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Sein Tross erreichte das Zelt. Knappen sprangen herbei, um die Pferde der hohen Gäste zu versorgen. Der Prinz betrat das Innere des luftigen Gebäudes, das mit Seidentüchern und bemalten Bändern verschönert worden war. Es musste Umläufe gedauert haben, die Einrichtung von der langen Tafel bis zu den schweren Stühlen und Schränken hierher zu schaffen und so aufzubauen, dass es trotz der Zeltumgebung gediegen aussah.

Außer ihm war nur ein Mann in dunkel gehaltener Kleidung anwesend. Die Froschaugen und das kurze schwarze Haar mit den lichten Stellen wiesen ihn als König Ortger von Urgon aus. Er ging zu ihm und schüttelte ihm die Hand. »Schön, Euch wieder zu sehen«, begrüßte er den jungen Herrscher.

»Das letzte Mal trafen wir uns bei meiner Dreizyklenfeier«, nickte Ortger und freute sich offenkundig, den blonden Ido zu sehen, zu dem er von Anfang an Vertrauen gefasst hatte. »Der Anlass, aus dem wir uns nun begegnen, ist weitaus bedenklicher.«

»Ich habe schon gehört, dass Ihr ebenfalls Opfer eines dieser Monstren wurdet.« Mallen ließ die Hand los und setzte sich Ortger gegenüber. Diener brachten ihnen Wein und Wasser, um sich gleich darauf wieder diskret zurückzuziehen. »Ich möchte der Versammlung nicht vorgreifen, aber könnt Ihr mir beschreiben, was Euch heimsuchte?«

»Eine gänzlich andere Kreatur als die, die Ihr mir in Eurer Warnung beschrieben hattet«, seufzte der junge König und nahm sich einen Mutschluck Wein. »Ein Monstrum aus Tionium, schwarz wie die Bosheit und stark wie zehn Ochsen, dazu heimtückischer als ein Nest voller Nattern. Und darin saß ein Wesen und starrte uns hinter einer dicken Scheibe aus Glas hervor an.« Er nahm eine Zeichnung aus der Tasche, die neben ihm auf dem Boden stand. »Manche sagen, dass es Flügel aus Eisen besaß, andere sagen, es sei auf einer Flamme in den Himmel geritten und habe sich durch seine Magie in eine dunkle Wolke verwandelt. Hier, so sieht es aus.« König Nate, gekleidet in dunkelgrüne, mit stilisierten Ähren bestickte Gewänder, betrat das Zelt. »Meinen Gruß. Ihr seid schon bei der Arbeit?« Er deutete eine Verbeugung vor den Männern an und begab sich an Ortgers Seite, um das Bild betrachten zu können. »Nein, es hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Wesen, das mir den Diamanten und drei meiner Finger raubte«, meinte er nach einer eingehenden Musterung. Er wollte noch etwas sagen, brach jedoch ab, weil die restlichen Herrscherinnen und Herrscher der Menschenreiche eintraten. Die Begrüßung dauerte lange und raubte viel Zeit. Am liebsten hätte Mallen sie gebeten, die Plätze sofort einzunehmen, damit die Unterredung begann.

Seine Laune besserte sich nicht, als zwei in schlichte weiße Gewänder gekleidete Elben zu der Runde stießen und sich als Vilanoil und Tiwalün vorstellten. Sie reisten auf Geheiß ihres Fürsten aus Älandur nach Porista, um ihn zu entschuldigen und zu vertreten.

Das bot Mallen einen willkommenen Anlass für seinen Unmut. »Welchen Grund hat Liütasil fern zu bleiben?«, fragte er laut und kam dabei Bruron als eigentlichem Gastgeber zuvor. »Es ist nicht so, dass wir uns zum Spaß zusammenfinden, sondern aus einem sehr triftigen Grund, der die Anwesenheit des Fürsten der Elben durchaus gerechtfertigt hätte.«

Die Königinnen und Könige warfen ihm Blicke zu, die zwischen Verwunderung und Unmut lagen. Der scharfe Ton gegenüber den beiden Gesandten war in ihren Augen nicht gerechtfertigt.

Mallen unterstellte ihnen eigennützige Absichten. Aus seiner Sicht fürchteten sie, dass ihnen das in Aussicht gestellte Wissen der Elben wegen seiner Unfreundlichkeit verweigert wurde.

»Und wo sind die Zwerge?«, erwiderte König Nate und brach damit eine Lanze für die Elben. »Das kann ich erklären.« Bruron hob die Hand. »Großkönig Gandogar ließ mich wissen, dass sie selbst eine Versammlung ihrer Stämme einberufen haben und über verschiedene Vorkommnisse beraten, die in ihren Stollen vor sich gehen. Danach werden sie nach Porista kommen, wie er mir schrieb. Aber ein Gesandter der Zwerge sei auf dem Weg zu uns.«

»Aus einem ähnlichen Grund müsst Ihr auf meinen Herrn verzichten«, nahm Tiwalün die Rechtfertigung lächelnd auf. »Auch wir beraten derzeit über einige Vorkommnisse in Älandur.« Er verneigte sich nochmals, Vilanoil tat es ihm nach. »Ich entschuldige mich erneut deswegen.«

»Verzeiht Prinz Mallen«, bat Nate mit einem kurzen Seitenblick zu dem blonden Ido, »doch er hat bei dem Überfall in meiner Festung einen engen Vertrauten verloren. Es ist wohl noch die Trauer, die sein Gemüt bedrückt und ihn ungerecht werden lässt.«

»Sehr freundlich, dass Ihr für mich sprecht, doch das hat nichts mit Ungerechtigkeit zu tun, die Ihr mir unterstellt«, warf Mallen ein. »Sondern mit dem Stellenwert unserer Versammlung.«

»Und seit dem Überfall neigt er dazu, das Volk aus den Wäldern Älandurs mit dem gleichen Misstrauen zu behandeln wie sein Vertrauter, den er verlor«, fuhr Nate fort. »Ich verstehe«, sagte Tiwalün bedauernd und schaute zu Mallen. »Mein aufrichtiges Beileid, Prinz.« Ein Bote trat ein und reichte König Bruron ein Schriftstück, daraufhin deutete er zum Eingang. »Wie schön, dass Euch, Glaimbli Karfunkelaug aus dem Clan der Karfunkelaugs vom Stamm der Vierten, eine schnelle Reise vergönnt war«, begrüßte er den Zwerg, der dort stand. »Seid willkommen und nehmt an unserer Tafel Platz. Wir kehren soeben zu dem eigentlichen Grund unseres Treffens zurück«, sagte er rasch, bevor Mallen den Elben etwas Herausforderndes erwiderte.

»Meinen Dank, König Bruron.« Der Zwerg verneigte sich vor Bruron und allen anderen im Zelt. Seine Plattenrüstung glänzte sauber wie ein polierter Silberteller, das dunkelbraune Haar und der lange Bart sahen sehr gepflegt aus. Er musste sich frisch gemacht haben, bevor er unter die Augen der Versammlung getreten war. Mallen, der genügend Zwerge kannte, bemerkte auf Anhieb, dass er einen Vierten vor sich hatte. Die etwas zierlichere Gestalt und die schmaleren Finger verrieten ihn, und spätestens die eingearbeiteten Schmucksteine in der Rüstung hätten den Prinzen auf die richtige Spur gebracht.

»Ich bringe die Grüße des Großkönigs und sein Bedauern, dass er und die übrigen Gesandten der Zwergenstämme sowie der fünf Städte der Freien erst in wenigen Umläufen in Porista sein können. Bis dahin werde ich sie vertreten.« Er nahm Platz, und man bedachte ihn mit einem freundlichen Kopfnicken. »Beginnen wir also.« Bruron schaute in die Versammlung. »Die Vorkommnisse sind äußerst beunruhigend. Mittlerweile sind fünf Diamanten entweder gestohlen worden oder verschwunden.« Auf Brurons Wink hin trugen Diener eine große Karte des Geborgenen Landes herein. »Tabain, Ran Ribastur, Urgon sowie die Zwergenstämme der Dritten und der Vierten sind ihrer Steine beraubt worden. Zumindest was Tabain und Urgon angeht, wissen wir, dass die Raubzüge von Kreaturen begangen wurden, wie sie noch niemals gesehen worden sind. Selbst nicht zu der Zeit, als das Tote Land einen Einfluss auf unsere Reiche ausübte. Außerdem habe ich die Kunde erhalten, dass Orks den Diamanten der Vierten raubten.« Er schlug gegen die Karte. »Orks! Diese Bestien sind seit fünf Zyklen und dem Stern der Prüfung nicht mehr aufgetaucht. Welche Rätsel verbergen sich dahinter? Hat jemand einen Einfall?«

»Die Wesen, denen Ortger und ich gegenüberstanden, sehen aus wie Kreuzungen aus verschiedenen Scheusalen. Sie nutzen Magie und tragen Runen auf ihren Rüstungen, wie sie von den Albae geschrieben wurden«, sprach Nate. »Alles spricht dafür, dass es sich um fremde Bestien aus dem Jenseitigen Land handelt, die auf irgendeine Weise Zugang in unsere Heimat gefunden haben.«