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Sie wurde fast ohnmächtig, und ihr Herz pochte heftig, denn sie erkannte ihres Bruders Stimme. Deutlich vernahm sie die Worte: »Ich halte Euch für unschuldig von Grund meiner Seele, Monthermer, und ich wollte meine rechte Hand darum geben, daß einer von uns beiden heute nacht hundert Meilen weit von hier weg wäre!«

Ein Lächeln flog über ihr Gesicht. Er bahnt mix den Weg! dachte sie. Nun blieb alles still, bis sie weggehende Schritte und das Schließen einer Tür hörte.

»Er ist fort«, sagte Lucy zu ihrem Mädchen, das gefolgt war. »Warte ein paar Minuten hier, Claudia.« Ohne zu pochen, öffnete sie leise die Tür und sah hinein.

Ein kleines Zimmer lag vor ihr, mit dem Kamin an der gegenüberliegenden Wand, um den drei Stühle standen. Kein Mensch war da, und mit geräuschlosem Schritt eintretend, schaute Lucy sich um. Zu beiden Seiten erblickte sie eine Tür. Die zur Rechten war geschlossen, aber hinter ihr hörte sie Plaudern und Lachen. Die Tür links war ein wenig geöffnet, aber alles war still. Lucy ging leise darauf zu und zog sie vorsichtig zurück.

In der Mitte des Zimmers stand der Geliebte, die Arme über der Brust verschränkt, den Kopf gesenkt, einen kummervollen finsteren Ausdruck um den Mund und auf der Stirn. Als sie die Tür weiter öffnete, schreckte er aus seinen Gedanken auf und schaute empor. Ein Ausdruck, gemischt aus Freude, Überraschung und Bangigkeit, flog über sein Gesicht, als er Lucy entdeckte. Rasch trat er ihr entgegen, zog sie sanft in das Zimmer, schloß die Tür und drückte sie dann eine Weile an seine Brust, während beide schwiegen; denn das Klopfen ihres Herzens lähmte Lucys Zunge, und Hugh wagte nicht zu sprechen, um nicht zu stören und zu verjagen, was ihm wie ein glücklicher Traum erschien.

»Liebe Lucy«, sagte er endlich, »obwohl ich Euch danke für Euer Kommen, muß ich doch fragen, was Euch hierherführt? Es war unbesonnen, teures Mädchen! Wenn Ihr nach mir geschickt hättet, wäre ich sofort bei Euch gewesen. Es ist noch keine Minute vergangen, daß Euer Bruder hier war.«

»Ich weiß es«, versetzte Lucy, »ich weiß alles, Hugh. Ich weiß auch, daß es unbesonnen war, zu kommen. Aber ich will heute nacht alles tun, was unbesonnen ist; dies war nur der Anfang. Es ist die Regel, daß Ihr Männer uns Frauen aufsucht und bittet - heute komme ich mit meinen Bitten zu Euch!«

einige Tage ausweichen. Aber wenn die Stunde käme, würden sie mit allen übrigen ihre Stimme gegen mich erheben. Mehr als das könnt Ihr nicht vorbringen, Lucy.«

»Ich kann!« antwortete sie. »Da, lest dies, und wenn Ihr Euch noch einen Augenblick besinnt, so ist es, weil Hugh de Monthermer seine Braut nicht hebt, ihre ihm angebotene Hand verschmäht und das unbesonnene, törichte Mädchen verachtet, das um eines undankbaren Mannes willen alle Rücksicht aufgab, beseelt nur von dem Gedanken, die zu retten, die sie hebt!«

Hugh de Monthermer hielt das Papier einen Augenblick in der Hand, ohne es zu lesen, das schöne Mädchen an seiner Seite betrachtend, das ihn mit Augen voller Glanz und Feuer und mit glühenden Wangen zu überzeugen suchte.

»Lucy«, sagte er gerührt, »ich will diesen Vorwurf nicht verdienen. Ihr selbst habt mir gesagt, meine Ehre sei Euch so teuer wie mein Leben. Laßt sie Euch teurer sein als alles andere und sagt mir dann, ob ich mit Ehren gehen kann? Wenn Ihr ja sagt, mit welcher Freude werde ich fliehen, da Lucy meine Begleiterin ist! Mit welcher Hingebung will ich mein Leben lang bestrebt sein, ihre großmütige Aufopferung zu vergelten.«

Während er sprach, umarmte er sie zärtlich, und Lucy verbarg das Gesicht an seiner Brust, um nicht ihre Tränen zu zeigen. Aber dann hob sie den Kopf und sagte: »Lest, Hugh! Das wird Euch zufriedenstellen!«

»Hugh de Monthermer trat der Lampe näher, und wie er auf das Papier sah, rief er erstaunt aus: »Prinz Edwards Handschrift! Was ist das?«

Dann las er halblaut:

Monthermer! Befolgt den Plan Eurer schönen Lady! Flieht mit ihr so eilig wie möglich - sie wird Euch mehr sagen. Fürchtet nichts für Eure Ehre, ich will als Bürge für Euch einstehen und sagen, es sei mein Befehl gewesen. Ihr seid noch mein Gefangener, bedenkt das, und könnt als solcher nicht fechten ohne die Einwilligung von

Edward

»Das ändert alles!« rief Hugh de Monthermer. »Aber warum habt Ihr mir dies nicht früher gegeben?«

»Weil der Prinz verlangte, ich sollte dies nur als letztes Mittel benützen.« Lucy berichtete ihm nun kurz von der Unterredung und fügte hinzu: »Laßt uns eilen! Es werden jetzt schon am nördlichen Stadttor Pferde bereitstehen. Mein Mädchen Claudia wartet an der Treppe mit einer Nonnentracht für mich und einer passenden Vermummung für sie selbst. Habt Ihr nichts, was Ihr über diesen glänzenden Anzug werfen könntet? Denn da Ihr im Begriff steht, mit einer armen grauen Schwester zu reisen, wäre es gut, wenn Ihr nicht so ganz als höfischer Kavalier erschienet.«

Lucys Herz, erleichtert von der bedrückenden Last, schlug hoch auf in erneuter Hoffnung; aber die Tränen in ihren Augen zeigten noch die Aufregung, an der sie gelitten, während sie schon scherzende Worte sprach. Hugh umarmte und tröstete sie, bis ihn Lucy erinnerte, wie schnell die Zeit verging.

»Bedenkt, Hugh«, sagte sie, »die Minuten und mein Mut sind keine beständigen Dinge, und beide schwinden schnell dahin. Ich darf nicht ohnmächtig oder schwach werden, ehe wir die Stadt hinter uns haben.«

»Auch dann nicht!« rief Hugh. »Aber Euer Mut wird steigen, liebe Lucy, wenn die unmittelbare Gefahr vorüber ist. Wir täten jedoch besser, nicht ganz allein zu gehen; denn wir könnten unterwegs Hilfe nötig haben. Ich will Blawket ans Tor hinunterschicken mit seinen eigenen Pferden.«

»Aber eine Vermummung!« rief Lucy. »Eine Vermummung für Euch! Sonst wird, ehe wir das Schloß verlassen haben, Euer Gewand Euch verraten!«

»Ich habe eine bereit«, antwortete Hugh. »Der Priesterrock, in dem ich seinerzeit entfloh, mag noch einmal dienen. Wo ist Euer Mädchen?«

»Auf dem Gang«, versetzte Lucy. »Ich will sie rufen.«

»Nein, überlaßt das mir«, sagte Hugh de Monthermer und schritt durch das Vorzimmer. Die Tür, die auf den Gang hinausführte, öffnend, flüsterte er: »Kommt herein, Mädchen; bringt die Lampe mit - ich werde sogleich wieder dasein.« Sobald Claudia in seinem Zimmer war und die Tür hinter sich geschlossen hatte, begab er sich in das äußere Zimmer, rief Blawket beiseite und gab ihm leise einige Befehle. Dann setzte er sich an den Tisch, schrieb ein paar Worte auf einen Bogen Papier, den er einem seiner Knappen anvertraute, und sagte: »Stört Sir John Hardy diese Nacht nicht, aber gebt ihm dies morgen mit Tagesanbruch.«

»Es wäre eine schwere Aufgabe, ihn zu stören, Sir«, antwortete der Mann; »denn er schläft jetzt schon, und wenn seine Augen einmal geschlossen sind, so bringt sie in den nächsten acht Stunden kein Blitz zum Blinzeln.«

»Es tut nichts«, versetzte Hugh. »Morgen ist es früh genug. Nur, übergebt es ihm ganz gewiß.« Darauf kehrte er in sein Zimmer zurück und verschloß sorgfältig hinter sich die Tür.

Der junge Ritter fuhr zurück, als er Lucy in dem grauen Rock und Schleier sah, so groß war die mit ihr vorgegangene Verwandlung.

»Ihr seht, Hugh«, sagte sie lächelnd, als sie seine Überraschung bemerkte, »aus welchen Stoffen Lucys Schönheit besteht. Sie verschwindet ganz, wenn man den prächtigen Putz wegnimmt und sie in das trübselige Gewand der Nonne hüllt.«

Es mochte ein wenig Koketterie in ihren Worten liegen; denn Hugh de Monthermer konnte darauf nur eine zärtliche Antwort geben, und die gab er. Dann suchte er eilig den schwarzen Priesterrock hervor und warf ihn über seine Rittertracht. Nun entstand die Frage, wie sie fortkommen sollten, ohne durch das Zimmer zu gehen, in dem die Diener und Gefolgsleute Hugh de Monthermers saßen.