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»Ihr habt mich vertrieben, aber ihr seid mich nicht los«, murmelte er und nutzte die Ritzen in den Bretterwänden, um aufs Dach zu klettern. Er beabsichtigte, die Unterredung von oben zu belauschen.

Tatsächlich gelang es ihm, sich zu einer Luke hinaufzuarbeiten, diese zu öffnen und geräuschlos hineinzurutschen.

Er landete im Dunkeln auf etwas Weichem, das unter seinem Gewicht leicht nachgab. Zusammen mit dem Geruch und dem knirschenden Geräusch kam nur eines infrage: Kornsäcke. Die Baracke war bis unters Dach mit Kornsäcken voll gestapelt, als erwarte Mifurdania eine Hungersnot oder eine Belagerung.

Rodario kroch schlangengleich vorwärts und hielt zielstrebig auf den schmalen Lichtschimmer zu, der von unten durch eine Ritze fiel. Vorsichtig presste er seinen Kopf auf den Spalt, um zu hören und zu sehen, was unter ihm vorging. Er hatte den Beginn der Unterhaltung verpasst.

»Und wie teuer käme mich das, Deifrich?«, fragte die Frau mit dem Namen Kea, die an einem der senkrecht aufragenden Stützbalken lehnte.

Der Mann zeigte auf den leeren Teil der Halle, in der sich nichts außer ein paar losen Körnern und Dreck befanden. »Einhundert Säcke? Schau dich um, Kea. Es gibt derzeit kaum Getreide in der Stadt.« Sie lächelte falsch, und wieder hatte Rodario den Eindruck, sie zu kennen. »Weil du es gekauft hast, Deifrich. Um die Preise hochzutreiben.«

»Ich?«, widersprach er erstaunt; sogar für einen Laien wäre seine Übertreibung ersichtlich gewesen. Kea hob den Kopf, zog ihren Dolch und deutete mit der Spitze nach oben. »Angenommen, ich würde hinauf zum Speicher gehen, was fände ich dort?«

»Nicht viel«, log Deifrich grinsend und gab sich keine Mühe, sehr überzeugend zu wirken. »Sagen wir, zehn weyurnsche Goldmünzen. Für jeden Sack.«

Kea lachte gehässig. »Du mieser kleiner Halsabschneider«, sagte sie mit einem drohenden Unterton in der Stimme und hob ihren linken Zeigefinger. »Eine Goldmünze biete ich dir.«

Deifrich wischte sich mit dem Ärmel am Kinn entlang. »Nein, Kea. Ich weiß, dass du genügend Gold besitzt. Also bezahlst du es auch.« Er legte die Hand sicherheitshalber an den Griff seines Kurzschwertes, das auf seinem Rücken am Gürtel hing.

Anscheinend war die Bewegung ein verabredetes Zeichen. Rodario hörte mehrere Schritte, und dann traten zwei Männer rechts und links neben Deifrich. Sie trugen Lederrüstungen und Langschwerter, sahen wie Söldner oder zumindest ehemalige Soldaten aus. Kea beachtete sie nicht einmal.

»Also, von mir aus. Neun Münzen für einen Sack«, sagte Deifrich herablassend. »Bis zum Morgengrauen habe ich dir das Getreide besorgt.« Er hielt die ausgestreckte Hand hin. »Aber nur, wenn ich das Gold gleich bekomme. Und ich schweige über die anderen Dinge, die du bei mir kaufst.«

Kea senkte den Zeigefinger. »Du bist gierig geworden«, befand sie leise. »Du missbrauchst mein Vertrauen.« Deifrich zuckte mit den Achseln. »Ich bin Händler. Wo sich eine Gelegenheit bietet, nutze ich sie. Mir schenkt schließlich niemand etwas.«

»Das verstehe ich sehr gut. Von mir bekämst du auch nichts ohne Entgelt.« Sie langte behutsam, um die Söldner nicht zu einer vorschnellen Handlung zu verleiten, unter ihren Umhang und nahm einen Beutel hervor. Sie öffnete die Kordel, fuhr mit der Hand hinein und fischte eine Münze heraus, um sie an Deifrich weiterzugeben. »Eins von fünfzig Goldstücken. Mehr habe ich nicht dabei.«

Er nahm zuerst den Beutel, dann die Münze. »Also bekommst du nur fünf... ach, sagen wir sechs Säcke«, griente er und biss leicht auf das Metall, um die Echtheit zu prüfen. Ein leises Splittern war zu hören, Deifrich schrie erschrocken auf, spie aus und brach auf der Stelle zusammen. Er wälzte sich hin und her, schließlich lag er still.

Einer seiner Söldner beugte sich über ihn. »Da ist nichts mehr zu machen«, meinte er ruhig und schaute auf die nachgeahmte Münze. Sie besaß einen dünnen Kern aus Blei, darum herum lag eine zerbrechliche Lage aus Glas, ummantelt von Blattgold. Eine klare Flüssigkeit sickerte aus den Überresten. Auf den ersten Blick war die falsche Münze nicht von einer echten zu unterscheiden. »Was für ein Gift war es?«

Sie hob den Beutel mit dem Gold auf. »Das wüsstest du gern«, antwortete sie und zeigte mit dem Dolch auf den Söldner. »Das gleiche Mittel haftet an dieser Schneide. Zieht eurer Wege und bewahrt über das, was sich ereignet hat, Stillschweigen. Ihr habt euren Lohn von Deifrich bekommen und nichts dafür tun müssen. Seid froh.«

Die Männer sahen sich an. Rodario vermutete, dass sie versuchen würden, Kea zu überwältigen und sich das restliche Gold zu nehmen.

Die Kaltblütigkeit der Frau warnte sie vor unbedachten Taten. Zögernd und ihr keinesfalls den Rücken zukehrend, verließen sie die Halle.

Sie lachte leise, packte den Beutel weg und stieß wieder den lauten Pfiff aus. Bald darauf eilten fünf Männer zu ihr. »Geht nach oben und schaut nach, wie viel Korn der Bastard vor uns versteckt hat. Ladet die Säcke auf den Kahn, so schnell ihr könnt, und dann verschwinden wir aus Mifurdania.« Sie trat dem Leichnam gegen die Schulter. »Sucht was Schweres und bindet es ihm um den Leib, danach ab mit ihm ins Wasser.« Ihre Leute nickten und schwärmten aus, während Kea nach links aus Rodarios Sicht verschwand. Das Rumpeln von Stiefeln auf der Treppe verkündete die Ankunft von mindestens zwei der Männer im ersten Geschoss. Jetzt wurde es für Rodario unangenehm.

Er kroch seitlich tiefer zwischen die Säcke, als es unvermittelt um ihn herum knackte und ratterte. Eine Winde rotierte im Dunkeln über ihm, und der Boden unter ihm senkte sich rasch. Er hatte sich ohne es zu merken auf die Ladevorrichtung begeben und senkte sich mitsamt zehn Sack Korn nach unten.

Auch wenn er sich Mühe gab, zwischen den Säcken zu verschwinden, es gelang ihm nicht. Dafür erkannte er am anderen Ende des Gebäudes viele längliche Kisten. Vor einer stand Kea, hatte den Deckel geöffnet und betrachtete die aufgeklappten Eisenblöcke. Für Rodario sah es nach einer Unzahl von Gussformrohlingen aus. »He, aufgepasst! Da sitzt ein Bettler!«, rief einer der Männer am Seilzug von oben herab.

»Schon weg. Suche nur ein warmes Plätzchen.« Rodario hüstelte und kroch mehr als er lief auf den Ausgang zu. Er wollte seine Tarnung nicht aufgeben. Vielleicht benötigte er die Überraschung noch dringender. Kea schloss die Kiste und stellte sich ihm in aller Ruhe in den Weg, verbarg damit den Leichnam des toten Händlers. »Nicht so eilig, Alterchen«, sprach sie ihn an, ohne bedrohlich zu klingen.

Rodario verstand es als ein gutes Zeichen, dass sie ihren Dolch nicht zückte und sich niemand anschickte, ihn zu bedrängen. Seine Maskerade hatte den ersten Blicken standgehalten. »Oh, Herrin verzeiht mir. Ruft nicht die Wache«, bettelte er spuckend und sabberte, um sich abstoßender zu machen. Sie sollte sich nicht allzu lange mit ihm beschäftigen wollen. »Sie hassen mich.«

Sie musterte ihn. »Kennst du Deifrich?«

Rodario überlegte. »Nein«, entschied er sich. »Gehört er zur Wache?«

Einer von Keas Leuten stellte sich neben ihn und packte seinen Oberarm. »Kea, du weißt, was zu tun ist! Er hat uns gesehen.«

»Ich sehe viele Menschen in Mifurdania«, sagte Rodario mit der Fistelstimme eines rechthaberischen Greises und legte eine Hand auf den Arm des Mannes. »Das ist kein Verbrechen, junger Mann.«

»Nein.« Kea legte eine Hand an den Dolchgriff. »Dass du uns gesehen hast, Alterchen, ist tatsächlich kein Verbrechen. Aber Pech.« Sie zog blitzschnell und stach zu.

Rodario hatte mit der Attacke gerechnet, machte einen Schritt zur Seite und zerrte den von der Kraft des vermeintlichen Alten überrumpelten Mann wie einen Schild vor sich. Er bekam die Spitze in den Brustkorb; die Rippen hinderten den Dolch daran, bis zu den Organen vorzudringen. Das musste die Waffe auch nicht. Das Gift schickte den Mann zu Boden.