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Der Anführer der Truppe nickte. »Und ihr gebt Acht, wenn ihr in der Festung seid, aus welchem Brunnen ihr trinkt. Es sind etliche von ihnen vergiftet worden. Die Gelehrten prüfen einen nach dem anderen.« »Was?« Bendelbar, der gerade nach seiner Trinkflasche griff, verharrte.

»Es wurden einhundert Tote im Süden des Roten Gebirges gefunden. Sie müssen bereits vor mehreren Umläufen gestorben sein. Ihre Münder, Augen, Nasen und Ohren standen voller Blut.

Der Clan der Harthammers ist vollständig ausgelöscht worden. Die Königin vermutet die Dritten hinter der Tat.« Er nickte ihnen grimmig zu. »Mehr erfahrt ihr in der Festung. Wir müssen weiter.« Die Truppe preschte davon und ließ die fünf Zwerge in einer Staubwolke zurück.

Noch mehr Tote aus seinem Volk. Doch wenigstens hatte Bendelbar die Gewissheit, dass der Anschlag nicht von den Untergründigen begangen worden war. Damit wäre seine Mitschuld an den Ereignissen ins Gipfelhöhe gestiegen.

VIII

Das Geborgene Land, Königreich Gauragar, Porista 6241. Sonnenzyklus, Frühsommer.

»Denkst du, dass die Elben uns wegen der Sache in Älandur Vorhaltungen machen werden, Gelehrter?« Ingrimmsch wurde, je näher sie Porista kamen, immer unruhiger. Die Stadt - und der zukünftige Verwaltungssitz von Gauragar - zeichnete sich am Horizont ab und versprach den Zwergen ein Wiedersehen mit alten Freunden und vermutlich neuen Feinden. Der Zwerg hatte seine Fingerabdrücke auf dem heiligen Stein der Elben ebenso wenig vergessen wie Tungdil.

»Wir lassen es erst gar nicht so weit kommen«, meinte dieser und kraulte Spitzohr, sein Pony. »Das Gute an dieser Versammlung ist, dass wir Liütasil selbst sagen können, was du angerichtet hast.« Er schaute zu Goda, die sie inzwischen eingeweiht hatten, was das kleine Missgeschick ihres Meisters anbelangte. Die junge Zwergin hielt sich aus dem Zwiegespräch heraus, verfolgte es aber mit stillem Vergnügen.

»Gut«, ergab sich Ingrimmsch in sein nahendes Schicksal. Es gelang ihm nicht, sich auszumalen, welche Auswirkung die Berührung des Steines haben könnte. »Er ist nicht gesprungen oder gerissen«, ging er die schlimmsten Möglichkeiten durch. »Er hat einfach einen Fleck bekommen. Das kann man bestimmt wegpolieren.« Er pochte gegen sein Kettenhemd. »Da würde es gehen. Ein wenig schmirgeln, etwas Öl, ein bisschen reiben, und schon glänzt so ein Hemd wie frisch geknüpft. Notfalls schicke einen unserer Steinmetze zu ihnen, der den Elben einmal zeigt, wie man einen beständigen Stein meißelt, an dem nicht jede gewaschene Hand einen Abdruck hinterlässt.«

»Deine Worte sprudeln hervor wie flüssiges Gold aus dem Schmelztiegel. Kann es sein, dass du dir vor Sorge gerade selbst Mut machst?«, grinste Tungdil.

»Ich? Ich und Sorge? Vor wem und was denn?«

»Vor Liütasil?«

»Pah! Ich habe keine Angst vor den Elben.« Der Krieger schmollte und trieb sein Pony an. Je früher er dem Elbenfürsten gegenüberstand und ihm alles beichtete - mit dem Beistand seines Freundes natürlich -, desto eher hatte er die Strafe hinter sich.

»Es klingt aber danach«, sagte Goda leise zu ihrem Pony.

Ingrimmsch blickte über seine Schulter nach hinten. »Goda, absteigen. Du läufst.«

»Was?« Sie klang empört.

»Nicht fragen, Schülerin. Und nimm das Gepäck auf deinen Rücken.« Rasch drehte er den Kopf nach vorn, damit sie sein Grinsen nicht sah. Wieder bereitete es ihm große Freude, sie zu gängeln.

Gehorsam, wenn auch widerwillig rutschte Goda aus dem Sattel, warf sich die Taschen über und stapfte neben dem Pony her. »Welchen Sinn hat das? Ich wollte eine Kampfausbildung von dir und nicht mein Leben als Trägerin verbringen.«

»Du... eine Kriegerin benötigt starke Schenkel für einen festen Stand«, antwortete er rasch. »Stell dir einfach vor, du marschierst und musst mit dem Angriff einer Schweineschnauze rechnen. Kennst du eigentlich den Witz, bei dem der Ork den Zwerg nach dem Weg fragt?«

Goda schnaubte. Tungdil lachte, weil er in dem Geräusch eindeutig eine Verwünschung vernommen hatte. Allerdings klang seine Heiterkeit nicht wirklich gelöst.

In Gedanken war er bei der verletzten Balyndis, die sie in Lot-Ionans Stollen hatten zurücklassen müssen. Zu seinem eigenen Befremden war er mit einem Zwiespalt in seinem Herzen aufgebrochen.

Auf der einen Seite sorgte er sich sehr um seine Gattin, auf der anderen Seite freute er sich, sie erneut hinter sich zu lassen. Er konnte sich seine Unzufriedenheit nicht erklären. Dabei hatte es in der ersten Nacht ganz nach einem Auftakt für ein glückliches gemeinsames Leben ausgesehen.

Doch da war es wieder erschienen, das Gefühl der Unzufriedenheit. Je länger er mit diesem Gedanken spielte und sich ein langes Leben mit Balyndis vorstellte, desto beängstigender empfand er es. Unverständlicherweise. Er mochte Balyndis noch immer.

Tungdil korrigierte seinen Sitz im Sattel und betrachtete die Stadtmauern Poristas, an denen der verschollene Furgas eine Meisterleistung abgeliefert hatte. Vermutlich war es genau das: Er mochte sie noch, ohne eine tiefere Zuneigung zu hegen. Wie Bruder und Schwester. Wie Kampfgefährten.

»... und da lachte der Zwerg und ging weiter«, hörte er Ingrimmsch den Schluss des Witzes erzählen. Goda fiel es schwer, nicht zu grinsen. Ihre Mundwinkel weigerten sich, starr zu verharren, und drängten mit Macht nach oben. Schon bildeten sich kleine Grübchen in ihren Wangen, die Vorboten eines lauten Gelächters, auch wenn sie sich fest vorgenommen hatte, ernst zu bleiben. Gute Laune und Wut passten nicht zusammen. Doch der Witz war einfach zu lustig.

So belohnte sie Boindils Bemühungen mit schallender Heiterkeit, in die Ingrimmsch und sogar Tungdil einstimmten. Es ging gar nicht anders.

Sie ritten in die Stadt ein und wurden, nachdem sie sich zu erkennen gegeben hatten, auf der Stelle zu dem riesigen Versammlungszelt geleitet. Darum herum waren mehrere kleine Zelte aufgebaut worden, die als abgeschiedenere Beratungsorte für zwei Parteien dienten.

»Wir gehen zuerst zu Gandogar und erzählen ihm, was geschehen ist, danach zu Liütasil«, schlug Tungdil seinem Freund vor und erntete ein Kopfnicken.

Godas Gesicht glänzte vom Schweiß, sie leerte ihre Trinkflasche in einem Zug und schaute sich nach einem Brunnen um, um sie zu füllen.

»Nicht nötig, Schülerin. Du wirst bald etwas bekommen«, meinte Ingrimmsch und grinste sie an. »Was machen deine Beine, Schülerin?«

Sie hob zuerst das linke, dann das rechte. »Sie sind beide noch da«, schnaufte sie und wischte sich das Wasser von der Stirn. Eine dunkelblonde Strähne klebte auf der feuchten Wange. »Und sie hätten nicht übel Lust, in einen Hintern zu treten, Meister.« Sie grinste. »Einen Orkhintern natürlich.«

Vielleicht lag es an Poristas Licht, vielleicht an der Umgebung oder an den funkelnden Augen der Zwergin, dass Ingrimmsch sie und ihren Anblick plötzlich leicht ertrug. Von einem Lidschlag auf den anderen hatte sich etwas an ihr verändert. Er wurde unsicher. »Schauen wir, was es gibt«, stotterte er und wandte den Blick rasch ab. Er ahnte, dass etwas geschehen war, was nicht sein durfte. Nicht bei ihr. Sie steuerten auf das Zelt zu, über dem die Standarte des Stammes der Vierten wehte, und wurden von den Wächtern umgehend gemeldet. Goda blieb vor dem Eingang und musste warten, bekam aber auf Tungdils Anweisung zu trinken gebracht.

Gandogar empfing sie, reichte ihnen beiden die Hand. »Die Ereignisse überrollen uns«, sagte er und musterte freudig den veränderten Tungdil, dem er die alte Tatkraft ansah. »Eben noch habe ich mit den Clanoberhäuptern über einen Feldzug ins Jenseitige Land reden wollen, da muss ich mitsamt der Versammlung nach Porista reisen, um die nächste, schlimmere Sache zu besprechen.« Sein Gesicht zeigte nach Tungdils Einschätzung deutlich mehr Falten als früher, die vielen Sorgen hinterließen Spuren in der Haut. »Wie war es bei den Elben?« Seine Augen blieben an den kurzen Haaren des Kriegers haften. »Ist das eine neue Mode?«