Dann machte sich das Wesen auf die Jagd. Es dauerte nicht lange, und den ersten der tapferen Krieger traf die Klinge auf der Höhe des Beckens. Die Geschwindigkeit des Vehikels und die Schärfe der Klinge genügten, um Kettenhemd und Knochen zu zerschneiden. Schreiend und blutend fiel er auf die Orkgebeine, während die Hatz weiterging.
Drei Zwerge wurden vollständig zerteilt. Der Rest der Gruppe wich in den schmalen Höhleneingang zurück, durch den die Bestie nicht passte.
Tungdil nutzte die Ablenkung. Er rannte mit einigen anderen Zwergen, Ingrimmsch, Sirka und Goda durch die Höhle und hielt auf den Altar zu, auf dem die Unauslöschliche lag. Ihr Ziel war der Diamant, der unbewacht war. »Ingrimmsch, du nimmst den Diamanten«, wies ihn Tungdil an. »Ich schlage der Albin den Kopf ab.« »Umgekehrt wäre es mir lieber«, sagte er unglücklich. »Warum darf ich es nicht tun?«
»Weil ich nur der Feuerklinge zutraue, das Leben einer Unauslöschlichen zu nehmen«, erklärte er. Goda schaute kurz bevor sie ihr Ziel erreichten über die Schulter. »Es hat uns gesehen und kommt näher«, warnte sie. Sie verlangsamte ihre Schritte und wollte stehen bleiben, um sich dem Wesen zu stellen. »Nein, weiter!« Ingrimmsch packte sie bei der Schulter. »Hinter den Altar, da ist es sicherer. Es würde dich ansonsten einfach überrollen.« Aus dem Lauf drückte er sich ab und sprang mit den Füßen voran auf die Albin zu. Wenn er sie schon nicht köpfen durfte, wollte er sie wenigstens ordentlich verletzen.
Da traf ihn ein grüner Strahl seitlich gegen die Hüfte. Die Magie schleuderte ihn zurück; der umherfliegende Krähenschnabel traf Sirka gegen die Stirn und sandte sie bewusstlos auf den Boden.
Goda wirbelte herum und schaute nach dem neuen Angreifer, fand sich jedoch einem sehr vertrauten Gesicht gegenüber.
Dergard kauerte neben dem Altar, eine Hand auf sie gerichtet. »Ihr dürft sie nicht stören, habt ihr nicht gehört?«, zischelte er. »Wagt es nicht noch einmal!«
Ingrimmsch stemmte sich fluchend auf die Beine. Außer einem Kribbeln im ganzen Leib und ein paar Schürfwunden an den Händen war ihm nichts geschehen. »Kaum hat man einen Magus, macht er einem auch schon Scherereien.« Er sah nach Sirka. »Sie lebt, Gelehrter. Kümmere dich um den Menschen.« Das Maschinenwesen aber walzte wie ein wütender Feuerstier heran und senkte den Speer, den es in der Hand hielt. Die Schneiden schimmerten im bläulichen Licht des Diamanten.
XV
Das Geborgene Land, Königreich Idoslän, in den Höhlen Toboribors, 6241. Sonnenzyklus, Spätsommer.
Tungdil stellte sich Dergard entgegen und schob Goda hinter sich. »Hilf deinem Meister«, wies er sie an und tat so, als wolle er den Magus angreifen. Dabei vertraute er auf den Schutz der Feuerklinge.
Dergard handelte. Ein neuerlicher Strahl sprang aus seinen Fingern und jagte auf den Zwerg zu. Die Axt zog die heranschießenden Energien an und sog sie in sich auf. Sämtliche Intarsien leuchteten auf, und die Diamanten verwandelten sich in winzige, grelle Sterne.
Tungdil geschah nichts; er spürte, dass sich der Sigurdaziengriff der Waffe erwärmte, mehr nicht. Kurzerhand schlug er dem Magus die flache Seite gegen die Schläfe. Bewusstlos sank Dergard zusammen. »Weg da, Gelehrter!«, schrie Ingrimmsch hinter ihm. »Runter!«
Tungdil machte einen Satz nach hinten und ließ sich rücklings fallen.
Die lange Klinge des Maschinenwesens sirrte über sein Gesicht hinweg und verfehlte ihn um Barthaaresbreite. Klirrend zersprang sie am Sockel des Altars. Die Kreatur schrie ihre Enttäuschung heraus.
Dafür zerschnitten die Räder des Gefährts den ohnmächtigen Magus. Sie rollten über den Unglücklichen hinweg, sein Leib und seine Gliedmaßen wurden mehrfach durchtrennt; vom Kopf blieb nicht mehr als eine breiige Masse. Nichts und niemand außer den Göttern vermochte ihm mehr zu helfen.
»Ich töte euch!« Das Monstrum schleuderte seinen Speer nach Ingrimmsch, der im Begriff war, auf den Altar zu steigen. Der Zwerg sprang zurück und ging zusammen mit Goda hinter dem Fußende in Deckung. »Ich lenke es ab«, rief Tungdil über die Schulter. »Ihr wisst, was ihr zu tun habt.« Innerlich machte er sich schwere Vorwürfe, weil er den Tod von Dergard zu verantworten hatte. Die Bewusstlosigkeit hatte ihn zu einem leichten Opfer gemacht.
Das Monstrum nahm einen weiteren Speer, die der Länge nach auf der Oberfläche des Gefährts montiert waren. »Deine Axt wird nicht gegen mich taugen«, sagte es und kam langsam näher. »Du reichst nicht einmal an mich heran, Unterirdischer.«
Tungdil bückte sich und hob ein Klingenbruchstück auf, wog es in der Hand und warf es mit viel Kraft nach dem Gegner. Es drehte sich um die eigene Achse und traf ihn mit einem scharfen Zacken gegen die linke Schulter. Das Geschoss hatte die Panzerung nicht durchschlagen.
Lachend beschleunigte das Wesen sein Gefährt, während sich Tungdil einige Schritte vom Altar entfernte, um sich freier bewegen zu können. »Du wirst mich nicht bezwingen«, versprach er der Kreatur. Goda versuchte ihr Glück und rannte auf der anderen Seite des Altars entlang, sprang hoch und wollte sich auf die Oberseite ziehen, um den Diamanten zu erreichen.
Da drehte das Wesen den Kopf und schleuderte seinen Speer nach ihr. »Weg von der Schöpferin!« Die Attacke kam zu überraschend. Die scharfe Schneide zerschnitt Godas Kettenhemdringe und die Eisenplättchen, glitt waagrecht neben dem Schultergelenk durchs Schlüsselbein und warf sie nieder. Der Schaft ragte einen Schritt weit aus ihrem Rücken.
Tungdil konnte es sich nicht erlauben, sich um das weitere Schicksal der Dritten zu kümmern, denn der Wagen hatte ihn gleich erreicht. Er kauerte sich zusammen, rollte sich über die Schulter vor den tödlichen Rädern weg und unter den Klingen hindurch, kam auf die Beine und legte die ganze Kraft in einen hohen Sprung. Was die Not ihm eingegeben hatte, gelang! Er landete kniend auf der breiten Oberfläche des Gefährtes. Der gepanzerte Rücken wuchs vor ihm in die Höhe, und sein Instinkt leitete sein Tun.
Tungdil dachte nicht weiter nach. Er hob die Arme und drosch die Feuerklinge mit aller Kraft gegen die Stelle, an der er das Rück grat des Scheusals vermutete. Brachte dieser Hieb nicht den Tod, wäre es mit seinem eigenen Leben wohl bald vorüber.
Doch die Axt ließ ihn nicht im Stich. Sie zerriss das Tionium, hackte sich hindurch und glitt mühelos durch das feste Fleisch bis zu den Wirbeln. Dabei erstrahlte sie mit flammendem Schein; die Diamanten pulsierten, als schlüge ein Herz in ihnen.
Das Scheusal schrie gellend, es bog und krümmte sich, die langen Arme zuckten nach hinten, um den Zwerg in seinem Rücken zu packen. »Geh runter von mir!«
»Nein!« Da hatte Tungdil bereits ein zweites Mal zugeschlagen, auch wenn es nicht einfach war, auf dem schwankenden Untergrund das Gleichgewicht zu wahren. Der nächste Hieb fiel weniger kräftig aus, aber es genügte, um die gleiche, stark blutende Wunde zu treffen und den Schaden zu vergrößern. Mit einem tierhaften Brüllen schlug das Wesen um sich und erwischte Tungdil am Oberkörper. Er flog zwei Schritt weit durch die Luft und schlug schwer auf dem Boden auf, ohne den Stiel der Axt loszulassen. Benommen rappelte er sich auf und sah durch einen Schleier hindurch den Wagen schlingernd heranrasen. Die übrigen Zwerge rannten herbei, um ihrem Anführer beizustehen.
Neben sich sah er den Speer, der seinen Freund Ingrimmsch verfehlt hatte. »Ich lege mein Leben in deine Hand, Vraccas!«, sandte er ein Stoßgebet an seinen Schöpfer, nahm den Speer und warf ihn dem Feind entgegen. Das Scheusal fuhr in sein eigenes Verderben. Die Auswirkungen der beiden Axtschläge verhinderten, dass es eine Abwehrbewegung machen oder dem Geschoss ausweichen konnte. Und so traf die breite, scharfe Klinge mitten in seine Brust.