»Dann hätte er sie nicht erheben sollen!« Richard de Ashby lachte höhnisch. »Was habe ich damit zu schaffen?«
»Nichts vielleicht«, versetzte Guy de Margan. »Aber er ist nicht gut zu sprechen auf die, deren Angaben ihn verleiteten, die Anklage vorzubringen. Ich fand das an mir selbst bestätigt, als ich gestern nacht bei ihm saß. Er war auffallend unhöflich gegen mich. Ihr aber seid der erste auf dieser Liste, Dickon!«
»Ach was!« rief der andere. »Laßt ihn nur morgen in den Schranken siegen, und der Stolz darauf wird machen, daß er uns alle wieder freundlich ansieht. Ich kenne Alured! Wenn das alles ist...«
»Es ist nicht alles!« unterbrach ihn Guy de Margan unwillig. »Während ich bei ihm saß, kam ein altes Weib - ein runzliges altes Weib, wie mir die Diener nachher sagten - aufs Schloß, um ihn in Euer Haus zu rufen, mit einer Botschaft von Euch ...«
»Von mir? Ich war weit weg«, rief Richard de Ashby. »Ging er hin?« fragte er erregt.
»Ja, und das unverzüglich. Ith ging mit ihm hinab und sah ihn in das Haus hineingehen.«
»In der Hölle Namen, warum hieltet Ihr ihn nicht zurück?« schrie Richard de Ashby. »Ein altes Weib! Ich habe kein altes Weib dort!«
»Vielleicht ging er, um das junge zu besuchen, das Ihr dort habt«, sagte Guy de Margan scheinbar gleichgültig.
»Fluch ihr, wenn sie ...«, rief Richard de Ashby, hielt aber plötzlich inne, ohne den Satz zu beenden.
»Ja«, fuhr Guy de Margan mit demselben erkünstelt gleichgültiger« Ton fort, »er trat in das Haus und blieb über eine Stunde darin; denn ich sah ihn zurückkommen. Später sprach ich mit seinem Knappen Peter, der mir erzählte, er sei die ganze Nacht aufgeregt gewesen und habe ein Papier, das er aus Eurem Hause mitgebracht, sorgfältig gesiegelt. - Habt acht, Dickon!«
Sie waren jBtzt zu einer steilen Treppe gekommen, die einen felsigen Abhang hinabführte. Richard de Ashby, oben stehenbleibend, hieß die Pferde unten herumführen, während er und Guy de Margan den kürzeren Weg einschlugen. Er sagte nichts, bis sie unten an der Treppe angekommen waren; hier aber blieb er plötzlich stehen, ergriff hastig seines Begleiters Arm und schaute ihm forschend ins Gesicht.
»Was meint Ihr damit, Guy de Margan?« fragte er. »Entweder Ihr wißt etwas, oder Ihr argwöhnt mehr, als Ihr sagt.«
»Ich weiß nichts«, versetzte Guy de Margan, »und ich wünsche nichts zu wissen, mein guter Freund. So sagt mir denn auch nichts. Was ich vermute, ist eine andere Sache. Aber jetzt hört mich an: Der Tod Hugh de Monthermers würde mir gelegen kommen; der Tod des Grafen würde Euch, so habe ich Grund zu glauben, nicht gerade unerwünscht sein. Merkt deshalb auf meine Worte, Dickon! Wenn diese zwei Männer morgen fechten, so wird Euer Vetter Alured, zweifelnd an der Gerechtigkeit seiner Sache, von der Lanze Hugh de Monthermers fallen. Ihr denkt, das würde Euern Zwecken gut entsprechen, aber hierin täuscht Ihr Euch. Nichts wird Monthermer vermögen, dem Grafen das Leben zu nehmen, und da der Prinz Kampfrichter sein wird, wird er seinen Stab hinwerfen bei dem geringsten Vorwand. So könnten Eure Anschläge am Ende durchkreuzt werden, und wir beide würden vielleicht unsre Hoffnungen in letzter Minute vereitelt sehen. Aber noch etwas ist zu sagen: Ich wollte nicht, daß nur Eure Absichten gefördert würden und die meinigen nicht.«
»Aber, Guy de Margan«, rief Richard erbost. »Ihr glaubt doch nicht, daß ich zärtlich besorgt sei für Monthermers Leben?«
»Genausowenig wie ich für das Leben Alured de Ashbys«, antwortete de Margan. »Aber entweder sollen beide sterben oder beide leben, Richard de Ashby! Eures Vetters Gemüt ist jetzt in einer solchen Verfassung, daß nur drei Worte von mir, die seinen Verdacht auf einen anderen leiten, ihn bewegen würden, seine Anklage zurückzuziehen und dem, den er verleumdet hat, Genugtuung anzubieten. Ja, noch Schlimmeres kann die Folge sein. Deshalb, Richard de Ashby, kurz und bündig: Ich werde diesen Kampf verhindern, wenn Ihr mir nicht die Versicherung gebt, daß beide fallen!«
»Aber wie kann ich das?« fragte Richard de Ashby, ihn mit sichtlicher Unruhe anstarrend. »Wie kann ich für ein Ereignis bürgen, dessen Ausgang allein in der Hand des Schicksals steht?«
»In der Hand des Schicksals?« rief Guy de Margan mit Hohn. »Wenn man dich reden hört, sollte man glauben, du seiest so unschuldig wie ein Säugling. Bist du nicht morgen deines Vetters Kampfzeuge in den Schranken?«
»Ja, er hat so gesagt.«
»Dann belehre ihn, wie er seinen Gegner treffen muß. Sage ihm, er soll nicht auf Schild oder Helm zielen, sondern auf Schultern, Arm, Hals oder Hüfte, wo er nur den bloßen Harnisch sieht.«
»Alured versteht das besser«, sagte Richard ablehnend. »Er wird mit seiner Lanze gerade auf ihn losrennen, und dann wird das zäheste Holz, der festeste Sitz, die sicherste Hand, das schärfste Auge den Sieg verleihen!«
»Ja, aber sagt ihm«, versetzte Guy de Margan, leiser sprechend, »daß Ihr seine Zweifel kennt und daß es allein der Kampf zu Fuß ist, worin er hoffen kann, den Sieg davonzutragen. Fragt ihn, ob er je Hugh de Monthermer aus dem Sattel heben sah durch einen stracken Lanzenstoß, wer immer sein Gegner sein mochte. Aber zeigt ihm, daß, wenn er ihn auf der Seite trifft und ihn im Sattel wanken macht, er ihn ohne Zweifel zu Boden wird bringen können.«
»Was soll das alles?« fragte Richard ungeduldig. »Der eine oder der andere muß doch den Sieg davontragen.«
»Eben nicht!« rief Guy de Margan. »Ich will Euch ein Mittel sagen, das, wenn Ihr nur mit Sicherheit dafür sorgen könnt, daß die Spitze der Lanze Alured de Ashbys sich in Hugh de Monthermers Blut taucht, so gewiß den Tod herbeiführen soll, als wenn sie mitten durch sein Herz ginge; ein einfacher Kratz genügt! Als ich im Lande der alten Römer war - jetzt erfüllt von Mönchen und Tagedieben, die auf der Welt nichts zu tun haben als hinzusitzen und die Bauernmädchen zu verführen und die Mittel auszuhecken, sich ihrer Feinde zu entledigen -, gab mir ein Mann, der stets Sorge trug, daß niemand lange sein Feind war, ein Pulver von so köstlicher Tugend, daß es, entweder in einen Becher geworfen oder in eine frische Wunde gerieben, den elendesten Mann binnen einer halben Stunde von allen seinen Leiden kurieren kann - für immer!«
»Ich verstehe!« sagte Richard de Ashby. »Gebt mir das Pulver. Aber wie kann man es an der Spitze der Lanze anbringen, daß es während des Kampfes nicht weggewischt wird?«
»Mischt es mit einem feinen Öl, so hat es dieselbe Wirkung.«
»Das will ich«, versicherte Richard eifrig. »Direkt vor dem Treffen werde ich wie ein recht vorsichtiger Waffenzeuge und Pate mit einem dicken Handschuh die Spitze der Lanze befühlen, um mich zu versichern, ob alles in Ordnung ist, werde aber zuerst das Holz sorgfältig an meinem Knie erproben, nebst all den anderen scheinbaren Vorsichtsmaßregeln, die die in solchen Dingen Erfahrenen beobachten. Seid ohne Furcht, Alured wird gewiß auf irgendeine Weise Hugh de Monthermers Blut fließen machen. - Eine halbe Stunde, sagt Ihr? Wird Monthermer Kraft genug behalten, den Kampf zu Ende, ich meine zu einem glücklichen Ende für ihn, zu bringen?«
»Vollkommen«, versetzte Guy de Margan »denn bis zwei Minuten vor seinem Tode wird er so stark sein wie immer.«
»Gebt es mir!« rief Richard de Ashby und brach in ein lautes Gelächter aus, als wäre es der lustigste Spaß, der je gemacht worden.
Guy de Margan steckte die Hand in die gestickte Tasche, die er unter dem Arm trug, und holte ein winziges elfenbeinernes Büchs-chen hervor.
»Was? Ist das genug?« rief Richard, das Gift an sich nehmend.
»Genug, um mehr Menschen zu töten als bei Evesham fielen. Aber nehmt Euch beim Mischen wohl in acht! Vergeßt nicht: Ein Körndien, in den kleinsten Riß an Eurer Hand eingedrungen, schickt Euch vorzeitig an den Euch bestimmten Ort.«