Beinahe eine Minute lang hörte er keinen Laut, und er stand gerade im Begriff, noch einmal zu pochen, als ein durch die Ritzen scheinendes Licht zeigte, daß jemand kam. Rasch trat er einen Schritt zurück, und kurz darauf wurde die Tür mit langsamer Bedächtigkeit geöffnet, die schlecht zu des' jungen Ritters Ungeduld stimmte. Der Anblick jedoch, der sich ihm darbot, nachdem sich sein Auge an das herausfallende Licht gewöhnt hatte, überraschte ihn. In der Tür stand die schöne Kate Greenly und blickte ihn starr und finster an, voll starker, schmerzlicher Entschlossenheit.
»Kate Greenly«, rief Alured. »Was ist das? Ihr scheint krank?«
»Ich scheine, was ich bin, mein Lord«, versetzte das Mädchen.
»Aber ich bin froh, daß Ihr kommt. Eure Anwesenheit ist sehr erwünscht und nötig.«
»Wo ist meine Anwesenheit nötig, Kate?«
»Ich will es Euch zeigen, mein Lord, wenn Ihr mir folgen wollt«, erwiderte sie und schritt ihm voran die Treppe hinauf.
Auf dem ersten Absatz blieb der Graf stehen und fragte: »Ist Richard nicht liier?«
Kate gab ihm keine Antwort, sondern sagte nur auffordernd: »Hierher, mein Lord, hierher.«
Er muß krank sein, dachte der Graf, und sie ist auch krank, das ist klar.
Als sie den zweiten Treppenabsatz erreicht hatten, legte das Mädchen die Hand auf die Klinke einer rohen Tür von ungehobeltem Holz, wobei sie die Lampe so hielt, daß sie dem heraufsteigenden Ritter Licht gab. Dann öffnete sie die Tür, trat hinein und schritt voran zu dem schmalen Bett, neben dem eine Wachskerze brannte.
Alured folgte ihr und erblickte entsetzt das geisterhafte Angesicht eines Toten, der ausgestreckt dalag, Stechpalmenreiser auf seiner Brust.
»Himmel!« rief er. »Wer ist das?«
»Der Mörder Eures Vaters«, sagte Kate Greenly hart.
Alured de Ashby preßte erschüttert die Hände an die Schläfen. Ein Gefühl grimmigen Hasses loderte in seinem Herzen gegen den vor ihm liegenden Toten auf, vermischt mit Bangigkeit und Schmerz darüber, daß er selbst einen anderen des Mordes bezichtigt hatte.
»Der Mörder meines Vaters!« stieß er schließlich mühsam hervor. »Der Mörder meines Vaters! - Also ist Hugh de Monthermer unschuldig?«
»So unschuldig wie Ihr selbst! Dies ist einer von denen, die das Verbrechen verübt haben; aber es waren mehrere. Hier hegt nur der Mann, der den ersten Streich geführt hat. - Schaut her!« rief sie, und das Leintuch etwas zurückziehend, wies sie ihm die Wunde auf der Brust des Toten. »Hier traf Eures Vaters Schwert; denn der alte Mann starb tapfer und schickte wenigstens einen der Mörder vor seinen Richter!«
»Ja, ich erinnere mich«, versetzte Alured abwesend, »man fand sein Schwert entblößt und blutig. - Aber wie kommt es, daß Ihr dies alles wißt?«
»Ich will es Euch sagen, Graf von Ashby: Weil ich in der Sterbestunde dieses Mannes sein Geständnis niederschrieb. Der Priester beschwor ihn, ein volles Bekenntnis der Wahrheit abzulegen, nicht nur in das Ohr des Beichtigers, sondern für das Ohr der Gerechtigkeit, damit nicht der Schuldlose statt des Schuldigen bestraft werde. Der Sterbende unterzeichnete es mit zitternder Hand, ich und Pater Markus waren die Zeugen dabei. Hier ist das Papier - lest es und überzeugt Euch. Nach dem Priester habe ich geschickt, er wird bald hier sein.«
Alured de Ashby nahm das Papier und las es bei dem Licht der Lampe, die ihm Kate Greenly hielt.
»Ich gestehe und bekenne öffentlich«, so lautete die Schrift, die genau die Worte des Sterbenden wiedergab, »daß ich, Ingelram Dighton, letzten Dienstag nachmittag mit drei anderen - nein, ich will ihre Namen nicht nennen -, die mit mir am Tage zuvor aus London gekommen waren, dem Grafen von Ashby auflauerten an einem Ort, genannt der Bullen-Weißdorn. Ich führte den ersten Streich auf ihn, verwundete ihn aber nur, worauf er sein Schwert zog und es mir in die Seite stieß, woran ich jetzt sterbe. Der Herr erbarme sich meiner! Ell..., aber nein, ich will seinen Namen nicht nennen! Ein anderer Mann erdolchte ihn hierauf von hinten, und wir warfen ihn in die Grube hinab. Der Lord Hugh de Monthermer hatte nichts mit der Sache zu schaffen. Wir bedienten uns seines Namens, weil die Person, die uns zu der Tat anstiftete, die Anklage auf ihn zu lenken wünschte. Deshalb ward ein Brief, als von ihm herrührend, geschrieben, worin der alte Graf ersucht wurde, an den Platz des Mordes zu kommen. Aber Hugh de Monthermer hat den Brief weder geschrieben noch davon gewußt. Ich habe besagten Monthermer nie in meinem Leben gesehen oder gesprochen, sondern hörte nur an jenem Morgen, er sei aus dem Gefängnis entflohen. Dies ist mir, der ich im Sterben liege, vorgelesen worden im Hause des Sir Richard de Ashby, und ich schwöre bei dem heiligen Sakrament und allen Heiligen, daß es wahr ist.«
Es war mit zitternder Hand unterzeichnet, und weiter unten standen die Unterschriften der Kate Greenly und des Priesters als Zeugen.
Der junge Graf las mehrmals die Schrift. Dann, finster das Mädchen anblickend, fragte er: »Warum habt Ihr das nicht früher vorgebracht?«
»Aus vielen Gründen«, antwortete Kate Greenly ruhig. »Erstens, weil ich nicht die Mittel dazu hatte. Meint Ihr, der grausame und tückische Bösewicht, in dessen Hände ich gefallen bin, läßt mich umherstreifen, wie ich will? Nur in seiner Abwesenheit darf ich wagen, das Haus zu verlassen. Sodann: Ihr wart in Lindwell. Ferner wünschte ich, ehe ich dies vorbrächte, das Ganze in meiner Hand zu haben, um imstande zu sein, nicht nur zu sagen: ,Dieser Mann ist unschuldig', sondern auch: Jener ist der Schuldige!' Ich erkläre Euch, Graf, ich würde Euch auch jetzt noch nichts gesagt haben, wenn Ihr nicht im Begriff wärt, Euer Leben bei einer falschen Anklage aufs Spiel zu setzen oder auf Euer Haupt die Schuld zu laden, einen anderen zu töten für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat. Nachdem Ihr nun so viel wißt, ist es Eure Pflicht, den Anstifter dieses Mordes zu entdecken; denn der hier liegt und seine Mittäter waren bloß die Werkzeuge. Ich bin bereit, alles, was ich weiß, zu sagen, zu geeigneter Zeit und am passenden Ort. Aber Ihr dürft weder zu rasch noch zu langsam verfahren; denn wenn Ihr zu langsam zu Werke geht, werde ich nicht mehr hier sein - meine Tage sind gezählt und verrinnen schnell -, und wenn Ihr zu hastig seid, so wird Euch der Schuldige entkommen.«
»Und wer ist der Schuldige?« fragte Alured de Ashby erregt. „Nenne ihn, Mädchen, ich beschwöre dich, nenne ihn.«
»Ihr fragt mich, wer der Mann ist? Ich will nicht seine Anklägerin werden, als bis alle anderen Mittel versagen; denn ich darf nicht Anklägerin und Zeugin zugleich sein. Ihr habt jetzt den Faden in der Hand; macht davon mit Klugheit und Festigkeit Gebrauch und Ihr werdet bald alles entdecken, was Ihr zu erfahren wünscht!«
Der Graf schaute ihr eine Minute mit forschendem Blick ins Gesicht; dann trat er näher an das Bett.
»Gebt mir die Lampe«, sagte er, und sie ihr aus der Hand nehmend, beugte er sich zu dem Toten nieder und betrachtete ihn aufmerksam, als wolle er sich jeden Zug auf ewig einprägen. Sich wieder zu seiner vollen Höhe aufrichtend, murmelte er vor sich hin: »Ich habe dies Gesicht schon gesehen, obgleich ich nicht sagen kann, wo. Aber die Erinnerung wird mir wiederkommen. - Wer hat ihn hierhergebracht, um da zu sterben?«
»Die ihn von hier wegführten, um zu morden.«
»Hattest du ihn schon vorher gesehen?«
»Zweimal.«
»Horch! Da ertönt die Nachtglocke«, unterbrach der Graf seine Erkundigungen. »Ich muß fort!«
»Bleibt, bis der Priester kommt!« rief Kate lebhaft. »Er wird bald dasein.«
»Ich kann nicht«, wehrte Alured de Ashby ab. »Man erwartet mich gerade jetzt im Schloß. Aber fürchte nicht, daß ich diese Angelegenheit vergessen werde. Ich will die Wahrheit herausbringen, ruhig, kaltblütig und vorsichtig.«
»So geht denn!« sagte Kate. »Sagt mir nur noch... Aber nein, Ihr könnt ja nicht im Traum daran denken! Ihr habt doch nicht im Sinn, mit den Waffen in der Hand einem unschuldigen, untadeligen Mann entgegenzutreten auf eine falsche, ruchlose Anklage hin? Versprecht es mir!«