»Fragt mich nicht aus«, sagte sie kalt. »Ihr wißt nicht, welche Fragen Ihr stellen müßt, und Ihr würdet nicht einmal die Hälfte meiner Antworten verstehen, wenn ich sie Euch gäbe. Was ich nicht tun werde.«
Er trat unter ihrem Blick nervös von einem Fuß auf den anderen, bis klar war, daß sie nichts mehr zu sagen gewillt war. Sein Hemd scheuerte schmerzhaft über den Brandfleck auf seiner Brust. Es schien keine schlimme Verletzung zu sein — nicht, wenn man nur vom Blitz getroffen worden ist —, aber wie er daran gekommen war, war eine ganz andere Sache. »Äh... Könnt Ihr diese Wunde heilen?«
»Habt Ihr keine Angst mehr davor, daß an Euch die Eine Macht benützt wird, Perrin? Nein, ich werde das nicht heilen. Es ist keine ernsthafte Wunde, und sie wird Euch daran erinnern, daß Ihr euch besser in acht nehmen müßt.« In acht nehmen davor, sie zu sehr zu bedrängen, genau wie in bezug auf künftige Träume und auch darauf, andere von seinen Träumen wissen zu lassen. »Gibt es noch etwas, Perrin?«
Er wollte schon zur Tür gehen, blieb aber doch noch einmal stehen. »Da ist noch etwas. Wenn Ihr wüßtet, daß eine Frau Zarine heißt, würdet Ihr glauben, der Name hätte irgendeine Bedeutung?«
»Warum beim Licht stellt Ihr mir eine solche Frage?«
»Ein Mädchen«, platzte er heraus. »Eine junge Frau. Ich habe sie letzte Nacht kennengelernt. Sie gehört zu den anderen Passagieren.« Er würde sie selbst herausfinden lassen, daß Zarine über sie als Aes Sedai Bescheid wußte. Und daß sie glaubte, wenn sie ihnen folgte, könne sie das Horn von Valere finden. Er würde künftig nichts zurückhalten, was er für wichtig hielt, aber wenn Moiraine schon Geheimnisse hatte, konnte er auch welche haben.
»Zarine. Der Name kommt aus Saldaea. Keine Frau würde ihre Tochter so nennen, wenn sie nicht glaubte, daß aus ihr eine große Schönheit würde. Und eine Herzensbrecherin. Eine, die in Palästen auf Kissen herumliegt, von Dienern und Verehrern umlagert.« Sie lächelte kurz und höchst amüsiert. »Vielleicht habt Ihr noch einen Grund, vorsichtig zu sein, Perrin, falls eine Zarine auf diesem Schiff mitfährt.«
»Ich habe vor, mich vorsichtig zu verhalten«, sagte er zu ihr. Zumindest wußte er nun, warum Zarine ihr eigener Name nicht gefiel. Er paßte wohl kaum zu einer Jägerin des Horns. Solange sie sich nicht ›Falke‹ nennt...
Als er an Deck ging, war Lan schon da und kümmerte sich um Mandarb. Und Zarine saß auf einer Taurolle nahe der Reling, schliff eines ihrer Messer und beobachtete ihn. Die großen, dreieckigen Segel waren gesetzt und blähten sich im Wind. Die Schneegans machte gute Fahrt flußabwärts.
Zarines Blick folgte Perrin, als er an ihr vorbei zum Bug ging. Das Wasser wurde vom Bug des Schiffes aufgeworfen wie der Erdboden von einem guten Pflug. Er grübelte über Träume und Aiel-Männer nach, über Mins Voraussagen und Falken. Seine Brust tat weh. Sein Leben war noch nie so kompliziert verlaufen wie jetzt.
Rand fuhr aus seinem Schlaf der Erschöpfung hoch und schnappte nach Luft. Der Umhang, den er als Decke benutzt hatte, rutschte herunter. Seine Seite schmerzte. Die alte Wunde aus Falme klopfte fiebrig. Sein Feuer war bis auf die Glut einiger Kohlen heruntergebrannt, und nur gelegentlich züngelten daraus noch Flammen empor, doch es reichte, um die Schatten in Bewegung zu versetzen. Das war Perrin. Bestimmt! Er war es selbst, nicht bloß im Traum. Irgendwie. Und ich habe ihn beinahe umgebracht! Licht, ich muß vorsichtiger sein!
Vor Kälte zitternd, nahm er ein Stück eines Eichenastes in die Hand und wollte es zwischen die Kohlen schieben. Es gab nur vereinzelte Bäume in diesen Hügeln von Murandy nahe dem Manetherendrelle, aber er hatte genügend abgebrochene Äste gefunden, gerade alt genug, um richtig zu brennen, aber noch nicht verrottet. Bevor jedoch das Holz die Kohlen berührte, hielt er in der Bewegung inne. Pferde näherten sich, zehn oder zwölf, langsam, im Schrittempo. Ich muß vorsichtig sein. Ich kann mir keine Fehler mehr leisten.
Die Pferde bogen in Richtung seines niedergebrannten Feuers ab, traten in den trüben Lichtkreis und blieben stehen. Der Schatten ließ ihre Reiter nur als verschwommene Gestalten erscheinen, aber die meisten schienen Männer mit groben Gesichtern zu sein, die runde Helme und lange Lederwämser trugen, mit Metallscheiben wie mit Fischschuppen besetzt. Ein Reiter allerdings war eine Frau mit ergrautem Haar und einem strengen Gesichtsausdruck. Ihr dunkles Kleid war aus einfacher Wolle, aber vom feinsten Webmuster. Daran trug sie eine silberne Nadel, deren Kopf einen Löwen darstellte. Sie hätte zu den Kaufleuten gehören können, die immer zu den Zwei Flüssen kamen und dort Tabak und Wolle kauften. Eine Kauffrau und ihre Leibwächter.
Ich muß vorsichtig sein, dachte er beim Aufstehen. Keine Fehler.
»Ihr habt einen guten Lagerplatz gewählt, junger Mann«, sagte sie. »Ich habe ihn auf dem Weg nach Remen schon oft benützt. In der Nähe ist eine kleine Quelle. Ich hoffe, Ihr habt nichts dagegen, ihn mit uns zu teilen?« Ihre Leibwächter stiegen bereits ab, rückten ihre Schwertgurte zurecht und lösten die Sattelgurte ihrer Pferde. »Nichts«, entgegnete Rand. Vorsicht. Zwei Schritte brachten ihn nahe genug heran, und dann sprang er hoch in die Luft, wirbelte herum — ›Daunenfedern im Sturmwind‹ — hielt ein aus Flammen entstandenes Reiherschwert in der Hand und hieb ihr den Kopf ab, bevor sich auf ihrem Gesicht auch nur Überraschung zeigen konnte. Sie war die gefährlichste.
Er war schon wieder auf den Beinen, als der Kopf der Frau von ihrem Pferd rollte. Die Wächter schrien und griffen nach ihren Schwertern, und sie schrien erst recht, als sie erkannten, daß sein Schwert brannte. Er tanzte so zwischen ihnen hindurch, wie Lan es ihn gelehrt hatte, und er wußte, daß er alle zehn auch mit gewöhnlichem Stahl hätte töten können, doch die Klinge, die er führte, war ein Teil seiner selbst. Der letzte Mann fiel, und es war seinen Fechtübungen unter Lan so ähnlich gewesen, daß er schon sein Schwert zurück in die Scheide stecken wollte — ›Den Fächer zusammenfalten‹ nannte man das —, als er sich daran erinnerte, daß er gar keine Scheide trug, und das Schwert hätte bei der ersten Berührung sowieso jede Scheide zu Asche zerfallen lassen. Er ließ das Schwert verschwinden und wandte sich den Pferden zu. Die meisten waren weggelaufen, aber ein paar davon nicht weit, und der hochgewachsene Wallach der Frau stand mit rollenden Augen da und wieherte übernervös. Ihre kopflose Leiche, die am Boden daneben lag, hatte die Zügel nicht losgelassen und zog den Kopf des Tieres immer noch herunter.
Rand zog der Toten die Zügel aus der Hand, suchte schnell seine paar Besitztümer zusammen und schwang sich in den Sattel. Ich muß vorsichtig sein, dachte er, als er die Leichen überblickte. Keine Fehler.
Die Macht erfüllte ihn noch, dieser Strom von Saidin — süßer als Honig, verdorbener als verwesendes Fleisch. Mit einem Mal lenkte er die Macht erneut, ohne eigentlich richtig zu wissen, warum er das tat oder was er überhaupt wollte. Er wußte nur, daß es richtig war, und es funktionierte auch. Die Leichen schwebten hoch, und dann setzte er sie alle ihm gegenüber auf die Knie. Sie fielen um, und ihre Gesichter lagen im Schmutz. Die Gesichter derjenigen jedenfalls, die überhaupt noch welche hatten. Aber sie hatten vor ihm gekniet.
»Ich bin der Wiedergeborene Drache«, sagte er zu ihnen, »und so sollte es doch sein, oder?« Saidin wieder loszulassen fiel ihm schwer, doch er brachte es fertig. Wenn ich zu lange daran festhalte, wie kann ich dann den Wahnsinn zurückhalten? Er lachte bitter auf. Oder ist es dafür schon zu spät?
Mit gerunzelter Stirn blickte er die Reihe entlang. Er war sicher gewesen, daß es nur zehn waren, doch nun lagen elf Männer vor ihm, einer davon ohne irgendwelche Kampfausrüstung, doch immer noch mit einem Dolch in der Hand.