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»Ich kann kein Versprechen leisten!« erwiderte Alured gequält.

»Dann fordere ich von Euch: Händigt dies Papier dem Prinzen Edward aus, volle zwölf Stunden, bevor Ihr Euch auf den Kampfplatz begebt. Dies müßt Ihr mir versprechen, oder ich selbst gehe und werfe mich...«

»Ich habe kein Recht, das zu verweigern«, unterbrach Alured sie. »Bei meiner Ehre als Ritter, der Prinz soll das Papier haben. Seid Ihr bereit, zu beweisen, daß es echt ist?«

»Ich bin dazu bereit. Wenn sie aber inzwischen den Leichnam wegbringen wollen?«

»Laßt sie nur; sie sollen bewacht werden!« Damit verließ er das Zimmer, stieg langsam die Treppe hinunter, und Kate Greenly leuchtete ihm hinab. Er ging in trübem Nachdenken, mit einem Herzen voll Düsterheit und Beklemmung. Aber er fühlte plötzlich eine weichere Regung in sich aufsteigen, und als er die Haustür erreicht hatte, wandte er sich um, ergriff die Hand der unglücklichen Kate und sagte: »Armes Mädchen, es tut mir leid um dich! Kann ich nichts tun, dich zu retten?«

»Nichts, mein Lord!« antwortete Kate Greenly ruhig und fest. 

XXXVIII

DER KÖNIG sitzt schon beim Abendessen, mein Lord«, sagte einer der Diener, als Alured de Ashby das Schloß betrat. »Es ist jedoch ein Platz für Euch vorbehalten worden.« »In der Nähe des Prinzen?« fragte Alured. »Nein, mein Lord, der Prinz ist fort. Wußtet Ihr das nicht?« »Fort?« rief der junge Ritter. »Fort? Wohin?« »Nach Leicester, mein Lord«, sagte der Diener. »Vor noch nicht einer halben Stunde brach er auf.«

»Wie? Er soll doch übermorgen Kampfrichter sein!« rief der Graf überrascht und mit sichtlichem Verdruß.

»Ich hörte ihn dem König sagen, mein Lord«, versetzte der Diener, »daß er morgen vor Sonnenuntergang zurück sein will.«

»Das ist leidig«, murmelte Alured, »das ist höchst leidig, aber es läßt sich nicht ändern!« Nachdem er seinen Anzug etwas hergerichtet hatte, eilte er in den Saal. Sobald er dort erschien, grüßte ihn Heinrich leutselig und sagte: »Ihr kommt spät zum Bankett, edler Graf, aber wir verzeihen Euch, da wir nicht zweifeln, daß Euch irgendeine schöne Lady in Ketten süßer Tändelei gehalten, die sich nicht zerreißen ließen.«

»Nein, Sire«, versetzte Alured de Ashby ernst. »Mein Herz ist zu voll von anderen Dingen, um an Leichtfertigkeiten zu denken. Ich war bei einem befreundeten Kranken und achtete nicht auf die Zeit, wie trübselig sie auch verfloß.«

»Kranke Freunde sind eine so gute Entschuldigung wie eine schöne Lady«, sagte der König, »und eine solche, die zu jeder Zeit geltend gemacht werden darf.«

»Ich denke, Sire«, mischte sich Mortimer ein, der in der Nähe saß, »weder eine schöne Lady noch ein kranker Freund können die Säumnis auch nur eines Augenblicks entschuldigen am Tage der Schlacht oder auch selbst am Tage eines Turniers.«

»Ein hohes Problem der Ritterschaft«, versetzte der König. »Laßt einen unserer alten Ritter es entscheiden. - Was sagt Ihr, Sir John Hardy?« 

»Daß die Sache schon oft entschieden worden ist, Sire«, ließ sich der alte Kämpe, der etwas weiter unten am Tisch seinen Sitz hatte, vernehmen. Er sprach mit ernstem Bedacht von der Sache, da sie ihn überaus wichtig dünkte. »Keine Entschuldigung auf der Welt kann angenommen werden von dem Mann, der eines Herausforderers Schild berührt, eines Anklägers Handschuh aufgenommen oder seines Fürsten Befehl erhalten hat, sich zum Kampf zu rüsten, falls er über eine Viertelstunde nach der festgesetzten Zeit säumt. Diese Frist ist gegeben für einen etwaigen Zufall oder wenn die Leute über die Zeit verschiedener Meinung sein sollten. So mögen denn die Trompeten dreimal schmettern und dazwischen jedesmal fünf Minuten verfließen. Wer aber beim dritten Blasen nicht erscheint, ist eine Memme und ein Nichtswürdiger nach dem Urteil aller Menschen und kann nichts zu seiner Entschuldigung anführen, es sei denn den Befehl seines Fürsten und Oberherrn.«

»Die Ehre eines Ritters«, fügte ein anderer alter Ritter in strengem und etwas pedantischem Ton hinzu, »soll so glänzend sein wie sein Schild, so rein und schneidend wie sein Schwert und so scharf und stet wie seine Lanze. Was er einmal gesagt hat, das muß er behaupten bis in den Tod; denn welche Gründe auch vorhanden sein mögen, zurückzutreten - ein Verdacht wird immer haftenbleiben an seinem Mut, wenn er nur einen Augenblick zögert, einen Feind im Felde zu treffen.«

Hugh de Monthermers Gesicht blieb blaß und unbewegt, aber Alured de Ashbys Wangen röteten sich, als wäre jedes Wort, das er hörte, Feuer. So bald als möglich verließ er nach dem Bankett den Saal und suchte mit hastigen, ungleichen Schritten seine Zimmer auf.

Er traf die Schwertfeger noch bei ihrem Geschäft, als er durch das äußere Zimmer schritt, und bei der Bank stehenbleibend, wo sie arbeiteten, starrte er auf die Waffen unter ihren Händen mit einem abwesenden Blick. Dann plötzlich auffahrend und die Faust ballend, sagte er: »Sorgt, daß alles fest und stark ist, Mapleton, aber nicht zu schwer.«

»Seid ohne Sorge, mein Lord«, versetzte der Schwertfeger eifrig. »Es gab nie einen besseren Stahl auf der Welt, und diese neue Art von Schienen sind eine kostbare Erfindung zum Schutze der Knie und der Ellenbogen. Ich habe auch einen Ringkragen gefertigt, mein Lord, für Euern Hals. Ich weiß, Ihr liebt das nicht, aber es ist viel sicherer, wenn Ihr ihn tragen wollt, obgleich allerdings das schmucke Aussehen des Harnischs, man muß es gestehen, dadurch leidet. Aber sehr oft hab' ich gesehen, daß gerade ein auf den Hals gezielter Lanzenstoß einen Ritter tötete oder kampfunfähig machte. Auch ist es, wie ich höre, ein Kunststück des Lords Hugh, nach dem Halse zu stoßen.«

Alured de Ashby hatte dem Mann schon eine Weile nicht mehr zugehört. Mit gerunzelter Stirn, die Augen auf die Waffen geheftet, stand er da, bis der Waffenschmied verstummte und ihm ins Gesicht schaute. Da wandte er sich weg und verließ das Zimmer ohne eine Antwort. In seinem eigenen Gemach angekommen, schloß er die Tür hinter sich, und beinahe zwei Stunden lang konnte man die Schritte des Aufundabgehenden hören. Manchmal setzten sie ein paar Minuten aus, aber immer ertönten die schweren Tritte wieder von neuem.

Die Gedanken stürmten auf ihn ein: Fechten müssen in einer ungerechten Streitsache! Feierlich den Himmel anrufen zum Zeugen der Gerechtigkeit dieser Sache, und sich bewußt sein, daß sie ungerecht ist! Eine fürchterliche Aussicht! Und doch: Die erhobene Anklage zurücknehmen? Anerkennen, daß er sich geirrt habe? Gestehen, daß er unbesonnen und schwach gewesen? - Das alles widerstrebte seinem eifersüchtigen Stolz und seiner reizbaren Eitelkeit.

Zudem fürchtete er den Verlust seines Rufes; denn die starren Gesetze der Ritterschaft hinderten ihn, den Weg der Vernunft und des Rechts einzuschlagen. Es schien ihm, als wenn während des Banketts die zwei alten Ritter zu Gericht gesessen hätten über seine Streitsache. Sie hatten ihren Spruch gefällt zugunsten jener phantastischen Ehre, die sich mehr auf persönlichen Mut als auf die Wahrheit gründete. Guter Himmel! Wenn die Welt argwöhnte, er scheue sich, dem von ihm angeklagten Mann mit den Waffen entgegenzutreten! Er malte sich tausend eingebildete Beschimpfungen aus, sah, wie Ritter sich weigerten, eine Lanze zu brechen, mit ihm, der vor einem von ihm selbst verlangten gerichtlichen Zweikampf zurückgetreten war; sah Damen verächtlich lächelnd sich von ihm abwenden. Er konnte und wollte nicht als Feigling dastehen! Und doch mahnte sein Gewissen, und die Worte der Kate Greenly klangen in seinem Ohr.

»Die Pest über das Mädchen!« rief er plötzlich aus. »Daß sie mir solche Gedanken in den Kopf setzen mußte! Sie werden mich lähmen in der Stunde des Kampfes. Ach was, mancher Mann hat schon gelochten für eine ungerechte Sache - ja, und mancher ist auch gefallen. - Aber die Anklage zurücknehmen? Unmöglich! Meine einzige Hoffnung beruht auf dem Prinzen; vielleicht kann er der Sache Einhalt tun. Wäre er hier, würde ich ihm das Papier sofort übergeben! Doch ich darf ja nicht einmal Verlangen zeigen, die Anklage zu widerrufen. Fluch über meine übereilte Hast, aber noch ärgeren Fluch über diesen Verräter Richard, der mich drängte! Wenn ich wüßte, daß er den Mord begangen, ich wollte ihm das Herz aus dem Leibe reißen und es noch zuckend in den Staub treten! - Dieser niederträchtige Schurke! Und mein Vater war so gütig gegen ihn!«