»Meister, ich bin müde...«
»Ja, ich weiß. Du bist gelaufen, mit Gepäck, in der Sonne«, winkte er unerbittlich ab. »Aber eine Kriegerin wie du muss damit rechnen, nach langem Marsch angegriffen zu werden. Deinen Feinden ist es gleichgültig, ob du ausgeruht bist oder nicht. Sie lauern immer.« Er schlüpfte mit einem Seufzen aus seinen Stiefeln und seinem Kettenhemd, öffnete die Ösen an seinem Lederwams und warf sich auf sein Bett. »Das ist deine nächste Lektion.«
»Vielen Dank. Meister.« Sie setzte sich auf den Stuhl neben der Tür, damit sie Fenster und Eingang gleichermaßen im Auge behielt.
Tungdil legte sich unter die Decke und dachte lange über die Unterredung dieses Abends nach. Tausend Dinge gingen ihm durch den Kopf, er suchte nach besseren Erklärungen als den einfachen, die Isika gegeben hatte. Die Untergründigen und ihre Orks besaßen einen Schlüssel zu den Vorkommnissen im Geborgenen Land, die neuen Bestien den zweiten. Damit ließen sich Geheimnisse lüften. Vermutlich brachten sie noch gefährlichere Herauforderungen für das Geborgene Land ans Licht.
»Wieso hat Tiwalün nichts gesagt?«, hörte er Boindil fragen.
»Wegen des Steins?« Tungdil drehte den Kopf zu seinem Freund, der in seinem Bett saß und anscheinend ebenfalls grübelte; dabei schaute er zu Goda. »Wäre es dir lieber gewesen, er hätte es getan?« »Wieso halte ich Wache, wenn keiner schläft?«, beschwerte sich Goda beleidigt.
»Keine Sorge, Goda. Wir sind gleich ruhig«, grinste Tungdil. »Und was dich angeht, Ingrimmsch, der neue Elbenfürst wird dich gewiss zu sich bestellen. Du wirst sehen.« Er drehte sich zur Wand und schloss die Augen. Und da, kurz vor dem Eindösen, fiel ihm eine Gemeinsamkeit zwischen den vernichteten Siedlungen auf. Doch bis zum nächsten Morgen hatte er es wieder vergessen.
Das Geborgene Land, Königinnenreich Weyurn, 6241. Sonnenzyklus, Frühsommer.
Rodario erwachte von einem eigentümlichen Geräusch und staunte nicht schlecht, als ihm klar wurde, dass er das Geräusch verursachte: Klickend und schneller, als Hasen rammelten, stießen seine Zähne aufeinander und hätten seine Zunge in Scheibchen geschnitten, wenn sie zwischen die Kiefer geraten wäre.
Er öffnete die Augen; zitternd wälzte er sich auf den Rücken und richtete sich auf. Um ihn herum herrschte dichter Nebel, und nach der Helligkeit zu urteilen, war die Sonne im Begriff, sich über den Horizont zu erheben. Er lag auf einem steinigen Strand. Die Wellen umspülten seine Beine und seine Hüften, zerrten und zogen sanft daran, als wollten sie ihn zurück in den See schwemmen.
»Elria, ich danke dir, dass du mich verschont hast. Du wolltest wohl keine Schauspieler in deinem Reich«, stotterte Rodario und stand auf, um den Strand entlang zu gehen und Menschen zu finden, die ihm halfen. Er nahm an, dass er sich auf einer der Inseln befand, die er in der Nacht in einiger Entfernung passiert hatte. Nach nicht allzu langem Laufen traf er auf eine einfache Fischerhütte, vor der mehrere Netze zum Trocknen aufgehängt waren.
»Seid Ihr schon wach?«, rief er abgehackt und klopfte gleichzeitig. »Ich bitte Euch, lasst mich an ein Feuer, bevor ich mir den Tod hole.«
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Zwei Paar Kinderaugen schauten ihn neugierig aus dem Dunkel der Hütte heraus an, dann ver schwand das kleinere der Mädchen schnell. Die größere Schwester, die er auf elf Zyklen schätzte, betrachtete ihn. Sie trug ein altes, abgewetztes Kleid mit zwei Schürzen darüber, ihr kurzes, braunes Haar klebte fettig an ihrem Kopf. »Wer bist du?«
»Ich bin Rodario. Mein Boot ist gekentert.« Er konnte das Zittern seiner Glieder nicht abstellen, er schüttelte sich wie Piltannlaub. »Bitte, lass mich ein und setz mich neben einen Kamin, damit meine Kleider trocknen können.«
»Vater ist auf Fangfahrt, und Mutter hat gesagt, dass ich niemanden reinlassen darf, wenn sie Kräuter sucht.« Sie betrachtete ihn. »Du bist kein Seeräuber. Du bist viel zu dünn.« Sie öffnete die Tür und ließ ihn ein. »Da drüben«, sagte sie und zeigte auf die offene Kochstelle im Mittelpunkt der Hütte. »Ich lege einige Blöcke nach, aber du wirst sie bezahlen müssen. Sie sind teuer.«
»Danke... Wie heißt du, meine Kleine?« Er ging an ihr vorbei und stakste zum Feuer, genoss die Wärme, die ihm entgegenschlug. Es roch nach Fisch, nach Qualm und Fett, das in einem großen Bottich am anderen Ende der Wand köchelte. Entweder stellten sie Seife oder Tran her. Dass sie es in dem Gestank aushielten, empfand er mit seiner empfindlichen Nase als ein Wunder.
»Flira.« Sie stellte ihre fünf Geschwister der Reihe nach vor, erklomm eine Leiter und warf einige Quader aus getrockneten und gepressten Algen nach unten. »Leg sie drauf«, sagte sie zu ihm. »Ein Stück kostet einen Münzling.«
Rodario tastete an seinem Gürtel, bis er den Beutel mit seinen restlichen Umlaufeinnahmen fand. Er band ihn los und warf ihn dem Mädchen zu. »Behalt es. Ihr könnt es dringender brauchen als ich.« Er schichtete die Blöcke in die Feuerstelle und freute sich über die Hitze.
Misstrauisch öffnete sie und zählte nach. »Das sind ja sieben Münzlinge«, staunte sie. »Danke sehr! Elria möge dich segnen!«
»Hat sie schon«, grinste er und reckte die Hände gegen die Flammen. »Ich habe diese verfluchte Riesenwelle überstanden. Nur mein Boot nicht.«
Eliras Augen wurden riesig. »Schon wieder eine? Wann war es?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ist schon länger her.« Dann verstand er, warum sie fragte: Sie hatte Angst um ihren Vater. »Entstehen diese Wellen häufiger?« Er zog sein Hemd aus und hängte es über eine Eisenstrebe, streckte seinen Hintern den Flammen entgegen und zog die nassen Hosenbeine nach rechts und links weg, damit sie die Wärme besser einfingen. Er wollte sie vor den Kindern nicht ausziehen. »Vater sagt, früher habe es sie nicht gegeben. Erst mit dem großen Beben und der Überflutung sei der See von Weyurn tückisch und bedrohlich wie ein Ungeheuer aus Tions Träumen geworden.« Flira setzte sich ihm gegenüber, schenkte ihm einen Becher mit heißem Tee ein. »Es gibt sie immer wieder, sie kommen wie aus dem Nichts. Sieben Fischerboote haben sie verschlungen, und das nur bei uns. Vater sagt, dass andere Inseln mehr Unglück hätten.«
Ihr Bruder, den sie mit Ormardin vorstellte, näherte sich ihnen. Das Leuchten in den Augen zeigte dem Mimen, dass ihn diese mysteriösen Aufbäumungen des Sees faszinierten. »Erzähl ihm von der Alb-Insel.« Flira gab ihm einen leichten Klaps an den Hinterkopf. »Wer hat dich denn zu uns Erwachsenen gerufen? Erzähl du es ihm doch.«
»Eine Alb-Insel? Ihr habt es geschafft, meine Neugier zu wecken«, lachte Rodario. »Ich bin ganz Ohr, Ormardin.« Er nippte an seinem Becher und wartete, was der Junge ihm für ein Märchen auftischte. Ormardin grinste und begann.
»Vor fünf Zyklen, kurz bevor der Stern der Prüfung aufging, strich eine Bande Albae durch das Geborgene Land, ausgesandt von den Unauslöschlichen, um eine neue, sichere Bleibe zu finden.
Sie kamen nach Weyurn und bereisten auf ihrem Schiff, das sie selbst aus den Gerippen und der Haut von getöteten Menschen und Elben angefertigt hatten, unsere Heimat.
Eiland für Eiland wurde von ihnen begutachtet, die festen Inseln ebenso wie die treibenden Inseln. Niemand bemerkte sie bei ihrem Tun, und die unglücklichen Fischer, die ihnen auf hoher See begegneten, wurden von ihnen getötet und gegessen.
Eines Nachts landeten die Albae auf einer wunderschönen Insel, die ihre Wissbegier weckte. Sie sahen, dass es darauf Berge mit vielen Höhlen gab, in denen sie sich vor ihren Feinden verbergen konnten. Sie schlachteten die Einwohner ab und nahmen das Land in Besitz, die Leichen zogen sie in die Höhlen, häuteten und entbeinten sie.
Sie wollten einen Bratspieß errichten, um die Menschen zuzubereiten, aber als einer von ihnen seine Lanze in den Boden rammte, durchstieß sie die Erde, und Wasser flutete die Höhlen.