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»Der Sturm ist gut für uns«, meinte Sirka. »So können wir nahe genug herankommen, ohne dass die Dritten uns sofort bemerken.«

Tungdils Augen schweiften über das Häuflein Wagemutiger, und er erinnerte sich an den namenlosen Untergründigen, der sie damals zu Sündalon geführt hatte. Er fragte Sirka nach ihm. »Was hat es mit ihm auf sich? Was bedeuten die Zeichen auf seiner Stirn und seine Kleidung? Warum nannte er mit seinen Namen nicht?«

»Ich glaube, es gibt lediglich sieben Personen, die wissen, wie er heißt«, antwortete sie. »Ich gehöre nicht dazu. Er ist Sündalons Vertrauter und dem Acront von Letefora ergeben. Er wurde von ihm ausgebildet.« Die Auskunft brachte mehr Fragen als Klarheiten. »Aber was...«

»Berg voraus!«, brüllte der Ausguck nach unten. Nun musste Tungdil seine Neugier zügeln. Dergard, der in der Tür zu Passagierkajüte stand, winkte Tungdil und Furgas zu sich. »Das ist die Stelle, an der die Quelle liegt«, rief er in ihre Ohren. »Ich spüre es ganz deutlich. Es gibt keinen Zweifel daran.« »Wenn die Insel aufgetaucht ist, heißt das, dass sie die Monstren entweder erwarten oder absetzen möchten«, sagte Furgas laut.

Tungdil presste die Lippen zusammen. Gegen vier der Scheusale, die im schlimmsten Fall neue magische Kräfte aufgenommen hatten, wäre es ein aussichtsloser Kampf, solange sie Lot-Ionan nicht zum Leben erweckt hatten. »Wir haben keine Wahl«, sagte er. »Wir müssen die Insel einnehmen und sofort zum Grund tauchen. Haltet Euch bereit, Dergard.« Er eilte die Treppen zum Steuermann und zum Kapitän hinauf, um seine Anweisungen zu geben. »Sucht eine Stelle, an der wir anlanden können.«

»Das geht nicht. Seht Ihr den Strand?«, rief der Kapitän. »Es besteht aus festem Gestein. Das wird uns den Bug aufschlitzen.«

»Es gibt keine andere Möglichkeit. Wir haben nicht genügend Beiboote, und schon gar nicht werden wir sie bei diesem Sturm absetzen können«, beharrte Tungdil. »Jagt die Schiffe notfalls auf den Strand und lasst sie danach zerschellen.«

»Ihr seid kein Seefahrer, Tungdil Goldhand! Wisst Ihr, was Ihr da verlangt?«, meinte der Mann entsetzt. »Ihr setzt unsere Leben aufs Spiel!«

»Ja: Tut es einfach, Kapitän. Es geht um mehr als um ein paar Schiffe.« Und ein paar Leben. Er kehrte auf das Deck zurück, begab sich von dort erneut in den Frachtraum und scheuchte die Zwerge und die Soldaten aus Weyurn hinauf, um die Eroberung der Insel einzuleiten. Lot-Ionans verhüllte Statue wurde an Deck gebracht und mit dem Seil des Lastkrans verbunden. Tungdil betrachtete die Vorbereitungen mit großer Aufmerksamkeit und Sorge. Von diesem Augenblick an musste alles glücken.

Sie versammelten sich am Bug, während die Alb-Insel als großes, schwarzes Gebilde näher kam. Bald darauf rannten die Schiffe auf die Basaltplatte. Krachend barsten die Spanten. Keiner der Zwerge und Untergründigen schrie, grimmig klammerten sie sich an Tauen oder Aufbauten fest, um nicht den Halt zu verlieren. Das Holz wurde durch den scharfen Stein wie von einer Klinge aufgeschlitzt.

»Alle von Bord!«, schrie Tungdil und blies in ein Rufhorn, um den Zwergen auf dem zweiten Schiff das Signal zu geben; danach sprang er hinab und landete auf dem harten Felsen.

Den meisten Zwergen und Soldaten gelang dieses Kunststück ebenfalls; lediglich ein Dutzend verfehlte durch das Schlingern der Schiffe den festen Strand und landete im Wasser. Sie versanken augenblicklich in den Wogen.

Tungdil fluchte lautlos, als er es sah. Sie sollten ihre Leben nicht umsonst verloren haben. »Lasst die Statue herab!«, rief er. Er sah, wie das Wasser in den geöffneten Vorderteil des Schiffes schoss und ihn umgehend flutete.

Ein Hebearm des Krans schwang herum, Matrosen betätigten die Winde, und der versteinerte Magus schwebte von Deck.

Als er sich bereits halb über dem Strand befand, schwankte das Schiffs besonders heftig. Das Heck schwenkte herum, und so wurde der Rumpf wie ein Laib Brot aufgeschnitten.

Die schwere Last tanzte und hopste wie ein Gehenkter am Seil, dann wurde die Beanspruchung zu groß. Mit einem Knall riss das Tau, und die Statue stürzte nach unten.

Die Zwerge sprangen zur Seite, um nicht erschlagen zu werden; polternd schlug sie auf dem Strand auf - und rollte in Richtung der Bruchkante.

»Haltet sie fest!«, brüllte Tungdil und rannte durch das Wasser, das ihm bis zur Hüfte stand. Zusammen mit fünf Zwergen zog und zerrte er an der Statue, aber die Decken hatten sich vollgesogen und machten sie noch schwerer. Eine Woge spülte drei Zwerge von den Beinen, und der versteinerte Lot-Ionan rutschte über den Basalt in die Tiefe.

»Nein!«, schrie Tungdil und starrte auf die Stelle, wo die Statue versunken war. Er machte einen Schritt vorwärts, als könnte er hinterher tauchen und sie bergen.

»Lass sie«, hielt ihn Ingrimmsch zurück. »Wer weiß, ob die Rückverwandlung überhaupt funktioniert hätte. Wir haben einen Magus, Gelehrter. Und dem müssen wir seine Magie verschaffen.«

Die Versteinerung Lot-Ionans hatte scheinbar auf Tungdil übergegriffen. Unfähig, sich zu rühren oder etwas zu sagen, verharrte er auf dem Strand. Der Wind peitschte ihm ins Gesicht, er vernahm das Krachen der sterbenden Schiffe. Seine Gedanken zerrannen wie seine Pläne zu Quecksilber, sickerten nach unten und verschwanden ohne irgendeine Spur. Was wird jetzt?, war das Einzige, was er innerlich unentwegt wiederholte. Ich habe ihn für immer verloren. Durch meine Schuld. So sollte die Eroberung der Insel nicht beginnen.

»Tungdil!«, herrschte Ingrimmsch ihn an und rüttelte an seiner Schulter. »Komm zu dir. Wir brauchen dich.« »Verdammt!«, schrie Tungdil gegen den Sturm, die Gischt überdeckte seine Tränen, die er vor Wut und Trauer weinte. Dann wich die Niedergeschlagenheit dem Zwergentrotz. »Also gut. Erobern wir diese verfluchte Insel.« Er hob den Kopf. »Furgas!«

Furgas zeigte sich, winkte und sprang von Deck. Er übernahm die Leitung, führte sie durch die Grotte, in der Rodario schon einmal gewesen war, und stand unmittelbar vor einer massiven Wand. »Hier ist ein verborgener Ausgang«, erklärte er und tastete an dem schwarzen Stein herum.

Tungdil und die anderen warteten voller Spannung, sicherten in alle Richtungen.

Rodario sah durch den Höhlenausgang, wie die nächste Welle die beschädigten Schiffe anhob und gegen die Bergwand schleuderte. Sie zerbrachen lärmend in viele große und kleine Trümmer. Einige Seeleute retteten sich an Land, die meisten glitten zusammen mit den Wrackteilen in die aufgewühlte See. Damit blieb den Eroberern nur der Erfolg. Ein Rückzug war nicht mehr möglich.

Die Wand vor ihnen schwenkte zur Seite. »Wir kommen durch den Gang in die mittlere Ebene der Schmiede«, erklärte der Mime.

»Eine Gruppe befreit die Gefangenen«, befahl Tungdil und stellte zehn Soldaten dazu ab, »der Rest hält sich nicht weiter auf und folgt Furgas und mir direkt zu den Dritten.« Er nickte ihnen zu. »Vraccas sei mit uns und mache uns erneut zu den Beschützern des Geborgenen Landes.« Er blickte zu Sirka, schenkte ihr ein Lächeln und gab Furgas das Zeichen, dass es losgehen konnte.

Die Gruppe aus zweihundert Kämpfern eilte durch den schmalen Gang und näherte sich der mit Riegeln und Bolzen geschützten Tür, die sich unter den erfahrenen Händen von Furgas ganz leicht öffnen ließ. Rodario erkannte den Ort sofort wieder. Sie standen genau in der Nähe des Durchgangs, durch den er damals in die Höhle mit den Schmelzöfen geflüchtet war.

Die Zwerge und Soldaten schwärmten aus.

»He!« Einer der Gefangenen hatte die Unbekannten bemerkt. »Wer seid ihr?«

Sein Rufen wurde von den Umstehenden gehört, die Zwerge und Soldaten waren entdeckt. »Bei den Göttern des Guten: Truppen der Königin! Elria sei gepriesen! Befreit uns!«, schrie der Gefangene aufgeregt und reckte bittend die Fesseln. Nun begann ein lautes Rufen und Schreien in der Höhle. Die Männer und Frauen hatten Angst, dass sie nicht von den Soldaten befreit würden.

Damit lockten sie die Wärter an, die zuerst an einen Aufstand glaubten. Als sie ihren Irrtum erkannten, leisteten die meisten der nachgeahmten Albae nur wenig Widerstand. Sie waren zu wenige, als dass sie mit einem Sieg rechneten. Sie hofften stattdessen auf die Gnade der Eroberer.