»Verflucht, was geht hier vor sich!?«, tobte Ingrimmsch und wühlte sich aus dem Berg aus Pfannen. Er hatte den Krähenschnabel in dem Haufen verloren. »Magie?« Er hob eine besonders schwere Kasserolle auf und warf sie nach dem Wesen. »Hör auf damit, Fröschi! Kämpf gefälligst wie ein echtes Ungeheuer!«
Die Kasserolle prallte gegen die breite Brust.
Grunzend fuhr das Monstrum herum und schaute zu dem Krieger, der den Stiel seiner Waffe entdeckte, ihn umfasste und aufhob. Es vollführte eine schwungvolle Bewegung mit dem linken Arm, und die zweite Kette schnellte schlangengleich heran. Dieses Mal glühte sie dunkelgrün und machte keinen Hehl aus den magischen Energien, die in ihr steckten.
Boindil wich aus und achtete darauf, nicht mit ihr in Berührung zu kommen. Doch das Wesen wusste sehr gut mit seinen ungewöhnlichen Waffen umzugehen. Ein kurzes Zucken mit dem Arm genügte, und die Kette änderte im Flug ihre Richtung, schlang sich um den Hals des Zwerges.
Ingrimmsch schrie gellend, ließ den Krähenschnabel fallen und ging in die Knie.
Tungdil riss die Axt mit einem lauten Schrei los, klirrend fiel die Kette zu Boden.
»Zurück - oder der Unterirdische stirbt«, verlangte das Wesen hart. Wie zum Beweis seiner Worte glommen die albischen Gravuren der linken Unterarmschiene auf, das Leuchten der Kette, an der Ingrimmsch hing, steigerte sich. Er begann zu zucken, gurgelnde Laute entstiegen seiner Kehle, und er fiel zu Boden.
Goda stand plötzlich an Tungdils Seite. »Was tun wir?«
»Es gehen lassen«, knirschte er mit den Zähnen und trat zur Seite. Er wollte Boindil nicht verlieren. »Den Diamanten können wir uns schnappen, wenn es sich in Sicherheit wähnt und Ingrimmsch freigelassen hat.«
Das grüne Schimmern erlosch. Das Scheusal zog den gefangenen Zwerg zu sich heran, wickelte dabei die Kette um den Unterarm, bis sie nur noch einen halben Schritt lang war und Ingrimmsch dadurch auf die Beine gezwungen wurde. Er stand schwankend auf den Zehenspitzen, damit er sich nicht selbst erwürgte. Die Kette war heiß und hatte seinen schönen schwarzen Bart und das lange Haar abgesengt. »Nicht folgen«, sagte es und ging an Goda und Tungdil vorbei.
Rückwärts lief es durch den Tunnel hinaus, ein Auge immer auf die Zwerge gerichtet. Es schnupperte laut und orientierte sich anhand des Geruchs, wohin es gehen musste, um den Stollen zu verlassen; die Flügel der schlanken Nase blähten sich. Es setzte seinen Weg fort und schleifte den hustenden und keuchenden Ingrimmsch hinter sich her.
»Wann befreien wir ihn?«, flüsterte Goda feindselig. »Er wird bald keine Luft mehr bekommen.« »Solange er Geräusche von sich gibt, ist es gut«, antwortete Tungdil und überlegte unablässig, was er gegen den ungebetenen Besucher ausrichten konnte. Goda ignorierte anscheinend die magischen Kräfte des Eindringlings, die vermutlich nicht einmal voll zum Einsatz gebracht worden waren. Die Feuerklinge bewahrte ihn vor Zaubern, wie damals gegen die Macht des Nebeldämons im Schwarzjoch. Doch ein Treffer der schweren Ketten gegen den Kopf oder ein anderes Körperteil würde in jedem Fall eine schwere Verletzung nach sich ziehen. Das Wesen hatte den Gang gefunden, der zum Tor führte, und beschleunigte seine Schritte. Durch eine rasche Armbewegung öffnete es die Schlinge um Ingrimmschs Hals, und er fiel schnaufend auf den Boden. Fassungslos betastete er die verschmorten Überreste des Bartes und seiner Haarpracht. »Ich bin ein Krüppel! Dafür schneide ich dir die Haut in Streifen vom Leib, Fröschi«, krächzte er und stemmte sich auf die Füße. »Gib mir deine Waffe, Goda.«
»Nein, Meister. Ihr habt selbst gesagt, dass ein Krieger seine Waffe niemals aus der Hand gibt.« »Goda, das ist keine neuerliche Prüfung! Gib mir deine Waffe« hustete er mehr undeutlich, als dass er sprach. Ein leiser, entsetzter Schrei aus Tungdils Mund ließ ihn nach vorne schauen: Balyndis stellte sich der Kreatur unmittelbar vor dem Ausgang in den Weg. »Geh weg!«, schrie Tungdil. »Sonst...«
Seine Warnung kam zu spät. Balyndis griff unerschrocken mit ihrem Beil an, ließ die heranzischende Kette vom Schild abprallen und befand sich in bester Reichweite für einen Schlag.
Das Monstrum benutzte den linken, kettenumwickelten Unterarm zur Parade. Kaum berührten sich die Schneide und die Kettenglieder, wurde Magie freigesetzt.
Ein grüner Blitz fuhr in die Waffe, die zersprang und die Zwergin mit einem Hagel aus feinen Metallschrapnellen überschüttete. Sogar der Schild wurde durchlöchert. Balyndis wankte, fiel gegen die Tunnelwand und rutschte langsam daran zu Boden.
»Balyndis!« Tungdil rannte vorwärts, Ingrimmsch und Goda folgten ihm.
Brüllend wandte sich die Kreatur um, hob einen Teil des zerborstenen Holztores und schleuderte es ihnen entgegen.
Der Wurf war gut gezielt und fegte die drei von den Beinen, alles Dagegenstemmen und Ducken half nichts. Als sie wieder standen, fehlte von dem Monstrum jede Spur.
»Los, ihm nach«, befahl Tungdil Boindil und schaute zu Goda. »Du kümmerst dich um Balyndis.« Sie nickte und reichte ihrem Meister ohne ein weiteres Wort den Nachtstern.
Die Zwerge rannten aus dem Stollen und lauschten. Der Mond und die Sterne leuchteten auf Idoslän herab. Die guten Augen der beiden zeigten ihnen eine silberne, verschlafene Landschaft voller Frieden und Ruhe. »Wo ist es hin?«, flüsterte Ingrimmsch und blickte auf die Erde. »Es müsste Spuren hinterlassen, in die sich ein Kind setzen könnte.« Er beugte sich hinab. »Nichts. Als sei das Fröschi davongehüpft.«
Tungdil hatte eine Bewegung in weiter Entfernung ausgemacht. »Ist es auch«, sagte er und zeigte seufzend nach Westen. »Da hinten ist es.«
Tatsächlich eilte eine Gestalt mit großen Sprüngen durch das Gelände und verzichtete darauf, eine der Straßen zu nehmen. Sie setzte über kleinere Büsche und gedrungene Obstbäume hinweg, als sei es eine einfache Übung. »Es wählt den kürzesten Weg nach Hause«, vermutete Tungdil.
»Verdammtes Viech!« Boindil stampfte auf die Erde und trat seine Wut in den Boden. »Was macht es im Westen?«
»Warum nicht im Westen?«, hielt Tungdil dagegen. »Wir wissen gar nichts über es und seine beiden Geschwister. Der Westen ist so gut wie der Osten.«
»Schon. Aber ich hätte vermutet, dass es nach Toboribor geht. Die Höhlen des ehemaligen Reiches der Schweineschnauzen wären doch ein hervorragendes Versteck.«
»Es kann durchaus sein, dass es uns täuschen will.« Tungdil entdeckte die Gestalt nicht mehr. Ein dunkler Waldrand hatte sie verschlungen und ihr Deckung gewährt.
Ingrimmsch schulterte Godas Waffe. »Machen wir uns gleich an die Verfolgung?«
»Es hat keinen Sinn. Siehst du, wie schnell es ist? Nicht einmal ein Reiter würde es einholen.« Sie kehrten zurück in den Stollen. »Wir schauen morgen bei Tageslicht nach den Spuren. Vielleicht führt es uns an einen Ort, wo wir mehr über diese Scheusale erfahren können. Ich werde Prinz Mallen in Kenntnis setzen, damit er uns eine Abteilung Soldaten zur Seite stellt.«
Goda hatte Balyndis aufgesetzt, Blut lief in vielen kleinen Rinnsalen aus den Wunden in ihrer Haut; das rechte Auge war von einem Splitter knapp verfehlt worden, das fingerlange und strohdünne Bruchstück steckte im Schädelknochen. Sie biss die Zähne zusammen, um nicht laut zu schreien, packte Tungdils Hand und umklammerte sie Hilfe suchend.
»Das wird schon wieder«, sagte er und lächelte ihr aufmunternd zu.
Ingrimmsch machte ihn auf den großen roten Fleck unter ihrem Kettenhemd aufmerksam. »Das sieht nicht gut aus. Wir brauchen auf der Stelle einen Heiler, der sich um ihre Verletzungen kümmert und ihr die Splitter aus dem Leib sucht«, murmelte er so leise, dass Balyndis nichts hörte.
Sie zog ihren Gemahl näher zu sich heran. »Ich werde gleich ohnmächtig, Tungdil«, presste sie hervor. »Nur Vraccas weiß, ob ich wieder erwache, deshalb hör mir zu.« Ihr Griff tat weh, so fest packte sie ihn. Eine Schmerzwelle schüttelte sie, ihre Lider flatterten. »Djerün...«, ächzte sie, dann erschlaffte sie.