Der Magus schüttelte den Kopf, leerte den Wein und ließ sich neuen bringen. »Es sind vermutlich immer noch winzige Gesteinsreste in meinem Körper«, sagte er behäbig. »Sie wirken sich auf meinen Geist aus und bringen mich dazu, Dinge zu sehen, die nicht sein können.« Er stand auf und schritt in die dunkle Ecke, in der er seinen alten Freund wahrgenommen hatte. Doch so sehr er nach einem Hinweis suchte, er fand nichts. Und das beruhigte ihn sehr.
»Was habt Ihr, ehrenwerter Magus?«, erkundigte sich Tungdil.
»Nichts. Ich muss mir nur die Beine vertreten. Mein Rücken. Er schmerzt. Als Statue habe ich es nicht bemerkt.« Er kehrte zu der Gruppe zurück. »Was machen wir mit den Elben?«, nahm er den Faden wieder auf; er fröstelte leicht. »Stellen wir sie gleich zur Rede und hören, was sie dazu zu sagen haben, oder bringen wir erst die Unauslöschlichen zur Strecke?«
»Ich bin sehr dafür, dass wir den Zwist mit der Fürstin nicht aufschieben«, sagte Mallen. »Ich werde Euch sagen, weswegen. Die Vorstellung behagt mir nicht, dass die Elben mitten im Kampf gegen die Albae und ihre neuen Kreaturen ihre eigenen Ziele verfolgen, sich den Diamanten nehmen und mit seiner Macht unsägliche Taten vollbringen. Sicher, sie werden das Böse besiegen, daran zweifle ich nicht.« Seine Augen wanderten über die Züge der Anwesenden. »Aber ich bezweifle, dass sie danach noch mit sich reden lassen. Ich möchte Rejalin als Pfand. Vor der Schlacht.«
»Ein guter Plan. Wenn die Elben darauf eingehen«, gab Lot-Ionan zu bedenken und rieb sich die müden Augen, die ihm den Streich gespielt hatten, wie zur Strafe.
»Nun, Prinz Mallen sprach mit seinen Worten genau das aus, was ich vermute. Wenn sie sich verweigern, wird somit ans Licht kommen, dass sie ein unredliches Spiel treiben«, meinte Esdalän und fuhr sich durch die feinen Haare. »Ich wäre dafür, überhaupt keinerlei Gefahr einzugehen und die wenigen Krieger Älandurs, die sich bereits vor Toboribor befinden, zu ergreifen und einzusperren.«
»Wir nehmen Esdalän mit und lassen ihn morgen vor der Versammlung sprechen«, schlug Tungdil vor. »Und danach sehen wir, was die Elben gegen Eure Geschichte vorbringen können.«
»Eines sollten wir nicht vergessen: Wir, so wie wir hier sitzen, sind eine Gruppe, die Esdalän gerne Gehör schenkt, weil wir unsere eigenen Erfahrungen mit den Atär gemacht haben.« Mallen wandte sich an den Elben. »Aber geht davon aus, dass Ihr morgen weniger aufgeschlossene Zuhörer haben werdet. Sie haben in König Nate aus Tabain und Königin Isika zwei starke Fürsprecher, die Ihr nicht ohne weiteres auf Euere Seite ziehen werdet.«
Esdalän neigte huldvoll sein Haupt, als sei er ein König, der eine Bitte bewilligt. »Meinen Dank für die Warnung, Prinz Mallen. Doch ich bin fest überzeugt, dass ich den Menschen die Augen öffnen werde, auch wenn es meinen Tod bedeutet.«
»Euren Tod?«, sagte Gandogar erschrocken. »Besser nicht. So weit wollen wir nicht gehen, den einzigen vernünftigen Elben Älandurs zu verlieren.«
»Es wird sich nicht verhindern lassen«, blieb er dabei. »Ich weiß Rejalin sehr genau einzuschätzen. Ich werde sie reizen, und ab einem gewissen Punkt in meiner Rede wird die Grenze für sie überschritten sein.« Er legte seine Hand auf Tungdils Unterarm. »Diese Tat schulde ich Euch und dem Geborgenen Land. Mein Leben wurde von Sitalia bewahrt, indem sie mir einen Zwerg sandte. Ich verstehe den Willen der Göttin. Unsere beiden Völker sollen gemeinsam gegen diejenigen vorgehen, die den Untergang der Elben heraufbeschwören könnten.«
»Auch Vraccas sieht mit Wohlwollen, was in dieser Stube geschieht«, sagte Gandogar ergriffen. Seine braunen Augen wanderten über die Gesichter der verschworenen Gemeinschaft. »Dennoch, vergessen wir nicht, für das Gelingen unseres Vorhabens zu beten. Wir haben den Beistand der Götter dringend nötig.« Er hielt die Hand über die Mitte des Tisches, und Esdalän legte seine darauf. Danach folgten Mallen, Tungdil und Lot-Ionan. »Möge es gelingen«, sagte der Magus getragen.
Das Geborgene Land, Königreich Idoslän, vier Meilen vor den Höhlen Toboribors, 6241. Sonnenzyklus, Spätsommer.
Tungdil schlief schlecht in dieser Nacht. Er träumte von Balyndis und Sirka. Es war ein wirres Durcheinander, und am nächsten Morgen erinnerte er sich nur noch an Bruchstücke seiner Erlebnisse im Schlaf. Hatten sie um ihn gekämpft oder hatte er gegen sie gekämpft? Sirka hatte ihm ihren Dolch ins Herz gestoßen... Er setzte sich beim ersten Gesang der Vögel auf und betastete seine Brust, denn der Schmerz darin hatte die Täuschung des Angriffs vollkommen gemacht.
»Ein wahrer Albtraum«, seufzte er und rieb sich die Stelle, während er aufstand, sich wusch und in seine Kleidung und Rüstung schlüpfte. Das Gesicht, das ihn aus dem polierten Silberspiegel anschaute, sah alt und müde aus. Natürlich konnten es die Auswirkungen des Trinkens sein. Oder die Unzufriedenheit in seiner Seele, die nicht geschwunden war. »Habe ich das Richtige getan?«, fragte er sein Spiegelbild, wie er es schon oft getan hatte.
»Schlafwandelst du oder bist du tatsächlich aufgestanden?«, sagte Ingrimmsch und stützte sich in seinem Bett auf den Ellbogen. »Was ist los? Sind dir die Vögel zu laut?«
Tungdil wandte sich zu ihm um. »Steh auf, Boindil. Ich muss dir einiges erzählen«, bat er ihn. Und so bekam der Krieger die Zusammenfassung der vergangenen Nacht zu hören, während er in seine Sachen stieg. »Die Versammlung heute wird alles entscheiden, und ich wollte dich bitten, ein wachsames Auge auf Esdalän zu haben. Beschütze ihn vor den Elben, nicht mich.«
Ingrimmsch fuhr sich durch die halblangen schwarzen Haare. Noch waren sie nicht so schnell nachgewachsen, dass es für einen ansehnlichen Zopf ausreichte, daher trug er sie offen. »Warum hast du mich nicht zu dem Treffen mitgenommen?«, fragte er enttäuscht. »Was habe ich getan, um dein Vertrauen zu verlieren?« Tungdil war überrascht. »Ich habe nicht daran gedacht, weil...« Er suchte selbst nach einer Erklärung und fand sie nicht auf Anhieb. Jedenfalls keine, die er laut aussprechen wollte.
Boindil hatte seine eigenen Schlüsse gezogen. »Es ist wegen Goda, habe ich Recht?« Er schlüpfte in die Stiefel. »Du traust ihr nicht und hast Angst, dass ich ihr alles verraten könnte. Und dass sie eine heimliche Spionin der Zwergenhasser ist.« Er legte die Unterarme auf die Knie und betrachtete Tungdil. »Seit dem Tag im Gehöft und unserem Streit ist es nicht mehr so zwischen uns wie zu Beginn unseres Abenteuers, Gelehrter. Ich stelle mir die ganze Zeit über die Frage, wer von uns beiden sich verändert hat, dass es geschehen konnte.« »Wir haben uns beide verändert, Ingrimmsch.« Tungdil zog einen Hocker heran und setzte sich seinem Freund gegenüber. »Du hast dein Herz einer uns beiden unbekannten Zwergin geschenkt, von der wir nichts wissen und die heimlich nach allem Möglichen trachten könnte. Du siehst die Gefahr nicht, und ich übertreibe vermutlich.« Er lächelte traurig. »Und auch mein Herz ist an eine Zwergin gefallen, die du vollkommen ablehnst.« »Dann sind die Weiber schuld und nicht wir«, griente der Krieger. »Es sind immer die Weiber.« Tungdil lachte leise. »Da machen wir es uns ein wenig zu einfach.« Er suchte nach den richtigen Worten. »Ich bin unzufrieden, Boindil. Unglücklich. Im Geborgenen Land gibt es keine Gemeinschaft, in der ich mich zu Hause fühle, weder bei den Zwergen noch bei den Menschen.«