Aber die Herrscherin von Weyurn war zu tief verletzt, um sich beruhigen zu lassen. »Redet nicht mit mir, als wäret Ihr meine Mutter!«, rief sie empört.
»Aber genau das sind wir: Wir sind die Mütter, die das Geborgene Land zur Ordnung rufen. Zum Wohle aller«, versuchte die Fürs tin zu erklären und erhob sich. »Wie bei vielen Müttern werden unsere Taten von den ungehorsamen Kindern nicht verstanden. Erst in vielen Zyklen, wenn die Saat des neuen Geborgenen Landes aufgegangen ist und wir dadurch für unsere Mühen entlohnt werden, wird man uns, die Atär, und die Weisheit der Eoil lobpreisen.« Gandogar schob sich ihr in den Weg. »Wo wollt Ihr hin, Rejalin? Stellt Euch Eurer Verantwortung«, grollte er. »Ihr habt Zwerge und Menschen getötet.«
Sie schaute ihn überrascht an. »Wir haben die Wesen ausgemerzt, die nicht die Reinheit besaßen, um in einer neuen Ordnung bestehen bleiben zu dürfen. Es war Spreu.« Die Leibwächter fächerten auseinander und schirmten sie vor Angriffen ab.
»Aber wieso die Ersten? Was haben euch diese Zwerge getan?«
»Ihr armer, bemitleidenswerter Großkönig, der nicht weiß, was in seinem eigenen Reich vorgeht«, sprach sie bedauernd. »Es war eine Kolonie von Dritten. Von Zwergenhassern. Meine Aufklärer haben sie beobachtet und entschieden zu handeln, bevor sie weiter Böses gegen Euch und die Zwerge treiben, die das Leben verdient haben.« Sie lächelte. »Es werden nicht viele von Euch übrig bleiben, fürchte ich. Ihr habt sehr viele Zwergenhasser in Euren Reihen. Ohne es zu ahnen.«
»Sie ist wahnsinniger als ich«, murmelte Ingrimmsch. »Wir dürfen sie nicht entkommen lassen, Gelehrter. Sie wird das Geborgene Land eher zu Grunde richten als die Unauslöschlichen und ihre Ausgeburten.« Rejalin achtete nicht auf seine Worte, sondern schritt auf den Ausgang zu. Die Menschen waren noch zu verstört von den Äußerungen der Elbenfürstin und wussten nicht, wie sie handeln sollten.
Aber Gandogar ging nicht zur Seite, sondern legte die Hand auf den Streitkolben. »Ihr werdet bleiben und Euch verantworten«, verlangte er mit fester Stimme.
Esdalän trat neben ihn. »Es ist vorbei, Schwester. Ich habe das Geborgene Land vor deinen Machenschaften und deiner Heimtücke gewarnt. Einen offenen Krieg wirst du niemals gewinnen.«
»Wie geht es weiter, Fürstin?« Mallen trat seitlich an sie heran, so gut es ging. »Ihr habt zu viele getötet. Auch Alvaro, dessen Befürchtungen ich von Anfang an hätte Glauben schenken sollen. Er war klüger als ich.« »Dann wärt Ihr auch tot.« Sie musterte ihn verächtlich von Kopf bis Fuß. »Da es scheint, als würdet Ihr alle gemeinsame Sache mit diesen abgeschmackten Wesen aus dem Jenseitigen Land machen, bin ich gezwungen, Euch die Augen zu öffnen.«
»Ihr habt nicht wahrhaftig vor, einen Krieg zu führen?« Ortger konnte die Gewissheit ebenso wenig begreifen wie Isika. »Ich bitte Euch...«
Die Elbin blinzelte. »Ihr bittet mich um gar nichts, junger Mensch. Wer den Diamanten zuerst besitzt, wird entscheiden, wie es im Geborgenen Land weitergeht«, lautete ihre scharfe Antwort. Sie nickte knapp. Einer ihrer Leibwächter zog daraufhin blitzschnell sein Schwert, um es Esdalän durch den Bauch zu stoßen. Gandogar hatte die Krieger jedoch nicht aus den Augen gelassen. Sein Streitkolben stieß zur Seite und wehrte den Schlag ab, sodass die Klinge fehlging.
Aber der Elbenkrieger ließ einen blitzschnellen, zweiten Hieb folgen und traf den Großkönig, der sich schützend vor Esdalän schob, an der Brust. Die Klinge zerbrach an den Panzerplatten der Prunkrüstung des Zwergs, der durch die Kraft des Schlages aus dem Gleichgewicht geriet und nach hinten taumelte. Tungdil fing ihn auf. Die Elben und Rejalin verließen eilig das Versammlungszelt. Einer der Leibwächter wandte sich noch einmal um und vollführte eine rasche Armbewegung, etwas sirrte durch die Luft und wirbelte auf Esdalän zu. Ingrimmsch packte einen kleinen Schemel, warf ihn nach dem Geschoss und fälschte seinen Flug ab. Das geworfene Messer kollidierte mit dem Schemel und prallte harmlos in eine Ecke; währenddessen floh die Fürstin.
»Lasst sie«, sagte Mallen, als er sah, dass sich Goda anschickte, ihr zu folgen. »Ihr würdet ihnen unterliegen.« Er eilte hinaus, sie hörten ihn Befehle erteilen. Bald darauf erklangen Schritte, Pferde wieherten, Reiter preschten davon. Der Prinz kehrte zu ihnen zurück. »Meine Männer werden ihnen den Weg abschneiden und sie festsetzen.« Er wandte sich an Flagur. »Es kann sein, dass wir Eure Krieger eher benötigen, als wir vor wenigen Augenblicken noch geglaubt haben. Allerdings nicht, um gegen die Kreaturen Tions zu ziehen.« Isika stand auf. »Ich weiß, wann ich einen Fehler begangen habe«, sagte sie ohne eine Spur von Hochmut. Die jüngsten Vorfälle hatten ihre Einstellung geändert. »Ich entschuldige mich zutiefst bei dem Volk der Zwerge und bei Tungdil Goldhand. Die Täuschung durch die Elben war zu gut. Ohne Euch wäre die unvorstellbare Absicht niemals ans Tageslicht gekommen, und dafür bedanke ich mich aufrichtig.« Sie schaute über die Gesichter der Herrscherinnen und Herrscher. »Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass wir alle einmal mehr in der Schuld der Zwerge stehen.«
Tungdil hielt den Großkönig noch immer unter den Achseln, dem es aus irgendeinem Grund schwer fiel, sich auf den Beinen zu halten. Ingrimmsch half ihm. »Gandogar, was ist mit dir? Hat dir die Klinge eine Rippe gebrochen?« Er prüfte die Panzerung, die nur einen leichten Kratzer und einen Abdruck erhalten hatte. »Das nenne ich eine Zwergenrüstung«, sagte Boindil stolz.
Gandogar verdrehte die Augen, versuchte zu sprechen, doch seine Knie gaben nach, und die Arme hingen schlaff an ihm herab.
»Rasch, legt ihn auf den Tisch«, verlangte Lot-Ionan. »Lasst mich nach ihm sehen.«
Der Großkönig wurde angehoben und auf die hölzerne Platte gelegt. Die Zwerge nahmen ihm den Brustpanzer ab, und der Magus legte die getroffene Stelle frei, um sie zu begutachten.
»Nichts«, sagte er. »Keine Brüche.« Er berührte einen geröteten Punkt unterhalb des Rippenbogens. »Diese Stelle ist sehr empfindlich. Man kann ein ungerüstetes Lebewesen durch einen einzigen Stoß mit der Hand ohnmächtig werden lassen. Es ist vorstellbar, dass die Klinge durch die Panzerung hindurch eine ähnliche Wirkung erzielt hat.«
Tungdil sah einen dunkelroten Fleck, der neben dem Hals Gandogars auf dem Tisch entstand. »Er blutet!«, rief er und langte an die Kehle des Zwerges, dessen Atmung im nächsten Augenblick aussetzte. Seine Hände tasteten in dem dichten Bart, bis sie eine Wunde fanden. Unmittelbar unter dem Kinn trafen die Finger auf ein scharfkantiges Stück Metall. Das abgebrochene Schwertstück war nach oben geschnellt und hatte sich von unten durch das Fleisch gebohrt. Er schob die Kiefer auseinander und schaute in den Mund, weil er Schreckliches befürchtete.
»Er stirbt!«, rief Ingrimmsch entsetzt und schaute zu Lot-Ionan.
Aber als der Magus zu einem Zauber ansetzte, hob Tungdil die Hand.
»Es ist vorbei«, sagte er düster und deutete in Gandogars Mund. Die Umstehenden sahen, dass das Schwertfragment sich von unten durch die Zunge hinauf in den Schädel gebohrt hatte. Das Hirn des Großkönigs war von der Klinge zerstört worden.
»Bei Vraccas«, raunte Ingrimmsch entsetzt und beugte ebenso wie Goda das Haupt.
Tungdil schloss dem Toten den Mund und drückte ihm die Augenlider zu. »Zieht ihm seine Rüstung wieder an«, befahl er. »Die Seele von Gandogar Silberbart aus dem Clan der Silberbärte vom Stamm des Vierten, Goimdil, ist auf dem Weg in die Ewige Schmiede zu unserem Schöpfer Vraccas. Bringt seinen Leichnam ins Braune Gebirge, wo er umgeben von majestätischen Gipfeln und seinem Clan seine Ruhestätte finden soll.« »Die Elben haben den Großkönig der Zwerge getötet.« Mallen betrachtete Esdalän. »Das wird böse enden.« »Nicht die Elben, sondern die Atär«, meinte Tungdil und betrachtete seine blutigen Finger. Der Tod seines Herrschers verschlimmerte die Lage.