»Weshalb?«
Er kehrte an seinen Platz am Feuer zurück. »Wer kennt diese Rezeptur, Ingrimmsch?«
»Von diesem besonderen Metall? Nun, Balyndis und Andökai.
Und die Eoil, schätze ich, aber dieses Wesen ist tot.« Boindil schaute Tungdil fragend an, weil er nicht wusste, worauf er abzielte.
»Ich frage mich, wie hoch die Möglichkeit ist, dass ein Volk aus dem Jenseitigen Land Magie beherrscht und die Formel für diese Legierung besitzt.«
Jetzt verstand Boindil. »Du denkst, diese Bestien stammen nicht aus dem Jenseitigen Land?« »Es gibt viele Möglichkeiten, das gebe ich zu«, nickte Tungdil. »Doch wo sind die Unauslöschlichen abgeblieben? Rodario und ich fanden auf dem Turm keine Spur von ihnen. Wohlgemerkt, nachdem der Stern der Prüfung erstrahlt war. Weder Rüstung noch Asche, wie bei den Albae oder Orks, die von der Energie vernichtet wurden.« Er lehnte sich zurück. »Balyndis hat einigen aus unserem Volk von der Zusammensetzung berichtet, ehe sie das Graue Gebirge verließ. Und die Dritten haben ihre Spione überall.«
»Du willst nicht andeuten, dass die Verbitterten unter den Dritten und die Unauslöschlichen sich verbündet haben?«
»Ich weiß es nicht.« Tungdil senkte den Kopf, massierte sich die Schläfen mit den Fingern. »Verdammt! Es liegt alles im Dunkeln, Ingrimmsch. Wir werden uns durch die Finsternis tasten müssen und ein Geheimnis nach dem anderen erhellen.«
Ingrimmsch stand auf. »Dann fangen wir morgen gleich damit an, wie wir es vorgehabt haben. Schauen wir nach Fröschi.« Er ging zur Tür. »Ich schicke Goda zum Tor, sie soll die erste Wache halten.«
»Hast du schon deine Balken geschleppt?«, erinnerte Tungdil ihn neckend an seinen Fehltritt. »Nein«, brummelte Boindil.
»Und du wirst natürlich mit gutem Beispiel vorangehen, richtig?«
Ingrimmsch wandte sich um und trat in den Gang hinaus. »Du bist ein schöner Freund«, sagte er gespielt beleidigt. »Verbündest dich mit meiner Schülerin. Ihr Dritten haltet eben doch zusammen.« Seine Schritte verhallten.
»Mh. Die Dritten halten zusammen«, wiederholte Tungdil grübelnd und schaute zu der halbvollen Flasche Met, die neben dem Schreibpult stand und ihn mit ihrem süßen, starken Inhalt lockte.
Aber der Alkohol reizte ihn nicht. Nicht in dieser Nacht. Da benötigte er einen klaren Verstand. Ein Zeichen auf dem Unterarmschoner des Wesens war Tungdil aufgefallen. Um sicher zu gehen, suchte er in dem Regal nach dem kleinen Büchlein, mit dem er sich früher lange Abende beschäftigt hatte, um nicht in der Nähe von Balyndis sein zu müssen, und blätterte es durch. Tatsächlich irrte er sich nicht. Es handelte sich um das elbische Wort haben.
Er klappte das Büchlein zu und stellte es zurück. Was bedeutet das nun wieder? Er musste Mallen und Ortger fragen, ob die anderen beiden Wesen ebenfalls elbische Runen auf ihren Rüstungen getragen hatten. Er stand auf und kehrte ins Schlafzimmer zurück. Gekleidet wie er war, legte er sich neben die ruhende Balyndis auf die Laken, stützte den Kopf auf die Hand und betrachtete ihr Gesicht; dabei erkundete er die Gefühle, die ihr Anblick in ihm auslöste.
So verharrte er bis zum Morgengrauen.
Als Goda klopfte, ihm von einem Boten berichtete und ihm ein Schreiben von Gandogar überreichte, haderte er immer noch mit sich und seinen Empfindungen. Die Nacht hatte ihm keine Weisheit gebracht.
Das Geborgene Land, Königinnenreich Weyurn, Mifurdania 6241. Sonnenzyklus, Frühsommer.
Das Curiosum hatte über Nacht sein Lager abgeschlagen. Die bunten Wagen hatten Mifurdania im Morgengrauen verlassen, ohne ein einziges Gastspiel zu geben, und befanden sich nun auf dem Weg nach Westen.
Ein buckliger Bettler in zerlumpter Kleidung und mit einem großen Schlapphut auf den fettigen schwarzen Haaren strich zwischen den Resten der Lagerfeuer und dem hinterlassenen Unrat umher und suchte nach etwas Essbarem.
Weil er nichts fand, was ihm zusagte, machte er sich auf in die Stadt und begab sich auf den Fischmarkt. Dort hockte er sich auf ein Fass, von dem aus er einen sehr guten Blick in den neu ange legten Hafen hatte, und reckte den Vorbeilaufenden immer wieder mal die Hand entgegen. »Bitte, gebt einem Verhungernden einen Münzling«, jammerte er mit fistelnder Stimme und hüstelte.
Niemand, der Rodario kannte, vermutete unter dem ganzen Dreck die vornehmen Züge des Mimen, der tief in seine Schminkschatulle gegriffen hatte, um sich ordentlich zu verunstalten. Das schloss eine hässliche Narbe auf der linken Wange und Flecken auf den Zähnen ebenso ein wie eine Rasur. Eine vollständige Rasur. Sogar sein geliebtes Kinnbärtchen hatte er für seine Mission gegeben. Das schmerzte tief.
Tassia und die anderen hatten gestaunt, als er sie mitten in der Nacht zusammengerufen und ihnen verkündet hatte, was er beabsichtigte: einen heiklen Auftrag zu erledigen, um den rätselhaften Vorkommnissen in Mifurdania auf den Grund zu gehen. Seiner blonden Muse hatte er die Leitung des Curiosum übertragen, da er nicht wusste, wie lange er benötigte, um die Geheimnisse um Furgas zu lüften. Tassia hatte die Beförderung mit einem hinreißenden Lächeln aufgenommen und es ihm in den folgenden Stunden schwer gemacht, sich von ihr zu trennen.
»Gebt mir doch etwas«, bettelte Rodario einen reichen Kaufmann an, der ihm vor die Füße spuckte und weiterging. »Nein, nicht das. Euer Rotz ist kein Geld wert. Gebt einen Münzling, Herr«, rief er hinterher und erntete einige Lacher.
Der Morgen verging. Die Sonne zog ihre Bahn hoch über den Köpfen der Menschen und senkte sich wieder dem Horizont entgegen.
Tapfer hielt Rodario auf seinem unbequemen Posten aus. Er erwehrte sich aufdringlicher Fliegen, spöttelnder Kinder und eines Händlers, der ihn von dem Fass verscheuchen wollte. Immerhin reichten seine bescheidenen Einnahmen aus, um sich am späten Mittag ein Stück Brot und roten Fuselwein zu kaufen. So ließ sich die Armut besser ertragen.
Das Warten ging weiter.
Die Dämmerung brach herein, und da entdeckte er den Kahn, auf dem er die Bogenschützin hatte stehen sehen. Dieses Mal ragten die Bordwände weit über die Wasserlinie hinaus. Demnach lief er die Stadt leer an. Rodario begab sich in den Hafen und legte sich gegenüber der Anlegestelle des Frachtbootes zwischen einen Stapel Taue. Er sah aus wie ein Bettler, der sein Nachtlager gefunden hatte. Niemand würde bei seinem Anblick Verdacht schöpfen.
Es dauerte bis zum Einbruch der Dunkelheit, bis die brünette Frau erschien, die einen schwarzen Mantel trug, der über ihrer Brust auseinander klaffte. Darunter sah Rodario ein dunkles Miederkleid sowie einen unterarmlangen Dolch an ihrem Gürtel. Sie kam ihm bekannt vor, ohne dass er genau wusste, woher.
Sie lief über das Deck, sprang elegant auf die Kaimauer, schob sich Daumen und Zeigefinger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff ertönen.
Das Tor der Halle, neben der Rodario lag, öffnete sich, Lichtschein fiel auf das unebene Pflaster, und ein Mann in einem robenähnlichen bräunlichen Gewand kam heraus. Auf dem Kopf saß ein Hut, die Kette um seinen Hals wies ihn als Angehörigen der Händlergilde aus. »Kea! Schon wieder zurück?« Er wollte zu ihr gehen, da bemerkte er den sich schlafend stellenden Rodario und blieb stehen. »He, Abschaum.«
Rodario rührte sich nicht und hoffte, dass man ihn in Ruhe ließ, aber schon bekam er die Stiefelspitze in die Seite. Stöhnend krümmte er sich zusammen.
»Hoch mit dir, Lumpensack! Schlaf deinen Rausch woanders aus.« Der Mann beugte sich über ihn, schlug ihm die Faust in den Nacken. »Hörst du nicht? Ich hole gleich mein Messer zur Hilfe und kitzle dich damit.« Dieser Drohung konnte Rodario nicht widerstehen. Er stemmte sich, versoffen meuternd, in die Höhe, schlurfte an der Fassade des Lagerhauses vorbei und bog in den schmalen Spalt zwischen diesem Gebäude und dem nächsten. Er musste sich sehr anstrengen, um überhaupt in die Lücke zu passen.