»Können wir nicht über den Gang zurück, Madame?« fragte Claudia. »Dicht neben der Tür Eures Zimmers ist die kleine Treppe, die in den großen Schloßhof führt.«
»Das wird der beste Weg sein«, sagte Hugh. »Zieht den Schleier über Euer Gesicht, hebe Lucy. Niemand wird uns in solcher Verkleidung erkennen, und es ist kaum wahrscheinlich, daß wir jemand begegnen.«
Weder im Korridor noch auf der Treppe trafen sie auf eine lebende Seele, obwohl sie, als sie sich den Gemächern des Prinzen und der Prinzessin näherten, hart vor sich Schritte und dann in einer kleinen Entfernung eine Tür öffnen und schließen hörten. Auch den Hof erreichten sie ungefährdet, und Hugh de Monthermer trat ein paar Schritte hinaus, um zu sehen, ob das Feld rein sei. Ein Lichtschimmer vom Hauptgebäude her veranlaßte ihn, sich sogleich wieder unter den Schutz der Tür zurückzuziehen.
»Es kommen Leute mit Fackeln«, sagte er. »Benutzt der König diese Treppe?«
»Nie, soviel ich weiß«, antwortete Lucy.
»Nie!« sagte auch das Mädchen Claudia.
Hugh machte die Tür fast ganz zu, schaute aber durch einen Spalt hinaus, um zu sehen, was vorging.
»Da kommt ein Priester mit dem Kruzifix und der Hostie!« sagte er. »Man bringt einem Sterbenden das Sakrament.«
»Die heilige Maria sei uns gnädig!« rief das Mädchen Claudia, die ebenfalls hinausgespäht hatte. »Wir können nicht mehr fort, man schließt die Tore!«
XLII
RICHARD DE ASHBY trat aus einer Schenke, wo er einige Erkundigungen eingezogen hatte, und ging zu einem Haus auf der entgegengesetzten Seite der Straße. Es war ein großes, steinernes Gebäude, dicht neben einer alten Kirche gelegen, und da es mehrere Wohnungen enthielt, stand der Eingang zu der gemeinsamen Treppe offen.
Vorsichtig hinaufsteigend, wobei er sich an einem Seil hielt, das, durch eiserne Ringe laufend, den Windungen der Treppe folgte, erreichte Richard de Ashby das erste Stockwerk und pochte an einer kleinen Tür zu seiner Rechten. Niemand erschien jedoch, und nachdem er einige Minuten gewartet hatte, pochte er erneut.
Diesmal wurde die Tür von einem kleinen, wunderlich aussehenden Geschöpf geöffnet, das die Tracht eines alten Weibes anhatte. Aus dem braunen, runzligen Gesicht blickten fragend kleine hellgraue Augen. Sie hatte eine Lampe in der Hand, und mit scharfem, nicht sehr freundlichem Blick dem Besucher ins Gesicht starrend, fragte sie: »Was sucht und begehrt Ihr?«
»Ich suche den Vater Markus«, antwortete Richard de Ashby.
»Er ist ausgegangen, Kranke zu besuchen«, sagte die Alte. »Nein«, fuhr sie verdrießlich fort, »ich will Euch jetzt gleich alle Eure Fragen beantworten, ehe Ihr sie vorbringt. Sie drehen sich alle im Kreise. Vater Markus ist ausgegangen - ich weiß nicht, wohin - ich weiß nicht, wann er heimkommen wird. Wenn Ihr ihn hier sprechen wollt, so müßt Ihr wiederkommen. Wenn Ihr wollt, daß er einen Kranken besucht, so müßt Ihr zurücklassen, wo. Jetzt wißt Ihr alles!«
Richard de Ashby kannte die Welt so ziemlich und bildete sich ein, er durchschaue völlig die Person, die vor ihm stand. So zog er denn ein kleines Geldstück heraus und ließ es in die Hand der Alten gleiten, die es augenblicklich an die Lampe hielt und rief: »Was ist das? Gold, so wahr ich lebe! Mutter Gottes, heilige Maria! Ihr seid ein artiger Gentleman, mein Sohn. - Was ist Euer Begehren?«
»Nur eine Antwort auf die Frage«, sagte Richard de Ashby. »Ist hier ein junges Frauenzimmer - ein hübsches junges Frauenzimmer -, Kate Greenly genannt? Ihr kennt sie, dünkt mich, oder nicht?«
»Sie kennen? Gewiß!« versetzte die Alte. »Segen über ihr liebes Herzchen! Sie ist manchmal hier gewesen, und ich habe ihr auch schon eine Botschaft bestellt, wofür sie mir einige Silberstücke gab.«
»Also ist sie jetzt nicht hier?« fragte Richard de Ashby ungeduldig.
»Sie war hier, eine Stunde vor Sonnenuntergang, aber sie ging wieder fort. - Ich weiß, wie es ist!« rief sie, als ob ihr plötzlich ein Gedanke käme: »Ihr seid der Gentleman, von dem der gute Vater Markus ihr gepredigt hat, daß sie von ihm weglaufen solle, weil Ihr in einem sündigen Stande lebt. Diese Mönche sind so hart gegen junge Leute, und Ihr würdet noch ein Goldstück geben wie dieses, darauf wollt' ich schwören, zu erfahren, wo sie ist, um zu erreichen, daß sie zurückkomme.«
»Ja, das wollte ich«, versetzte Richard de Ashby. »Auch zwei!«
»Sehr gut!« fuhr die Alte fort. »Ich weiß etwas, wenn ich es nur sagen wollte. Sie ist nicht in Nottingham, aber nicht weit davon.«
»Könnt Ihr mich hinweisen, wo sie ist?«
»Heute nacht nicht - heute nacht nicht!« rief die Alte. »Sancta Maria! Ich ginge heute nacht diesen Weg nicht um einen ganzen Beutel voll Gold! Ja, der Platz ist droben, nachdem Ihr zum Tor hinaus seid, durch Backlane und dann den Thorny-Wall hinab, bis Ihr zum Saume des Thomy-Wood gekommen seid, und dann wendet Ihr Euch rechts bei des alten Gaffer Browns Hütte und unten um die Kapelle herum und am Damm hin, wo der Brunnen ist, und dann hinauf bei der neuen Anpflanzimg, gerade zwischen ihr und dem Farnberg, und dann, wenn Ihr geradeaus geht und die erste Biegung links und dann die vierte rechts einschlagt, kommt Ihr an des alten Sweeting Hütte, wohin sie gegangen, bei ihm und seiner alten Ehefrau zu leben.«
Richard de Ashby sah keine Möglichkeit, den Weg nach den Beschreibungen der Alten zu finden, und er stand im Begriff, andere Mittel vorzuschlagen, um die Sache einzuleiten, als sie mit einem verschmitzten Blinzeln sagte: »Ich will mit dem Morgengrauen selbst zu ihr hinaus, und wenn Ihr eine Botschaft an sie zu schicken habt, will ich sie mitnehmen und bestellen. Oder: Wenn ein Gentleman am Tor warten will und einer alten Frau nachgehen aufs Land, wer kann das hindern? Ich darf nicht mit Euch durch die Stadt gehen, wißt Ihr; denn das würde Ärgernis geben.«
»Ich verstehe, ich verstehe!« sagte Richard hastig. »Und wenn ich sie durch Eure Hilfe wieder zurückbekomme, sollt Ihr noch zwei Goldstücke haben.«
»Oh, eine offene Hand erreicht alles, was sie wünscht!« versetzte des Priesters Dienerin. »Eine verschlossene Faust dagegen behält, was sie hat. Das ist ein wahres Sprichwort, Herr Ritter, ein wahres Sprichwort! Am nördlichen Tor, wißt Ihr, mit dem Morgengrauen. Wartet, bis Ihr mich mit einem Korb herauskommen seht, und dann sagt kein Wort, sondern kommt mir nach.«
»Ihr geht also zu ihr?« fragte Richard de Ashby.
»Ja, ja!« sagte die alte Frau ungeduldig. »Ich will zu ihr, um ihr Nachrichten zu bringen von dem guten Pater Markus. Aber jetzt geht Eures Weges - geht! Ich fürchte, er kommt zurück und trifft Euch hier. Dann könnte er etwas argwöhnen, wißt Ihr. Am nördlichen Tor, mit dem Morgengrauen!«
»Ich werde nicht fehlen«, versetzte Richard de Ashby, und sich wendend, stieg er langsam die Treppe hinab. Die Alte sah ihm nicht lange nach, sondern schloß rasch die Tür.
Richard de Ashby war bei jenem entsetzlichen Punkt auf der Bahn des Verbrechens angelangt, wo ein Frevel aus dem anderen folgt und jeder Anschlag neue Verbrechen zeugt. Es ist schlimm, dachte er, als er wieder aus dem Haus trat, daß ich sie nicht gefunden habe, aber sie ist wenigstens nicht in der Stadt, und so ist doch eines gewonnen! - Was soll ich aber mit dem Leichnam tun? Ich kann ihn nicht dort liegen und verfaulen lassen. - Wie mag es inzwischen meinem Vetter Alured gehen? Er hat gewiß den Wein getrunken. O ja! Ich kenne ihn; er hat ihn getrunken und noch mehr dazu. - Wenn der Mann, der Ellerby, sich nicht immer in der Nähe herumtriebe, könnte noch alles sicher ablaufen.