»Es wird schwierig werden, den Stämmen, die auf dem Weg hierher sind, und denjenigen, die sich bereits vor Toboribor befinden, den Unterschied zu erklären«, schätzte Ingrimmsch. »Spitze Ohren haben beide.« Er schaute zu Esdalän. »Nichts für ungut.«
Ein Soldat betrat das Zelt. Er starrte auf den Leichnam des Großkönigs. »Prinz Mallen, die Elbenfürstin und ihr Gefolge sind entkommen. Wie vom Erdboden verschluckt«, erstattete er Meldung. »Ihre Soldaten sind in die Höhlen gezogen.« »Wann war das?«
»Kurz nach Beginn der Versammlung. Wir dachten, sie handelten auf Euren Befehl hin.« Mallen fluchte. »Rejalin hat geahnt, dass sie entlarvt wird.« Lot-Ionan hob die Arme. »Auch wenn Gandogars Tod sehr betrüblich ist, bleibt uns keine Zeit für Trauer. Die Elben werden versuchen, die Unauslöschlichen zu finden und den Stein zu erringen.« Er schaute auf Tungdil. »Geh und sage den Zwergen, was geschehen ist. Ihre Wut wird sie stärker als alles andere anspornen. Geschwindigkeit ist wichtig. Überlebenswichtig.« Dann blickte er Mallen an. »Ihr schickt all Eure Soldaten in die Höhlen und folgt den Zwergen. Bewacht die Ausgänge. Kein Elb darf uns entkommen.« Schließlich wandte er sich an Flagur. »Euch kommt es zu, die Höhlen von außen zu verteidigen. Wir erwarten ein großes Heer der Atär.«
Flagur nickte. »Es wird uns eine Ehre sein. Wir haben Erfahrung darin, die Broka aufzuhalten und zu vernichten. Falls es nötig sein sollte.« Er wechselte in eine unverständliche Sprache, und seine Begleiter wandten sich um. »Bekommen wir den Stein, Lot-Ionan?«, fragte er ihn.
»Ja«, antwortete der Magus, ohne zu zögern. »Er hat im Geborgenen Land schon genug Schaden angerichtet. Nehmt ihn und bringt ihn dorthin, wo er mit seiner Macht wenigstens Gutes vollbringt.«
Flagur deutete eine Verbeugung an und verließ das Zelt.
Ingrimmsch, Goda, Sirka und Tungdil eilten ebenfalls nach kurzem Abschied davon, um die Zwerge über den Tod Gandogars in Kenntnis zu setzen. Tungdil fühlte ein dumpfes Stechen in seinen Innereien, und er nahm es als schlechtes Vorzeichen.
Als sie das Lager erreichten, wurden die Flaggen der Clans bereits auf Halbmast gesenkt. Die Kunde hatte sich viel zu schnell verbreitet. Und die Wut der Kriegerinnen und Krieger, die sich um ihn versammelten, um aus seinem Mund die Nachricht bestätigt zu bekommen, war regelrecht greifbar. Die Kommandeure der Freien standen etwas abseits.
Tungdil stieg auf einen umgestülpten Eimer und reckte die Feuerklinge. »Großkönig Gandogar ist tot...« Ein aufgebrachter Zwerg trat nach vorn. »Ermordet!«, schrie er anklagend. »Von den Spitzohren!« Viele Stimmen riefen durcheinander, die Empörung über den feigen Mord brach aus ihnen heraus. »Hört mich an!«, rief Tungdil so laut er konnte, um sie zu übertönen. »Nicht die Elben tragen die Schuld am Tod des Großkönigs. Unser Feind heißt Atär. Begeht nicht den Fehler, sie und die Elben mit gleichem Hammer zu schmieden.« Tatsächlich verebbten die Unterredungen, sodass er berichten konnte, was im Zelt vorgefallen war. Dann richtete er die Feuerklinge auf die Höhlen. »Die Atär streben nach der vollkommenen Macht über unsere Heimat. Erfül len wir den Auftrag, den wir von Vraccas erhielten, und hindern sie daran. Für das Geborgene Land!« Niemand erhob die Stimme.
Ein Zwerg in der ersten Reihe schräg vor Tungdil senkte sich auf ein Knie herab, nahm den Helm ab und stützte sich auf den Griff seines Kriegshammers. Seine Lippen bewegten sich lautlos. Die Krieger rechts und links von ihm taten es ihm nach. In einer Wellenbewegung und unter leisem Klirren der Kettenhemden und dem Klappern der Helme knieten sich die Zwerge ins niedergetretene Gras. Lediglich die Zwerge der Städte blieben stehen. »Was tun sie da?«, fragte Sirka leise und schaute beeindruckt von dem Schauspiel über das Meer aus gesenkten Häuptern. »Haben sie dich zu ihrem neuen Anführer erkoren? Oder beten sie?«
»Nein, diese Zwerge beten nicht«, antwortete Tungdil bedrückt, der von den sich bewegenden Mündern einzelne Worte ablesen konnte. »Sie schwören Rache.«
Das Geborgene Land, Königreich Idoslän, in den Höhlen Toboribors, 6241. Sonnenzyklus, Spätsommer.
Ingrimmsch neigte den Oberkörper etwas nach vorn und warf einen schnellen Blick um die Ecke. Der Gang dahinter, den sie bislang nicht weiter erforscht hatten, lag dunkel und verlassen vor ihnen. Oder besser gesagt, er erweckte den Eindruck, verlassen zu sein.
»Was machen wir, wenn wir auf Elben treffen, Gelehrter?«, fragte er und sprang um die Ecke, den Krähenschnabel zur Abwehr vor sich haltend.
»Es kommt darauf an, wie sie sich uns gegenüber verhalten. Wenn sie uns angreifen, werden wir uns wehren«, antwortete er. »Aber ich will keinen sehen, der die Waffe zuerst gegen sie erhebt«, warnte er seine Begleiter. Er führte einen der Trupps an, die nach zehn Umläufen am weitesten in das einstige Orkreich vorgestoßen waren. Bei ihm befanden sich außer Ingrimmsch, Goda und Sirka fünfzig schwer gerüstete, erfahrene Krieger, die bereits bei den Schlachten am Schwarzjoch, gegen die Avatare und gegen die Orks im Grauen Gebirge gekämpft hatten. Unerschrockene Veteranen, die keine Gefahr fürchteten und sich gegen Tion selbst werfen würden.
Auf Lot-Ionan mussten sie verzichten. Ihnen war Dergard mitgegeben worden, der dazu diente, eventuelle Zauber der Unauslöschlichen oder eines Elben unschädlich zu machen. Den Kampf übernahmen die Zwerge. Ingrimmsch stieß mit seiner Stiefelspitze einen länglichen Gegenstand an. »Schweinchenknochen. Nicht zu alt, aber auch nicht neu.« Er bückte sich und hob auf, was er gefunden hatte. »Ein Oberschenkel. Mit einem einzigen Hieb durchtrennt.« Der Schnitt war glatt und nicht ausgefranst. »Eine sehr, sehr scharfe Klinge«, sagte er anerkennend. »Kein Schwert und schon gar keine Axt, wie sie die Schweinchen benutzen.« »Die Ubariu?«, meinte Goda vorsichtig. »Sind sie heimlich in die...«
»Nein.« Tungdil ging vorsichtig weiter, die Rechte um den Griff der Feuerklinge geschlossen. »Die Unauslöschlichen. Sie haben die Orks in den Höhlen umgebracht.«
Sein Freund wackelte mit dem Kopf. »Denkst du, sie würden ihre letzten Verbündeten einfach so vernichten?« »Nein, nicht einfach so. Aber sie würden. Vielleicht hatten sie ihre Aufgabe erfüllt und wurden nicht länger benötigt.«
Vor ihnen zischte es laut. Zwei große grüne Punkte leuchteten in der Dunkelheit vor ihnen auf. Es rumpelte, als die Furcht erregende Kreatur aus Tionium einen ihrer metallenen Füße hob und auf sie zuging.
»Das muss das Ding sein, das König Ortger beschrieben hat«, rief Ingrimmsch und hob den Krähenschnabel. »Weiß noch jeder von euch, wo sich die Stelle befindet, an der diese Ausgeburt aus Mechanik und Magie besonders anfällig ist?«
»Nein, greift diesen Punkt nicht an«, widersprach Tungdil. Wenn Furgas wirklich die treibende Kraft gewesen war, würde es die Schwachstellen nicht geben. Sicher war sicher. »Bringen wir ihn anders zu Fall.« Dergard schob sich nach vorn, hob die Hände und setzte zu einer Formel an, aber Tungdil verbot es ihm. »Bewahrt Eure Kraft für den Augenblick auf, in dem uns die Unauslöschlichen gegenüberstehen«, bat er. »Vergesst nicht, dass einige Teile an den Scheusalen die Legierung enthalten, die Eure Kraft ableitet.« »Ihr habt Recht.« Dergard senkte die Arme. »Es würde ihnen mehr nutzen als schaden.« Sein Blick wanderte zur Decke. »Aber gegen einen Steinschlag sind sie vermutlich machtlos?«
»Spart Euch den Gedanken für den Notfall. Wir versuchen etwas anderes.« Er deutete auf die Zwerge, welche die Ausrüstung schleppten, die sie für eventuelle Kletterpartien mit sich führten. »Nehmt die Seile. Wir binden ihm die Füße zusammen und bringen ihn zum Sturz.«
Die übergroße Rüstung rückte näher und näher, rasselnd und fauchend schob sie sich vorwärts. Die übergroßen eisernen Hände öffneten und schlössen sich klickend, als freuten sie sich, Zwerge zu zerdrücken. Mittlerweile erkannten sie das Gesicht des Monstrums hinter dem bullaugenartigen Glas in Höhe der Brust. Es tobte und schrie lautlos, die Geräusche der Mechanik schluckten seine Laute.