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Tungdil überlegte. »Wir werden niemandem sagen, wie es um Euch bestellt ist«, schlug er vor. »Nur wenn die Unauslöschlichen glauben, in Euch die gefährlicheren Gegner zu sehen, wird es mir gelingen, nahe genug an sie heranzukommen und sie mit der Feuerklinge zu töten. Denkt Ihr genauso?«

Lot-Ionan lächelte. »Ich sehe, du bist ein guter Feldherr. Wir lassen die Freunde und die Feinde im Glauben, dass Dergard und ich die Einzigen sind, die sich mit den Herrschern der Albae messen können.« Das Schiff verlangsamte seine Fahrt, Trampeln und lautes Rufen zeigten ihnen, dass das Anlegemanöver begonnen hatte.

»Betrachten wir uns den Elben genauer«, schlug Lot-Ionan vor und verließ die Kabine als Erster. Die Gruppe ging von Bord, passierte das kleine Städtchen und zog hinauf zu dem alten Heiligtum, wo sie von dem Verwalter bereits erwartet wurden. Der Mann um die sechzig Zyklen mit Halbglatze hatte vom vielen Weintrinken eine rote Nase, und seine alte Garderobe wirkte, als sei sie zerknittert um seinen Leib geschlungen worden.

»Willkommen zurück.« Er verneigte sich und geleitete sie vorbei an unzähligen, mit Büchern angefüllten Hochregalen. Es waren die Verzeichnisse der Untertanen der vergangenen Zyklen, einschließlich der Heiraten, Geburten und Todesfälle. Königin Wey legte Wert darauf, die Entwicklung ihres Landes nachvollziehen zu können. »Der Elb ist nicht erwacht, aber auch nicht tot.« Er bemühte sich, wichtig auszusehen. »Das verdankt er allein meiner fürsorglichen Pflege und unzweifelhaft seiner Widerstandskraft.« Ihr Weg endete vor drei Schritt hohen Flügeltüren. »Ich bin kein Medicus, doch ich würde sagen, dass ein Mensch schon lange gestorben wäre.« Seine trüben, versoffenen Augen blickten zu Lot-Ionan. »Er ist der Medicus?«

»Ja, das bin ich«, sagte der Magus, um sich lange Erklärungen zu ersparen, öffnete die rechte Tür und betrat das Zimmer dahinter.

In dem abendsonnendurchfluteten Raum roch es nach See und Sommer, die geöffneten Fenster ließen das Tosen der Brandung, frische Luft und immer wieder winzige Tröpfchen herein, die Gischt der Wellen, die weit unter ihnen gegen die Steilküste anrannten.

Der Elb lag im Bett, die Hände über der Decke, den Oberkörper nur mit einem Verband umwickelt und die Augen geschlossen.

»Danke«, sagte Lot-Ionan und drückte die Tür ins Schloss, um den Verwalter draußen zu lassen. Dergard, Tungdil, Ingrimmsch, Sirka, Goda, Rodario und er befanden sich bei dem Verwundeten, der Rest musste in den Hallen des Heiligtums warten, bis sie ihnen mitteilten, was die Magi durch ihre Zauber erreichten. »Was hast du bei ihm versucht, Dergard?«, fragte der Magus.

»Ich beherrsche keine besonders guten Heilungszauber«, gab er beschämt zu.

Lot-Ionan wickelte den Verband ab und betrachtete die Löcher im Leib des Elben, die sich an den Rändern schwarz verfärbt hatten. Das Fleisch faulte. »Du hast also die Formeln angewandt, die du bei Nudin gefunden hast?«

»Ja.«

»Nenne mir sie.« Dergard zählte sie auf, und der Magus nickte. »Du beherrschst sehr gute Heilungszauber, Dergard, mach dir keine Vorwürfe. Doch der Elb benötigt eine andere Art von magischer Fürsorge.« Er hob die Arme über die Wunden, schaute ins Leere und murmelte Beschwörungen, bis sich zwischen seinen Fingern ein bläuliches Leuchten zeigte. Es sickerte wie zäher Honig nach unten und troff in die Löcher, füllte sie allmählich aus, bis ein kleiner See auf der Brust des Verwundeten stand.

Lot-Ionan beendete die Formeln, trat zurück und gab Dergard ein Zeichen, der daraufhin den Rest der Prozedur vollendete und das blaue Leuchten in blassgelbes umwandelte.

Durch die Magie wurde das abgestorbene Fleisch abgestoßen und fiel als alte, vertrocknete Haut rechts und links auf die Laken. Die Löcher, welche die Pfeile geschlagen hatten, schlössen sich und verwuchsen. Nur die helleren Stellen verrieten, wo sich vor wenigen Augenblicken drei Wunden befunden hatten.

»Es ist vollbracht«, atmete Dergard auf und nickte Lot-Ionan zu.

»Allein hätte es keiner von uns beiden vollbracht«, sagte der ältere Magus und lächelte. »Sehen wir es als gutes Zeichen, dass unsere erste gemeinschaftliche Arbeit Früchte trug.« Er trat wieder an das Bett heran. »Wecken wir ihn auf.«

Ingrimmsch nahm die Schüssel mit Wasser und leerte sie dem Elben ins Gesicht. »Ho, wach auf! Du hast lange genug geschlafen«, rief er heiter.

Der Elb öffnete tatsächlich ruckartig die Augen, sah den grinsenden Zwerg und rutschte nach hinten, nur um den Kopf gegen den Bettrahmen zu schlagen; die andere Hand langte an die Hüfte, wo er sonst wohl seine Waffe trug.

»Keine Angst, Freund«, sagte Tungdil auf Elbisch. »Wir fanden dich in den Hainen Älandurs. Du trugst drei Pfeile deines eigenen Volkes in dir. Wir nahmen dich mit und brachten dich nach Weyurn, um dich zu pflegen.« Er deutete auf seinen Ziehvater.

»Das ist Lot-Ionan der Geduldige, und daneben steht Dergard der Einsame. Die Magi haben dir dein Leben bewahrt.« Dann nickte er ihm zu. »Ich bin Tungdil Goldhand. Kannst du uns berichten, was dir widerfahren ist?« »Tungdil Goldhand?«, rief der Elb erleichtert. »Dann bin ich in guter Gesellschaft! Ich bin Esdalän, Hüter des Haines der Rache.«

»Was hat er gesagt?«, grummelte Ingrimmsch. »Sag ihm, er soll so sprechen, dass wir ihn alle verstehen können, Gelehrter.«

»Sind denn alle, die um uns herum stehen, deines Vertrauens würdig?«, fragte ihn Esdalän in seiner Sprache, der die Worte des Zwergs verstanden hatte.

Tungdil schaute ihn an. »Sprich Elbisch. Ich werde später entscheiden, wer wie viel deiner Worte vernehmen darf.«

Er wischte sich über das Gesicht, danach begann er mit seiner Erzählung. »Ich bin Esdalän, Baron von Jilsbon und ein guter Freund von Liütasil.« Er schluckte. »Mein Fürst ist tot.«

»Das wissen wir bereits. Er starb im Kampf gegen eines der Scheusale, als er den Diamanten verteidigen wollte.«

Esdaläns Gesicht verdüsterte sich vor Zorn. »Damit täuschen sie euch also! Sie machen euch weis, dass er gegen die Kreaturen der Unauslöschlichen gefallen ist.« Er senkte die Stimme. »Liütasil wurde ermordet. Schon vor vier Zyklen.«

XIII

Das Geborgene Land, Königinnenreich Weyurn, Insel Windspiel, 6241. Sonnenzyklus, Spätsommer.

Esdalän atmete tief ein, nachdem er diese unglaubliche Wendung verkündet hatte. Es nahm ihn sichtlich mit, darüber zu berichten. »Sie haben es vor uns allen geheim gehalten und immer neue Ausreden erfunden, um sein Verschwinden zu vertuschen, bis sie ihre Gefolgsleute überall positioniert hatten. Dann schlugen sie zu und rotteten die letzten Vernünftigen meines Volkes aus.«

Die Ungeheuerlichkeit, die Tungdil eben erfuhr, verschlug ihm die Sprache. »Sie?«, krächzte er. »Wer sind sie?« »Die Eoil Atär, die Getreuen der Eoil. Es ist eine Gruppe von Eiferern, welche die Eoil beinahe als göttergleich betrachten und sie knapp unter Sitalia stellen. Sie waren damals diejenigen, die von Liütasil verlangt hatten, sich der Eoil anzuschließen und gemeinsam mit ihr und ihrem Heer gegen die Geschöpfte Tions und Samusins im Geborgenen Land zu ziehen. Liütasil hatte sich geweigert und ihnen befohlen, nichts zu tun.« »Das klingt, als hätten sie es doch getan?«

»Ja. Sie sandten heimlich Boten zu der Eoil, um mit ihr zu sprechen und zu erfahren, wie sie ihr beistehen könnten. Was genau die Eoil ihnen sagte, weiß niemand außer den Eoil Atär. Seitdem trachten sie danach, die Macht in Älandur an sich zu reißen, um die Elben wieder zu dem reinen Volk zu machen, das es einst gewesen ist und das nichts Böses um sich herum duldet, so wie es die Eoil tat.«