Voller Sorge lauschte Tungdil nach ihrem Herzen. »Es schlägt noch«, atmete er erleichtert auf. »Rasch, Ingrimmsch, wir tragen sie ins Bett. Goda, du eilst in die Siedlung und holst einen Heiler. Mir ist gleich, was er gerade tut. Schaff ihn her.«
»Ja«, nickte sie eifrig und griente dennoch, als sie sah, welchen Fehler Boindil beging: Er lehnte den Nachtstern an die Stollenwand und packte die Füße von Balyndis. Sofort schnappte sie sich ihre Waffe. »Meister, nun wirst du wohl selbst Holzbalken tragen dürfen. Du weißt ja, wo ich sie hingestellt habe«, sagte sie keck und eilte hinaus.
Er schaute ihr nach. »So ein...« Den Rest ersparte er sich.
Als Balyndis auf ihrem Lager ruhte, die ersten eisernen Späne und scharfkantigen Splitter von Tungdil entfernt worden waren und der Heiler endlich ankam und sich um sie kümmerte, kehrte Ruhe ein.
Tungdil nutzte sie, um das Laboratorium aufzusuchen und sich traurige Gewissheit zu verschaffen. Es war, wie viele andere Räume, an denen er vorüberging, vollständig zerlegt worden, sodass nicht einmal ein halbwegs intaktes Regal übrig geblieben war.
Schnell wurde ihm klar, dass das Wesen den Diamanten durch einen Zufall gefunden hatte. In dem Glashaufen sah er einen riesigen blutigen Fußabdruck. Es war wohl hineingetreten, hatte sich verletzt und dabei den Stein zwischen den Scherben ausgemacht.
»Verdammt!«, schrie er seinen Ärger hinaus. Er ging in das Studierzimmer von Lot-Ionan, in dem er eine immense Sammlung von Büchern angehäuft hatte, begab sich an das Pult und setzte ein Schreiben an Prinz Mallen auf, in dem er die Vorgänge schilderte. Er ertappte sich dabei, dass er gelegentlich mit der Federspitze in der Nase bohrte - eine schlechte Angewohnheit aus einer Zeit, die noch nicht allzu lange hinter ihm lag. Sich selbst zur Ordnung rufend, nahm er einen neuen Kiel und warf den beschmutzen weg.
Es klopfte, und der Heiler trat ein. Er trug einen dunkelgrauen Mantel über seinem weißen Schlafgewand, die schweren Stiefel waren nicht geschnürt. Goda hatte ihn wirklich aus dem Bett ge zerrt. »Verzeiht, Herr Goldhand.« Er fuhr sich durch die halblangen grauen Haare, die in alle Richtungen davonstanden. »Ich bin fertig. Ich habe die Wunden genäht und mit Salben behandelt. Sie wird wieder gesund werden. Die Tinktur, die ich ihr eingeflößt habe, wird sie die nächsten zwei Umläufe schlafen lassen.« Tungdil nickte ihm zu, langte in die Schublade des Pultes und nahm eine Goldmünze heraus. »Die ist für Euch«, bedankte er sich. »Bringt mir, was sie zur weiteren Genesung braucht, morgen hierher.«
»Danke, Herr Goldhand.« Der Heiler nahm seinen Lohn entgegen, dann schaute er zu dem Zwerg. »Was ist geschehen, wenn ich mir die Frage erlauben darf? Es sieht aus, als sei eine Orkhorde durch das Tor gebrochen.« »Ihr dürft fragen«, sagte Tungdil kurz angebunden. Aber die Wahrheit verschwieg er lieber, im Geborgenen Land gingen ohnehin zu viele beunruhigende Gerüchte umher. »Räuber. Wir haben sie vertrieben. Und es wäre mir sehr recht, wenn Ihr für Euch behaltet, was ich Euch gesagt habe. Wenn Ihr gefragt werdet, so sprecht von einem Unfall.« Er warf ihm eine weitere Goldmünze zu.
»Sicher, Herr Goldhand. Ihr könnt beruhigt sein, und ich möchte versichern, dass ich Eurer Gemahlin von Herzen gute Genesung wünsche.« Der Heiler verbeugte sich, die Schöße des Mantels rutschten nach vorne und schwangen sachte. »Achtet darauf, dass sie sich mindestens vierzig Umläufe lang nicht bewegt und im Bett bleibt.«
»Weswegen?«
Er deutete auf seine rechte Seite. »Einer der größeren Splitter hat ein inneres Organ verletzt, was ich erkennen konnte. Ich war vorsichtig, was das Nähen und Verbinden angeht, doch meine bescheidenen Künste sind auf die Beschaffenheit von Menschen und nicht von Zwergen ausgelegt. Es sieht gut aus, nur, wie gesagt...« »Sie soll liegen bleiben«, nickte Tungdil ihn hinaus. »Danke.« Der Mann wandte sich um und verließ das Zimmer.
Tungdil beendete den Brief an Mallen eben, als Ingrimmsch eintrat. Er hatte sein Lederwams und das Kettenhemd übergestreift. »Balyndis schläft tief und fest«, berichtete er und setzte sich in den Ohrensessel neben dem Kamin. Mit seinen kurzen Haaren und dem verunstalteten Bart sah er merkwürdig aus. »Wie geht es weiter?«
»Das sehen wir, wenn sich die Sonne erhoben hat«, entgegnete Tungdil, unterzeichnete und siegelte das Schreiben. Er machte sich nicht viel Hoffnung, dass sie die Kreatur zu fassen bekamen, sagte jedoch nichts. »Schau dir an, was Fröschi angerichtet hat. Ich sehe aus wie ein gerupftes Huhn.« Ingrimmsch spielte mit den Resten seines Bartes, den er sich in Form geschnitten hatte, damit er trotz seiner Kürze einigermaßen gut aussah; es würde Zyklen dauern, bis er wieder die alte Pracht und Länge erreichte. Und die Haare hingen nur noch schulterlang von seinem Kopf herab. »Man wird mich auslachen. Schon allein deswegen hat es den Tod verdient.« Er legte die Füße hoch. »Denkst du, es ist immer das gleiche Wesen in anderer Rüstung?« »Schwierig zu sagen. Ich glaube es nicht.« Tungdil machte sich Gedanken über das letzte Wort seiner Gemahlin, bevor sie das Bewusstsein verloren hatte, und sagte es auch seinem Freund.
»Djerün? Die alte Blechbüchse?« Ingrimmsch dachte an den riesigen Leibwächter Andökais. »Wollte sie sagen, dass Fröschi einer seiner Artgenossen ist? Die Ausmaße hätte es. Und es stammt ebenfalls aus dem Jenseitigen Land.«
»Nein, ich glaube nicht an eine Verwandtschaft. Dieses Wesen blutete in der Weise der Orks, Djerüns Blut dagegen war grellgelb.«
»Mh«, machte der Krieger ratlos. »Dann verstehe ich nicht, was sie gemeint...«
»Natürlich!« Tungdil schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. »Djerüns Rüstung!«
»Es trug aber keine Rüstung«, widersprach Ingrimmsch.
»Nein. Aber Unterarmschienen. Und Ketten.« Bestürzt blickte Tungdil ins flackernde Feuer. »Balyndis hat mir gewiss sagen wollen, dass sie aus dem gleichen Metall bestanden wie Djerüns Panzerung. Erinnerst du dich? Sie hat Magie geleitet.« Er stand auf und setzte sich neben seinen Freund an den Kamin.
»Das würde bedeuten, dass andere die Rezeptur kennen?«
»Noch viel mehr, Boindil. Es bedeutet, dass sie einen Weg gefunden haben, ihre magischen Energien darin zu speichern und bei Bedarf abzugeben. Es ist mehr als ein Schutz geworden. Es ist ein Reservoir, aus dem sie schöpfen, weil ihnen im Geborgenen Land die magischen Felder fehlen, aus denen sie ihre Kräfte aufstocken könnten.« Fieberhaft dachte er nach.
»Und wenn es anders herum läuft?«
Irritiert blickte er in das faltige Gesicht Ingrimmschs. »Wie meinst du das?«
»Vielleicht ist das Fröschi selbst magisch?« Er strich sich wehmütig über die Bartreste. »Es funktioniert wie mit diesem Draht, den die Eoil von der Quelle bis auf das Dach des Turmes hat legen lassen. Durch ihn hat sie die Energien nach oben gesogen und sich zu Nutze gemacht.«
»Ein umgedrehter Gewittermelker!«, entfuhr es Tungdil.
»Ein was«
»Ein Gewittermelker. In einem der Alchimie-Bücher stand, dass man bei gewissen Experimenten die Kraft der Gewitter benötigt. Kupfer und Eisen zieht Blitze an, schreibt der Verfasser.« Tungdil eilte zu dem Bücherregal und suchte hastig, sprang auf der Leiter auf und nieder, bis er das Werk fand. »Hier ist es!« Er schlug das Buch auf. »Man solle die Zutaten beim Nahen eines Unwetters in eine eiserne Wanne geben, diese auf einen Berg tragen und eine lange eiserne Lanze hineinstecken. Der Blitz fährt hinein und löst mit seiner Kraft die Wandlung aus.« Er klappte es schwungvoll zu. »Bei diesen Wesen ist es genau umgekehrt: Sie sind das Gewitter, und durch das Metall schießt die Energie hinaus!«
»Und da ist er wieder, der Gelehrte«, feixte Ingrimmsch.
»Ja.« Tungdil seufzte, seine Hochstimmung fiel in sich zusammen. »Es ist im Grunde alles bloß eine Annahme«, sagte er bedauernd. »Wir haben niemanden, der sich gut genug mit Magie auskennt und uns beraten könnte.« »Für mich klingt es einleuchtend«, tröstete ihn Boindil. »Schreib deine Vermutungen gleich an Mallen.« Tungdil zögerte. »Nein.«