»Wir haben einen Befehl erhalten«, erwiderte Tandibur und konnte die Augen nicht von dem verstümmelten Turm wenden, aus dem immer noch Rauch stieg.
»Aber er ist unnütz«, widersprach Sigdal und breitete die Arme aus. »Sieh! Die Geschosse haben drei meiner Freunde vor meinen Augen zerschmettert und ihr warmes Blut gegen mich geschleudert. Es wird nicht mehr lange dauern, und die Silberfeste ist verloren. Retten wir die Leben, die wir noch auf den Mauern haben, und erwarten den nächsten Angriff in der zweiten Festung.«
Tandibur wandte sich zu dem Befehlshaber der Verteidiger um. Er hatte sich rechzeitig umgedreht, um zu sehen, wie der Zwerg in eine brennende Wolke eingehüllt wurde und rücklings als ein kleiner, flammender Komet von der Mauer stürzte. Beim nächsten Zusammentreffen zwischen Rammbock und Tor erbebten die Steine derart unter ihren Füßen, dass sich dicke Fugen bildeten. Der ehrwürdige, uralte Granit gab erneut nach. Der Wind wehte ihnen neue, leise Signale der Scheusale zu.
Solche tiefen, bedrohlichen Töne hörte Tandibur zum ersten Mal, er kannte kein Instrument, aus dem sie stammen könnten.
Sigdal schaute über die Zinnen. »Sieh dir das an! Sie bekommen Nachschub.« Er war nicht mehr zu bändigen. »Ich sage, geben wir diese Stellung auf.«
Nur ein Narr hätte sich dem Offensichtlichen verschlossen. »Du hast Recht«, sagte Tandibur, erhob sich und nahm das Rufhorn vom Gürtel, um seine Leute zu sammeln. Nach dem Tod des Kommandanten würden die Überlebenden auf seine Anweisungen hören.
Da erklang das Quäken zahlreicher Orktrombonen, und der gnadenlose Beschuss endete abrupt. Weder ein Pfeil noch ein Stein noch ein Brandgeschoss stürzte mehr auf die Silberfeste nieder. Vor dem Tor wurde es grabesstill. »Was bedeutet das?« Sigdal spähte in die Ferne. »Eine List?«
»Wenn ich es richtig gehört habe, drehen sie die Katapulte«, übersetzte Tandibur und stellte sich neben ihn, die Hand mit dem Schild halb erhoben, um einen Bolzen oder einen Pfeil abwehren zu können. Auf der anderen Seite der Ebene walzte eine breite, tiefschwarze Front heran. Im Vergleich zu den Scheusalen in der Ebene waren es nicht viele frische Truppen, Tandibur schätzte nicht mehr als zweitausend. Aber jeder einzelne Krieger war sicherlich so groß wie zwei Zwerge übereinander und in eine schwere Rüstung gehüllt. »Was sind das für Wesen?«, fragte Sigdal fasziniert. »Siehst du, dass sie rennen? Bei Vraccas, sie haben von Kopf bis Fuß Eisen am Leib und rennen schnell wie ein Pony!«
Inzwischen waren mehrere Katapulte gedreht worden. Hektisch luden die Oger und Trolle die Wurfarme und sandten die Steine den unbekannten Kriegern entgegen; doch die Geschosse richteten keinen Schaden an, sie plumpsten wirkungslos hinter den Angreifern nieder. Sie bewegten sich zu schnell und ließen den Schützen keine Gelegenheit, die Waffen neu auszurichten.
Das metallische Reiben der Panzerplatten, die beim Rennen aneinander scheuerten, schwoll an und wurde zu einem äußerst bedrohlichen Geräusch.
Noch immer starrten die Ungeheuer schweigend auf die herannahenden Feinde, mit denen sie nicht gerechnet hatten. Dann tönte ein ängstliches Quieken aus der ersten Reihe, und einer der Orks drängte sich rückwärts durch die Reihen in Richtung der Silberfeste, um die Mauer mit bloßen Fingern zu erklimmen.
Das war das Zeichen, auf das die Masse gewartet hatte. Die Lähmung war gebrochen.
Grunzend und quiekend setzten die Orks den Versuch fort, das erste Bollwerk einzunehmen. Sturmleitern wurden angelegt, doch dieses Mal beherrschte sie absolute Kopflosigkeit. Sie warfen jeglichen Ballast von sich, Waffen und Rüstungsteile fielen auf den Boden. Andere zerbrachen ihre Schwerter und benutzten sie als Kletterhilfe. Die Orks zeigten untereinander wenig Rücksicht, zerrten die Langsameren vor sich von den Mauern, um rasch über das Hindernis zu gelangen. Zwei Oger nahmen ebenfalls Reißaus und trampelten die Orks nieder, die ihnen nicht schnell genug auswichen. Als sie versuchten, die für sie viel zu dünnen Sprossen zu erklimmen, zerbrach das Holz, und sie stürzten auf die Orks, zerquetschten etliche von ihnen und blieben schwer verletzt liegen.
»Wir harren aus! Stoßt sie zurück!«, schrie Tandibur nach rechts und links. »Es ist leichter, als Fliegen zu erschlagen. Lasst keinen durch.« Er hob die Axt und schlug sie einem Ork zwischen Hals und Schlüsselbein in den Leib. Dunkelgrünes Blut spritzte in den Himmel, röchelnd fiel er hinab und riss vier weitere seiner Artgenossen mit sich.
Es war wirklich einfacher als vorhin, denn die Scheusale verzichteten in ihrer unerklärlichen Furcht auf Bogenschützen und Deckungsfeuer aus ihren Katapulten. Somit konnten sich die Zwerge offen zwischen den Zinnen zeigen und auf die breiten, hässlichen Köpfe eindreschen, sobald einer in die Reichweite ihrer Waffen gelangte.
Dann waren die schwarz gerüsteten Angreifer heran.
Kurz vor dem Zusammenprall der Reihen öffneten sie ihre Visiere, und violettes Licht erstrahlte dahinter. Tandibur hörte diesen Laut, diesen Mark erschütternden Laut aus Fauchen und Grollen, der dem Zischen eines Schlangenheeres und dem Donnern eines bevorstehenden Vulkanausbruchs gleichkam. Er verkündete die Lust am Töten, die Gefahr, die Unbarm herzigkeit der Wesen, bevor sie in die Linien der Orks fuhren wie eine scharfe Klinge durch morsches Holz. Sie blieben nicht stehen, sondern rannten mitten in den Pulk der Scheusale und droschen mit zwei Waffen gleichzeitig um sich. Gespalten, verstümmelt, zerquetscht fielen die Orks auf den Stein vor den Mauern der Silberfeste.
»Bei Vraccas, was sind das für Bestien?« Die Nackenhaare des Zwergs richteten sich auf, die Angst der Orks schlüpfte nun auch in Tandiburs Körper. Unwillkürlich wich er vor den Wesen hinter die Zinnen zurück. Was blieb, waren die unauslöschliche Erinnerung und die anhaltenden Geräusche: Scheppern, grelles Quieken und Brüllen, das meist abrupt endete. Ein Chor des Sterbens, der selbst am felsenfesten Gemüt eines Zwerges zehrte. Sigdal schaute Tandibur an. »Ich habe von einem solchen Wesen gehört«, erinnerte er sich. »Es war der Leibwächter der Maga Andökai der Stürmischen. Niemand wusste, woher es stammte, aber es soll genauso ausgesehen haben wie die da unten. Sie nannte ihn Djerün. Er war der König aller Ungeheuer, die Samusin und Tion erschaffen haben.«
»Du siehst doch gar nichts von dem, was in den Rüstungen steckt!«
»Aber das Leuchten«, Sigdal deutete auf das Gesicht, »das Leuchten hat sie verraten.«
Tandibur schüttelte sich, um sich von seiner Furcht zu befreien.
Ein dritter Zwerg eilte heran. »Sollen die Türme auf sie schießen, Tandibur?«, fragte er aufgeregt. »Es sind leichte Ziele, groß und unverfehlbar.«
Tandibur blickte Sigdal an. »Der Leibwächter von Andökai, sagst du?«
»Wenn die Geschichten stimmen, die man mir erzählt hat«, meinte der Zwerg und ließ eine Spur von Zweifel offen.
Der Kampflärm auf der anderen Seite brandete näher an die Mauer heran. Tandibur schaute über die Zinne nach unten.
Die Wesen hatten die Ebene einmal der Länge nach durchquert und schnitten ihre blutige Spur weiter durch das sich auflösende Orkheer, wüteten wie Bären in einem Hühnerstall. Eine Hand voll Angreifer war gefallen, ansonsten hatten sie keine Verluste zu beklagen.
Die Orks waren derart eingeschüchtert, dass sie nur noch an Flucht dachten. In kleinen Schwärmen stoben sie davon und strebten dem anderen Ende der Ebene zu. Kurz bevor sie den Weg in Jenseitige Land betraten, schob sich eine neuerliche Wand aus schwarzem Eisen in ihren Weg.