Dennoch wußte Richard de Ashby im Grunde wohl, daß er ganz und gar nicht sicher war. Über seinem Kopf schwebte die graue Wolke naher Entdeckung und Bestrafung. Er fühlte, daß das Gewitter nahe daran war, sich zu entladen, und wie man von solchen, die bei einem Gewitter vor dem zuckenden Blitz davongaloppieren, sagt, daß sie ihn desto sicherer auf ihr Haupt herabziehen, so riefen seine verzweifelten Anstrengungen, sich zu retten, nur um so sicherer die herannahende Vergeltung auf sein Haupt herab.
Ich will aufs Schloß hinauf und erspähen, was dort vorgeht, entschloß er sich plötzlich. Wenn ich beweisen könnte, Alured habe im Zimmer Hugh de Monthermers Wein getrunken oder Brot gegessen! Das wäre ein Streich! Jedenfalls ist er bei ihm gewesen. Wer kann sagen, auf welche Arten einer vergiftet wurde? Es ist in jedem Falle verdächtig, daß er gerade vor seinem Tod bei Hugh de Monthermer gewesen ist! Aber ich will nicht in den Hof hineingehen, sondern nur durch das Tor spähen und ein paar Worte mit dem Torwächter sprechen. Unter solchen Gedanken schritt er eilig dem Nordtor des Schlosses zu.
Als er dort ankam, fand er die Wachen verdoppelt und den Einlaß versperrt. Aber er konnte durch die Torwölbung einen Blick in den Hof werfen und sah einen Zug Priester und Chorknaben mit Fackeln und Kreuzen feierlich ernst seinen Weg zur Wohnung Alured de Ashbys nehmend. Mit Gefühlen, in denen sich auf unbeschreibliche Weise Gewissensangst und Zufriedenheit, Entsetzen und Triumph mischten, murmelte Richard de Ashby zwischen den Zähnen: »Es ist geschehen!«
Dann eilte er mit dem raschen, aber unsicheren Schritt des geängstigten Verbrechers heim.
Während der folgenden Nachtstunden floh ihn der Schlaf. Voll Zweifel, Furcht und Bangigkeit schritt er in seinem Zimmer auf und ab. Dann wieder saß er da, düster in die blasse, ungeputzte Lampe starrend, während Bilder vom Sterben, von Schande, Todesqual und Verachtung ihn bedrängten.
So verstrichen die Stunden, bis sich das bläuliche Licht der Dämmerung mit dem Schimmer der erlöschenden Lampe zu mischen begann. Da fuhr er auf, legte hastig Mantel und Hut an und schritt, seinen Diener schlafend im Hause zurücklassend, dem nördlichen Stadttor zu.
Es war eine stürmische Nacht gewesen, und der Regen, der die felsigen Straßen von Nottingham herabgeströmt war, hing noch an den grünen Grashalmen und den Zweigen der Bäume. Die Wolken zerteilten sich jetzt jedoch, und man sah blaue Streifen mit dem Grau und Weiß am Himmel abwechseln, während rechts von der Stadt ein gelber Schimmer am Himmel sichtbar wurde, der das rasche Kommen der Sonne verkündete.
Richard de Ashby schaute hinaus durch das Tor von Nottingham, vor dem es von Bauern wimmelte, die zu dieser frühen Stunde schon ihre Waren auf den Markt brachten. Es war ein erfrischender und heiterer Anblick und hätte jedes andere Gemüt als das seinige erquicken müssen. Aber das Feuer, das in seinem Innern brannte, das in seinem Herzen wütete und in seinen Adern tobte, ließ ihn die kühle Luft des Herbstmorgens wie einen Fieberschauer empfinden, wo der Körper von einem kalten Frösteln geschüttelt wird, während im Innern eine heftige Hitze ungelöscht bleibt.
Er brauchte nicht lange zu suchen, bis er die Gestalt der Alten erkannte, die vor dem Tor stand und zurückschaute. Er eilte ihr nach und war in einer Minute an ihrer Seite.
»Ihr seid ein Langschläfer«, sagte sie mit ihrer zittrigen Stimme. »Ich glaubte schon, Ihr würdet nicht kommen. Nun laßt uns eilen.« Und während sie, freilich nicht mit den allerschnellsten Schritten, dahinlief, legte ihr Richard de Ashby viele Fragen vor über den alten Sweeting und seine Ehefrau, bei denen sich Kate Greenly befand. Wie alt er sei? Ob er Söhne habe? Ob viele Häuser dort herum seien?
Die Alte antwortete mürrisch, aber doch ganz befriedigend, er sei ein alter Mann von dreiundsiebzig Jahren und habe keine Söhne.
»Häuser?« rief sie. »Wenig Häuser, glaub' ich. Das ist gerade der Grund, warum der gute Vater Markus das Mädchen dahin geschickt hat. Wo immer Häuser oder junge Männer sind, da ist auch Versuchung für uns arme Frauen. Aber dieser Ort ist eine wahre Einöde. Wenn Ihr sie nicht zur Rückkehr bewegen könnt, weiß ich nicht, wer es tun sollte.«
So erzählend trabte sie durch verschiedene Gäßchen ihrem Begleiter voran, dem sie bei jedem neuen Haus, an das sie kamen, erklärte, dies sei wieder ein Platz, dessen sie gestern abend bei der Wegbeschreibung erwähnt habe, und dies wieder einer. Sehr bald jedoch waren immer weniger Hütten zu sehen, und endlich erreichten sie die Kapelle, von der die Alte gesprochen. Die Glocke ertönte gerade, als sie sich näherten, und die gute Frau wollte durchaus hinein, um ein paar Gebete zu sprechen. Richard de Ashby drang vergebens in sie, weiterzugehen; denn sie schien zu den Menschen zu gehören, die in ihrem Entschluß nur immer hartnäckiger werden, sobald sie sehen, daß man ihnen im mindesten widerspricht.
»Ihr wollt doch nicht«, sagte sie vorwurfsvoll, »daß ich an der Kapelle vorbeigehe, wo gerade die Glocke läutet? Das ist so bei euch Männern, die ihr keine Religion habt. So geht nur, wenn Ihr wollt; ich bleibe nicht lang drin. Ich habe fünf Aves und ein Paternoster und ein Credo herzusagen, und das erfordert nicht eine Minute. Ihr könnt den Weg nicht verfehlen. Geht nur, ich hole Euch bald ein.«
Richard de Ashby glaubte zwar nicht, daß dies bei dem trippelnden Schritt der Alten möglich sei, aber da ihm der Gedanke an Gebet und alles, was damit zusammenhing, zuwider war, mochte er auch nicht stehenbleiben und schritt düster weiter, immer beschäftigt mit denselben peinlichen Bildern, die ihn während der langen Nacht gequält hatten.
Früher jedoch, als er erwartet, kam die Alte aus der Kapelle heraus, und nach einer halben Meile hatte sie ihn eingeholt. Sie verfolgten jetzt einen kleinen Seitenpfad, auf dessen sandigem Boden man die Spuren von Pferdehufen erkennen konnte. Linker Hand wurden die Bäume allmählich dichter, und endlich zeigte sich etwa hundertundfünfzig Schritt vor ihnen ein kleines, niederes Häuschen, oder vielmehr eine Hütte, am Saume des Waldes Hegend. Das Gebäude sah so ärmlich und elend aus, daß Richard dachte: Wenn dies der Aufenthaltsort ist, den ihr der Priester angewiesen, so wird es nicht schwerhalten, sie zu bereden, zu einem angenehmeren Leben zurückzukehren. Ich will ihr sagen, ich sei gesonnen, sie nach London mitzunehmen. - »Ist es diese Hütte, gute Alte?« fragte er, über die Schulter sich umsehend, das Weib, das etwa zehn Schritt hinter ihm ging.
»Gewiß!« versetzte sie. »Hab' ich Euch nicht gesagt, hier sei sie?«
Richard de Ashby machte noch zwei oder drei Schritt vorwärts, die Hütte aufmerksam betrachtend; dann blieb er plötzlich argwöhnisch stehen, denn er glaubte, zuerst eine und dann eine zweite Gestalt aus dem Walde hervorspringen und hinter der Hütte verschwinden zu sehen, mit einer Raschheit der Bewegung, die nicht dem hohen Alter eignet. Eine plötzliche Furcht wandelte ihn an, und er rief aus:
»Was ist das, alte Hexe? Es sind Männer dort!«
In einem Nu ließ das alte Weib den Korb aus ihrer Hand fallen und sprang mit einem wilden Satz, ein lautes Gekreisch, das keiner menschlichen Stimme glich, ausstoßend, Richard de Ashby auf die Schultern, zwängte ihre langen dünnen Arme unter seinen Achseln hindurch und hielt ihn in zäher Umschlingung fest.
»Ha, ha, ha!« brüllte sie. »Kommt hervor, meine lustigen Männer! Kommt hervor! Tangel hat ihn gefangen! Tangel hat ihn gefangen! Wir wollen sein Herz essen! Wir wollen sein Herz essen und ihn selbst langsam am Feuer braten!«
Vergebens wand sich Richard de Ashby, um sich von den Griffen des seltsamen Wesens, das ihn festhielt, loszumachen. Mit beinahe übermenschlicher Geschmeidigkeit und Kraft hielt Tangel ihn umklammert. Seine Finger schienen von Eisen, seine Arme waren wie Stricke, und es nützte Richard de Ashby nichts, daß er sich zu Boden warf und sich über den Knaben wälzte. Er vermochte nicht im mindesten, die ihn fesselnden Arme zu lockern.
Nun hörte er die Schritte herbeieilender Männer, und als Tangel ihn endlich losließ, war Richard de Ashby an Händen und Füßen gebunden.