Alured bedeckte stumm die Augen mit der Hand; dann aber schaute er wieder auf und sagte: »Nein, nein! Ich werde fallen, Monthermer. Mein Tod durch Eure Lanze wird Euch von der Anklage reinigen, die ich gegen Euch erhoben, und Euch wird die Pflicht zufallen, die Mörder meines Vaters zu suchen und zu strafen.«
»Und Eure Schwester?« fragte Hugh de Monthermer.
»Ich habe sie gesehen und ihr meinen Willen erklärt. Hiervon nichts weiter. Nur vergeßt nicht, Monthermer, daß, wenn ich morgen Gott zum Zeugen anrufe, daß meine Sache gerecht ist, die Sache, die ich meine, nicht meine Anklage gegen Euch ist, sondern die Verteidigung meiner Ehre gegen den gehässigen Verdacht der Welt.«
Hugh sah ihn mit einem schmerzlichen Lächeln an. »Ach, Alured!« sagte er. »Ich fürchte, der Himmel wird diese Unterscheidung nicht sehen! Aber wenn es sein muß, sei es so! Und doch ist es höchst seltsam, daß zwei Männer, höchst ungeneigt, einander Leid und Unrecht zuzufügen, durch ein hastiges Wort verurteilt sein sollen, sich gegen ihr Gewissen hinzuschlachten!«
»Ja, so geht es in der Welt, Hugh«, sagte der Graf bekümmert. »Wir müssen eben unsere Pflicht tun als Ritter.«
Hugh de Monthermer dachte an die wahren Pflichten des Rittertums, und er konnte nicht umhin, zu denken, der bloße Name und Schein der Ehre gelte hier für wichtiger. Er äußerte darüber jedoch nichts; denn er wußte, daß Vorwürfe Alured nur reizen, nicht umstimmen würden. So sagte er nur: »Es ist mir schmerzlich, daß Ihr so gesinnt seid. Aber da Ihr dies alles veranlaßt habt, muß auch alles Euch anheimgestellt bleiben. Ich kann nur meine Unschuld verteidigen, so gut es mir möglich ist.«
Der Ton, in dem der junge Ritter sprach, seine Ruhe, Freundlichkeit und Zurückhaltung von aller Prahlerei rührten Alured de Ashbys Herz tief, und Hugh de Monthermers Hand in der seinigen pressend, sagte er: »Lebt wohl! Ich halte Euch für unschuldig von Grund meiner Seele, Monthermer, und wollte meine rechte Hand darum geben, daß einer von uns beiden heute nacht hundert Meilen weit von hier weg wäre!«
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer und kehrte in seine Wohnung zurück. Er hatte durch den Besuch bei seinem Gegner jenen besseren Gefühlen zu genügen gedacht, die unter dem Druck dunkler und schrecklicher Umstände in seinem Herzen aufgestiegen waren; er hatte seine Brust zu erleichtern gehofft von der Last, die darauf lag. Aber das Ergebnis war ein ganz anderes: Die Bitterkeit in seinem Herzen war verdoppelt; Kummer, Scham, Bangigkeit waren gesteigert, kein Wort und keine Miene des von ihm so schwer Gekränkten hatten ihm Veranlassung gegeben, das Gefühl der schmerzlichen Wehmut und Reue mit dem des Unmuts und Zorns zu vertauschen. Er fühlte sein Herz wild pochen, seine Augen brannten, der Kopf schmerzte ihn, und ehe er durch die Tür schritt, die in sein Zimmer führte, öffnete er sein Wams und ging einige Male im Schloßhof auf und ab.
Er wollte eben hineingehen, als eine andere Gestalt, von der Seite her kommend, wo seine Zimmer lagen, sich ihm näherte und ihm gleichsam den Weg vertrat. Es war Guy de Margan.
»Ich wünsche Euch guten Abend, mein Lord«, sagte er. »Ich wartete in Eurem Zimmer ...«
»Gute Nacht«, fiel ihm Alured in die Rede und wollte an ihm vorbei.
»Bitte, was hat es denn mit Eurem Vetter Richard gegeben?« fragte Margan, der sich nicht abweisen lassen wollte. »Ich begegnete ihm vorhin, als er wie ein Wahnsinniger durchs Tor rannte.«
»Ich weiß nicht, Sir«, versetzte Alured ungeduldig. Aber er besann sich und fuhr fort: »Es fällt mir eben ein, Sir Guy, daß ich mit dir sprechen wollte. Du bist ein Freund Richard de Ashbys gewesen?«
»Nun und, mein Lord?« rief Guy de Margan herausfordernd.
»Du hast ihn mit allen deinen Kräften dabei unterstützt, das Verbrechen der Ermordung meines Vaters auf Hugh de Monthermer zu wälzen!« sagte der Graf und schwieg dann, als erwarte er eine Antwort.
Es erfolgte keine, und er fuhr drohend fort: »Die Ankläger können über kurz oder lang die Angeklagten werden - daher nimm dich in acht! Nimm dich in acht!« Dann wandte er sich hastig nach seiner Wohnung.
Guy de Margan blieb einen Augenblick wie erstarrt stehen. Dann rannte er Alured de Ashby nach und rief: »Mein Lord! Wollt Ihr mich beschuldigen, daß ich Anteil habe an Eures Vaters Tod? Dann verlange ich allerdings, daß Ihr diese Anklage öffentlich vor dem König erhebt. Wenn es dem Grafen von Ashby behebt, erst Hugh de Monthermer und dann mich anzuklagen, so will ich Untersuchung verlangen vor meinen Peers, die Euch nötigen werden, Eure Worte zu beweisen!«
»Aus meinem Wege, du Wurm!« schrie der Graf erbost. »Aus meinem Wege, oder ich zertrete dir den Kopf und zermalme dich wie eine giftige Schlange! Wer hat dich angeklagt? Ich nicht!«
»Ich dachte, der Graf von Ashby suche vielleicht dem Kampf mit seinem Gegner auszuweichen«, sagte Guy de Margan, ein paar Schritte zurücktretend, »und er wünscht das vielleicht auf meine Kosten zu tun. Hugh de Monthermer ist ein berühmter Ritter und ein Feind, dem man nicht gern im Kampf auf Leben und Tod begegnet.«
Alured fühlte nach dem Knauf seines Schwertes, aber er hatte es auf dem Tisch zurückgelassen, und plötzlich auf Guy de Margan losspringend, packte er ihn am Hals und schleuderte ihn mit furchtbarer Gewalt rücklings auf das Pflaster.
Betäubt lag Guy de Margan regungslos da, und Alured schrie: »Lieg da, du Fuchs!« Dann schritt er seiner Wohnung zu. Er durchquerte hastig das Vorgemach und blieb in seinem Zimmer in tiefen Gedanken neben dem Tisch stehen.
»Eine Bande von Schelmen und Schurken!« murmelte er schließlich vor sich hin, füllte den Achatbecher bis zum Rande mit Wein, hob ihn an die Lippen und leerte ihn bis auf die Neige.
XLI
NOCH BEVOR die Unterredung zwischen Alured de Ashby und Hugh de Monthermer stattgefunden hatte, lehnte Lucy, in ein weites Nonnengewand von grauem Tuch gehüllt, nachdenklich an dem Türpfosten des großen Zimmers, das ihr im Schloß von Nottingham angewiesen war. Ihr volles Haar hatte sie unter einem Schleier versteckt, über der Schulter trug sie eine Pilgertasche, gefüllt mit Schmucksachen und einigen andern Dingen, die sie mitnehmen zu müssen glaubte. Neben ihr stand eines ihrer Mädchen und betrachtete sie mit Teilnahme und Bangigkeit.
Endlich, mit einer plötzlichen Bewegung, als hätte es lange an sich gehalten, sagte das Mädchen: »Laßt mich mit Euch gehen, Lady.«
»Du weißt nicht, wohin ich gehe, Claudia«, versetzte Lucy. »Du weißt nicht einmal, ob ich überhaupt fortgehe.«
»Doch!« sagte das Mädchen. »Warum hättet Ihr sonst diese Vermummung angelegt?«
»Nur - nur, um zu sehen, ob sie gut wäre für einen Notfall«, antwortete Lucy. »Da, hilf mir, sie auszuziehen, Mädchen! Ich würde mich selbst nicht, viel weniger würden mich andere erkennen!«
»Ja, Lady, aber doch geht Ihr fort«, sagte das Mädchen beharrlich, während Lucy Schleier und Rock ablegte. »Ich weiß nicht, wohin, aber ich will mit Euch gehen, und ich bin gewiß, ich kann Euch helfen.«
»Nun gut, wie du willst!« versetzte Lucy nach einigem Nachdenken. »Aber es kann sein, daß wir Höfe und weiche Betten für immer hinter uns lassen, Claudia!«
»Das ist mir gleich!« rief das Mädchen impulsiv. »Ich wollte lieber bei den Waidmännern im Walde leben als in Nottingham oder auch in Lindwell.«
»Gut, dann beeil dich und mach dich bereit«, sagte Lucy lächelnd. »Es sind hier viele, die dich kennen, Claudia, und wir müssen unerkannt fortkommen.«
»Ich will mich in einer Minute so verwandeln, daß mich mein Liebhaber, wenn ich einen hätte, am Altar ausschlagen sollte. -Horch! Es pocht jemand!«
»Lauf und sieh, wer es ist!« rief Lucy.
»Die Prinzessin wünscht Euer augenblickliches Erscheinen«, sagte das Mädchen, nachdem sie kurz mit jemand an der Tür gesprochen hatte. Rasch eilte Lucy hinter einer von Eleonores Frauen, die die Botschaft gebracht hatte, den Korridor entlang. Sie fand bei Eleonore Prinz Edward. Er war noch so bewaffnet, wie er von Leicester her kam, sein Anzug bestaubt und beschmutzt von der Reise, aber sein Kopf war unbedeckt, und das starke, lockige Haar fiel ihm wirr in die Stirn. Er ging mit langsamen Schritten im Zimmer auf und ab, einen Ausdruck von Unmut, ja von Zorn im Gesicht. Eleonore dagegen saß und schaute ihn schweigend an, mit einer ernsten und zärtlichen Miene, als warte sie ab, bis die erste Aufwallung der Gefühle vorüber und der Augenblick zum Begütigen oder Trösten gekommen sei.