Nicht lange danach machte sich Kartev mit dem, was von seinem Vehikel übrig geblieben war, auf ins Jenseitige Land. Sie mar schienen lange, geschätzte drei Sonnenumläufe auf den breitesten Straßen des Zwergenreichs, vorbei an kleinen und großen Wundern aus Stein, Stahl und Eisen. Statuen, Brückenbauwerke und Wandbilder erfreuten das Herz des Zwerges.
Obwohl der Händler reich für seinen Besuch entlohnt worden war, schwieg er und benahm sich alles andere als glücklich über den einträglichen Ausgang seiner Reise. Fast kam es Bendelbar so vor, als trauerte der Mann um die getöteten Untergründigen. Er hatte kein Auge für die Schönheiten entlang des Weges.
Weil auch er nicht die geringste Lust empfand, sich zu unterhalten, gingen sie am vierten Sonnenumlauf schweigend durch die Tore Eisenwarts. Mehr als ein »Vraccas segne dich«, kam keinem von beiden über die Lippen.
Bendelbar blieb stehen und befahl, das äußere Tor zu schließen und dem Händler die Wallpforten zu öffnen, dann lief er zum Aufzug, begab sich auf den vordersten Wehrgang und verfolgte von dort aus den Ochsenwagen mit seinen Blicken.
Als er sich im Stillen gerade wunderte, warum Kartev nach der langen Wartezeit vor den Toren nicht mit seinem Gold ins Geborgene Land gereist war, um Güter einzukaufen und mit ihnen die Rückreise anzutreten, so tat der Mann etwas noch Seltsameres.
Als Kartev den letzten Wall hinter sich gelassen hatte, unterhielt er sich mit einem Neuankömmling, dessen Ziel West-Eisenwart war; er drückte ihm die Führleine des Leitochsen in die Hand und ging ohne sein Hab und Gut weiter.
»Vraccas, was ist mit diesem Menschen?«, wunderte Bendelbar sich und verließ seinen Aussichtspunkt. Er wollte der Sache auf den Grund gehen.
Er befahl ein Pony und fünf berittene Wächter zu sich, als ein Bote an ihm vorbei eilte und in die Unterkunft Gondagar Bitterfausts aus dem Clan der Bitterfausts stürmte, dem Befehlshaber West-Eisengards. »Wartet«, sagte Bendelbar zu seinen Begleitern, er ahnte, dass die Aufregung mit dem Händler zu tun hatte. Es dauerte gerade einmal so lange wie man benötigte, eine Axt zu ziehen, maßzunehmen und nach dem Gegner zu schleudern - sofern man eine zweite dabei hatte -, da erklang die dunkle, dröhnende Stimme des Warnhorns der Festung. Es wurde mit großen Blasebälgen aus der Unterkunft des Befehlshabers heraus betätigt und sandte seine Botschaft ohne Unterbrechung zu Wällen, die Bergeshänge hinauf und die Schlucht entlang.
Da flog die Tür wieder auf. Gondagar erschien, stülpte sich den Helm auf die schwarzen Locken und deutete auf den Zwerg neben Bendelbar. »Du, runter! Lass mich aufsitzen«, befahl er und schwang sich in den Sattel. »Los, haltet mir den Händler auf«, grollte er und gab dem Tier die Sporen, dass es sich aufbäumte und voller Schmerz davon galoppierte. »Er hat in dem Durcheinander den Diamanten gegen eine Nachbildung aus Glas ausgetauscht.«
Bendelbar wurde heiß und kalt. Seine Schuld wurde immer größer.
Die Zwerge jagten auf den Ponys die gewundene Schlucht entlang, und die Tore öffneten sich jeweils gerade rechtzeitig vor ihnen.
Jeder Hufschlag brachte sie tiefer ins Jenseitige Land. Sie folgten der breiten, abschüssigen Straße, doch so sehr sie ihre Pferde antrieben, es gelang ihnen nicht, den Händler einzuholen.
Hinter jeder Biegung meinten sie, auf den Mann zu treffen, aber sie wurden enttäuscht. Dabei gab es nichts, wo er sich hätte verstecken können. Die Wände ragten entweder steil vor ihnen auf oder fielen senkrecht ab, und der Stein war zu glatt, um Fingern Halt zu bieten.
Erst als die Sonne über dem Roten Gebirge sank und die Dämmerung sich wie ein dunkles Tuch über die Umgebung legte, hielten sie an.
Gondagar fluchte derb. »Wo ist dieser verdammte Mensch abgeblieben?«, rief er laut gegen die Wände der Berge, und das wütende Echo hallte weit. »Ist er mit Tion im Bunde, oder wie kann es angehen, dass wir ihn nicht einholen? Vraccas möge ihn mit seinem Hammer treffen!«
Bendelbars Pony schnaubte alarmiert und wich vor einem harmlosen Felsblock am Wegesrand zurück. Die übrigen Tiere blähten die Nüstern und stellten die Ohren auf, tänzelten auf der Stelle und wurden durch die harte Zügelführung ihrer Reiter am Ausbrechen gehindert.
Dann roch Bendelbar es auch: Orks. Der Geruch ihres Schwei ßes haftete der Abendluft an und verpestete sie. Er rutschte aus dem Sattel und nahm sein Beil zur Hand. Gondagar folgte seinem Beispiel. »Ich rieche sie, aber ich sehe sie nicht«, knurrte er. »Was ist das für eine Schweinerei?«
Bendelbar näherte sich dem Felsen, vor dem die Ponys ängstlich zurückwichen, und hielt die Waffe schlagbereit. »Vielleicht verbirgt sich unter dem Stein ein geheimer...«
Da verwandelte sich der Stein in Kartev. Der Mann warf sich augenblicklich gegen ihn, in seiner rechten Hand schwang er eine beinlange Keule und traf ihn gegen die verletzte Schulter.
Der Zusammenprall war hart, zu hart für die Kraft eines herkömmlichen Menschen, dem es eigentlich unmöglich war, eine solche Keule mit nur einer Hand zu führen. Andererseits war es einem Menschen unmöglich, die Gestalt eines Felsens anzunehmen. Etwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu.
Bendelbar stürzte zur Seite, prallte gegen das Pony und fiel unter die wirbelnden Hufe der erschrockenen Tiere. Bis er sich vor den Tritten in Sicherheit gebracht und mit zusammengebissenen Zähnen erhoben hatte, war der Kampf gegen Kartev bereits entschieden.
Jedoch anders, als Bendelbär vermutet hätte.
Seine Zwergenfreunde lagen stöhnend oder stumm auf dem Weg, der schwer atmende Mann stand siegreich über ihnen und schaute auf Bendelbar hinab. »Bleib, wo du bist. Ich habe, was ich wollte«, sagte er, und seine Stimme klang tiefer, gutturaler, mehr nach einem - Ork! »Ich will dir nichts tun.«
»Aber ich!«, rief Bendelbar, hob sein Beil und sprang vorwärts. »Vraccas, steh mir bei gegen die verwunschene Grünhaut!«
Sein Beil wurde pariert, der Keulengriff stieß gegen seine Wange und warf ihn zu Boden.
Der Zwerg fühlte sich wie von einem Pony getreten. Benommen und doch vom unbändigen Willen beherrscht, nicht gegen das Ungeheuer zu unterliegen, richtete er sich auf und reckte das Beil, um sich den Angreifer vom Leib zu halten. Verschwommen erkannte er die Umrisse eines Orks vor sich. »Du wirst nicht entkommen«, lallte er mit schwerer Zunge.
Der breite Schatten huschte an ihm vorbei, seine Klinge hackte ins Leere.
»Ich bin dir soeben entkommen«, rief das Wesen von weitem. »Kehre nach West-Eisenwart zurück und lass deine Wunden behandeln.« Das Trappeln von Hufen erklang.
Bendelbar schüttelte den Kopf und versuchte, seine Benommenheit auf diese Weise loszuwerden. Es nützte nichts, er musste warten, bis der Schwindel und der Schleier vor seinen Augen sich von selbst legten. Als er sich erhob, erwachte Gondagar aus seiner Ohnmacht. Die Keule hatte eine tiefe Delle in den Helm geschlagen, Blut sickerte durch die schwarzen Haare und den Bart das Kinn und den Hals hinab. »Was für ein schreckliches Land«, stöhnte er. »Man kann die Orks nicht mehr von den Menschen unterscheiden. Bis auf den Geruch.« Er schaute sich um. »Er hat uns ein Pony gestohlen.«
Nach und nach kamen die Zwerge auf die Beine. Prellungen, ein gebrochener Oberarm, schmerzhafte Platzwunden, aber es gab keine Toten zu beklagen. Darüber wunderte sich nicht nur Bendelbar. Der Ork hatte sie verschont. Das Ereignis würde bei der Versammlung der Stämme sicherlich für lange Unterredungen sorgen. Sie gaben auf und kehrten nach Eisenwart zurück. Auf halber Strecke kam ihnen Verstärkung aus dem Reich der Ersten zu Hilfe. Eine fünfzig Zwerginnen und Zwerge umfassende Reitertruppe ritt heran.
In aller Eile berichtete Gondagar von ihrem Zusammentreffen und den unerklärlichen Fertigkeiten des Gegners. »Hütet euch vor seiner Magie. Er kann sich anscheinend in alles Mögliche verwandeln. Aber er riecht immer noch wie ein Ork«, sagte er. »Achtet auf eure Nasen und euere Ponys. Sie sind weniger leicht zu überlisten wie euere Augen.«