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Die Seeleute tauschten Blicke, waren unschlüssig. Sie hatten Angst.

Tungdil machte einen Schritt auf den nächsten Matrosen zu. »Geht das Wagnis ein, oder Ihr tragt die Schuld für alles Unheil, das nach diesem Umlauf im Geborgenen Land geschehen wird«, sagte er eindringlich. »Wir können das Böse nur vernichten, wenn wir diese Insel betreten.«

Die Seeleute bewegten sich allmählich und handelten nach seinem Willen, auch wenn sie wussten, dass es das Ende für das Schiff bedeuten konnte. Tungdil fühlte sich in die erste Eroberung der Insel zurückversetzt. Damals waren zwei Schiffe verloren gegangen. Das sollte sich nicht wiederholen.

Die Wogenschwinge nahm Fahrt auf, und bei jedem Krachen keimte die Angst auf, dass Wasser in den Laderaum strömte. Elria-Gebete erklangen unaufhörlich, kein Handstreich wurde mehr getan, ohne den Segen der Göttin zu erflehen.

Die Insel sank sehr schnell. Die Flammen erloschen, das Schwebgas war abgefackelt.

Der Steuermann manövrierte den Segler auf Anweisung Rodarios an eine ganz bestimmte Stelle und so nahe heran, dass die Ubariu, Tungdil und seine Freunde über die Bordwand auf die langsam nach unten gleitende Bergwand springen konnten. Der flache Strand befand sich schon längst unter Wasser.

Rodario schrie laut auf, als er in der Wand landete. Die Schmerzen in seinem verletzten Unterschenkel mussten höllisch sein. »Da hinüber«, deutete er auf einen Schlot. »Klettert hinein, er führt in eine Kammer, von der aus wir ins Innere gelangen.« Er zeigte ihnen, wie man den Einstieg erreichte.

Danach mussten sie springen. Es ging zwanzig Schritt nach unten; am Boden der Kammer befand sich bereits ausreichend Ballastwasser, dass sie nicht auf dem Stein zerschmetterten.

»Worauf habe ich mich da nur eingelassen?«, seufzte Rodario und sah, dass Lot-Ionan verstohlen nickte. Einer nach dem anderen ließ sich ins schäumende Wasser fallen, danach erklommen sie die in den Stein gehauenen Stufen und gelangten durch das Schott hinaus in einen Gang. Das Wasser rann ihnen aus den Schuhen und Kleidern, leise tropfte es und hinterließ eine dunkle Spur. Eine verräterische Spur. »Ich weiß, wo wir sind.« Tungdils Zwergenverstand hatte sich die Höhle beim ersten Besuch gut eingeprägt. Er wies nach rechts. »Da kommen wir in die Schmelze. Von dort gelangt man in den Durchgang zu dem Raum, von dem aus die Druckkessel bedient werden, richtig?«

Rodario nickte. »Da sollten wir den Unauslöschlichen finden. Jemand muss die Apparaturen ja bedienen.« Behutsam eilten sie voran und staunten über den Anblick der Höhle, in der sich einst die Hochöfen befunden hatten.

Das flüssige Eisen, mit dem Tungdil und seine Freunde damals überschüttet worden waren, war erkaltet. In den tiefer gelegenen Stellen hatten sich große, graue Flächen gebildet, die an Eis erinnerten. Von den oberen Stockwerken hingen lange, spitze Panzer herab, an anderen Stellen hatten sie sich zu stangengleichen Gebilden geformt oder Felsen mit einer dicken, grauen Schicht überzogen. Es war ein bizarrer und faszinierender Anblick. »Weiter«, raunte Tungdil und ging auf das aufgebrochene Schott im Kesselraum zu, das von einem schweren Gegenstand getroffen worden war. Verzogen und zerbeult hing die runde Tür in ihrer Halterung. »Ob der Alb auch noch hier ist?«, fragte Rodario und zog sein Schwert. »Drei Gegner wären mir ein bisschen zu viel.«

»Nein, ich glaube nicht, dass er gewartet hat, bis wir zurückkommen«, beschwichtigte ihn Tungdil und betrat den Raum, in dem sich einmal die riesigen Feuerstellen und die Kessel befunden hatten.

Der erste Gegner erwartete sie bereits.

An dem vorderen großen Ofen stand das dreieinhalb Schritte große Monstrum mit den Unterarmen aus Gestängen und Glas. Auf dem Kopf saß der aus Tionium geformte, einem Totenschädel nachempfundenen Helm. Es drehte verzweifelt wimmernd an Ventilen herum und suchte offensichtlich einen Weg, den Untergang zu verhindern. Noch hatte es die Gruppe nicht bemerkt. Seine Waffen, die runengezierten Äxte, blieben auf seinem Rücken im Futteral über der schwarzen Plattenpanzerung.

»Was für ein Koloss«, murmelte Flagur, und es klang erwartungsfroh.

»Sieht einer von euch den Unauslöschlichen?«, fragte Rodario und spähte in dem Halbdunkel der Höhle umher. »Besiegen wir erst diese Ausgeburt, dann kümmern wir uns um den anderen«, empfahl Flagur und leckte sich über die Lippen. »Ich bin gespannt, wie es schmeckt. Bislang hatte ich noch keine Zeit zum Kosten.« Das Monstrum hielt inne. Die gewaltigen Finger lagen noch immer auf den Drehrädern, und es schaute über die Schulter. Eine Träne rollte unter seinem Helm hervor und rann über den lippenlosen Mund. »Warum hat er das getan?«, jaulte es verzweifelt. »Ich war ein guter Sohn! Immer ein guter Sohn!« Die langen Stifte, die Kopfschutz und Schädel verbanden, schlugen gegen den Eisenkessel über ihm. »Er tötet mich.« »Nein, wir töten dich«, grinste Flagur und bedeutete seinen Kriegern anzugreifen.

»Halt«, rief Tungdil sie zurück und näherte sich dem Monstrum. Er hatte dessen Angst erkannt, die er nutzen wollte. »Wo ist er, dein Vater?«, fragte er behutsam.

»Gegangen«, heulte es. »Er hat mich zurückgelassen, weil ich euch töten soll. Aber ich weiß, dass er will, dass ich auch sterbe. Ich soll mit euch zusammen sterben.« Es wandte sich um, die Finger spannten sich um andere Ventile und bedienten sie sinnlos. Anzeigen schnellten in die Höhe, mit gellendem Pfeifen entwich hoch über ihnen Dampf. »Ich will nicht ertrinken.«

Tungdil stand nur noch fünf Stiellängen entfernt und entdeckte die Elbenrune auf dem Helm: acht. »Wohin ist er gegangen?«

»Er hat mir versprochen, dass wir alle gemeinsam durch den Stollen gehen«, sagte es zu sich selbst wie ein trotziges Kind.

Der Kontrast von seiner Stimme und seinem Verhalten zu seiner Statur, dem schrecklichen Maul mit dem schwarzen Zahnfleisch und den weißen Reißzähnen brachte Tungdil dazu, sich vor Abscheu zu schütteln. »Weißt du, wo dieser Stollen ist? Wir können dich hinbringen.« Er schluckte. »Ich bin ein Gelehrter. Ich weiß, wie die Maschine funktioniert.«

Jetzt ließ das Wesen die Griffe los und wandte sich zur Gänze um. »Du weißt es?« Die Augen funkelten aus dem übergroßen Helm grün hervor. »Aber der Schöpfer hat gesagt, dass ich euch töten soll, wenn ihr erscheint.« Sein Auftrag und der Wunsch zu überleben rangen miteinander.

Tungdil konnte sich vorstellen, was in dem schlichten Gemüt vorging, das hoffnungslos überfordert war. Sicherlich plante das Scheusal, auf seinen Vorschlag einzugehen und sie zu töten, sobald sie an der Oberfläche auftauchten.

»Gut. Ich bringe euch hin«, willigte es ein, und man hörte die Lüge deutlich in der hellen Stimme. Es trat einen Schritt zur Seite und deutete auf die Steuerung. »Mach, dass es auftaucht.«

»Sag mir, wo dieser Stollen ist, damit wir die Insel dorthin fahren.« Tungdil legte eine Hand auf einen Hebel. »Aber du musst mir die Wahrheit sagen. Die Maschine merkt sofort, wenn du lügst. Dann pfeift sie hell und wird sich weigern, mir zu gehorchen. Sie mag keine Lügen. Eher lässt sie uns ersaufen.«

Damit hatte die Kreatur nicht gerechnet. Besorgt betrachtete sie aus dem Helm heraus die Wand aus Hebeln, Rädern und Anzeigen. »Er liegt im... Süden«, sagte sie abwartend.

Tungdil ließ das Ventil unter der Decke laut pfeifen. »Du hast mich angelogen!«, rief er gespielt erschrocken. »Nun werden wir alle sinken!«