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Gegen Morgen fiel Alured de Ashby endlich in einen tiefen Schlaf, der mehrere Stunden währte und aus dem er erfrischt und gefaßter, aber doch noch völlig ratlos erwachte.

Im Laufe des Vormittags kamen verschiedene seiner Diener, die die ganze Nacht auf seinen Befehl hin fort gewesen waren, zurück, um ihm Bericht zu erstatten. Sie meldeten, daß sie, obgleich sie beständig an dem ihnen bezeichneten Ort Wache gehalten, doch niemand hätten aus dem Hause gehen sehen als einen Priester. Hierauf schickte Alured nach einigen alten Dienstleuten seiner Familie, die in Lindwell gewesen, als sein Vater ermordet worden war, und befragte sie nach ihrer Ankunft aufs genaueste über viele Dinge. Darauf sagte er seinen Leuten, er wolle sich zu seiner Schwester begeben. Aber als er den Fuß der Treppe erreichte, blieb er stehen, kehrte wieder um und schritt eine halbe Stunde im Schloßhof auf und ab.

Sein nächstes Vornehmen war, daß er plötzlich sein Pferd bestellte und sich auf den Weg nach Leicester machte. Auf halbem Wege dorthin lenkte er jedoch sein Roß um und erreichte die Tore von Nottingham gerade mit Einbruch der Nacht. Der Torwächter der Stadt sagte ihm auf seine Erkundigung, der Prinz sei noch nicht zurück, aber ein Bote von ihm sei vor einer Stunde angelangt, und das Gerücht gehe, Edward werde vor dem folgenden Morgen nicht zurückkommen.

Alured schüttelte heftig den Zaum seines Rosses und sprengte aufs Schloß hinauf. Ehe er es jedoch erreicht hatte, war die Anwandlung zürnender Ungeduld vorüber, und nachdem er abgestiegen, begab er sich sogleich nach den Gemächern des Prinzen, schickte einen Pagen hinein und ließ sagen, er wünsche Lady Lucy zu besuchen. Er wurde sofort in ihr Zimmer geführt, wo der Anblick ihres schönen Gesichts, das deutliche Spuren von Tränen aufwies und tiefen, untröstlichen Kummer ausdrückte, seine Vorsätze wieder erschütterte und die Bitterkeit seiner Gefühle noch erhöhte. 

Alured küßte sie zärtlich, aber er merkte, daß sie, obgleich sie nicht ein Wort des Vorwurfs äußerte, doch vor ihm zurückbebte, und das war Vorwurf genug. Auf sein Verlangen schickte sie ihre Mädchen aus dem Zimmer. Er setzte sich neben sie, ergriff ihre Hand und sagte: »Lucy, ich bin gekommen, dich - vielleicht zum letztenmal zu sehen!« 

Sie schlug die Augen nieder und antwortete nicht, und er fuhr fort: »Es gebührt sich nicht, Lucy, daß wir mit auch nur einem Gefühl von Kälte und Verstimmung zwischen uns scheiden. Ich komme, dich um Vergebung zu bitten wegen aller Schmerzen, die ich dir in meinem Leben verursacht haben mag.«

»Ach, Alured!« rief Lucy. »Das Schlimmste kann noch vermieden werden! Aber ich kenne zu gut dein eigenwilliges Herz, als daß ich Hoffnung hätte. Du mußt notwendig fühlen, wie entsetzlich es für mich ist, meinen Bruder und meinen Verlobten sich in den Schranken begegnen zu sehen, aus denen einer von beiden tot weggetragen werden muß. Du weißt wohl, Alured, daß für mich der Jammer der gleiche ist, welcher von beiden auch Sieger bleibe. Wenn Hugh de Monthermer besiegt wird, so ist mein Bruder der Mörder meines Geliebten. - Ja, der Mörder, Alured«, fuhr sie feierlich fort, »denn im Grunde deines Herzens hältst du ihn für unschuldig. Solltest du aber durch Hugh de Monthermers Lanze fallen, so wird der Mann, den ich hebe, der Schlächter meines Bruders, und ich kann ihn nie wieder...«

»Halt, Lucy«, unterbrach sie Alured hastig. »Eben deswegen bin ich zu dir gekommen. Ich habe viele bittere Gedanken und gebe zu, Hugh de Monthermer kann unschuldig sein. Wenn ich also morgen in den Schranken falle, so laß mein Blut über mein eigenes Haupt kommen. Betrachte ihn als unschuldig an meinem Tode und heirate ihn, als hätte Alured de Ashby nie gelebt.«

»Das kann nie geschehen«, sagte Lucy trostlos.

»Ja, aber es muß und wird geschehen!« versetzte ihr Bruder. »Ich will dir nicht in meiner Todesstunde Leid und Jammer bereiten. Hier habe ich in kurzen Worten meinen Entschluß aufgesetzt. Lies, Lucy. - Aber deine Augen sind trüb von Tränen, so will ich es lesen. Hör zu! ,Ich, Alured de Ashby, im Begriff zu kämpfen mit Lord Hugh de Montliermer, dem die Hand meiner Schwester zugesagt war von meinem Vater vor seinem Tode, gebe hiermit, nachdem ich neuestens einigen Grund gefunden, an der Wahrheit der Anklage zu zweifeln, die ich gegen besagten Lord erhoben, meine Einwilligung zu der Vermählung meiner Schwester mit Hugh de Monthermer, falls er einmal klar beweisen kann, daß er an der Tat unschuldig ist. Ich bitte meine Schwester, beschwöre und ermahne sie, in diesem Fall ihre Hand dem Lord Hugh de Monthermer zu geben, was auch zwischen ihm und mir vorgefallen sein mag.' - Da, Mädchen, bewahre dies Papier und mach davon Gebrauch. Bist du zufrieden?«

»Zufrieden, Alured?« sagte Lucy, ihn vorwurfsvoll anblickend. »Zufrieden? Glaubst du, ich könnte zufrieden sein, wenn ich weiß, daß entweder er oder du sterben mußt? Was du aus der einen Waagschale nimmst, wirfst du in die andere. Du sagst hier, du zweifelst jetzt an seiner Schuld. Warum nicht kühn und frei diesen Zweifel aussprechen? Warum nicht...«

»Meine Ehre, Kind - meine Ehre und mein Ruf!« - rief Alured de Ashby. »Aber du wirst mich zu weich machen, Lucy. Da, übergib dies versiegelte Paket dem Prinzen, sobald er zurückkommt.« 

»Vielleicht ist er schon zurück«, sagte Lucy. »Die Prinzessin hat mir gesagt, er würde vor Einbruch der Nacht hier sein.« 

»Er hat seinen Vorsatz geändert und wird erst morgen in Nottingham eintreffen.« 

»Ach, das ist ein unglücklicher Zufall!« rief Lucy.

»Es läßt sich nicht ändern. Aber gib das Päckchen dem Prinzen, sobald er kommt. Sag ihm, es seien darin die Beweise enthalten, welche mich in jüngster Zeit an der Gerechtigkeit meiner Anklage gegen Monthermer zweifeln gemacht haben. Er muß handeln, wie es ihm in Anbetracht derselben geeignet erscheint. - Und jetzt, Mädchen, lebe wohl!«

»Nein, Alured!« rief sie, ihn zurückhaltend. »Höre noch ein Wort von mir! Wenn du so voller Zweifel bist, wie kannst du da schwören, daß...«

»Still!« erwiderte er. »Ich bin jetzt unabänderlich entschlossen. Ich darf nicht dem Kampf ausweichen, darf nicht meinen Ruf beflecken, nicht den Namen eines Feiglings auf mich laden. Lebe wohl, Lucy - kein Wort weiter!« Sie zärtlich küssend, machte er sich von ihr los und verließ das Zimmer.

Einen Augenblick bedeckte Lucy ihre Augen mit den Händen und weinte; gleich darauf aber faßte sie sich und rief: »Ich will zu Hugh gehen und ihn bitten! Er ist weichherziger, er hat mehr Vertrauen zu seinem Ruf, er wird keinen gehässigen Verdacht fürchten! Ich will zu ihm. - Aber erst zu der Prinzessin mit diesem Päckchen. Sie muß es dem Prinzen übergeben. Und dann zu Hugh. Er hat mir selbst gesagt, in sieben Tagen könne er seine Unschuld beweisen. - Er wird es tun.« Rasch eilte sie in Eleonores Zimmer, die sie diesmal allein traf.

Sie war zu aufgeregt, um die höfischen Zeremonien zu beachten, und näherte sich ohne Umstände der Prinzessin, die überrascht aufblickte.

»Was ist, meine arme Lucy?« fragte sie mit zärtlicher Teilnahme. »Nach Eurer Miene scheint sich mit dem Kummer ein erfreulicher Gedanke zu mischen!«

»Weil ich Hoffnung habe!« versetzte Lucy, sich auf das Polster zu Füßen Eleonores kniend. Hastig erzählte sie alles, was zwischen ihr und ihrem Bruder vorgegangen. Dann händigte sie Eleonore das Päckchen ein und sagte: »Es wird gewiß Hughs Unschuld beweisen. Aber der Prinz ist abwesend, und ich fürchte, Ihr werdet es nicht öffnen wollen.«