»Du wirst mit den Untergründigen gehen, ich weiß.«
»Woher...«
»Du bist der Gelehrte, Tungdil. Du hast mehr als fünf Zyklen damit verbracht, untätig im Stollen Lot-Ionans zu sitzen und versucht, dich mit dem beständigen Leben eines Zwergs abzufinden. Für Balyndis. Aber deine Seele wollte es nicht. Nicht so.«
Tungdil wurde von den Ausführungen überrascht. Sie trafen haargenau das, was er empfand. Er blickte seinen Freund staunend an.
»Jetzt gibt es mit den Unauslöschlichen eine neue Herausforderung für dich, und danach willst du weiter, über die Grenzen der Berge, die Vraccas gesetzt hat, hinaus.« Ingrimmsch lächelte. »Was immer du für ein Zwerg bist, Tungdil, aber die Sesshaftigkeit und einige Wesensarten der Kinder des Schmieds wurden dir nicht gegeben.« Er nickte ihm zu. »Mit Absicht. Du hast die Freien und die Zwerge zusammenfinden lassen, du hast die Dritten und die anderen Stämme vereint, und dir hat es das Geborgene Land zu verdanken, dass es in dieser Art noch existiert.« Er klopfte ihm auf das Knie und erhob sich. »Ein Stammeszwerg wie ich hätte das niemals zuwege gebracht. Vraccas hat dich so erschaffen, damit Bewegung in die Stämme gelangt. Bleib, wie du bist, Gelehrter. Ich werde mich damit abfinden müssen, auch wenn es länger dauert. Daher bitte ich dich um Nachsicht, wenn ich grummelig bin. Letztlich bin und bleibe ich dein Freund.« Er hielt ihm die Hand hin. »Wenn du darauf Wert legst.«
»Wie könnte ich auf einen murrigen, ehrlichen Zwerg wie dich verzichten?« Tungdil schlug ein, dann umarmten sie sich. Er freute sich über die offene Unterredung, welche die dunklen Schleier zwischen ihnen wegwehte. Ingrimmsch strahlte erleichtert. »Nachdem wir das geklärt haben, lass uns sehen, wie das Spitzohr auf die Anschuldigungen von Esdalän reagiert.« Er schulterte den Krähenschnabel. »Und ich sage absichtlich Spitzohr, denn sie gehört ja nicht zu den Elben, mit denen wir uns gut verstehen müssen.« Er ging hinaus in die Nebenkammer des Zeltes, die mit Segeltuch abgetrennt war und wo Goda schlief. »Ho, es ist einfach herrlich, wieder Spitzohr zu sagen!«
Tungdil besorgte ihnen ein kräftiges Frühstück. Schweigend aß er, während Boindil seine Schülerin auf das vorbereitete, was sich bald in dem großen Versammlungszelt abspielen würde. Ihr entging dabei nicht, dass ihr Mentor immer wieder zu Tungdil schielte. Schließlich wandte sie sich an ihn.
»Was kann ich tun, damit ich dich von meiner Ehrlichkeit überzeuge?«, fragte sie ihn unumwunden. »Gib mir eine Aufgabe, verlange einen Eid oder etwas in dieser Art, das dir die Gewissheit bringt, die Ingrimmsch schon lange besitzt.«
»Das musst du nicht, Goda«, erwiderte Tungdil.
»Ich will deine Zweifel aber aus der Welt schaffen«, beharrte sie. »Wir sind beide Dritte. Du hast eine Vorstellung davon, wie es ist, mit Misstrauen beobachtet zu werden.«
Er verschwieg ihr die vagen Überlegungen von Gandogar und ihm selbst, die Dritten wieder in einem eigenen Stamm zusammenzufassen. »Ja, ich weiß es.« Die Erinnerungen an die Ablehnung durch Balyndis' Clan schnellten aus seinem Verstand empor. »Und ich tue es gewiss nicht gern, Goda, dich mit einem gewissen Vorbehalt in meiner und Ingrimmschs Nähe zu sehen. Doch die Vorsicht und die Verantwortung befehlen es mir. Wärst du eine Spionin der Zwergenhasser, könntest du mit dem Wissen sehr viel Schaden anrichten.« Sie schaute ihn trotzig an. »Dann wird sich dein Zweifel niemals legen?«
Tungdil blickte Bomdil an. »Du hast meinen besten Freund überzeugt, Goda. Gib mir noch Zeit, auf dass ich mich seinem Urteil anschließen kann.«
»Es sind nicht alle wie Myr«, kam es unüberlegt über ihre Lippen.
Tungdil zuckte zusammen. »Nein, es sind nicht alle wie sie«, stimmte er ihr leise zu, erhob sich und verließ das Zelt.
Er trat in den Schein der aufgehenden Sonne und marschierte los, die Hügel hinauf und hinab, erklomm eine flache Kuppe nach der anderen, bis er die höchste gefunden hatte. Außer Atem setzte er sich ins taufeuchte Gras. Seine Blicke schweiften über die Zelte, hier und da stieg Rauch von Lager- oder Küchenfeuern auf. Das Heer erwachte wie der Rest des Geborgenen Landes.
Vermutlich stand auch Balyndis im Grauen Gebirge auf, betrachtete Glaimbar und dachte dabei an Tungdil. Vielleicht ver fluchte sie ihn, vielleicht liebte sie ihn immer noch, verstand aber, dass es zu nichts führen würde. Hoffentlich verstand sie es.
Tungdil rupfte ein paar Halme aus und spielte damit. Wie würde es mit Sirka weitergehen? Würde er auch sie enttäuschen?
Grübelnd saß er auf seinem Aussichtspunkt, bis die Sonne ganz über dem Horizont aufgegangen war und eine Fanfare zur Besprechung rief. Er würde zu spät kommen, doch das scherte ihn nicht. Man würde nicht ohne ihn beginnen.
»Vraccas, leite mich«, bat er und stemmte sich auf die Füße, streifte den Tau von seiner Lederhose und genoss den kühlen Nachtwind, der auf seiner Flucht vor den Strahlen des Taggestirnes sein Gesicht streichelte. Er konnte nicht sagen, weswegen, aber er drehte den Kopf nach Norden. Und sah die breite, lange Schlange, die sich in zehn Meilen Entfernung zu ihm über das hügelige Idoslän zog. Ein stattliches Heer durchquerte das Land im Laufschritt und hielt auf Toboribor zu.
Die Ubariu, durchzuckte es ihn. Sundalön hatte die Streitmacht unbemerkt von den Vierten durch das Gebirge geleitet und kam, um seinen Anspruch auf den Diamanten zu erheben. Tungdil versuchte, die Zahl der Soldaten zu schätzen. Als Sirka von achtzigtausend sprach, hatte sie nicht gelogen.
Jetzt war Eile geboten.
Er begab sich auf der Stelle auf den Rückweg. Nun versprach die bevorstehende Versammlung erst recht aufschlussreich zu werden. Er war sehr gespannt, wie Rejalin auf das Erscheinen der Ubariu reagieren würde. Insgeheim spürte Tungdil auch etwas Erleichterung darüber, diese Streitmacht zu sehen. Die Elben konnten es nicht wagen, gegen eine solche Überlegenheit an Truppen in den Krieg zu ziehen.
Es würde für Gandogar ein großer Schreck sein zu hören, dass die Kinder des Schmieds nicht die alleinige Verantwortung für die Sicherheit des Geborgenen Landes trugen. Und das seit vielen Tausend Zyklen. »Oh ja, es wird eine abwechslungsreiche und sehr spannende Versammlung«, sagte er zu sich, während er sich dem Lager näherte.
Die ersten Außenposten trafen zusammen mit ihm ein und rann ten in Mallens Zelt, um ihn von der Ankunft der vermeintlichen Orks, die wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, zu unterrichten.
Kurzerhand folgte Tungdil dem letzten Boten und fiel ihm ins Wort. »Prinz Mallen, was sich uns nähert, sind keine Feinde«, erklärte er. »Es sind Wesen, welche das Geborgene Land ebenso gegen alle Feinde verteidigt haben, wie es mein Volk getan hat. Ich sende Sirka zu ihnen. Sie wird mit einer Abordnung der Ubariu zurückkehren.«
Mallen, umringt von den aufgeregten Männern, überlegte. »Das Wundern habe ich mir abgewöhnt«, sagte er schließlich abgeklärt. »Wir treffen uns im Versammlungszelt.«
Tungdil verneigte sich und ging, um Sirka loszuschicken.
XIV
Das Geborgene Land, Königreich Gauragar, Schwarzjoch, 6241. Sonnenzyklus, Spätsommer.
Limasar stand vor den schwarzen, verkohlten Resten des Tafelberges, aus dem die Eoil und ihr Heer des Lichtes ins Geborgene Land gekommen waren. Sie hatten den finsteren Berg in Brand gesteckt, um den Völkern ihre Macht zu beweisen, die selbst Unbrennbares in hellen Flammen stehen ließ.
Ehrfürchtig berührte der Elb einen der Felsbrocken und kratzte die Rußschicht ab. Darunter kam weißer, blanker Stein zum Vorschein, dem die Macht der Eoil die Bosheit ausgetrieben und der sich in pure Reinheit verwandelt hatte. Nur dieses Material war dazu geeignet, die neuen Heiligtümer und Paläste zu formen. »Ein wundervoller Ort zum Rasten«, sagte Itemara neben ihm. Sie gehörte zu seiner Abteilung Krieger, die nach Toboribor reisten, dem Befehl ihrer Fürstin gehorchend. »Es ist unglaublich, dass noch niemand sonst diese Schönheit entdeckt hat.«