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Das drohte sich an diesem Umlauf zu ändern.

»Los, schneller!«, spornte er die einhundert Krieger an, die ihm folgten und die er zur Verstärkung der Verteidiger in die vorgelagerte Feste führte.

Tandibur drängte nicht umsonst. Es stand schlecht um die Silberfeste. Sie trug ihren Namen wegen des silbrig schimmernden Felsens, aus dem sie geschlagen worden war. Gnomensilber nannten die Zwerge die Erscheinung, hübsch anzuschauen, doch wertlos, wenn man von der Härte des Gesteins absah. Aus einem ähnlichen Grund hatte die Goldfeste ihren Namen erhalten.

Die ersten Vierten hatten der Silberfeste fünf unterschiedlich hohe Türme gegeben, die gigantischen Fingern gleich in den Himmel ragten und sich zu einer abwehrenden Hand formierten. Der höchste von ihnen belief sich auf fünfzig Schritte. Aus den steinernen Ausgussrinnen schwappte flüssiges Blei in die Tiefe über die Angreifer, deren Schreie hinaufdrangen.

Zwischen den Türmen war eine Mauer errichtet worden, auf der die Verteidiger auf und ab liefen, Steine über die Zinnen warfen oder mit Armbrüsten schössen.

Die Orks hatten die massiven Eisentore unaufhörlich angegriffen. Sie rannten Sturm gegen die erste Linie der Vierten und verlangten mit aller Macht auf die andere Seite. Weder das geschmolzene Blei noch die Steinbrocken oder die Armbrustbolzen schreckten sie anhaltend zurück.

Wenn Tandibur es nicht besser gewusst hätte, würde er annehmen, etwas säße den Grünhäuten im Nacken, das sie noch mehr fürchteten als die Äxte und Beile der Zwerge. Er blickte hinauf zu den Turmspitzen, von denen schwarze Rauchfahnen aufstiegen und in die Wolken trieben. Die Feuer unter den Schmelzkesseln waren nicht ein einziges Mal erloschen. Das Blei wurde allmählich knapp. »Wir werden bald unser Gold einschmelzen und es ihnen übergießen müssen«, sagte er leise.

Dumpf hallte das ständige Rumpeln des Rammbocks von den umliegenden Berghängen, das Metall schrie und verbog sich aufkreischend unter der Gewalt der Stöße.

»Bei Vraccas!«, rief einer der Krieger hinter Tandibur. »Hört, wie es wummert und kracht! Was greift uns da an? Welche Scheusale sendet uns Tion?«

»Du wirst es gleich selbst sehen«, meinte Tandibur knapp. »Was immer du in der Schlucht vor der Silberfeste erblickst, bewahre dir deinen Mut, dein tapferes Herz und eine scharfe Axt. Sie sind das Einzige, was dich und uns alle vor den Ungeheuern beschützt.«

Sie sahen, wie menschengroße Steine über und gegen die Mauern und Türme flogen. Die schweren Geschosse rissen mancherorts die Zinnen ab und die dahinter Schutz suchenden Verteidiger in den Tod. An anderen Stellen zerbarsten mit Petroleum und Pech gefüllte Säcke an der Mauer, der schwarze Qualm stank furchtbar, brannte in den Augen und in der Brust. Lodernde Wellen überschütteten die Zwerge auf den Gängen mit flüssigem Feuer und verbrannten sie in Windeseile zu Asche. Und dennoch hielten sie die Stellung, schleuderten Steine auf die Angreifer und wehrten sich mit Wolken aus Armbrustbolzen. Das, was die Neuankömmlinge sahen, verstärkte ihren Wunsch, die Scheusale zu besiegen. Endlich gelangten sie an die breiten Treppen zu den Wehrgängen. Tandibur teilte sie in zwei Gruppen, sandte eine nach links, er selbst hetzte zusammen mit den anderen fünfzig Kriegern den rechten Aufgang hinauf. Dunkelrotes Zwergenblut lief die Stufen hinab, als wollte es Tandibur warnen, nicht weiterzugehen.

Ihnen bot sich ein furchtbares Bild.

Die Gänge hinter den dicken Zinnen waren mit einem grausigen Teppich bedeckt, gewoben aus den erkaltenden Körpern von Freunden und Bekannten. Dicht an dicht lagen die Leichname ihrer Soldatinnen und Soldaten, es gab kaum mehr Platz, um die Stiefel auf Stein anstatt auf Füße, Hände oder andere Glieder zu stellen. Die meisten von ihnen waren durch Pfeile ums Leben gekommen, andere waren dem nicht enden wollenden Hagel aus Katapultgeschossen zum Opfer gefallen. Der metallische Geruch von warmem Blut, das auf dem Wehrgang stand, sich in Pfützen sammelte und die Stufen und Wände hinabrann, mischte sich mit dem Gestank von verbranntem Fleisch und den Ausdünstungen der Bestien.

Rauschend flogen falsch gezielte Steine und Brandgeschosse über sie hinweg. Tandibur schluckte und duckte sich unwillkürlich hinter seinen Schild.

Sie wurden sehnsüchtig von dem Befehlshaber erwartet. Er hatte bereits zwei Pfeilwunden im rechten Arm davongetragen, humpelte wegen eines Bolzens im linken Bein, den er jedoch nicht herauszog, um nicht zu verbluten. Er blieb einige Schritte vor ihnen stehen, deutete auf einen Stapel Steine. »Vraccas sei Dank, dass ihr kommt! Nehmt sie und schleudert sie nach unten«, rief er und eilte zurück. »Schaut, dass ihr die Mannschaft am Rammbock vernichtet.«

Tandibur war noch immer vor Grauen wie gelähmt. Er nahm einen der kantigen Brocken, hievte ihn oberhalb des Tores auf die Zinnen. Und er sah hinab.

Auf der Ebene vor der Silberfeste drängte sich Scheusal an Scheusal. Es mussten Tausende sein, vornehmlich Orks, die brüllend gegen die Mauern anstürmten. Hässliche, riesenhafte Oger und widerliche behaarte Trolle, die so groß waren wie ihre Verwandten, die Oger, blieben weiter zurück und beluden unablässig die Katapulte, damit den Verteidigern keine Ruhe gewährt wurde. Leichtere Steine schleuderten sie selbst auf die Zwischenräume zwischen den Zinnen. Ihre Würfe trafen entmutigend genau.

Tandibur erstarrte. Er, der vorhin einem Zwerg noch ins Gewissen geredet hatte, nicht zu verzagen, verlor nun all seine Zuversicht.

Direkt unter ihm, etwa dreißig Schritt entfernt, bewegten einhundert Oger den größten Rammbock, den Tandibur jemals gesehen hatte. Er war aus dem Holz vieler Bäume gemacht worden, an seiner Spitze prangte ein überlebensgroßer Monsterkopf aus Eisen. Nur sie waren mit ihren titanischen Kräften in der Lage, dieses Belagerungsgerät anzuheben und zu führen.

Das Tor gab mit jedem Treffer, bei dem ein Zittern durch die Mauer lief und donnergleiches Krachen ertönte, etwas mehr nach. Noch hielten die Riegel stand, aber sie hatten sich bereits so stark verbogen, dass die Silberfeste bald fallen würde.

Tandibur schüttelte sein Bangen ab und betete zu Vraccas. Die Festung durfte einfach nicht untergehen. Er schleuderte seinen Stein in die Tiefe und zog schnell genug den Kopf ein, um nicht von einem feindlichen Geschoss getroffen zu werden. Der schrille Schrei eines Zwerges neben ihm zeigte, dass nicht alle mit diesem Glück gesegnet waren. Rasch kniete er neben dem Unglücklichen nieder. »Bleib ruhig liegen. Das wird wieder«, sagte er zu ihm und gab sich Mühe, zuversichtlich zu klingen. Ein Stein hatte dem Zwerg das Gesicht zerschmettert, er röchelte, und das Blut, das aus seiner Nase sprudelte, warf Blasen.

»Wir geben nicht auf«, ächzte der Zwerg und versuchte, Tandiburs Hand zu fassen. In der Bewegung erschlaffte sein Leib, der Brustkorb sank zusammen. Der Teppich aus Toten hatte einen weiteren Webfaden erhalten. »Vraccas, nimm ihn auf.« Tandibur schluckte die Trauer herunter und erlaubte sich keine Tränen. Noch nicht. Er sah, wie vier schwere Steine dicht hintereinander in die Mitte des zweithöchsten Turmes einschlugen und ein breites Loch schufen. Zu breit. Das Bauwerk schwankte, Risse zogen sich nach oben und unten. Tandibur erkannte, dass die Zwerge auf der Turmspitze weg von der Brüstung rannten. Der obere Teil neigte sich drohend über die linke Flanke der Orks und knickte in der Höhe der Lücke ab. Ein elf Schritt langes, massives Turmstück fiel auf die Angreifer nieder und zerbrach, das Mauerwerk zerschellte und sandte Trümmer in hohem Bogen bis weit in die Linien der Orks.

Die graue Staubwolke raubte Tandibur die Sicht auf die Verwüstung im gegnerischen Heer. Er wusste, dass der gefallene Turm unzählige Orks erschlagen hatte. Aus dem wirkungsvollen Beschuss der Katapulte waren unschöne Nachwirkungen für die Fußtruppen erwachsen, deren Quieken laut gegen die Mauern brandete. »Tandibur!« Sigdal Rubinrot aus dem Clan der Schönsteins rannte zu ihm, packte ihm beim Arm. Er war noch jung, knappe fünfzig Zyklen, und gehörte zu denen, die eine Sache lieber aufgaben als durchzuhalten. Jedenfalls, wenn es um das Schleifhandwerk ging. Das Kettenhemd starrte vor fremdem Blut, ein Schnitt zierte seine Wange, darunter schimmerte das Weiß des Knochens. Die Abwehrschlacht an der Stelle, wo er gefochten hatte, tobte anscheinend furchtbar. »Wir müssen uns hinter die Gräben in die Goldfeste zurückziehen«, sagte er keuchend.