»Der Magister? Er ist hier?« Die Zwergin lachte. »Oh, er hat sich gewiss eine besondere Falle für euch ersonnen, wenn er euch zu uns geführt hat.« Sie setzte mit dem Schwert nach und streifte seinen Arm. Das Kettenhemd bewahrte ihn vor einem Schnitt. »Dann hätten wir die Insel nicht fluten müssen.« Veltaga schaute auf seine Axt. »Du musst Tungdil Goldhand sein. Der Magister redete immer davon, dich töten zu wollen.« Tungdil verstand nicht, wovon sie sprach. »Eine Falle?« Er führte die Feuerklinge gegen ihre Körpermitte. Gerade rechzeitig hielt sie ihren Streitkolben schützend vor den Leib, doch er federte zurück, und sie verletzte sich durch den Schwung selbst. Aufkeuchend taumelte sie rückwärts gegen eine Wand aus Ventilen. »Er sagte immer, dass du Schuld an seinem Unglück bist. Du und alle Zwerge. Deswegen half der Magister uns, als wir ihn darum baten, uns bei unserer Rache zu unterstützen.«
»Es sind die Lügen einer Zwergenhasserin«, lachte Tungdil sie aus. »Darauf falle ich nicht herein.« »Weswegen sollte ich dich anlügen?« Veltaga drückte sich ab und griff ihn mit beiden Waffen zugleich an. »Du bist hier und wirst sterben. Ist das nicht Beweis genug?«
Tungdil ließ das Schwert gegen seinen Oberkörper prallen, was zwar sehr wehtat und ihm eine Rippe brach, ihn aber nicht tötete. Die Schneide der Feuerklinge kappte den Streitkolben unterhalb des schweren Metallkopfes und machte ihn damit beinahe ungefährlich.
Blitzschnell schlug er Veltaga den Stiel längs gegen die Stirn und stieß sie auf die Eisenplatten. »Ihr habt euch das fein ausgedacht, um Zwietracht zwischen Furgas und uns zu säen. Aber ich falle nicht darauf rein.« Er setzte ihr den Stiefel auf die Brust und drückte sie nach unten. »Ergibst du dich?«
Die Zwergin blutete aus dem Mund und aus der gebrochenen Nase, das Sigurdazienholz war hart wie Eisen. »Ich muss mir nichts ausdenken, Goldhand. Der Magister hat alles eingefädelt, alles ersonnen und gebaut. Er hat den Unauslöschlichen sogar die Monstren erschaffen, nachdem sie ihm versprochen hatten, die Macht des Steins gegen die Zwerge einzusetzen.«
Sie hob ruckartig den Arm mit dem Schwert und schlug nach ihm, doch Tungdil schwang die Seite der Axt mit den Widerhaken in ihren Unterarm und hielt ihn damit fest. »Haben deine Lügen denn niemals ein Ende?« Veltaga schrie voller Qualen. »Ich lüge nicht! Der Magister hat alles geplant. Auch, dass ihr hier auftaucht. Er wollte Rache für seine Familie.«
Ein lautes, eisernes Ächzen erfüllte den Raum.
»Es sind die Türen!«, rief Goda zu ihm hinauf. »Sie halten dem Druck nicht länger stand.«
Ingrimmsch stand vor den verbogenen Hebeln und versuchte, sie zusammen mit den Zwergen zu bewegen; einer brach ab, der andere bog sich in die entgegengesetzte Richtung.
Tungdil drehte die Axt und verstärkte Veltagas Leiden. »Wie tief sinken wir?«
»Eintausendsiebenhundert Schritt, hat der Magister geschätzt. Es ist die tiefste Stelle des Sees«, heulte sie. »Ihr werdet eurem Untergang nicht entkommen. Selbst wenn ihr wüsstet, wie man die Ventile bedient. Wir haben alle Kammern geflutet. Ihr werdet verhungern.« Sie lachte gequält. »Der größte Held des Geborgenen Landes und die einzige Waffe, welche die Unauslöschlichen aufhalten könnte, liegen für immer auf dem Grunde Weyurns. Das ist eine Rache, wie sie schöner nicht sein könnte.« Sie spuckte ihm ihren roten Speichel ins Gesicht. »Genau so hat es der Magister geplant. Er brauchte den Tunnel ins Jenseitige Land gar nicht.«
Mit einem harten Ruck zog er die Widerhaken aus ihrem Unterarm, ihr roter Lebenssaft rann auf die Eisenplatte. »Ihr Dritten seid erbärmlich«, knurrte er.
»Du glaubst mir immer noch nicht?« Veltaga schaute auf ihren zerschmetterten Arm. »Frag den Schauspieler. Bandilor hat ihn in Mifurdania auf Geheiß des Magisters besucht und ihn bedroht, damit er nicht weiter nach ihm sucht. Er war zu gutmütig. Ich hätte den Schauspieler gleich getötet, aber der Magister verschonte sein Leben.« Ihre Lider flatterten, sie stand kurz vor einer Ohnmacht. »Das Geborgene Land wird untergehen, so hat er es sich gewünscht. Und ihr werdet nichts dagegen tun können.« Sie senkte den Kopf, atmete flacher. Es dauerte nicht mehr lange, und die Dritte würde sterben.
»Was ist das für ein Tunnel?«, fragte er sie und beugte sich über sie, packte sie am Kragen der Lederrüstung und zog sie nach oben. Wenn es den Tunnel gab, konnte er der Ausweg aus ihrem nassen Grab sein. »Wo ist er?« Ein hartes Rumpeln ging durch den Berg. Sie hatten auf dem Grund des Sees aufgesetzt, und das Ächzen der Eisentüren wurde bedrohlicher.
»Der Tunnel ist unerreichbar für euch«, lächelte sie ihn mit blutigen Zähnen an. »Ihr werdet...« Veltagas Blick ging durch ihn hindurch, die Augen wurden glasig wie die einer Puppe. Sie war tot.
Tungdil ließ den Kragen los, sie fiel auf das Eisen.
»Hat sie was gesagt?«, fragte Rodario. »Gibt es eine Möglichkeit zu entkommen?«
Er schüttelte den Kopf. »Wir werden uns selbst etwas ausdenken müssen.«
»Kommt her!«, hörten sie Sirkas aufgeregte Stimme. »Schaut euch das an!«
Sie rannten in die Mitte des Raumes. Sechs baumdicke Metallpfeiler ragten zehn Schritt hoch aus dem Boden, die zu einer sechseckigen Plattform führten; von der Plattform hingen zahlreiche Ketten und Lederbänder herab, und neben ihr stand eine käfigähnliche, große Hebebühne, die über einen Flaschenzug betätigt werden konnte. »Was hat das wieder zu bedeuten?«, murmelte Goda, unbewusst den Tonfall ihres Meisters nachahmend, und berührte einen der schmucklosen Pfeiler. »Kalt. Nichts Besonderes.«
Dergard trat nach vorn. »Das ist sie«, raunte er ehrfurchtsvoll. »Das ist die neue Quelle. Ich spüre die Energie, die durch das Eisen fließt.«
»Das ist kein Eisen.« Tungdil betrachtete das Metall genauer. »Es ist die Legierung, die Magie leitet«, befand er. »Natürlich! Vermutlich durchbrechen die Pfeiler den Boden und ragen aus der Unter seite der Insel. Sie leiten die Kraft aus der neuen Quelle hinauf zu der Plattform.« Er legte den Kopf in den Nacken. »Da oben entstanden die Scheusale der Unauslöschlichen.«
»Jetzt sind wir an der Reihe«, sagte Ingrimmsch, zupfte Dergard am Ärmel und deutete auf den Aufzug. »Du wirst gleich zu einem Magus. Hast du dir schon einen Beinamen ausgedacht?«
Dergard schluckte laut. »Ich werde mich in Erinnerung an Nudin den Wissbegierigen nennen.« Tungdil schnalzte mit der Zunge. »Das ist keine gute Eingebung, Dergard. Es weckt bei mir und gewiss bei vielen weiteren Bewohnern schlechte Gedanken. Lass dir etwas Besseres einfallen.« Er ging zur Hebebühne, öffnete sie und betrat sie. »Komm. Je eher du über die Kräfte verfügst, desto eher wird es uns gelingen, aus unserem Gefängnis zu entkommen.«
»Du wirst uns doch befreien können, oder?« Ingrimmsch betrachtete ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Ihr Magi könnt das sicher. Du musst es einfach können.«
»Ich werde es versuchen«, versprach Dergard und stieg zu Tungdil, die anderen bedienten den Flaschenzug und hievten die beiden in die Höhe.
»Der Einsame«, sagte der Mann auf halber Strecke. »Ich werde mich Dergard der Einsame nennen. Es gibt keinen Famulus mehr, niemanden, der Magie nutzen kann. Außer mir.«
»Traurig, aber treffend«, meinte Tungdil und schaute zur Plattform; plötzlich glaubte er, ein Flackern gesehen zu haben.
Dann erkannten sie es ganz deutlich. Schwache Funken tanzten an den Rändern entlang, zuckten gegen die Eisenwände der Kessel und leckten daran.
»Magie«, sagte Dergard leise und ein wenig ängstlich. »Wie es wohl sein wird, von ihr durchdrungen zu werden?«
Tungdil lächelte ihm aufmunternd zu, während sich der Aufzug der Plattform näherte. »Hunderte von Magi vor dir haben es überstanden und sogar länger gelebt als jeder Mensch im Geborgenen Land.« Sie glitten an dem Rand vorbei und schauten auf die Oberseite. »Wir...« Er verstummte abrupt. »Bei Vraccas!«, stieß er hervor. Dergard wich bis zum Ende des Aufzuges zurück.