»Das führt alles zu nichts«, sagte Alured de Ashby mit unbewegter Miene. »Ihr, Hugh de Monthermer, unterliegt meiner Aufforderung. Ihr habt sie angenommen, und ich behaupte sie. Hier liegt mein Handschuh!«, und er warf ihn vor dem König nieder.
Sir John Hardy trat sogleich vor, hob ihn auf und sagte: »Im Namen des höchst edlen Lords Hugh de Monthermer, Baron von Amesbury, nehme ich auf Euer Pfand, Alured Graf von Ashby, und verspreche in seinem Namen, daß er mit Euch kämpfen wird in seiner Streitsache, wann und wo der König zu bestimmen geruht, zu Roß oder zu Fuß, mit den gebräuchlichen Waffen und Rüstungen, gemäß dem Gesetz der Waffen und den Gebräuchen der englischen Ritterschaft.«
Hugh de Monthermer kreuzte die Anne über der Brust und schlug die Augen zu Boden nieder. Es war geschehen - die nicht mehr zu lösende Verpflichtung war eingegangen! Er mußte entweder das Blut von Lucys Bruder vergießen, die ihm die Teuerste auf Erden war, oder er mußte der Ehre für immer entsagen. Zwischen diesen beiden Aussichten, jede gleich drohend und fürchterlich, konnte er nur den vor ihm liegenden Weg blindlings verfolgen. Er mußte deinem Ankläger mit den Waffen entgegentreten, mußte mit ihm kämpfen auf Leben und Tod, mußte ihn besiegen, er mußte ihn töten. Er kannte wohl seine Geschicklichkeit in den Waffen und zweifelte nicht, daß er den Sieg davontragen würde. Aber er wußte auch, daß er Alured de Ashby nicht leicht würde entwaffnen oder verwunden und damit retten können. Wenn sie einmal gegeneinander im Kampf standen, so galt es Leben gegen Leben, bis der eine oder der andere erschlagen war. Auch konnte er sich nicht nur verteidigen und seinen Gegner schonen; denn für ihn als Angeklagten war nicht der Tod allein, sondern Entehrung die notwendige Folge des Besiegtseins. Nein! Mit eigner Hand mußte er sein Glück zerstören, die süßesten Bande des Herzens zerreißen und sich zu lebenslänglicher Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit verurteilen.
Inzwischen hatte sich Heinrich mit seinem Sohn besprochen, und der König wandte sich nun zuerst gegen den Ankläger und dann gegen den Angeklagten und sagte; »Meine Lords, wir wollen den nächsten Montag zur Entscheidung dieser Sache durch die Waffen bestimmen. Der Platz soll die Schießstatt am Ufer des Trent unterhalb der Brücke sein. Wir wollen Sorge tragen, daß ordentliche Schranken errichtet werden, und verpflichten Euch beide, bis zum Tage des Kampfes miteinander Frieden zu halten und in ruhiger Freundschaft zu leben, wie edle Ritter tun mögen, wenn auch tödlicher Streit zwischen ihnen obwaltet, der nachmals entschieden werden soll.«
Nach diesen Worten schickte sich der König an, die Halle zu verlassen; Edward aber blieb noch einen Augenblick stehen und faßte Hugh de Monthermer bei der Hand. »Ich beklage es zutiefst, Hugh«, sagte er, »daß durch traurige Mißverständnisse - ja, und durch eine gewissenlose Handlungsweise von Seiten einiger Gentlemen dieses Hofes«, fuhr er laut fort, »eine ungerechte Anklage seinerzeit gegen Euch erhoben worden ist, aus der dann zum Teil diese zweite Anschuldigung entsprang. Von der ersten Anklage habt Ihr Euch gereinigt; von der zweiten werdet Ihr, das weiß ich, Euch ebenfalls reinigen, wie es Euch geziemt. Inzwischen seid Ihr mein Gast; einer der Türme auf dem untern Wall ist für Euch und Eure Leute in Bereitschaft gesetzt. Da der Tag für diesen Kampf etwas bald angesetzt ist, steht Euch mein Waffenmeister zu Gebot, um Euch mit allem zu versehen, dessen Ihr bedürfen mögt; denn Eure Wohnung ist zu entfernt, um von dort Harnisch und Waffen holen zu lassen. - Wir kennen diesen tapferen Grafen zu gut«, fuhr er, sich gegen Alured de Ashby wendend, fort, »um nicht überzeugt zu sein, daß sein Gegner in den Schranken jede Vorsicht und Verteidigungsmaßregel anwenden muß, die das Gesetz der Waffen gestattet.«
Alured lächelte stolz und folgte dem König, der nun mit seinem Sohn und den übrigen Hofleuten die Halle verließ, in deren Mitte Hugh de Monthermer mit seinen Begleitern stehenblieb, wenig beachtend, was um ihn vorging, ganz versunken in seine trüben Gedanken.
»Mein Lord, ich habe den Auftrag, Euch Eure Gemächer anzuweisen«, sagte ein Diener, der sich ihm ehrerbietig genähert hatte. »Der Turm ist sehr bequem, aber die Ställe sind nicht ebensogut, und Ihr müßt sechs von Euern Pferden in der Stadt einstellen. Hierher, mein Lord, wenn es Euch beliebt.«
Hugh de Monthermer folgte ihm schweigend, und so führte ihn der Mann über den Hof nach einem der Türme, der auf einem abgesonderten Gebäude stand, nur durch die Wälle mit dem übrigen Schloß verbunden.
»Dies, Sir«, sagte der Diener, mit ihm eintretend, »ist der Raum für Eure Leute, die von des Königs Vögten mit allem Nötigen versehen werden. Dort sind zwei Schlafzimmer, und hier ist ein Gemach für den tapferen Ritter Sir John Hardy. Jetzt diese Treppe hinauf, mein Lord: Hier ist ein leeres Zimmer für Euch, Eure Waffen aufzustellen und nachzusehen, ob alles für Mann und Roß recht imstande ist. Hier ein Pflock für Euren Hut und Helm, hier Ständer für Eure Lanzen, hier ein Haken für Euren Schild und ein Block für den Harnisch und die übrige Rüstung. Dort ist das Vorzimmer, mein Lord, mit Rollbetten für einen Yeoman und einen Pagen. Diese Tür führt durch den Wall direkt zu den Gemächern des Prinzen und diese zu Eurem Schlafzimmer.«
Dann entfernte sich der Diener mit dem Versprechen, des jungen Ritters Leute zu schicken und ihnen zu zeigen, wo sie ihre Pferde einstellen sollten.
»Faßt Euch, mein Lord«, sagte Sir John Hardy. »Das ist freilich ein bitterer Wechsel des Gegners, aber nun es so ist, läßt es sich nicht mehr ändern, und Ihr müßt Eure Schuldigkeit tun gegen diesen Grafen, der selbst sein Schicksal auf sein Haupt herabbeschwört.«
»Ich glaubte ihn zweihundert Meilen entfernt«, erwiderte Hugh. »Aber wie Ihr sagt: Ich muß meine Schuldigkeit tun. Sorgt für alles Erforderliche, Sir John, denn ich habe kein Herz dazu. Ein guter einfacher Harnisch ist alles, was ich verlange; das Pferd, das mich hierhergetragen, wird es so gut tun als ein anderes.«
»Nein, mein Lord, Ihr dürft nicht zu hastig sein«, sagte der alte Ritter ermahnend. »Es könnte sonst ein Unglück eintreten.«
»Das schlimmste Unglück tritt so oder so ein«, versetzte Hugh de Monthermer mit einer resignierenden Handbewegung. »Ich kann in diesem Augenblick nichts bedenken und nichts besprechen und will mich in mein Zimmer begeben. Wenn jemand kommen sollte, sagt, ich sei beschäftigt - bin ich doch beschäftigt genug mit finsteren Grübeleien!«
Er begab sich in das ihm angewiesene Schlafzimmer, und sich in einen Sessel werfend, stützte er die Arme auf den Tisch und bedeckte die Augen mit den Händen.
Die ihm gegönnte Frist war kurz - nur drei Tage -, so daß keine Hoffnung war, vor dem zum Kampf anberaumten Zeitpunkt Beweise seiner Unschuld herbeizubringen. Er konnte zwar in den Wald schicken, konnte selbst Nachforschungen anstellen, wenn er wollte - aber Robin Hood hatte ihm ausdrücklich erklärt, daß die Beweise gegen Richard de Ashby frühestens in acht Tagen vorgebracht werden konnten, und seine eigene Ungeduld, sich von der Anklage zu reinigen, hatte ihn viel früher an den Hof geführt, als seine Freunde im Wald gutgeheißen hatten. So blieb ihm nichts übrig, als den Kampf auszutragen, sollte darüber auch sein Glück zerstört werden.
Die Tür ihm gegenüber wurde langsam geöffnet, und Prinz Edward trat ein. »Ich habe gepocht«, sagte er, »aber Ihr habt nicht geantwortet.«
»Verzeiht mir, Edward«, erwiderte Hugh aufstehend. »Meine Gedanken waren so beschäftigt, daß ich nichts hörte. Aber Ihr wißt, Eure Gegenwart ist das einzige, was mich aufrichten kann.«
»Das ist in der Tat ein trauriger Handel«, sagte Edward, sich setzend. »Kommt, Hugh, und erzählt mir, wie alles gekommen ist.«
»Ich weiß es selbst nicht. Ihr müßt mehr Nachrichten haben als ich; denn hier ist das Komplott geschmiedet worden. Hier, an Eures Vaters Hof, wo sie es vor kurzer Zeit einzuleiten wußten, daß ich ohne Untersuchung, ungehört, ohne Verteidigung zum Tode verurteilt wurde - hier haben sie, als jenes fehlschlug, einen neuen Anschlag zu meinem Verderben ausgeheckt.«