»Ich möchte Euch nicht gern stören, Alured, aber da ich Euch auf den Kampfplatz begleiten soll, ist es notwendig, daß wir uns über unsere Vorkehrungen besprechen.«
»Ich habe keine Vorkehrungen zu machen«, schrie Alured de Ashby, den eine ohnmächtige Wut zu übermannen drohte. »Ich bin bereit zu fechten, das ist alles. Ich habe oft eine Lanze in der Hand gehabt und weiß sie zu handhaben!«
»Ihr werdet sie recht tüchtig handhaben, ich weiß das«, versetzte Richard ungerührt. »Dennoch ist wohl noch manches zwischen uns zu besprechen. Wenn man seinen Gegner vor sich in den Schranken kennt, so mag man wohl Überlegung und Geschicklichkeit aufbieten, um seine eigentümliche Art zu fechten, seinen Kunstgriff, seinen Kniff - nennt es, wie Ihr wollt - zuschanden zu machen. Nun habe ich Hugh de Monthermer oft eine Lanze brechen sehen, Ihr dagegen, glaube ich, nur einmal!«
»Ich traf mit ihm bei Evesham zusammen, das ist mir genug«, sagte Alured ungeduldig; »ich brauche weder Rat noch Beistand, mein Vetter, und überdies, da wir jetzt bei dieser Sache sind: Ihr begleitet mich nicht auf den Kampfplatz - ich werde mir einen anderen Kampfzeugen wählen! - Nein, nur keine unangebrachte Feinfühligkeit! Ich sage dir, Dickon: Dinge sind zu meiner Kenntnis gelangt, die dein Leben gefährden können. Benütze drum meinen Wink! Die Zeit ist kurz; denn sobald der Prinz zurückkommt, soll er mit allen Umständen bekannt gemacht werden!«
»Aber, Alured, erklärt mir doch...«, rief Richard de Ashby, fahl werdend.
»Es braucht keine Erklärung!« unterbrach ihn sein Vetter. »Ihr werdet genug hören, wenn Ihr wartet. Laßt Euer Gewissen Euren Ratgeber sein, zu bleiben oder zu fliehen. In jedem Fall verweilt nicht hier! Ich gehe für einen Augenblick weg, um Hugh de Monthermer die Hand zu schütteln, ehe ich ihm morgen mit der Lanze entgegentrete, und um ihm zu sagen, daß ich keinen Groll gegen ihn hege, obgleich die Ehre mich zwingt, mit den Waffen gegen ihn anzutreten. Ich möchte Euch hier nicht mehr treffen, wenn ich zurückkomme, und laßt mich Euer Gesicht auch nicht sehen morgen beim Kampf; denn es würde nur Unheil über mich bringen!«
Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er aus dem Zimmer. Richard de Ashby raufte sich in wütender Verzweiflung die Haare. »Dem Prinzen sagen?« rief er. »Den Namen Ashby für immer brandmarken? Mich auf den Block bringen? - Aber ich kann dafür sorgen«, fuhr er, sich plötzlich zusammennehmend, leise fort, »daß er das nimmermehr tun wird.« Sich ängstlich im Zimmer umsehend, zog er aus seiner Tasche das kleine Büchschen, das ihm Guy de Margan gegeben, näherte sich der Tür, die sein Vetter halb offengelassen, drückte sie sacht zu und trat dann an den Tisch zurück. Dort schüttete er etwas von dem weißen Pulver in den Trinkbecher Alured de Ashbys. Ein triumphierendes Grinsen verzerrte sein Gesicht, als er das Pulver in dem Wein sich auflösen sah.
»Er wird den Becher leeren, wenn er zurückkommt«, murmelte der Schurke vor sich hin. »Seine Geschichte muß er dem Prinzen Edward bald vortragen, oder seine Zunge dürfte ihm leicht den Dienst versagen! Ich glaube fast, er ist eine Memme und fürchtet sich, diesem Monthermer auf dem Kampfplatz zu begegnen. Aber bei mir sind jetzt Zweifel und Unentschlossenheit vorüber. Kate Greenly, die Reihe kommt an dich! - Sie ist bei dem Priester, ohne Zweifel. Ist ihre Zunge einmal zum Schweigen gebracht und bin ich Graf von Ashby - wer wird mich dann anzuklagen wagen? Oder wenn sie es auch tun - mögen sie! Ich will dann mein Banner auf den Mauern meines Schlosses entfalten und Edward Trotz bieten, bis ich mich durch eine glimpfliche Kapitulation gegen alle Untersuchung vergangener Dinge sicherstelle. Aber jetzt zu dem Mädchen - sie darf die Sonne nicht mehr aufgehen sehen!«
XL
»DER GRAF VON ASHBY, mein guter Lord, wünscht mit Euch zu sprechen«, meldete Thomas Blawket dem am Tisch schreibenden Hugh de Monthermer.
»Laßt ihn sogleich eintreten«, sagte Hugh. »Ist er allein?«
»Ganz allein, mein Lord«, antwortete Blawket und ging hinaus.
Die Aufwallung von Zorn, der sich Alured, gereizt durch seines Vetters Besuch, hingegeben hatte, war verschwunden, und er trat jetzt ernst, aber mit edlen Gefühlen in das Zimmer Hugh de Monthermers. Als er durch das Vorzimmer schritt, wo ein Page und einige Yeomen saßen, sah er sich um. Hugh de Monthermer, die Bedeutung dieses Blickes erratend, hieß Blawket, der Alured hereinführte, das äußere Zimmer zu räumen, so daß niemand ihr Gespräch hören könnte.
Alured trat sofort auf seinen Gegner zu und bot ihm die Hand. Hugh ergriff sie und drückte sie fest. Dann setzten sie sich einander gegenüber.
»Monthermer«, begann Alured de Ashby, »ich kann Euch morgen auf dem Kampfplatz nicht entgegentreten, was doch notwendig geschehen muß infolge meiner eigenen Übereilung, ohne Euch einige Worte zur Reinigung meines Gewissens und Erleichterung meines Herzens zu sagen. Als ich meine Anklage erhob, hatten mich tückische Männer verführt, Euch für schuldig zu halten. Seither jedoch haben Vernunft, Nachdenken und einige zufällige Entdeckungen mich dies bezweifeln gemacht.«
»Nur bezweifeln?« rief Hugh de Monthermer vorwurfsvoll.
»Nun wohl«, sagte Alured, »mich glauben gemacht, daß die Anklage falsch ist. Genügt Euch das?«
»Es muß«, versetzte Hugh de Monthermer. »Und so muß ich also annehmen, daß es allein die Furcht vor eitlem Spott ist, was Euch das Schwert ziehen macht gegen einen Freund; was Euch bewegt, zu bestehen auf - aber ich will keinen Ausdrude gebrauchen, der Euch wehe tun kann -, was Euch veranlaßt, Euer und mein Leben, das Glück Eurer Schwester und Eure eigne Gemütsruhe aufs Spiel zu setzen. Das alles aus Scheu vor nichtigem Hohn?«
»So ist es, Monthermer, so ist es!« sagte Alured de Ashby in traurigem, aber entschlossenem Ton. »Ich weiß alles, worauf Ihr Euch berufen könnt. Dennoch ist es unmöglich, daß ich, nachdem ich Euch zum Kampf gefordert, irgend etwas zurücknehme, ohne mir den Vorwurf der Feigheit zuzuziehen, der nie auf meinem Namen haften darf.«
Hugh stand von seinem Sitz auf und schritt zweimal die Länge des Zimmers ab. Dann schüttelte er mit einem bekümmerten, schmerzlichen Ausdrude den Kopf und sagte: »Ashby, Ihr habt unrecht! Aber ich darf kein Wort sagen, Euren Entschluß zu erschüttern. Wie Ihr es für das beste haltet, so müßt Ihr handeln. Ich betrete den Kampfplatz frei von Unrecht, betrübt, daß ich gezwungen bin, das Schwert zu ziehen gegen einen Mann, dem ich gern mit Freundschaft begegnen würde; bitter betrübt, daß, ob ich nun lebe oder sterbe, eine unverdiente Anklage Kummer über mich bringt. Aber, wie gesagt, ich will Euch nicht mit Gründen bestürmen, Euer Vorhaben zu ändern. Nur glaubt mir, Alured, daß mir der Gedanke, Euren Vater durch Wort und Tat zu verletzen, nie kommen konnte, daß ich an seinem Tode völlig unschuldig bin.«
»Ich glaube Euch, gewiß, ich glaube Euch«, sagte der junge Graf gequält.
»Gut denn«, fuhr Hugh fort. »Ich habe Euch einen Auftrag zu geben, Alured. Kein Mensch kann den Ausgang eines solchen Kampfes vorhersagen. Ich reite niedergedrückt von Sorge und Kummer in die Schranken; Eurer Schwester Liebe stumpft meine Lanze und überzieht mein Schwert mit Rost; Widerwille und Abscheu vor dem Kampf lasten schwer auf meinem Arm, und es ist möglich, daß ich, obgleich meine Sache die gerechte, die Eurige die schlechte ist, doch falle und Ihr Sieger bleibt. Wenn dies ist, so seid Ihr mir eine Pflicht der Gerechtigkeit schuldig, und ich fordere Euch auf, sie zu leisten und zu erfüllen: Verkündet mit Eurer eignen Stimme die Unschuld des Mannes, den Ihr erschlagen, sucht alle Beweise hervor, um zu zeigen, daß er nicht schuldig gewesen - und liefert die Mörder auf den Block, solltet Ihr sie auch in Eurem eigenen Hause finden!«