst einige Anweisung in der Heilkunst, doch mich dünkt, Ihr bedürft mehr eines Arztes für die Seele als für den Leib.«
»Das ist etwas, was dich nichts angeht«, versetzte der Mann scharf. »Schau nach meiner Wunde, Mädchen, und laß sehen, ob du ein kühlendes Mittel gebracht hast, das das Feuer herauszieht; denn ich brenne, ich brenne!«
»Du wirst noch ärger brennen drüben«, sagte Kate, sich neben das Bett setzend. »Aber zeige mir deine Wunde.«
»Da«, schrie der Mann, die Kleider abreißend und seine braune Brust enthüllend. »Es ist nichts, ein Kratzer, man kann ihn mit einem Finger zudecken.«
Kate beugte den Kopf nieder und hielt die Lampe an die Stelle, wo das Schwert des alten Grafen von Ashby eingedrungen war. Eine volle Minute besichtigte sie aufmerksam die Wunde. Es war nur eine kleine, geringfügig aussehende Verletzung, die doch die Stärke dieser muskulösen Gestalt gebrochen und jämmerlich aufs Siechbett hingestreckt hatte. Man hätte tatsächlich die Wunde fast mit einem Finger bedecken können. Aber rundherum, über eine Handbreit auf jeder Seite, war ein dunkelroter, in der Nähe der Wunde bläulich werdender Fleck.
Nachdem sie mit ihrer Untersuchung zu Ende war, blickte sie dem Mann wieder nachsinnend ins Gesicht. »Leidest du große Pein?« fragte sie schließlich.
»Hab' ich es dir nicht gesagt?« antwortete er ungeduldig. »Höllenschmerzen.«
»Nein«, versetzte sie, den Kopf schüttelnd. »Nein, der Hölle kommt nichts gleich, mein Freund. Du wünschst dir vielleicht dereinst, wieder hier auf diesem Bett zu liegen, dich windend unter zehn Wunden wie dieser da. Aber es wird dir bald leichter werden.«
»Was heißt das?« fragte er, mit einem forschenden Blick von der Wunde zu ihr aufschauend. »Wird es mir wirklich leichter werden?«
»Bist du ein Mann von Mut? Fürchtest du den Tod?« fragte sie zurück.
»Was meinst du denn, Mensch?« schrie er, ihr gespannt ins Gesicht starrend. »Sprich es aus - du willst mich wahnsinnig machen!«
»Nein«, versetzte sie, »ich möchte dich zur Besinnung bringen. Du bist dein ganzes Leben wahnsinnig gewesen und ich auch und viele andere. - Mann, du stirbst!«
»Sterben!« rief er. »Sterben! - Ich will nicht sterben! Schickt nach dem Wundarzt - er soll Gold haben, wenn er mich rettet! Ich will nicht, ich kann nicht sterben!« Und er richtete sich auf den Ellbogen auf, als wollte er Anstalt machen, dem Schicksal zu entfliehen, das ihn erwartete.
Im Augenblick darauf jedoch sank er stöhnend wieder zurück und bat, ängstlich das Mädchen anstarrend: »Rette mich! Ich will nicht sterben! Schick nach einem Wundarzt - sieh, was noch geschehen kann.«
»Nichts!« antwortete Kate entschieden. »Wenn alle Wundärzte Englands und Frankreichs hier wären, sie könnten nichts für dich tun. Die Hand des Todes ist über dir, Mann! Der kalte Brand hat begonnen. Du wirst nicht wieder aufstehen von diesem Bett - du wirst nie mehr die frische Luft einatmen. - Glaube nicht, daß ich dich täusche! Fühlst du nicht selbst, daß du des Todes bist?«
»Ja!« stöhnte der Mann, sich die Augen mit der Hand bedeckend. »Fluch über meine Torheit, daß ich mich auf diesen Anschlag einließ! Fluch über den niederträchtigen Teufel Dickon von Ashby, daß er mich darein verwickelt hat und mich jetzt hier liegen läßt, bis es zur Hilfe zu spät ist - bis der Brand angefangen hat! Fluch über ihn! Möge der tiefste Schacht der Hölle ihn aufnehmen für seine Bosheit!«
»Spart Eure Flüche«, sagte Kate. »Denkt jetzt an Euch! Bedenkt, ob Ihr nicht doch selbst in dieser letzten Stunde noch etwas tun könnt, um den nahenden Zorn Gottes abzuwenden!«
»Den Zorn Gottes!« schrie der Mann. »Das ist schrecklich!«
»Es ist schrecklich, aber es ist noch Hoffnung, wenn du nur willst.« - »Hoffnung?« rief der Mann, sie mißverstehend. »Habt Ihr mir nicht gesagt, ich müsse sterben?«
»Ja, Euer Leib«, erwiderte Kate zögernd. »Eure Seele ist es, die ich retten möchte. Gottes Barmherzigkeit kann errungen werden bis ans Ende.«
»Aber wie?« schrie er. »Ich weiß nichts von Gebeten und Paternostern. Es sind jetzt zwanzig Jahre, daß ich, ein bartloser Laffe, Absolution bekam dafür, daß ich des Königs Wildbret gestohlen. Und was hab' ich nicht seitdem getan? Nein, nein - es ist keine Hoffnung. Ich muß sterben, wie ich gelebt habe. Gott wird seinen Fluch nicht von mir nehmen, mag ich jetzt sagen, was ich will. Wenn ich freilich das Leben behielte, um zu fasten, zu beten und Buße zu tun, könnte noch eine Möglichkeit sein!«
»Es ist auch jetzt noch Hoffnung«, antwortete Kate schnell. »Du hast noch Zeit zur Sühne, du hast noch Zeit, deine Seele zu retten. Ich weiß: Du hast einen armen alten Mann erschlagen, der dir nie ein Leid getan. Aber ich sage dir: Ein anderer ist dieses Mordes angeklagt - ein Unschuldiger, der...«
»Ich weiß! Ich weiß!« rief Dighton, sie unterbrechend. »Es ist alles Richards höllische Tücke!« Und dann, sie plötzlich mißtrauisch anblickend, fuhr er fort: »Aber warum schwatzest du mir von Reue vor? Warum predigst du mir, Mädchen, und tust nicht selbst nach deiner Predigt? Bist du nicht auch eine Sünderin, so gut wie ich ein Sünder bin, he? Warum bereust und sühnst du nicht?«
»Ich tue es«, sagte Kate fest. »In dieser Stunde ist mein Sinn auf nichts anderes gerichtet. Meinst du, ich liebe diesen Mann? Ich sage dir, daß ich ihn hasse, daß ich ihn hasse, daß ich den Anblick selbst seines Schattens verabscheue, wenn er die Tür verdunkelt, daß sogar die Berührung seiner Hand mir ein Greuel ist. Aber ich bleibe noch bei ihm, um seine schwarzen Taten zu vereiteln, um die Unschuldigen gegen seine verbrecherischen Anschläge zu schützen, um ihn der Gerechtigkeit zu überliefern. Nur das gibt mir Hoffnung auf Gottes Barmherzigkeit.«