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»Da staunt Ihr, was?« Rodario schlug Kea wuchtig auf die Nase, aufschreiend stolperte sie rückwärts. Er rannte auf den nahen Ausgang zu, verfolgt von den Rufen der Männer und den Verwünschungen der Frau. Auch wenn er lange nicht mehr in Mifurdania gewesen war, kannte er sich einigermaßen aus. Er schüttelte seine beiden Verfolger im Gewirr des Frachthafens bald ab, kehrte jedoch in einem großen Bogen zu der Lagerhalle zurück, um die Geschehnisse nach seiner kühnen Flucht weiter zu verfolgen. Von der gegenüberliegenden Seite und aus dem Schutz eines dümpelnden Fischerbootes heraus schaute er zu.

Die Männer luden in Windeseile die Säcke auf den Kahn, sogar Kea half ihnen dabei. Offenbar benötigten sie das Getreide so dringend, dass sie es trotz des Vorfalls mit den Söldnern und dem Bettler nicht zurücklassen konnten.

Einhundert Sack Korn waren eine Menge. Damit ließe sich eine kleine Streitmacht versorgen, aber wo sollte die im von Wasser beherrschten Weyurn lagern? Und was bezweckte sie? Desertierte Soldaten, die sich als Seeräuber versuchen wollten und sich zuerst Proviant besorgten? Woher hatten sie so viel Gold? Und was hatte Furgas mit ihnen zu schaffen?

Fragen über Fragen, auf die ihm verständlicherweise keiner eine Antwort gab.

Als auch die Kisten mit den Gussformrohlingen an Bord des Kahns geschafft worden waren, legte er ab, ohne Positionsleuchten zu entzünden. Rodario beschloss, seine Verfolgung fortzusetzen. Das Element der Göttin Elria sollte ihn nicht abhalten.

Er fand ein kleines Segelruderboot am Kai vertäut, das er sich borgte. Er hüpfte hinein, und zu seiner Freude gehorchte es sogar seinen Bemühungen. Glücklicherweise bewegte sich der Lastkahn nicht sonderlich rasch, sodass er ohne große Anstrengung mithalten konnte.

Es ging weiter hinaus auf die riesige Wasserfläche des überfluteten Weyurn, deren Wellen im Schein der Nachtgestirne verwunschen glitzerten. Rodario hielt Abstand und versuchte, das Segel am kleinen Mast zu hissen. Es gelang ihm mit Mühe, aber bald konnte er seinen Kurs nicht mehr halten. Er war eben kein ausgebildeter Seemann.

Der Lastkahn verschwand hinter den Klippen einer Insel aus seiner Sicht, und es dauerte sehr lange, bis Rodario sein entliehenes Boot dazu brachte, den gleichen Kurs einzuschlagen.

Bevor er die Felsen umrundete, blubberte, zischte und platschte es, als sei eine glühende Sternschnuppe vom Himmel ins Wasser gestürzt. Der See geriet in heftige Bewegung, kleinere Wellen rollten gegen den Bug des Bootes und schwappten über den Rand.

Rodario umrundete die Klippen. Die Überraschung ließ nicht lange auf sich warten.

»Was, bei allen schlechten Mimen des Geborgenen Landes, ist denn das?« Rodario stand auf, die Arme in die Hüften gestützt, und starrte auf den See vor sich. Den leeren See.

Es gab nichts mehr zu betrachten oder zu verfolgen. Der Kahn war verschwunden, von einem Blinzeln auf das nächste.

»Wie kann das angehen, Palandiell?«, sagte er und versuchte, in dem schaukelnden Boot das Gleichgewicht zu halten. Das Licht des Mondes zeigte ihm, dass es nichts gab außer den Inseln, die über eine Meile von ihm entfernt zu seiner Linken lagen. »Sind sie für ihre abscheulichen Taten von den Mächten Elrias in die Tiefe gezogen worden?«

Eine neuerliche Bewegung lief durch die Wasseroberfläche. Eine gewaltige Woge rollte heran und türmte sich als gischtschäumende, schwarze Wand auf, die sich vor den Mond und die Sterne schob.

»Oh, gnädige Elria! Was habe ich dir denn getan?«, murmelte er schreckerstarrt und klammerte sich an den dünnen Mast, ehe sein Boot von den tonnenschweren Wassermassen erfasst und in die Tiefe gedrückt wurde.

Das Geborgene Land, Rotes Gebirge Im Reich der Ersten 6241. Sonnenzyklus, Frühsommer.

In diesen Zeiten, in denen die Kinder des Schmieds argwöhnischer als jemals zuvor ihre Wachdienste an den Zugängen des Geborgenen Landes verrichteten, war es für Wanderer und Kaufleute von außerhalb sehr schwer, eine der fünf Pforten zügig zu passieren. Falls sich überhaupt jemand blicken ließ. Nicht immer begehrte nur das Böse Einlass ins Geborgene Land.

Im Roten Gebirge war dies der Fall.

Die neun imposanten Türme und die beiden mächtigen, dicken Trutzmauern West-Eisenwarts wurden selbst für friedliche Besucher zu einem beinahe unüberwindbaren Hindernis. In den Abschnitten zwischen den fünf Wällen in der Schlucht, die zum Eingang Eisenwarts und damit ins Reich der Ersten führte, lagerten annähernd zweihundert Menschen. Sie warteten darauf, von den Zwergen eingelassen zu werden.

Es waren überwiegend Händler, aber auch Flüchtlinge aus den verwüsteten Gebieten, die sich nach fünf Zyklen noch immer nicht von der Vernichtung durch die selbst ernannten Avatare und ihr Heer erholt hatten. Königin Xamtys hatte den Wächtern Anweisung gegeben, die Gruppen nach zwei Umläufen jeweils um einen Abschnitt vorzulassen. In den insgesamt zehn Umläufen des Ausharrens beobachteten die Zwerge die Menschen, die Wagen und ihre Tiere genaues tens, ob sie ein ungewöhnliches Verhalten an den Tag legten. Nur wer sich benahm und den letzten Prüfungen vor dem Einlass in Eisenwart Stand hielt, durfte in die Hallen der Zwerge eingelassen werden und von dort über den Pass gelangen.

Die Ruhelosigkeit unter den Wächtern stieg. Gelegentlich nahm man den schwachen Duft von Orks wahr, dezent und verborgen, als liege eine kleine Rotte in weiter Entfernung auf der Lauer und warte auf eine günstige Gelegenheit zum Sturm. Vielleicht bespitzelten auch einige ihrer Aufklärer das Bollwerk.

Unter den Einlassbegehrenden, die bis vor das erste Tor der Festung gelangt waren, befand sich ein grobknochiger Händler, der aus seiner Ladung ein großes Geheimnis machte. Auf seinem langen, sperrigen Vierspänner standen viereckige Blöcke, so schien es zumindest, die mit Leder- und Stoffbahnen gegen Blicke und die Witterung geschützt wurden.

Rumpelnd näherte sich der Wagen dem Posten, und der Mann, von oben bis unten in helles Leder gekleidet, hielt seine Ochsen an. Er kam zu Bendelbar Glühisen aus dem Clan der Glühisens, dem Befehlshaber der Wächter, und verneigte sich. »Ich grüße euch. Mein Name ist Kartev, ich bin eigens aus Ajula hierher gereist, um euren König zu sprechen.«

»Weswegen sollte Königin Xamtys die Zweite das tun?«, erwiderte Bendelbar, ein kräftiger Zwerg mit langen blonden Haaren und einem ebenso farbigen, geflochtenen Bart, mit militärisch knapper Unfreundlichkeit und einer Spur Verwunderung. Ein größenwahnsinniger Kaufmann, das fehlte noch.

Kartev ging rückwärts, löste ein paar Schnüre, mit denen die Stoffstücke am Wagen befestigt waren, und lupfte die Abdeckung, hinter der Gitterstäbe zum Vorschein kamen, dann winkte er den Zwerg zu sich. »Sieh selbst.« Bendelbar näherte sich und schaute hinein. Darin hockten kleine Gestalten, die an den Füßen an den Boden angekettet und in einem jämmerlichen Zustand waren. Sie waren allesamt bartlos und glichen - abgesehen von dieser wunderlichen Eigenheit - den Zwergen des Geborgenen Landes wie aus dem Gesicht geschnitten. Der Wächter wusste sofort, um wen es sich dabei handelte. Die Nachricht aus dem Schwarzen Gebirge hatte sich schnell verbreitet: die Diamantendiebe! »Bei Vraccas!«

»Ich nenne sie Kindergreise«, sagte Kartev. »Ich dachte mir schon, dass dein Volk Interesse an ihnen hat. Sie sind gewiss mit euch verwandt, oder?«

»Und wieso hast du sie gefangen?«

»Ich habe sie nicht gefangen. Ich habe sie gekauft. Von einem Richter in Ajula, der sie wegen ihrer Raubzüge ergreifen ließ«, erklärte er eilig, damit man ihm keinen Vorwurf machte. »Sie waren sehr teuer«, fügte er rasch hinzu.

Bendelbar betrachtete die faltigen, nackten Gesichter, deren Anblick für ihn ungewöhnlich und neu war. Er entdeckte sogar zwei Frauen unter den Gefangenen, auf deren Wangen sich kein einziges Härchen entdecken ließ. »Lass mich raten: Sie waren auf der Jagd nach Diamanten?«