»Da ist sie, Edward«, sagte sie, sobald Lucy eingetreten war.
Als er sich gegen sie wandte, verbannte er sogleich alle Unmutsfalten von seiner Stirn und sagte, ihre Hand ergreifend: »Seid ohne Furcht, teures Fräulein; ich bin vielleicht aufgebrachter, als ich sein sollte, aber nicht über Euch und die Eurigen. Als ich vor etwa zwanzig Minuten hier ankam, gab mir die Prinzessin dies Papier, das den Zweck hat, unseren armen Freund Hugh von der Anklage zu reinigen, und ich brachte es sofort zum König, um ihn zu bitten, den Kampf nur um acht Tage aufzuschieben. Denkt Euch mein Erstaunen, als er mir dies abschlug und schwur, entweder müsse Euer Bruder seine Anklage behaupten und verfechten oder sterben. - Aber es ist nicht meines Vaters Schuld«, fuhr er verlegen fort, als er einen Ausdruck des Abscheus und der Geringschätzung in Lucys Gesicht bemerkte. »Es ist nicht meines Vaters Schuld, das kann ich Euch versichern. Mortimer und Pembroke und einige andere, auf die er hört, haben sein Gemüt so eingenommen, daß für den Augenblick alle Worte vergeblich sind. Und doch darf dieser Kampf nicht vor sich gehen, oder einer von zwei edlen Männern wird ermordet werdenl«
»So laßt mich versuchen, dies zu verhindern«, versuchte Lucy. »Hat die Prinzessin, mein Lord...«
»Ja, sie hat!« rief Edward. »Und Ihr müßt es versuchen, holdes Fräulein! Aber ich bezweifle, daß selbst Eure Überredungskunst, selbst der bestechende Lohn Eurer schönen Hand Hugh de Monthermer bewegen wird, zu fliehen und seinen Namen auch nur einen Tag der Schmach preiszugeben!«
»Er wird es tun!« sagte Eleonore. »Seiner eigenen Unschuld gewiß, mit dem Geständnis ihres Bruders in Lucys Händen, daß er ihn unschuldig glaubt...«
»Es ist nur der Ausdruck des Zweifels«, unterbrach sie Edward. »Seine Antwort könnte deshalb ganz klar sein: Wo er Ehre, Unschuld, Mut auf seiner Seite habe, warum solle er fliehen?«
»Um meinen Bruder zu retten!« sagte Lucy, dem Prinzen fest ins Gesicht blickend.
»Aber sein Ruf als Ritter!« Edward hob beschwörend die Hände. »Doch er muß fliehen! Es muß einfach ein Mittel gefunden werden, um ihn zu bereden.«
»Könntet Ihr es nicht, mein gnädiger Lord?« fragte Lucy.
»Das ist die Frage«, erwiderte der Prinz, wieder im Zimmer auf und ab schreitend. »Was wird man von mir sagen, wenn ich mich einmische? Wenn ich einem Ritter rate, vor seiner Pflicht zu fliehen? Aber es muß etwas geschehen! - Hört mich an, mein Fräulein: Geht zu ihm, wie Ihr Euch vorgenommen, wendet Vorstellungen, Bitten, Beschwörungen an, tut alles, was Ihr beschlossen habt, erbietet Euch, mit ihm zu gehen und seine Gattin zu sein. Er wird das kaum ausschlagen, dünkt mich«, und er wandte sich mit dem Anflug eines Lächelns zu Eleonore. »Aber wenn alles nichts fruchtet, so sagt ihm, ich bitte ihn, ja ich befehle ihm: Wenn er gewiß ist, seine Unschuld binnen kurzem beweisen zu können, daß kein Mensch argwöhnen kann, daß ich dies aus Gunst gegen ihn getan hätte, soll er heute nacht fliehen! Ich werde ihn rechtfertigen und gestehen, daß es auf meinen ausdrücklichen Befehl geschehen sei. Und dann will ich den Mann im ganzen Königreich sehen, meinen Vater eingeschlossen, der einen Tadel wagt!«
»Wollt Ihr es mir schriftlich geben?« sagte Lucy. »Wenn ich nur Worte habe, so könnte Hugh denken, es sei nur die List eines Weibes, um ihn für ihre Wünsche zu gewinnen.«
»Ist ein Tintenfaß hier?« fragte Edward, sich umsehend.
»Ja«, sagte die Prinzessin, ihm die Schreibmaterialien weisend, und mit rascher Hand warf er einige Worte auf das Papier, las sie dann, behielt aber immer noch den Befehl in der Hand. »Vergeßt es nicht«, sagte er, sich ernst an Lucy wendend, »dies soll das letzte Mittel sein, zu dem Ihr greift! Es ist ein übereilter Schritt, fürchte ich, und ein ziemlich unkluger, den ich tue, obwohl aus guter Absicht, und ich wünschte, daß womöglich nie die Rede davon wäre.«
Lucy nahm aufatmend das Papier an sich. »Dies rettet alles«, sagte sie. »Jetzt wird er gehen, mein Lord, da er seine Ehre gesichert sieht. Aber ich gelobe Euch, ich will keine Bitten sparen, um ihn auch ohne dies zur Flucht zu bewegen. Ich will vergessen, daß ich diesen kostbaren Schatz habe, wenn er sich nicht taub und hartnäckig gegen alle meine Bitten zeigt. Falls es aber dieses Schreibens bedarf, um ihn zur Flucht zu bewegen, darf ich ihm wohl einigen Unwillen darüber zeigen, daß er auf Eure Worte geht, nachdem er alle meine Vorstellungen verachtet hat. - Aber wahrhaftig, ich werde zu dankbar sein, wenn ich ihn überhaupt gehen sehe, als daß ich irgendeinem Zorn Raum gebe.«
»Gut - gut, holdes Fräulein«, sagte der Prinz. »Mögen wir sicher und glücklich aus dieser dunklen und traurigen Geschichte herauskommen. Ich handle gegen meines Vaters Willen, es ist wahr; aber dadurch hindere ich das Vergießen von unschuldigem Blut und erspare dem König eine Tat, die er nachmals bitter bereuen würde. Gott führe es zu einem guten Ende; wir handeln nach unserem besten Wissen.«
»Seid ohne Sorge, mein Edward«, sagte Eleonore. »Es wird alles gut werden!« Dann küßte sie ihre junge Freundin zärtlich auf die Stirn. »Jetzt sagt mir, ob alles bereit ist zu Eurem Unternehmen?«
»Alles!« antwortete Lucy. »Mein Mädchen Claudia hat mir das graue Gewand einer Nonne verschafft, das mich unkenntlich machen wird.«
»Das ist alles?« rief der Prinz. »Wo sind die Pferde? - Aber überlaßt das mir. Wenn Monthermer einwilligt, sich zu entfernen, so bittet ihn, nicht zu zögern und sich nicht mit Vorbereitungen aufzuhalten. Er wird Pferde finden am Stadttor - am nördlichen Tor, meine ich. In einer halben Stunde sollen sie dort sein. Wißt Ihr den Weg in seine Wohnung?«
»Nicht genau«, sagte Lucy. »Es ist, glaube ich, die dritte Tür gegen den Hof hinab. Aber Claudia wird sich zurechtfinden, ich zweifle nicht.«
»Es gibt einen kürzeren Weg«, sagte der Prinz. »Verfolgt den Gang, der an Eurem Zimmer hinläuft, bis an die Treppe. Ihr werdet dort eine Tür sehen, die in sein Vorzimmer führt. - Es wäre besser«, fuhr er nachderklich fort, »wenn Ihr eine Dienerin die Verkleidung nachtragen ließet und sie nicht eher anlegtet, als bis Ihr gewiß seid, daß er gehen will. Wenn Ihr ihn verkleidet besuchtet, schönes Fräulein, und nachher unvermählt zurückkämt, so könnten die Leute leichtfertig von Eurem Ruf sprechen. Was Ihr in aller Unschuld getan, um einen höchst überflüssigen Kampf abzuwenden, könnte Euch zum Nachteil gedeutet werden.«
Das Blut stieg warm in Lucys Wangen, aber sie schaute dem Prinzen offen ins Gesicht und erwiderte voll edler unbefangener Offenheit: »Ihr haltet mich ohne Zweifel für etwas keck, mein Lord, und viele Menschen mögen mich tadeln. Aber ich fühle etwas hier«, und sie legte die Hand aufs Herz, »was mich nicht tadelt, sondern mich hingehn heißt, mein Vorhaben auszuführen.«
»Nun gut«, versetzte Edward. »Lebt jetzt wohl, ich wünsche Euch ein gutes Gelingen bei Eurem edlen Unternehmen!«
Lucy küßte seine Hand und kehrte ohne weitere Umstände in ihr Zimmer zurück. »Schnell, Claudia!« rief sie beim Eintreten. »Bist du bereit?«
»Ja, Lady«, antwortete die Dienerin. »Wollt Ihr nicht den Rock anlegen?«
»Nein«, sagte Lucy, in der Tür stehenbleibend. »Bring du alles mit und folge schnell!«
Das Mädchen packte eilig für sich und ihre Gebieterin die Vermummung zusammen, und Lucy eilte voran den Gang entlang, den der Prinz ihr bezeichnet hatte. An der Tür zu Hugh de Mon-thermers Zimmer wollte sie sofort pochen, hielt aber ihre schon erhobene Hand zurück, weil sie jemand sprechen hörte.