Lot-Ionan schwieg und schaute in die Flammen des Kamins. Die Haare und auch sein Bart waren inzwischen getrocknet, und er sah aus, als sei er niemals in eine Statue verwandelt gewesen. »Die Freunde von einst sind alle tot, nichts ist mehr, wie ich es kannte.« Seine hellblauen Augen schauten ins Freie. »Kaum bin ich vom Fluch Nöd'onns befreit und habe noch nicht alles erfasst, was geschah, muss ich mich dem nächsten übermächtigen Gegner stellen.« Er seufzte. »Und aus meinem Tungdil Bolofar ist Tungdil Goldhand geworden. Ein echter Zwerg. Ein Held.« Er schüttelte das weiße Haupt. »Ihr Götter! Was habt ihr nur aus meiner Welt gemacht?« »Euren Stollen gibt es noch«, sagte Tungdil lächelnd. »Die Orks haben nicht alles vernichtet, als sie ihn heimsuchten.«
»Wenigstens ein wenig Bestand in dieser neuen Zeit.« Lot-Ionan drehte sich zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Aber wenn Palandiell und anscheinend auch Samusin möchten, dass wir und der junge Magus das Geborgene Land vor den Unauslöschlichen und ihren Geschöpfen bewahren, dann soll es so sein. Du hast deinen wahren Vater mehr als stolz gemacht. Und mich, mein lieber Tungdil, sowieso.«
Tungdil stiegen Tränen der Rührung in die Augen. »Was sollen wir tun, ehrenwerter Magus?« »Was du mir vorgeschlagen hast. Ich sehe nach dem verletzten Elben, der auf Windspiel wartet, und höre mir an, was er zu sagen hat. Es ist schwer zu glauben, dass die Elben den Pfad des Lichts verlassen haben und vor lauter Verblendung Böses anrichten.« Er nahm sich von dem Käse. Als er sich nach vorn beugte, sog er laut die Luft ein und richtete sich sofort wieder auf, hielt sich den Rücken.
»Ehrenwerter Lot-Ionan, was...?«
Er hob die Hand. »Es ist nichts, Tungdil. Mir scheint, als seien noch nicht sämtliche Stellen in mir vom steinernen Fluch befreit.« Er wiederholte seinen Versuch, und dieses Mal gelang es ihm. »Es kann aber auch einfach nur das Alter sein«, fügte er schmunzelnd hinzu. »Ich vergesse gern, wie viele Zyklen ich leben durfte. Die Zeit als Statue zähle ich nicht dazu.« Er aß von dem Käse, spülte ihn mit Wein hinunter. »Danach gehen wir nach Toboribor, um nach den Unauslöschlichen zu sehen. Ich werde Dergard unterwegs auf die Probe stellen, um sein Talent einschätzen zu können. Es sollte uns gelingen, die Herrscher der Albae zu besiegen. Falls sie die Macht des Steins nicht nutzen können.«
»Geben wir den Untergründigen den Diamanten?«, fragte Tungdil.
»Ich bin sehr dafür. Denn es erspart uns Blutvergießen. Wenn sie wirklich über einen Runenmeister und ein solches Heer verfügen - was immer die Acronta sein mögen -, hat ihnen das Geborgene Land nichts entgegenzusetzen.« Er schaute Tungdil in die Augen. »Ganz im Gegenteil. Dass sie uns bislang vor den Monstern bewahrten und niemals trotz ihrer Überlegenheit Anstalten machten, unser Land zu erobern, spricht für sie. Das werde ich gern jedem König und jeder Königin erklären.« Er bemerkte, wie klein Tungdils Augen geworden waren. »Lege dich ein wenig zur Ruhe, Tungdil, damit dein Körper wenigstens einen halben Zyklus Ruhe findet.«
»Ich kann unterwegs schlafen, auf der Überfahrt nach Windspiel«, lehnte er ab. »Wir haben endlich alle wichtigen Leute versammelt; jetzt darf ich erst recht nicht schlafen. Die Zeit arbeitet für die Unauslöschlichen, nicht für uns.« Er stand auf und verließ zusammen mit Lot-Ionan den Raum.
Der Dorfälteste erwartete sie mit der Botschaft, dass zwei Schiffe der königlichen Flotte auf der Suche nach den Verschollenen angelegt hätten.
Ungeduldig weckte Tungdil seine Begleiter und trieb sie ohne Frühstück auf das Schiff. Lot-Ionan bat Dergard in seine Kabine, die beiden Magi verschwanden vor den neugierigen Augen und Ohren hinter die Holzwände, um sich in Ruhe zu unterhalten.
Eines der Schiffe nahm Kurs auf die Alb-Insel und bewachte sie. Ein Kontingent Soldaten würde sie betreten und sich auf die Suche nach dem sich verbergenden Alb machen. Das zweite Schiff mit Tungdil und seinen Freunden fuhr zur Insel Windspiel, um den Elben, den sie in einem einstigen PalandiellHeiligtum zurückgelassen hatten, mithilfe von Lot-Ionans Kräften aus dem Fieber zu reißen. Dieses Mal zeigte sich der Sommer von seiner besseren Seite. Der frische Wind füllte die Segel und trieb das Schiff vorwärts.
Tungdils Augen hatten sich geschlossen, sobald die Leinen im Hafen des Dorfes gelöst worden waren. Er verschlief in einer Hängematte an Deck die Überfahrt und wurde abends von Sirka geweckt. »Sind wir da?« Er rieb sich die Augen und freute sich an ihrem Anblick, der nach wie vor fremd und aufregend war. Umso erstaunlicher fand er es, dass er Scheu hatte, auf die Zuneigung der Untergründigen einzugehen. Balyndis hatte ihn freigegeben. Oder war es die Art, wie er den ehernen Bund gelöst hatte? Verwundert stellte er fest, dass sich nicht alle Bänder des Bundes von ihm gelöst hatten.
»Noch nicht. Aber bald.« Sie streckte die Hand aus und half ihm beim Aufstehen.
Er sah zur Spitze der Steilküste, wo das imposante Gebäude stand, das inzwischen weniger als Heiligtum und mehr als königliches Archiv eine Rolle in Weyurn spielte. Da sich die Menschen wegen des vielen Wassers der Göttin Elria zugewandt hatten, galt Palandiell hier nicht mehr das, was sie in anderen Reichen wie Tabain oder Ran Ribastur immer noch war. Dafür lagerten unzählige Schriftrollen über die Städte, Dörfer und andere Aufzeichnungen in den Hallen und bildeten das Gedächtnis des Königinnenreiches.
Das Schiff passierte die Stelle, während sich die Wellen in fünfzig Schritt Entfernung gegen die Klippen warfen. Gischtschleier stiegen auf und wehten bis zu ihrem Schiff; sie belegten alles und jeden mit einem dünnen Wasserfilm. Tungdil wurde richtig wach.
»Ich sage Lot-Ionan Bescheid«, sagte er zu Sirka und eilte davon, was ihn im Stillen an eine Flucht denken ließ. Dabei verlangte alles in ihm danach, sie und ihre Kultur näher kennen zu lernen. Es waren noch viel zu viele Fragen zu den Untergründigen unbeantwortet.
Er klopfte, und Lot-Ionan öffnete ihm. »Wir sind da, ehrenwerter Magus.«
Der Magus las in seinen Augen die heimliche Frage danach, wie die Bewertung von Dergard ausgefallen sei. »Komm herein«, bat er und schloss die Tür hinter ihm.
Dergard saß auf der Bank, und er machte einen nicht sehr glücklichen Eindruck.
»Mein junger Freund kennt einige sehr gute Formeln, um die Magie zu formen und ihr Gestalt zu geben, doch fehlt es ihm an Erfahrung. Was verständlich ist«, begann Lot-Ionan mit seiner Erklärung. »Ich dagegen habe Erfahrung, aber die Zyklen als versteinerter Mensch haben ihre Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen.« Er tippte sich an die weißen Schläfen. »Manchmal fehlt mir eine passende Silbe, oder meine Hände beschreiben einen Bogen falsch. Das kann verheerende Folgen für den Spruch haben, der entstehen soll.« »Das bedeutet was für unser Vorhaben, ehrenwerter Magus?«
»Dass wir beide, Dergard und ich, uns gegenseitig benötigen, wenn wir gegen die Unauslöschlichen ziehen. Einer ist ohne den anderen weniger wert.«
»Ihr seid mir um mehr als Hundert Zyklen voraus, ehrenwerter Lot-Ionan«, meinte Dergard. »Es wäre schlimm, wenn es nicht so wäre, ändert aber nichts daran, dass meine Zunge oder meine Finger mich im Stich lassen. Und die Zeit, die Löcher in meinen Gedanken durch langes Studium zu stopfen, haben wir nicht.« Lot-Ionan betrachtete Tungdil und die Axt. »Es wird nach wie vor in deinen Händen liegen, die Hauptarbeit im Kampf zu verrichten. Dergard und ich bieten dir Rückhalt, aber wahrscheinlich nicht mehr.« Er wollte Tungdils Haupt berühren, verharrte erneut in der Bewegung und hielt sich den Rücken. »Verdammtes Alter«, fluchte er. »Warum kenne ich dagegen keinen Zauber?«