Выбрать главу

»Sie fanden ihn, Tungdil. Mehrmals schon. Wir hinderten sie daran, ihre Entdeckung in ihre Reiche zu tragen.« Sirka holte Luft. »Sündalon war dagegen, dass wir es euch erzählen, bevor wir den Stein nicht in unseren Händen halten, aber ich denke, du solltest es wissen.« Sie streichelte seinen Handrücken. »Sieh es als Vertrauensbeweis.«

»Dann verdanken wir die Ruhe im Geborgenen Land nicht nur unseren Stämmen, sondern auch euch«, raunte er erschrocken.

Er stellte sich die Ausmaße der Verwüstung vor, wenn die Heere aus Ogern, Trollen, Albae, Bogglins und weitere Ausgeburten Tions ohne Vorankündigung über Urgon und von dort aus über den Rest des Geborgenen Landes hergefallen wären. Kein Stein säße auf dem anderen. All die Zyklen trügerischer Sicherheit verdankten sie dem Schutz der Untergründigen, denen nun die eigene Rettung verwehrt worden war. »Wieso habt ihr das getan? Wieso hat sich keiner von euch jemals bei uns gezeigt?«

»Wozu? Es kam keiner von euch zu uns. Wir nahmen an, dass euch nicht an uns gelegen ist. Und wir wussten, dass unsere Bruderschaft mit den Ubariu zu großen Hindernissen zwischen unseren Völkern führen würde.« Sie stand auf und ging zur Tür. »Nun zeigt sich, dass es besser war. Ich sage Bescheid, dass wir bald nach Weyurn aufbrechen«, sagte sie auf der Schwelle. »Du wirst niemandem von unserer Unterhaltung erzählen?« Tausend Fragen brannten auf Tungdils Zunge, aber er beherrschte sich. »Niemandem«, schwor er und klopfte auf seine Axt. »Bei der Feuerklinge.« Er lächelte sie an, und sie verschwand hinaus.

Seine Gedanken überschlugen sich, tanzten umeinander. Unauslöschliche, Untergründige, alles klang sehr nach Untergang.

Es lag in seinen Händen, diesen zu verhindern. Wieder einmal. Er fühlte sich nicht sonderlich wohl und freute sich über die nahende Unterstützung: Bald würde er seinen Ziehvater Lot-Ionan an seiner Seite haben. Ein weiser Magus, älter als jeder Mensch im Geborgenen Land, ein Verstand voller Wissen und voller Erfahrung. Er hatte Tungdil früher mit Ratschlägen den Weg gewiesen, und darauf vertraute er wieder. Oder besser: Lot-Ionan sollte bestimmen, was zu tun war. Tungdil wollte keine Entscheidungen mehr treffen.

Seine Augen schweiften zu dem letzten versiegelten Umschlag.

Diesen Brief hatte er absichtlich nicht vorgelesen, der Absender war Gla'imbar Scharfklinge. Tungdil fürchtete sich vor den Zeilen, die er lesen musste, um Gewissheit zu erlangen.

Er stand auf, nahm den Umschlag riss ihn auf.

Hoch geschätzter Tungdil Goldhand, du hattest Recht. Ich empfinde noch immer etwas für Balyndis und habe sie nach deinem Schreiben an mich sofort zu mir gebeten.

Zu meiner großen Freude nahm sie die Einladung an, und zu meiner noch größeren Freude versprach sie mir, an meine Seite zurückzukehren. Sie hat als meine erste Frau das Recht dazu.

Ich soll dir schreiben, dass sie deine Ablehnung, deine Unzufriedenheit in ihrer Nähe gespürt habe. Deswegen habe sie dich nun freigegeben, unter der Bedingung, dass sie dich nie wieder sehen möchte. Sie könne deinen Anblick nicht ertragen.

Ich bin mir sicher, dass es mir gelingen wird, zwischen ihrem Clan und ihr den Frieden wieder herzustellen, den sie verdient hat. Ich werde ihr ein guter Gatte sein, und sie wird die beste Königsgemahlin sein, welche es jemals im Reich der Fünften gegeben hat.

Ich danke dir für deine Offenheit, und so gestatte auch mir Offenheit: Wahre Gefühle sind nicht wankelmütig. Balyndis hat schmerzlich erfahren, dass es bei dir keine Beständigkeit geben kann. Aber wir, die Kinder des Schmiedes ...

Tungdil zerriss den Brief.

Er musste nicht weiterlesen, das Wichtigste war gesagt worden, und eine Standpauke von einem Glaimbar Scharfklinge benötigte er nicht. Er wusste es selbst besser. Balyndis hatte seinen Brief gelesen und verstanden. Dafür war er ihr auf ewig dankbar, auch wenn er um ihren großen Schmerz wusste. Und deswegen konnte er sich über den Abschied nicht freuen.

Er schaute hinaus auf den Hof, wo er Sirka beobachtete. Sein eigenes Gesicht spiegelte sich teilweise im Glas. »Feigling«, sagte er zu sich selbst.

Und das Spiegelbild schien zu nicken.

XII

Das Geborgene Land, Königinnenreich Weyurn, 12 Meilen nordwestlich von MiFurdania, 6241. Sonnenzyklus, Sommer.

Nach den vielen Unterbrechungen verlief der Rest ihrer Reise ausgesprochen gut. Sie gingen an Bord der beiden königlichen Schiffe, die ihnen bereitgestellt worden waren, und nahmen Kurs auf Mifurdania. Unterwegs legten sie an der Insel Windspiel an und überließen den Elben der Obhut des königlichen Archivars, den sie im Namen von Königin Wey mit der Pflege beauftragten.

Dann war es auch schon wieder mit ihrem Glück vorbei.

Dass ein See durchaus hohe Wellen besaß, wurde den Zwergen und ihren Begleitern bald deutlich vor Augen gehalten.

Die Göttin Elria machte sich gegen Abend einen Spaß daraus, das Wasser in Aufruhr zu versetzen und die Wogen gegen den Rumpf der beiden Schiffe zu schleudern, auf denen sie fuhren.

Es ging in einem steten Auf und Ab über Weyurns See, Gischtschleier durchnässten jeden, der sich im Freien befand. Es gab - bis auf Tungdil - keinen Zwerg des Geborgenen Landes, der sich nicht übergeben musste, die Untergründigen dagegen taumelten nicht einmal auf den schwankenden Planken.

Tungdil eilte hinunter in den Frachtraum, um nach der in Decken eingeschlagenen Statue Lot-Ionans zu sehen. Er könnte es sich nicht verzeihen, wenn sie jetzt, kurz vor ihrem Ziel, wegen des Sturms stürzen und zerbrechen würde. Breitbeinig umrundete er seinen versteinerten Ziehvater, prüfte die Gurte. Dann zog er einen Zipfel Decke zur Seite und betrachtete das Gesicht.

»Bald«, versprach er ihm mit einem einzigen Wort und schluckte schwer. Aus der Hoffnung, den vertrauten und geliebten Magus lebendig vor sich stehen zu sehen, war überwiegende Gewissheit geworden. Was er wohl sagen wird, wenn er hört, was alles geschehen ist?, fragte er sich und berührte den Saum des versteinerten Gewandes, das unter der Abdeckung herausschaute. Er ertappte sich dabei, dass er überlegte, ob Lot-Ionan ihn wegen irgendeiner Sache aus den vergangenen Zyklen ausschimpfen konnte. Tungdil grinste. Nein, er hat keinen Grund. Es sei denn, Heldentaten sind verwerflich. Er zog ein Seil fester um die Füße der Statue und erklomm die Treppe zurück an Deck.

»Elria hat eine neue Art des Fluchs gegen uns ersonnen«, ächzte Boindil und rülpste leise. Mehr als Luft kam nicht mehr, es befand sich nichts mehr in seinem Magen, was er über die Reling hätte speien können. Es war das erste Mal seit dem Streit auf dem Hof, dass er etwas zu Tungdil sagte. Bis dahin hatte er die Gesellschaft von Goda, den Zwergen und dem Schauspieler vorgezogen.

»Das ist gar nichts«, grinste Sirka. »Wir haben auf den Meeren schon stärkere Stürme erlebt.« »Im Jenseitigen Land gibt es Meere?« Tungdil dachte an die dürftigen Aufzeichnungen, die er über die Welt auf der anderen Seite der Gebirge gelesen hatte. Er konnte sich nicht erinnern, etwas über ein Meer gelesen zu haben.

»Gewiss. Wir befahren sie.« Sirka schaute zum Steuermann. »Die Schiffe und die Mannschaft wären auf unseren Meeren rettungslos verloren. Sie würden den Stürmen nicht Stand halten.«

Furgas stand bei ihnen, ihm machte das Wetter nichts aus. »Hier muss es irgendwo gewesen sein«, verglich er die Umgebung und rief Rodario zu sich. »Die Entfernung stimmt, und da drüben ist eine Insel. Ist das die, welche du umfahren hast?«

Rodario hielt sich am Mast fest, Wasser rann aus seiner Kleidung. »Es kann sein. Hoffen wir, dass sich der Fischer nicht getäuscht hat, als er von der Alb-Insel berichtete.«