»Die Durchgänge sind bewacht und geschützt«, gab Mallen zu bedenken. »Niemals können sie an den Äxten der Zwerge vorbei gelangen.« Glaimbli nickte sofort.
»Vielleicht nicht daran vorbei.« Tiwalün lächelte ihn zu Boden. »Wenn man an einem Hindernis scheitert, kann man sich darunter hindurch graben.«
Ortger nickte. »Ein ähnlicher Gedanke befiel mich ebenfalls. Es gibt nichts Böses mehr im Geborgenen Land, wenn wir einmal von der Niedertracht einiger Dritter absehen, von denen man mir berichtete.« Er schaute mit seinen hervorstehenden Augen zu Glaimbli und erwartete erklärende Worte.
Der Zwerg öffnete den Mund, dann stockte er. »Ich weiß nicht, wie sehr ich meinem Großkönig vorgreifen darf.«
»Oh, dann habe ich Euch missverstanden, als Ihr sagtet, Ihr seid sein Vertreter, Glaimbli Karfunkelaug?«, warf Tiwalün ein.
»Sicher bin ich das. Aber es steht mir nicht zu, alles darzulegen. Es gibt Angelegenheiten, über die nur der Großkönig selbst sprechen sollte.« Er kreuzte die Arme vor der Brust, eine deutliche Geste der Abwehr, gleich einem kleinen Bollwerk aus Knochen und Muskeln und einem Zeichen für die berühmte zwergische Entschlossenheit.
Königin Isika, eine Frau mittleren Alters mit blassem Gesicht und langen schwarzen Haaren, die prunkvolle Kleidung liebte, beugte sich zu Mallen. »Prinz, seid so gütig und erklärt unserem Freund, wie misslich die Lage ist. Ihr wisst mit Zwergen besser umzugehen als ich.«
Mallen lehnte sich vor, die Arme auf den Tisch gelegt. »Seht, Glaimbli, wir versuchen gerade herauszufinden, worin der Zu sammenhang der Geschehnisse der letzten Umläufe zu finden ist. Wenn Ihr etwas beizusteuern habt, lasst es uns bitte wissen. Die Einzelheiten dazu kann Euer Großkönig gern selbst ausführen.« Er schaute dem Zwerg in die Augen. »Ich bitte Euch, teilt Euer Wissen mit uns.«
Glaimbli rutschte auf dem Stuhl hin und her. Es war ihm unangenehm, von so vielen Augen angestarrt zu werden, und er senkte den Kopf tiefer - eine altbewährte Reaktion für einen Zwerg. Erst als er das spöttische Lächeln der Elben sah, ließ er sich zu Andeutungen hinreißen. »Die Dritten haben uns erneut den Krieg erklärt. Mit Maschinen.«
»Maschinen?«, wunderte sich Nate. »Davon höre ich zum ersten Mal. Was denn für Maschinen?« »Apparate, die durch unsere Tunnel fahren und unsere Leute angreifen. Mehr erzähle ich nicht. Wartet auf den Großkönig.« Gläimblis Kopf sank noch tiefer, die Augen funkelten trotzig; nun würde er wirklich nichts mehr preisgeben.
»Mir ist es ebenso neu«, sagte Königin Isika gereizt. »Wenn man diese Erkenntnis mit dem bisher Gehörten verbindet, könnte man daraus schließen, dass sich die Dritten mit diesen albtraumhaften Ausgeburten des Bösen zusammengeschlossen haben.«
Bruron schaute sie an. »Wie kommt Ihr zu der Annahme?«
Ihre hellblauen Augen richteten sich auf den eisern schweigenden Zwerg, dann auf Mallen. Sie vermutete, eher von ihm eine Aussage zu bekommen. »Ihr kennt die Dritten recht gut, Prinz, da Ihr deren Dienste gegen die Orks in Anspruch nahmt. Wie groß mag ihr Rachedurst sein?«
»Sie haben die übrigen Stämme immer gehasst und nach deren Leben getrachtet, aber der Erhalt des Geborgenen Landes steht meines Erachtens über diesem Wunsch«, antwortete er. »Ihr wisst noch, dass König Lorimbas alle vernichten wollte, um den Schutz der Durchgänge selbst zu übernehmen?«
»Ich spreche nicht von ihrem Hass auf die anderen Zwerge.« Sie schaute in die Runde. »Ich spreche von ihrem Hass auf uns, die Menschen.« Sie wandte ihr blasses, strenges Gesicht Ortger zu. »Die Dritten wurden durch den Angriff des verrückten Belletain auf das Schwarze Gebirge beinahe vollständig vernichtet.« Ihr Blick wanderte wieder zu Mallen. »Traut Ihr ihnen zu, dass sie einen neuerlichen Tunnel nach außen graben würden, um heimlich Scheusale ins Geborgene Land zu holen, welche unserer Heimat den Untergang bringen sollen, Prinz?«
»Wenn dem so wäre, stünde schon längst ein Heer von Orks in einem der Königreiche«, schätzte Mallen. Tiwalün hatte Glaimbli nicht aus den Augen gelassen und genau gesehen, dass das bärtige Gesicht des Zwerges bei Isikas Worten verräterisch zuckte. »Auch wenn Ihr vorhin verspracht, nichts mehr zu berichten, Glaimbli Karfunkelaug, dränge ich Euch, mehr von der Wahrheit zu verkünden, die Ihr mit aller Macht hinter Euren Zähnen haltet«, sagte er leise, aber deutlich, dass alle ihn hörten. »Ich bitte Euch, sagt es uns, damit unsere Vermutungen mehr und mehr zu Einsichten werden, die Böses vom Geborgenen Land abhalten!« »Nein«, kam es trotzig von Glaimbli.
Bruron sog scharf die Luft ein. »Ihr mögt nur der Stellvertreter des Großkönigs sein, dennoch tragt Ihr Verantwortung für die Geschicke der Menschen und Elben. Ich bitte Euch, bei Vraccas, Palandiell und Sitalia: Redet!«
Und wieder sagte der Zwerg erst etwas, nachdem er zu Prinz Mallen geschaut hatte. »Nach dem Überfall der Orks hat uns wieder eine Maschine der Dritten angegriffen«, berichtete er mürrisch. »Die Orks haben sie in den Aufzug geschoben, um ihre Flucht zu decken.« Glaimbli verzog den Mund. »Großkönig Gandogar nimmt an, dass die Orks und die Dritten Hand in Hand arbeiten. Sie haben ihr Lager jenseits des Steinernen Torwegs über den Nordpass im Jenseitigen Land errichtet. Von dort unternehmen sie ihre Angriffe. Von den Wesen mit den Albaerunen auf den Rüstungen haben wir noch nichts gesehen.«
»Also wenden sich die Dritten gegen uns alle und nicht mehr nur gegen die übrigen Zwergenstämme.« Tiwalün machte eine sehr besorgte Miene, und Vilanoil blickte betrübt. »Was unternimmt Gandogar gegen die Verräter in den eigenen Reihen?«
»Sie sind außerhalb des Geborgenen Landes«, wiederholte der Zwerg und bedachte ihn mit einem unfreundlichen Blick.
»Das glaube ich nicht«, sagte der Elb höflich. »Die Dritten hatten Spione in allen Zwergenreichen, und warum sollte es diese Spione nicht immer noch geben? Gewiss, in den vergangenen fünf Zyklen ist so etwas wie Frieden bei den Stämmen eingekehrt. Ich stimme Königin Isika zu: Wer sagt uns, dass die Dritten nicht heimlich danach trachten, alle fünf Tore auf einen Schlag hin zu öffnen und das Geborgene Land mit den Ungeheuern Tions zu überschwemmen?«
»Die Rache der Zwerge«, murmelte Ortger.
»Wenn überhaupt, wäre es die Rache von verblendeten Dritten und nicht der Zwerge«, verbesserte Mallen, der sich sodann an den Elben wandte. »Und Ihr übertreibt mit Euren Ängsten, Tiwalün«, warnte er ihn. »Man könnte fast meinen, Ihr leidet unter Verfolgungswahn.«
»Tue ich das?« Der Elb lächelte unverbindlich. »Ein wenig Verfolgungswahn, wie Ihr ihn nennt, Prinz Mallen, täte uns allen gut. Ich fürchte das Schlimmste, wenn man mir sagt, dass sich die Dritten mit Orks aus dem Jenseitigen Land verbündet haben, um die Diamanten zu stehlen.«
»Er hat Recht. Gandogar muss unter seinem Volk das verdorbene Korn aussieben.« Mit einem Lächeln fügte Isika hinzu: »Oder besser: das falsche Gold von dem echten trennen. Nur wenn er Jagd auf die verborgenen Dritten in den Zwergenstämmen macht, sind wir sicherer als jetzt.«
»Und wie soll das gelingen?«, warf Glaimbli ein.
»Befragungen? Untersuchungen? Folter?«, schlug Vilanoil hilfreich vor. »Je eher wir die Spione finden und unschädlich machen, desto besser für die Menschen, Elben und Zwerge.«
Mallen hielt den Atem an, weil er Isika, Nate und Ortger nicken und den zornesroten Kopf des Zwerges sah. »Du schlägst allen Ernstes vor, dass wir Hand an Zwerge legen, die unschuldig sein könnten?«, grollte Glaimbli den Elben an. »Es mag sein, dass dein Volk auf diese Weise vorgeht, aber wir, die Kinder des Schmieds, tun das sicherlich nicht.«
»Überlasst diese Entscheidung dem Großkönig«, kanzelte Isika ihn ab. »Ihr habt selbst gesagt, dass Ihr ein Stellvertreter seid. Beschäftigen wir uns mit der Frage, was die Dritten und die Orks überhaupt mit den Diamanten wollen.« Sie nippte an ihrem Wein und ignorierte den Zwerg, der sie mit Blicken erschlug. Mallen gewann immer mehr den Eindruck, dass die Elben Keile in das friedliche Zusammenleben der Völker und innerhalb der Zwergengemeinschaft schlagen wollten. Bei Nate, Isika und dem unerfahrenen Ortger gelang es ihnen bereits. Alvaros Misstrauen gegenüber der stolzen Rasse schien ihm mehr als berechtigt.