»Nun denn, so muß die Sache ihren Lauf nehmen«, versetzte der Prinz, zu Boden schauend. »Aber er könnte sich doch noch getäuscht sehen. Reitet hinüber und sprecht mit Sir John Hardy. Hört, was er sagt.«
Während der Ritter sich zu Hugh de Monthermers Zelt begab, ritt der Prinz um die Schranken herum und näherte sich dem Platz, wo Heinrich und Eleonore saßen. Er sprach mit beiden ein paar Worte; als er eben im Begriff war, sich zu entfernen, beugte sich Eleonore, deren Miene eine nicht geringe Unruhe verriet, vor und fragte mit leiser Stimme: »Seid Ihr Eurer Sache ganz gewiß, Edward?«
»Ich glaube es zu sein«, antwortete der Prinz, »obwohl ich noch niemand erscheinen sehe. Es wird jedoch nie zu spät sein, mich selbst ins Mittel zu legen. Der Brief, der mir heute nacht überbracht wurde, besagte, sie würden vor der Zeit mit dem verwundeten Grafen auf dem Kampfplatz sein. - Doch da kommt schon der Aus-forderer!«
Während er so sprach, waren seine Blicke auf das Zelt des jungen Grafen von Ashby geheftet, aus dem er einen Ritter hervortreten sah. Alured war in vollständiger Waffenrüstung, bestehend aus der Halsberge und dem Waffenhemd von Stahlschuppen, ebensolchen Beinschienen, einem stählernen Helm mit der Helmzier und dem beweglichen Visier von Eisendraht. Er trug kein Gewand über der Rüstung, und das einzige, was ihn von den gewöhnlichen Gewappneten unterschied, waren die Bänder von stählernen Platten an den Knien und Ellbogen des Harnischs, die erste Annäherung zu dem Panzer aus einem Stück, der später in Gebrauch kam.
Alle wandten ihre Blicke nun in diese Richtung, und jeder bemerkte, daß sich der junge Graf von Ashby, als er vom Eingang des Zeltes zu seinem Pferd hinschritt, auf den Arm Sir Harry Greys lehnte, der als sein Kampfzeuge auftrat. Und da sich mittlerweile allgemein das Gerüdit verbreitet hatte, daß in der vorigen Nacht ein Versuch gemacht worden sei, ihn zu vergiften, lief ein lautes Gemurmel durch das Volk: »Er ist nicht im Stande! Er ist nicht tüchtig! Laßt ihn nicht fechten!«
Aber Alured de Ashby setzte den Fuß in den Bügel und bestieg sein Roß mit sichtlicher Schwierigkeit; dann aber saß er fest und aufrecht im Sattel.
„Nun, mein Tier«, rief er, seinem Streitroß den Nacken klopfend, »du kannst die Waffen wohl tragen, die mich ermüden!« Und nach dem andern Ende der Schranken reitend, während seine Diener ihm mit Lanze und Schild folgten, grüßte er im Vorbeireiten den König und die Prinzessin und verbeugte sein Haupt tief vor dem Prinzen.
»Das ist wahrer Wahnsinn, mein guter Lord«, sagte der Prinz, zu ihm hinreitend. »Ich fühle in der Tat, daß ich als Kampfrichter dies nicht zugeben kann.«
»Ich muß meine Pflicht tun, Sir«, antwortete Alured de Ashby. »Ich bin weder eine Memme noch ein Elender. Und hier stehe ich in den Waffen, meine Ehre zu wahren.«
Edward wollte gerade antworten; da zügelte der Ritter, den er zu John Hardy geschickt hatte, neben ihm sein Pferd und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
»Sie seien bereit, den Kampfplatz zu betreten?« fragte Edward, verwundert die Augenbrauen hoch ziehend. »Was soll das bedeuten? - Nun, laßt die Herolde denn ihre Verkündigung tun. Wir wollen Sonne und Wind teilen.«
Auf ein Zeichen, das der Prinz mit dem Kampfrichterstab gab, schmetterten laut die Trompeten, und ein Herold, sein Roß vorwärts spornend, verkündete, daß alle Personen das Feld verlassen sollten, außer dem herausfordernden Ritter und seinem Gegner, den Herolden und Wappenbeamten, dem Kampfrichter und seinen Knappen.
Ein unbeschreibliches Gewühl trat jetzt ein; denn eine Menge Personen waren unter verschiedenen Vorwänden eben jetzt in den Schranken gewesen. Aber bald war alles geräumt, und Alured de Ashby, an den von den Herolden dem Herausforderer zugewiesenen Ort gestellt, schnallte seinen Schild an und nahm die Lanze zur Hand, die er senkrecht hielt, die eiserne Spitze steil in die Luft zeigend, das andere Ende auf seinem Fuß ruhend. Ein unbewaffneter Knappe stand auf jeder Seite und zwei Pagen dahinter.
Nun händigte Sir Harry Grey dem vornehmsten Herold einen Beutel voll Gold ein und sagte, dem Zeremoniell folgend: »Das für des guten Ritters Helm!«
Der Herold neigte den Kopf und versetzte: »Dank für die Freigebigkeit, edler Sir. Ist der Kampf auf Lanze und auf Schwert?«
»Das ist einerlei«, sagte Sir Harry Grey. »Er bezahlt für die Lanze, und die Lanze deckt das Schwert.«
Darauf spornte der Herold sein Pferd etwa zwanzig Schritt vorwärts, gefolgt von seinen Wappenbeamten, und nach einem lauten Schmettern der Trompeten verkündete er, daß hier stehe Alured, Graf von Ashby, bereit, den Kampf zu wagen gegen Hugh von Monthermer, Lord von Amesbury, wegen gewisser Anklagen, die er, Alured, gegen besagten Hugh vorgebracht, nachdem er, dem Gesetz der Waffen gemäß, den Eid geleistet, daß sein Streit recht und gerecht sei und er bereit, Leib und Leben der Entscheidung Gottes anheimzustellen. »Wenn nun«, fuhr der Herold fort, »besagter Hugh von Monthermer behaupten und verfechten will, daß die Anklage falsch und grundlos sei, und dafür sein Leben wagen, so möge er nahen vor dem dritten Schmettern der Trompeten, oder wenn nicht, so überliefere er sich den Händen des Königs, daß mit ihm verfahren werde, so wie er verdient hat! - Höret! Höret! Es wolle kein Mann, bei Gefahr, Leib und Leben zu verwirken, Zuspruch oder Aufmunterung angedeihen lassen weder besagtem Alured, Grafen von Ashby, noch Hugh, Lord von Monthermer, durch Zeichen, Wort oder Zuruf, und Gott wolle das Recht verteidigen. - Blast die Trompeten!«
Ein langer, lauter Ruf der Trompeten folgte, und alle Blicke wandten sich nun nach dem anderen Zelt, bei dem das Banner des Hauses Monthermer wehte. Zwei aufgezäumte und vollständig gerüstete Pferde und verschiedene Pagen und Diener standen davor. Hinter dem Zelt schien Gewühl und Tumult zu herrschen, und die Frist nach dem ersten Ruf der Trompete verstrich, ohne daß jemand erschien, auf die Ausforderung zu antworten.
»Blast wieder!« befahl der Herold, und wieder ertönte das Schmettern der Trompete, worauf beinahe augenblicklich die Vorhänge des Zeltes zurückgezogen wurden und Hugh de Monthermer, bewaffnet, aber entblößten Hauptes, sich der Schranke näherte.
»Das ist nicht in der Ordnung«, murmelte Alured de Ashby, sich mühsam im Sattel hochrichtend. Aber schon im nächsten Augenblick sah er mehr. Zur Rechten von Hugh schritt Sir John Hardy und zu seiner Linken sein Oheim, der alte Graf von Monthermer.
Zwei Knappen trugen des Ritters Lanze und Schild, ein Page zwischen ihnen seinen Helm. Langsam rückte der ganze Zug gegen die Schranke vor, die aufgehoben wurde, um sie in den Kampfplatz einzulassen. Aber dicht hinter ihnen kamen vier Männer, auf ihren Schultern etwas wie eine Sänfte mit Vorhängen von leichtem Tuch tragend. Ein Trupp Waidmänner folgte, einen Mann mit gebundenen Armen zwischen sich führend. Seine Kapuze war zurückgeschlagen, so daß das Gesicht frei sichtbar war.
»Ha! Was ist das?« Alured de Ashby trieb sein Pferd ein paar Schritte vorwärts. »Was bedeutet das alles? Ach, jetzt seh' ich es! Sie haben Richard in ihre Hände bekommen - und auf der Bahre bringen sie wahrscheinlich den Leichnam Guy de Margans. Mein Prinz, ich errate das übrige.«
»Ich auch«, entgegnete Edward trocken. »Laßt uns hinreiten und sehen!«
Beide spornten rasch ihre Pferde und erreichten den Platz vor dem königlichen Pavillon in demselben Augenblick, als Hugh de Monthermer dort hielt.
»Nun, Hugh, sprecht und gebt Aufklärung!« sagte der Prinz. »Aber zuerst, mein guter Lord«, fuhr er fort, dem alten Grafen Monthermer die Hand bietend, »willkommen Ihr, zurückkehrend zu Eurer Pflicht und zu England. Mein Herr und König, darf wohl Euer Sohn diesem Edelmann Gnade und Verzeihung ankündigen?«