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Als er in seine Unterkunft kam, lag ein blutverkrusteter Diamant auf dem Tisch, daneben der bereits verwesende, abgerissene Unterarm eines Unterirdischen. Der goldene Armreif daran wies den Besitzer als hochrangigen Unterirdischen aus, und er hatte zweifelsohne den Diamanten besessen, bis er an einen der Bastarde geraten war. Bei Samusin und Tion! Der Unauslöschliche stellte den Helm auf den Tisch, nahm den Diamanten, rieb das getrocknete Blut ab, das in rostbraunen Krümeln zu Boden fiel. Er hat es geschafft! Er hat mir den Diamanten gebracht!

Für ihn zählte nicht, wer den Stein gefunden und hergebracht hatte. Es würde keine lobenden Worte geben. Für die Bastarde existierten keine anderen Empfindungen als Verachtung und Hass, kein Mitleid wegen der Schmerzen, die ihnen die Maschinen zufügten. Sie existierten nur aus einem Grund: um den Stein für Nagsar Inäste zu beschaffen. Er hatte ihnen sogar verboten, ihn anzusprechen; der Klang ihrer Stimmen machte ihn rasend.

Die rechte Faust umschloss den Diamanten. Sobald sie die Augen öffnet, werden die Bastarde sterben. Entweder schicke ich sie gegen die Menschen, um unsere Flucht zu decken, oder ich bringe ihnen mit meinen eigenen Händen den Tod.

Der Unauslöschliche eilte aus dem Raum, durch die Gänge bis in die Kaverne, in der er seine Schwester zur Ruhe gebettet hatte. Er lief die Stufen hinauf, zog dabei den Helm vom schwarzen Schopf. »Schau, was ich dir bringe«, sagte er freundlich, kniete sich neben sie. »Das Mittel, das dich heilen wird.« Erwartungsvoll legte er den Diamanten in ihre gefalteten Hände und sprach die Formel, die er in der Zeit in dem Schacht unentwegt vor sich hin gedacht hatte. Jede einzelne Silbe wurde exakt betont, der beschwörende, singende Tonfall schwoll an und endete, wie es die Beschreibung in den Aufzeichnungen verlangt hatte. Nichts tat sich.

»Verfluchte Eoil! Was hat sie damit getan?« Er nahm den Diamanten mit den Fingerspitzen auf. »Gehorche mir!«, sprach er zu ihm. »Ich weiß um den Zauber, der mir dein Licht Untertan macht. Die Schriftrollen Dsöns haben mir dein Geheimnis enthüllt! Du darfst dich nicht sträuben.« Er reckte den Stein auf Augenhöhe und wiederholte die düsteren Worte.

Im Innern des Artefakts leuchtete es schwach und widerstrebend; die Facetten des Diamanten brachen das matte Licht und warfen die Reflexe in regelmäßigen Mustern an die Wände und die Decke, auf die Züge von Nagsar Inäste und auf ihn.

»Mein Gott«, flüsterte der Unauslöschliche und verneigte sich vor ihr. »Wie schön du bist, geliebte Schwester!« Er legte den Stein zurück in ihre Hände und berührte ihre Schulter. »Erwache aus deinem Schlaf.« Sie bewegte sich nicht.

»Nagsar Inäste, erhebe dich!«, bat er flehend und näherte sich mit seinem Gesicht dem ihren. Ihre Brust hob und senkte sich kaum merklich, aus ihrer Nase strömte warme Luft - aber sie verharrte steif und wie tot. Der Unauslöschliche starrte den leuchtenden Stein an. »Du benötigst mehr Zeit, ist es das?« Ein Flirren huschte über den Leib der Unauslöschlichen, umspielte den Altar und schnellte in den Diamanten zurück. »Dann sollst du sie bekommen«, sagte er finster, stand auf und stülpte sich den Helm über sein Kopftuch. Er ging rückwärts die Stufen hinab, wandte sich schließlich von seiner Schwester ab und schlug den Weg zur Höhle ein, vor der er die Soldaten getötet hatte. Die Verzögerung gab ihm die Gelegenheit, sein Gemälde zu vollenden.

Der Diamant würde seine heilende Arbeit verrichten, hoffte er. Irgendwie würde er ihm seine Macht entlocken, um sie selbst zu nutzen. Aus der Macht des Lichtes werde ich Dunkelheit erschaffen. Die Elben würden nicht mehr lange im Geborgenen Land existieren. Nötigenfalls enden die Kämpfe um Toboribor erst in Hundert Zyklen. Für mich bedeutet es nicht mehr als einen Wimpernschlag.

Zurück am Eingang an der Oberfläche, sah er, dass zehn Solda 4ten der Reiterei keine vierzig Schritt von ihm entfernt damit beschäftigt waren, die Toten auf einen herbeigeschafften Wagen zu laden. Ihre Pferde warteten geduldig und angebunden an einem Felsen. Sehr aufmerksam von den Menschen. Der Unauslöschliche nahm den Bogen zur Hand und trat an den verrottenden Kadaver, in dem noch acht Pfeile steckten. Das Blut im Helm der Soldatin war sicherlich schon lange geronnen. Die Gelegenheit, sich neues zu beschaffen, stand günstig.

Seine schwarzen Augen richteten sich auf zwei Männer, die eben einen Leichnam an den Armen und Beinen packten. Sobald sie sich aufrichteten, standen sie in einer Linie hintereinander. Zwei auf einen Streich. Er zog einen Pfeil aus der Leiche und legte ihn locker auf die Sehne.

Das Geborgene Land, Königinnenreich Weyurn, 12 Meilen nordwestlich von Mifurdania, 6241. Sonnenzyklus, Spätsommer.

Tungdils Freude darüber, den auf immer verloren geglaubten Ziehvater in die Arme zu schließen - was er früher als dessen einfacher Laufbursche niemals gewagt hätte - ließ sich schwer in Worte fassen. »Ihr seid von den Steinen auferstanden, ehrenwerter Lot-Ionan! Die Götter waren mit uns allen«, jubelte er.

Lot-Ionan lächelte ihn an, die vielen Falten in seinem alten Gesicht verzogen sich und lachten mit. »Tungdil Bolofar! Ein bekanntes Gesicht in der Fremde von Weyurn. Kräftig bist du geworden, kräftig und ernster. Wie ein Krieger, nicht mehr wie mein Schmied und Laufbursche.« Er schaute sich nach den Menschen und Zwergen in der Tür um, von denen er keinen einzigen kannte. »Ich nehme an, dass es viel zu erzählen gibt? Ich habe schon gehört, dass Nudin vernichtet wurde. Vor mehr als sechs oder sieben Zyklen.«

»Seid Ihr müde oder erschöpft?«

»Nicht ein winziges Bisschen. Als hätte ich in einem Jungbrunnen gelegen.«

»Was ist das Letzte, an das Ihr Euch erinnert?«, erkundigte sich Tungdil.

Der Magus überlegte. »Es war die Auseinandersetzung mit Nudin. Ich dachte, mir rinne Sand durch die Adern, und mein versteinertes Herz erstarb. Im nächsten Augenblick erwachte ich auf dem Grund eines Sees und ertrank beinahe. Meine Magie rettete mich.«

»Wir wissen, dass es dort eine neue magische Quelle gibt, ehrenwerter Magus«, sagte Tungdil. »Dafür ist die andere für immer versiegt.« Bevor er weitersprach, wandte er sich an seine Begleiter. »Geht am besten zu Bett, lasst eure Wunden pflegen und brecht morgen zusammen mit mir und Lot-Ionan nach Toboribor auf. Ich werde mich lange mit meinem Ziehvater unterhalten, damit er einen Bruchteil von dem erfährt, was inzwischen im Geborgenen Land vor sich gegangen ist.« Dann schaute er zu dem Dorfältesten. »Seid so nett und gewährt uns ein Nachtlager. Königin Wey wird für alle Kosten aufkommen, die wir verursachen. Lasst uns bitte etwas zu essen und zu trinken bringen.«

»Sehr gern«, sagte der Mann und stand auf, um die notwendigen Anweisungen zu geben. Wenig später wurden ihnen Käse, getrockneter Fisch, Brot und Wein gebracht.

Tungdil roch den Wein und widerstand der Verlockung. Er fasste Lot-Ionans Hand und schüttelte sie noch einmal. »Ich bin so unendlich froh, Euch zu sehen«, wiederholte er und setzte sich neben ihn auf einen Stuhl. Der Magus entdeckte den goldenen Fleck auf seiner Hand, der im Schein des Feuers aufleuchtete. »Nanu, was ist denn das? Erzähle mir alles, was in den vergangen Zyklen geschehen ist.« Die Augen betrachteten ihn aufmerksam. »Was geht im Geborgenen Land vor?« Er fuhr dem Zwerg durch die kurzen braunen Haare. »Und vor allem möchte ich wissen, wie es dir ergangen ist.«

Tungdil unterdrückte seine Müdigkeit und berichtete von alten Zeiten, von den Kämpfen gegen Nudin und die Eoil samt ihrer Avatare. Er verschwieg nicht die Wahrheit und offenbarte dem Magus, dass es sich um eine Elbin gehandelt hatte, welche die Heimat in großes Unglück gestürzt hätte.

Er fasste sich kurz und beschränkte sich auf das Wesentliche. Die Zeit verging dennoch rasch. Als sich das Morgenrot am Himmel vor den Fenstern zeigte, kam er zu den neusten Ereignissen um die Steine, die Dritten und die Unauslöschlichen. »Jetzt ist es ihnen gelungen den Diamanten zu erobern. Sie werden versuchen, seine Macht zu befreien und Böses anzurichten. Gleichzeitig steht ein riesiges Heer vor den Toren der Vierten, das sich aus Untergründigen, Orks und einem weiteren Volk zusammensetzt. Es sind die alten Besitzer des Diamanten, die Anrecht auf ihren Stein haben«, kam er zum Schluss. »Ihr seid zur rechten Zeit aus Eurer Starre erwacht.« Er gähnte; der Drang ließ sich nicht länger unterdrücken.