»Also doch eine Drohung«, stellte Isika genüsslich fest. »Deine Absichten sind klar.«
Flagur verzog die Lippen zu einem Lächeln, und wenn Tungdil in seinem Leben schon vielen Bestien gegenübergestanden hatte, so hatte er niemals etwas Gefährlicheres gesehen. »Nein. Ich gebe Euch mein Wort, dass meine Soldaten und ich aus dem Geborgenen Land marschieren werden, ohne einen von Euren Leuten anzugreifen.«
Ein leises Raunen lief durch das Zelt. Man hatte die Ankündigung zwar gehört, traute ihr aber nicht. Sirka hob die Stimme. »Allerdings werden wir danach auch unsere Heimat Fön Gala verlassen und den geheimen Weg ins Geborgene Land nicht länger bewachen, wie unser Volk das so lange tat.« Gandogars Stirn legte sich in Falten, die schon mehr Schluchten glichen. »Unsinn. Es gibt keinen geheimen Weg durch die Berge...« Dann stutzte er, weil er sich die gleiche Frage wie die übrigen Mächtigen gestellt hatte. »Wie seid ihr durch den Hohlweg und die beiden Festungen meines Stammes gelangt?«, verlangte er mit bebender Stimme zu wissen. »Ich schwöre bei Vraccas, dass ich dich eigenhändig angreifen werde, wenn...« Flagur schaute zu Sirka. »Sage du es ihm.«
»Wir haben die Ubariu ins Geborgene Land geführt«, gestand sie. »Wir kennen den Pfad schon lange und schützen ihn vor den Phottör, die durch ein ungünstiges Geschick darauf stießen. Wir haben die Festungen der Vierten umgangen, während die Acronta Eure Tore belagerten und Eure Aufmerksamkeit auf sich zogen.«
»Und auf diesem Pfad werden die grässlichsten Gestalten in Eure Heimat gelangen«, sagte ihnen Flagur voraus. »Ihr könnt es verhindern. Wenn Ihr uns den Stein gebt und wir das Artefakt wieder zum Leben erwecken, das die Schwarze Schlucht verschließt.«
»Es ist eine List«, pochte Rejalin auf ihre Sichtweise.
Das waren die Worte, auf die Tungdil gewartet hatte, um zum Angriff auf die Niedertracht der Atär zu blasen. »Eine List? Wenn Ihr von List redet, Fürstin, wie erklärt Ihr den gekrönten Häuptern in diesem Zelt, dass Liütasil bereits vor vier Zyklen ermordet wurde und Ihr uns eine Komödie vorgespielt habt?« Rejalin stierte ihn an. Es gab für einen Lidschlag nichts Elegantes, nichts Wunderbares an ihr, bevor sie sich wieder fing und die Maske aus Schönheit zur Schau trug. »Was erzählt Ihr denn da für einen Unfug, Tungdil Goldhand? Zahlt Ihr so die Gastfreundschaft meines Volkes zurück, indem Ihr Unwahrheiten verbreitet?« Die Elben hinter der Fürstin tuschelten, die Leibwächter durchbohrten den Zwerg mit ihren Blicken. Mehr durften sie nicht.
»Es ist wahr! Ich habe einen Zeugen, ihr Königinnen und Könige«, parierte er ihren Versuch, seine Aussage ins Lächerliche zu ziehen. »Damit Ihr versteht, was in Älandur vorgeht, muss ich Euch einen Umstand enthüllen, den ich bis zu meinem Ende verschweigen wollte: Die Eoil, die Rodario und ich in Porista vernichteten, war in Wirklichkeit eine Elbin. Ich habe Liütasil danach gefragt, und er stand mir Rede und Antwort. Die Eoil sind die Ältesten und Mächtigsten unter den Elben, und niemand aus ihrem Volk würde es wagen, gegen einen Eoil in den Krieg zu ziehen. Das war der Grund, warum uns die Elben nicht zu Hilfe kamen.« Und er berichtete, was wirklich auf der Spitze des Turmes geschehen war. Rodario, der sich absichtlich zurückhielt und Tungdil reden ließ, beschwor jedes einzelne Wort bei seinem eigenen Leben. Es war nicht sein Auftritt. »Liütasil kannte die Wahrheit. Nun, da er von Anhängern der Eoil getötet wurde, ist es mir nicht erlaubt, länger zu schweigen.« Auf sein Zeichen hin gingen Ingrimmsch und Goda hinaus, um Esdalän zu holen.
Ortger schaute verstört zu der Elbin, die regungslos wie eine bemalte Porzellanfigur auf ihrem gepolsterten Sessel hockte, die Hände zu Fäusten geballt. »Sagt, dass es nicht wahr ist, was uns Tungdil Goldhand da berichtet«, bat er sie. »Wartet, bis Ihr den Bericht meines Zeugen vernommen habt, den sie ermorden lassen wollte«, sagte Tungdil, als sein Freund und Goda mit dem Elben zurückkehrten.
Esdaläns Augen legten sich voller Verachtung und Hass auf Rejalin. Wieder bemerkte Tungdil die äußere Ähnlichkeit der beiden. »Da stehe ich, Königinnen und Könige, und ich schwöre bei Sitalia, dass ich mit eigenen Ohren vernommen habe, wie sie über das Attentat auf Liütasil sprach. Sie leitete es in die Wege, sie bereitete dem Verrat den Boden«, sagte er und deutete mit einer anmutigen und zugleich anklagenden Geste auf die Fürstin. »Meine Schwester und ihre Gefolgsleute streben danach, die Lehre der Eoil, die im Jenseitigen Land und hier für so viel Leid sorgte, fortzuführen. Gewährt ihr auf keinen Fall, den Diamanten zu erlangen, sonst wird es Euch allen und Euren Untertanen schlecht ergehen.«
Tungdil bekam die Erklärung für seine Beobachtung: Geschwister. Das machte den Mordversuch Rejalins noch schrecklicher.
Esdalän berichtete von seinen Erlebnissen in Älandur, von den neuen Tempeln, in denen die Eoil verehrt wurde; von den weißen Steinen, die für die Reinheit standen und in allen Königreichen errichtet werden sollten; von den Plänen, denjenigen den Tod zu bringen, die sich in ihrer Not auf das Böse eingelassen hatten, wie die Menschen in Toboribor; von der Vorherrschaft und der Bevormundung durch die Elben aller Völker des Geborgenen Landes, sobald sie den Diamanten der Macht besäßen.
Die Versammlung lauschte erschrocken, stumm, gebannt.
»Die Atär halten sich für die Verfechter der Reinheit und der Eoil beinahe ebenbürtig. Sie wollen befugt sein, die Wächter über das Land zu sein. Dabei sind sie doch nichts anderes als blinde, gefährliche Wesen, die so viele aus ihren eigenen Reihen ermordet haben, bis keiner mehr übrig war, der sich gegen sie stellte.« Esdalän drehte sich langsam um die eigene Achse. Seine Stimme war brüchig geworden, Ergriffenheit steckte in seiner Kehle. »Und davon hat keiner etwas bemerkt. Nicht einmal ich, ihr eigener Bruder. Nun wisst Ihr es. Ich bitte Euch im Namen aller Toten Älandurs, welche die Atär zu verschulden haben: Stellt Euch ihnen in den Weg! Lasst sie nicht gewähren.« Er machte einen Schritt zurück und suchte den Blick seiner Schwester. Rejalin schluckte. Sein Auftauchen hatte sie aus der Fassung gebracht.
Es herrschte betretenes Schweigen. Von draußen erklangen die Stimmen der Soldaten, das Klirren von Hämmern und Werkzeugen, die Schritte von Männern und Frauen, die in der Nähe des Versammlungszeltes vorübergingen.
»Bei allen Göttern«, raunte Isika und legte ihre Hand auf die schlohweiße von Rejalin. »Sagt doch etwas! Sagt etwas zu den Vorwürfen, die man gegen Euch erhebt.«
Angewidert und voller Verachtung zog die Elbin ihre Finger weg und reinigte sie an ihrem Mantel. »Was gibt es noch zu sagen?«, sprach sie abgestoßen. »Es ist wahr. Wir wollen dem Geborgenen Land die Reinheit und die Unverdorbenheit geben, die es verdient. Die Eoil hat es uns aufgetragen, und wir erfüllen ihren Willen gern.« Sie betrachtete die Gesichter um sich herum. »Es wird nicht mehr lange dauern, und unsere Zeit ist angebrochen. Dann wird die Spreu vom Weizen getrennt. Diese neue Saat wird herrlicher, goldener wachsen als alles andere vor ihr. Da es offen ausgesprochen wurde, rufe ich Euch auf: Unterzieht Euch aus freien Stücken unserer Prüfung und zeigt, dass Ihr Euch nichts habt zu Schulden kommen lassen.«
»Bei Palandiell!« Königin Wey sprang wütend auf. »Ihr habt mich hintergangen! Ihr habt mit falschen Worten und Versprechungen mein Vertrauen erworben, um mein Land heimlich auszuspionieren.« Sie reckte den Finger gegen die Elbin. »Denkt Ihr, dass Ihr mit Eurem Geständnis auch nur einen Einzigen in diesem Zelt findet, der Euch folgt?«
»Wir wussten, dass Ihr so handeln würdet, sobald unsere gute Absicht zur Erleuchtung des Geborgenen Landes bekannt würde. Ihr könnt es nicht verstehen, liebe Wey«, lächelte Rejalin nachsichtig. »Ich seid noch nicht bereit dazu.«