Er hatte aber noch immer eine hohe Meinung von seiner Wichtigkeit und betrachtete seine Geschicklichkeit in den Waffen sowie seine Weisheit im Rat als mindestens so groß wie die der Ersten im Lande; und wenn er einmal auf seinem Rosse saß, von Kopf bis Fuß gewaffnet, so konnte er wohl noch einen Schlag führen und einen Angriff machen. Auch sein Urteil war gesund, wenn es nicht durch Leidenschaften getrübt war. Dennoch lag in seinem Charakter eine gewisse schwankende Unstetigkeit, die ihn zu einem nicht gerade zuverlässigen Bundesgenossen machte.
Sein Sohn, Alured de Ashby, glich in vielen Punkten seinem Vater, aber auch Eigenschaften seiner Mutter waren auf ihn übergegangen, vor allem ein hartnäckiger Stolz ohne den mildernden Einfluß von Herzensgüte und Zärtlichkeit, die seine Mutter in starkem Maße besessen. Er war aber keineswegs ohne Talente, war ein so tüchtiger Ritter, als nur je einer im Sattel saß, und hatte sich bei vielen Kriegszügen jener Zeit ausgezeichnet. Er war zudem ein durchaus ehrenhafter Mann, hielt sein Wort pünktlich und war großmütig und freigebig. Eine ritterliche Eigenschaft allerdings fehlte ihm. Er fragte wenig nach Liebe, und es war nach seiner Mutter Tod nur ein Wesen auf der Welt, für das er wirkliche Zärtlichkeit empfand: seine Schwester Lucy, die neun Jahre jünger war als er. Vielleicht liebte er sie, weil sie in jeder Beziehung gerade das Gegenteil von ihm war: sanft und doch heiter, lebhaft und zärtlich anschmiegsam, aber doch mit einem Anflug von trotzigem Unabhängigkeitssinn.
Von ihr wird später mehr zu berichten sein. Wenden wir uns deshalb jetzt dem alten Lord von Monthermer zu, dessen treuer Dienstmann Blawket schon bekannt ist. Lord von Monthermer, der schlechtweg »der alte Graf« genannt werden soll, stand im neunundfünfzigsten Jahre und war, da er den größern Teil seines Lebens im Lagerzelt und auf dem Schlachtfeld zugebracht hatte, körperlich sehr zerrüttet, obgleich er den Namen wohl verdient hatte, der ihm in frühern Jahren beigelegt worden, wo die Leute ihn wegen seines unerschütterlichen Mutes den »Eisernen Monthermer« genannt hatten. Er war indessen noch immer stark, wenn auch dürr und mager von Gestalt; eine gesunde braune Farbe bedeckte sein Gesicht, das etwas ungemein Einnehmendes an sich hatte, und man konnte darin sowohl Herzensgüte als auch Festigkeit und Entschiedenheit des Charakters lesen. Er war reich, aber nicht verschwenderisch gekleidet und trug in Friedenszeiten nicht die förmliche Bewaffnung der Ritter.
Der junge Mann, der ihm gegenübersaß, war sein einziger Neffe, Hugh de Monthermer, von allen, die ihn kannten, »Lord Hugh« genannt. Er war der junge Edelmann, der nach dem Streit zwischen Richard de Ashby und Ralph Harland so warm für den jungen Freisassen eingetreten war. Obwohl der einzige Erbe des alten Grafen, war Lord Hugh von ihm doch vollständig unabhängig. Sein Vater war schon lange tot, und da er seine Erziehung unter seinem Oheim erhalten hatte, schloß er sich immer noch ganz an diesen Edelmann an, ehrte ihn wie einen Vater und wurde von ihm wie ein Sohn behandelt. Er war etwa vier oder fünf Jahre jünger als Alured de Ashby, hatte sich aber dennoch schon einen ansehnlichen Ruf in den Waffen gewonnen. Er war von Gestalt dem Grafen ähnlich, sein Gesicht wirkte jungenhaft, seine braunen Augen waren voll Glanz und Feuer, und ein offenes, etwas sarkastisches Lächeln spielte häufig um seinen Mund.
In einer Beziehung war Hugh de Monthermer vielen seiner Zeitgenossen überlegen: Er hatte verschiedene fremde Sprachen gelernt und sich ein gewisses Maß an gelehrter Bildung erworben, was hin und wieder Neid bei denen erweckte, die selbst nichts anderes als körperliche Fertigkeiten besaßen. Zu diesen gehörte Alured de Ashby, der deshalb Hugh de Monthermers kriegerische Talente gern gering anschlug. Trotzdem verfolgte Hugh de Monthermer ruhig seinen Weg; obwohl ihm aus ganz besonderen Gründen nicht wenig am Herzen lag, die Freundschaft des Hauses Ashby zu gewinnen, das viele Jahre lang dem seinigen entfremdet gewesen war durch eine jener erbitterten Fehden, die damals so oft zwischen den Adelshäusern des Landes herrschten. Die Aussöhnung der beiden Familien war erst vor kurzem bewirkt worden und konnte kaum herzlich genannt werden, obgleich sie ihr gemeinsames Eintreten für Simon de Montforts Sache häufig in vertrauten Verkehr miteinander brachte.
Die Kleidung des jungen Lord Hugh war nicht so anspruchslos wie die seines Oheims. Obgleich die Farben dunkel, war doch die Stickerei reich und kostbar. Zu weit trieb er es aber nicht, denn mit Ausnahme des weiten Waffenrocks schloß sich ihm sein ganzer übriger Anzug so knapp wie möglich an, und nichts war, was die freie Bewegung seiner Glieder hindern konnte.
Die übrige Gesellschaft bestand aus einigen reichen und mächtigen Edelleuten, die jedoch von minderer Bedeutung als die zwei erwähnten Grafen waren.
Natürlich bildeten die Ereignisse, die soeben auf dem Rasenplatz vorgefallen, den Hauptgegenstand des Gesprächs. Die jüngeren Männer lachten bloß über den Vorfall. »Ihr müßt Euch eine schöne Dame gewinnen, um das Loch in Eurem Hut steppen zu lassen, Richard«, sagte Lord Alured spöttisch.
»Mich wundert«, fügte ein anderer der jungen Edelleute hinzu, »daß der Pfeil nicht eine der weichen Locken mitnahm.«
»Dann hätte er mit Recht den Namen ,Scathelock' verdient«, bemerkte ein dritter.
Die älteren Herren jedoch behandelten die Sache ernsthafter. Der Graf von Ashby tadelte seinen Verwandten mit zorniger Miene wegen seiner Zügellosigkeit und stellte ihm mit großem Nachdruck den Schaden vor, den er anrichtete, wenn Edelleute sich in schlechten Ruf beim Volke setzten.
»Wißt Ihr nicht«, sagte er, »daß im gegenwärtigen Augenblick die Edelleute zwischen dem König samt seinen ausländischen Lieblingen und dem Volk ihre Wahl zu treffen haben? Selbstverständlich müssen wir auf die Seite des Volkes treten, dies ist unser Halt und unsere Stärke, und wir müssen in allen Dingen vermeiden, ihm Anlaß zu berechtigten Klagen zu geben. - Scathelock? Scathelock? Ich habe den Namen schon gehört!«
»Ihr müßt ihn freilich schon oft gehört haben, mein Vater«, sagte Alured de Ashby. »Es ist der Name eines unserer guten Freibeuter im Walde von Sherwood. Ich habe den Mann schon zweimal in der Nachbarschaft unseres Schlosses gesehen.«
»Ihn zweimal gesehen und ihn nicht zur Haft gebracht?« schrie Richard de Ashby mit auffallender Betonung.
»Das verhüte der Himmel!« erwiderte Alured lachend. »Was, einen guten englischen Yeoman zur Haft bringen wegen seiner Neigung für des Königs Wildbret? Wenn Heinrich uns seine Forste öffnen und nicht stolzen Franzosen und Spaniern Rechte einräumen wollte, die er uns verweigert, so könnten wir ihm schon in solchen Dingen beistehen; aber so, wie die Dinge liegen, soll kein Freijäger je von unsern Leuten oder auf unserem Grund und Boden verhaftet werden.«
Der Graf von Monthermer und sein Neffe schwiegen und überließen die Zurechtweisung Richard de Ashbys seinen eignen Verwandten; denn sie kannten wohl die Empfindlichkeit der mit ihnen verbündeten Edelleute und waren beflissen, jeden Streit und Verdruß zu vermeiden.
»Verzeiht ein altes Sprichwort, Alured«, versetzte nun Richard. »Es heißt: Vögel von gleichen Federn fliegen miteinander! Vielleicht seid Ihr selbst, da Ihr solches Gefallen an Wilddieben habt, dem Wildbret des Königs nicht abgeneigt?«
»Ein unglückliches Sprichwort für Euch, Richard«, sagte der junge Lord, während seines Vaters Wange sich einigermaßen rötete. »Wenn wahr ist, was wir gehört haben, so sind die Vögel, mit welchen Ihr fliegt, nicht eben die, welche unseren dermaligen Zwecken gemäß sind.«
»Was Ihr gehört habt!« rief Richard de Ashby, blaß werdend. »Wenn Ihr irgend etwas gegen mich gehört habt«, fuhr er nach kurzem Besinnen fort, indem er sich zugleich gegen Hugh de Monthermer wandte und sich tief verbeugte, »so weiß ich, aus welchem Munde es herrührt.«
»Ihr irrt Euch, Sir«, sagte Hugh finster. »Achtung vor diesen zwei edlen Lords, Euern Verwandten, hat mir den dringenden Wunsch eingegeben, daß keinerlei Anschuldigung gegen Euch von irgendeinem unserer Leute erhoben werde. Das wissen sie wohl.«