Der Anblick war beeindruckend.
Das Heer aus den Königreichen des Geborgenen Landes und der Elben hatte einen breiten Gürtel um die Eingänge zum unterirdischen Reich der Orks gezogen und erlaubte nichts und niemandem, unbemerkt zu entkommen. Nicht weniger als siebzigtausend Krieger und Freiwillige hatten sich versammelt, um das Böse in Gestalt der Unauslöschlichen und ihren abscheulichen Maschinenwesen niederzuwerfen.
Der ausgehobene Graben schnürte sich als schwarzer Streifen in das satte Grün der Wiesen und kleinen Obstbäume, unmittelbar dahinter lagerten die Krieger der verschiedenen Königreiche. Kleine, bewegliche Brücken erlaubten es, den Einschnitt bei Bedarf zu überwinden.
Die zahlreichen Zelte der Zwerge standen weit hinter der Sperrlinie. Von dort brachen die Einheiten auf und durchstöberten die Gänge Toboribors nach den Unauslöschlichen, wie ihnen der Vorposten, den sie auf dem Weg passiert hatten, erklärt hatte. Beinahe alle Clans der Zwergenstämme hatten Kämpfer entsandt, ein Wald aus Fahnen und Wimpeln wehte im warmen Wind. In einem kleineren Lager und etwas abseits flatterten die Fahnen der fünf Städte der Freien.
»Ist das nicht eine Pracht? Da gibt es kein Durchkommen für das Böse«, sagte Ingrimmsch voller Stolz. »Wenn das Böse überhaupt in den Höhlen verweilt«, meinte Lot-Ionan zweifelnd.
Tungdil nickte. »Finden wir heraus, wie weit die Bemühungen gediehen sind, die Unauslöschlichen ein für allemal zu zerstören.« Er drückte seinem Pony die Fersen in die Flanken und trieb es an. Für seinen Geschmack hatten die Freien ihre Unterkünfte zu weit von den Stämmen errichtet. Bramdal hatte anscheinend Recht. Lot-Ionan ritt neben ihn. »Bist du mit deinen Grübeleien weitergekommen, oder ergeht es dir wie mir?« »Ich fürchte, es ergeht mir wie Euch«, seufzte er. »Alles steht und fällt mit dem Verhalten der Elben. Ich wage nicht, es einzuschätzen.« Er zwang seinen Blick weg von den Stadtbannern.
»Ich auch nicht. Esdalän macht auf mich nicht den Eindruck eines Lügners, auch wenn ich mir durchaus andere Gründe vorstellen kann, weswegen Elben mit Pfeilen nach Elben schießen. Es war jedenfalls besser, dass wir ihn vorerst in dem Dorf gelassen haben. Erst möchte ich mir ein eigenes Bild machen.« Der Magus zeigte auf das Zelt, über dem Mallens Standarte wehte. »Reiten wir zu ihm. Ich bin dafür, dass wir ihn einweihen. Nach allem, was du mir erzählt hast, scheint er mir ein besonnener Herrscher zu sein. Auch wenn er ein Ido ist.« Bramdal musste sie angekündigt haben. Man empfing sie mit Freudenrufen und lautem Schlagen gegen die Schilde. Die Krieger verneigten sich vor dem zurückkehrenden Magus, einigen stand die Entrückung ins Gesicht geschrieben.
Mallen wurde von dem ungewöhnlichen Lärm aus seiner Unterkunft gelockt. Er hatte die eindrucksvolle Rüstung seiner Ahnen angelegt, das blonde Haar trug er offen. »Willkommen in Idoslän, ehrenwerter LotIonan«, verneigte er sich. »Und auch alle anderen, seid wohlwollend empfangen.« Er grüßte Rodario und Ingrimmsch mit einem Handschlag. »Meister Bramdal sagte uns, dass Ihr bald zu uns stoßen werdet. Die größten Helden sind versammelt. Nun werden wir die Unauslöschlichen stellen.« Er hielt den Eingang des Zeltes auf. »Kommt herein. Wenn ihr nicht zu müde seid, möchte ich euch gern erklären, was wir in den letzten Umläufen erreicht haben.« Er sandte einen Boten los, der die Befehlshaber der Zwerge holen sollte. Dann wandte er sich an Lot-Ionan. »Verzeiht, dass wir Euch keinen Empfang angedeihen lassen, der Euch und Eurer Rückkehr angemessen wäre, doch es ist keine Zeit zu verlieren.«
Der Magus nickte. »Ich verstehe das sehr gut, Prinz Mallen. Es gibt Wichtigeres. Feiern können wir nach unserem Sieg.«
Ihm fiel wie allen anderen sofort das große, sehr seltsame Gemälde auf, das auf die Innenseite der Stoffbahnen gezeichnet worden war.
»Eine Karte«, erklärte Mallen ihnen. »Das ist ein Verdienst der Zwerge. Sie haben die Höhlen und Gänge, in die sie vorgedrungen sind, vermessen und aufgezeichnet.« Er zeigte auf die blau schraffierten Abschnitte. »Diese sind von ihnen erobert und kontrolliert. Sie haben in den Höhlen kleinere Unterlager angelegt und befestigt.« »Sind die Unauslöschlichen überhaupt in den Höhlen?«, wollte der Magus wissen und setzte sich an den Tisch; die anderen folgten seinem Beispiel.
»Wir nehmen es zumindest an. Die Zwergentrupps haben alle ihre Scheusale inzwischen gesichtet. Ich vermute, die Monstren hatten zunächst die Aufgabe, uns von den Unauslöschlichen abzulenken, weswegen die Zwerge entschieden, in die Gebiete vorzustoßen, wo ihnen bei ihrer Jagd kaum Widerstand entgegenschlug.« Mallen zeigte auf ein grün gekennzeichnetes Gebiet. »Sie lagen richtig. Hier traf die Zwerge plötzlich der härteste Widerstand, und wie es aussieht, müssen die letzten Albae irgendwo in diesen Höhlenbereichen sein.« Durch den Eingang schritt Gandogar, vor dem sich Tungdil und die anderen Zwerge des Geborgenen Landes verneigten. Ihm folgten mit etwas Abstand die Kommandeure der Freien - und Bramdal. Er grüßte sie mit einem unergründlichen Lächeln.
»Was für eine Freude, euch alle wohlbehalten zu sehen«, rief Gandogar erleichtert. »Euch kenne ich nur als Statue. Ihr müsst demnach Lot-Ionan der Geduldige sein!«
»Nicht alle kamen mit dem Leben davon. Viel zu viele zogen in die Ewige Schmiede zu Vraccas«, warf Tungdil ein und berichtete knapp, was ihnen in Weyurn widerfahren war. »Wir haben Furgas auf der Insel verloren. Er wurde von glühendem Eisen bei lebendigem Leib verbrannt. Wir sahen ihn vergehen und konnten nichts mehr ausrichten.«
Betroffenheit senkte sich auf Mallen und den Großkönig.
»Furgas ist tot?« Mallen legte die Arme auf die Tischplatte. »Wir werden seinen genialen Verstand vermissen, der in der Vergangenheit nicht nur Schlechtes brachte. Hat er, und das soll keinesfalls herzlos klingen, wenigstens vor seinem Ableben notiert, welche Schwachstellen seine geschaffenen Kreaturen besitzen?« »Ja.« Rodario, dem die schmerzliche Erinnerung an seinen toten Freund Tränen in die Augen trieb, legte eine Mappe auf den Tisch, die er aus seiner Satteltasche genommen hatte. »Er hinterließ mir mehrere Bögen Papier, auf denen er einzeichnete, wo welches Ungeheuer am einfachsten zu verwunden ist.« Er machte ein trauriges Gesicht, räusperte sich. »Die Stellen sind nicht groß. Es wird treffsichere Hände und gute Augen benötigen, um sie zu attackieren.«
Mallen reichte die Mappe an einen Bediensteten, damit Abschriften angefertigt wurden. »Glaubt mir, dass ich seinen Tod bedauere, aber es ist nicht die Zeit, uns lange mit dem Tod von Freunden aufzuhalten. Trauern können wir angemessen, wenn die Albae vernichtet sind.«
Wieder klappte der Zelteingang auf, und herein kam Rejalin mit einem Gefolge aus drei Leibwächtern und zwei unbewaffneten Elben.
»Niemand hat mir gesagt, dass eine Besprechung anberaumt wurde«, lächelte sie verzeihend. »Wenn ich Gandogar nicht ins Zelt hätte gehen sehen, wäre es mir entgangen. Wollte man die Stimme der Elben nicht hören?«
Ingrimmsch öffnete den Mund. »Darauf kannst du...«
»Boindil möchte sagen, dass Ihr darauf vertrauen könnt, dass wir Euch gerufen hätten«, fiel ihm Tungdil rasch ins Wort. »Denn wir brauchen Eure Krieger so schnell wie möglich in Toboribor und nicht mehr in den Zwergenreichen.«
»Weswegen? Ich denke schon, dass die Tore vorsichtshalber auch durch uns gesichert bleiben sollten, solange sich viele Eurer Krieger in Toboribor befinden. Nach wie vor besteht eine nicht zu verleugnende Gefahr durch die Monstren. Und durch die unerkannten Dritten in Euren Reichen.« Rejalin sagte es in dem zuvorkommendsten, einnehmendsten Tonfall, aber die Kritik darin war unüberhörbar. Ihrer Ansicht nach hätten die Verräter durch jegliches Mittel gesucht werden müssen.
Tungdil wunderte sich nicht über diese Ansicht. Nicht mehr. Sie wandelte auf den Pfaden der Eoil. »Wir haben einen Hinweis erhalten, dass die Höhlen eine Verbindung ins Jenseitige Land besitzen. Tief unter den Füßen der Belagerer sammelt sich eine neue Horde. Die Zwerge in den Höhlen sind gute Krieger, aber selbst sie und das Menschenheer wären ihnen ohne die Elben unterlegen.« Er wusste, dass sie der Lüge aufsitzen würde. Sie konnte nicht anders, selbst wenn sie ihn durchschaut hätte.